Der Naphta des deutschen Schachs

Diemer

Emil Joseph Diemer gehört zu den, um es in den Worten von André Schulz zu formulieren, schillerndsten, aber auch umstrittensten Gestalten im Deutschen Schach. Von seinem Naturell an den berüchtigten und grobschlächtigen österreichischen antisemitischen Schachspieler Franz Gutmayer erinnernd, erlernte er das Schach mit 9 Jahren von einem Schulfreund im erzbischöflichen Gymnasialkonvikt in Rastatt.

Gymnasialkonvikt Rastatt

Von der streng christlichen Erziehung geprägt, sollte es, später als eine Art „Chefideologe“ im Deutschen Schach in der Nazizeit, seine charakteristische Handschrift sein, nationalsozialistische und transzendente Ideen miteinander zu vermengen. Dies war zu Zeiten des Nationalsozialismus nicht unbekannt. Etliche Nazigrößen, so z. B. Heinrich Himmler, den es auf der Suche nach dem Heiligen Gral der germanischen Wurzeln bis nach Tibet verschlug, waren esoterisch veranlagt und hatten zur eigenen „Rasse“ und Nation ein schwärmerisches Weltbild. Diemer trat 1931 der NSDAP bei, was zu seinem Bruch mit seinem katholisch-konservativen Vater führte; Diemer war kein Opportunist, sondern Überzeugungstäter.

Als Schachspieler konnte Emil-Joseph Diemer zwar nicht die ganz großen Erfolge erzielen, umso deutlicher waren seine ideologischen Versuche, die sich mit den Bestrebungen der neuen Machthaber deckten, das Schach als Erzieher des deutschen Volkes und Widerspiegelung seiner Überlegenheit neu auszurichten und einen germanischen Schachstil zu kreieren, der sich wohltuend von einem vermeintlichen von ihm abgelehnten jüdischen Schachstil abhebe. In dem Artikel Schach und deutsches Volkstum in der Deutschen Schachzeitung 3/1934 schrieb ein gewisser O. Emto, der paradigmatisch für diese nationalsozialistischen Bestrebungen steht:

Jetzt sind wir schon soweit, das Schach zum Charakter des deutschen Menschen in Beziehung zu setzen. Wir müssen feststellen, daß das Schach für die Deutschen wie geschaffen erscheint. Das deutsche Wesen in seiner Gründlichkeit, in seiner Besinnlichkeit, seiner ernsten Anlage zur Ehrlichkeit und Gewissenhaftigkeit, ebenso wie zur Ritterlichkeit entspricht durchaus dem Wesen des Schachs. […] Wir sehen aus diesen kurzen Umrissen, wie es vermittels des Schachs möglich ist, den deutschen Menschen denkfähig zu machen. Was bedeutet das gerade für den deutschen Charakter? Wir erreichen, daß jeder Deutsche, der das Schachspiel kennt und betreibt, auch fähig ist, andere Gedanken zu erfassen und durchzudenken durch das geistige Training, das ihm das Schach gegeben hat. […] Seine Stellung zu Staat, Volkstum und Gemeinschaft ist eine grundlegend andere, als die eines Menschen, der kein geistiges Training durch das Schach hat. Jetzt erkennen wir schon, welche Bedeutung das Schach gerade für das deutsche Volkstum hat.

Emil Joseph Diemer hatte in seinen Bestrebungen, den idealen germanischen Schachstil zu entwickeln, mit dem Blackmar-Diemer-Gambit eine Eröffnung mitgeschaffen und verfeinert, die sozusagen eine „nationalsozialistische Eröffnung“ gewesen war. In ihr zeige sich die von Diemer propagierte todesverachtende Abenteuerlust eines deutschen Kämpfers, zudem wurde mit der Devise „vom ersten Zug auf Matt“ gewissermaßen der spätere Blitzkrieg der Deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg antizipiert, auf den das Schach im Allgemeinen und das Blackmar-Diemer-Gambit im Besonderen vorbereiten sollten. Um das Problem einer zu großen Abstraktheit im Schach zu begegnen, das so abstrakt ist, daß sein ursächlicher Charakter eines Kriegsspiels nicht von allen Spielern erkannt wird, hatten die Nazis als Ergänzung dazu das später auch an der Front eingesetzte Wehrschach entwickelt, in dem mit modernen Waffengattungen wie Panzern und Flugzeugen gekämpft wurde.

Wehrschach

Als Überzeugungstäter schwörte Diemer im Gegensatz zu den meisten Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Untergang des „Tausendjährigen Reiches“ seiner Überzeugung nicht ab, sondern griff stattdessen den DSB-Präsidenten Alfred Brinckmann, aufgrund seiner Verwicklungen im NS-Schach ebenfalls nicht unumstritten, an, dem er Homosexualität und Veruntreuung zur Last legte. Diese Angriffe gegen Brinckmann, aber auch gegen andere Schachfunktionäre im DSB hatten 1953 ein in die Schachgeschichte als Diemer-Affäre eingegangene Erdbeben ausgelöst, der zum Rücktritt des gesamten DSB-Präsidiums, aber auch zu Diemers eigenen Ausschluß aus den Reihen des DSB geführt hatte. Später nahm die Esoterik einen immer breiteren Raum in Diemers Weltbild ein, die André Schulz wie folgt aufbröselte:

Diemer lebte als Asket, interessierte sich für Esoterik im Allgemeinen und die Numerologie im Besonderen, außerdem für Reinkarnationslehren, den Einfluss von Biorhythmen und die Vorhersagen des Nostradamus. Später war er Anhänger der „Energlut-Gehirn-Direktnahrung“.

1964 wurde Diemer in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, später lebte er in einem Alters- und Kreispflegeheim. Die psychiatrische Diagnose lautete übrigens Prophetenwahn bei alter paranoid-halluzinatorischer Psychose. Zudem hielt er sich seit einer Art Turmerlebnis für die Inkarnation des Erzengels Gabriel.

Von solchen Personen, die nach den modernen Umwälzungen im Zuge der Säkularisierung nach wie vor periodenhaft auftreten, geht eine düstere geistige Kraft aus, da sie uns, ohne daß wir sie dafür mögen müssen, die gegebene Krisenhaftigkeit unserer fragilen Welt mit dem Verweis auf kommendes Unglück zeigen. So war es auch bei Naphta in seinen Streitgesprächen mit dem Aufklärer Settembrini in Thomas Manns Zauberberg, der, wie deren Schüler Hans Castorp, um dessen Seele beide Männer des Geistes rangen, einmal desillusioniert bekannte, daß Settembrini ihm lieber sei als „der kleine, scharfe Jesuit, der aber fast immer Recht“ habe. Naphta verwies dabei kurz vor 1914 auf die folgenden Katastrophen zwischen 1914 und 1945, die in der Summe mit den Verwerfungen des historischen Dreißigjährigen Krieges vergleichbar waren. Sieben Jahre vor Diemers Tod, im Jahre 1983, hat sich mit Werner Nicolai ein vielseitig interessierter Schachfreund zu Diemer aufgemacht, um mehr über ihn zu erfahren. Seine Schlußfolgerungen sind verblüffend und wurden in der Europa Rochade abgedruckt:
http://www.belkaplan.de/chess/bdg/diemer/nicolai_bericht.html

Prophet