Die Dämonen des Akiba Rubinsteins

Der Schrei

Es geschah im Frühjahr 1911 in einem Eisenbahnzug irgendwo auf den Strecken von San Sebastian bis München. Zwei Schachmeister begegneten sich, Akiba Rubinstein, der vom Turnier in San Sebastian als Zweitplazierter nicht direkt nach Hause fuhr, sondern vorher in München noch etwas zu erledigen hatte, und Jacques Mieses, der zufällig zugestiegen war. Dort erzählte Rubinstein seinem Kollegen, was er in München wollte. Eine Fliege habe sich auf seinen Kopf gesetzt und belästige ihn dauernd, dies beeinträchtige ihn permanent, auch beim Schach spielen. Außerdem könne er nicht durch Schlaf zur Ruhe kommen, weil Nachts an seinen Wänden und Türen geklopft werde. In München gebe es aber einen berühmten Arzt, von dem er sich Hilfe erwarte.

Ich persönlich kann mir nicht vorstellen, daß es für einen Menschen – neben der Blindheit – etwas schlimmeres geben kann, als daß sich der eigene Kopf – und das rund um die Uhr – gegen einen selbst wendet und dem Betroffenen keine Ruhe läßt. Der eigene Kopf war für Rubinstein fortan nicht mehr Lenker, Gestalter und Fühler seiner Person, sondern sein erbittertster Feind. Tatsächlich erwies sich diese Szene für Rubinstein als bitterböses Omen. Im Prinzip war er von diesem Moment an verloren.

Akiba Rubinstein wurde am 1. Dezember 1880 in dem Städtchen Stawiski geboren, das damals zum russisch besetzten Kongreßpolen gehörte. Der blutig niedergeschlagene Januaraufstand von 1863 verschärfte schließlich die Härte des russischen Besatzungsregimes und führte zu einer forcierten Russifizierungspolitik mit dem Verlust jedweder polnischen Autonomie. Das Schicksal wollte es, daß der in einem jüdischen Ghetto aufgewachsene Akiba zusammen mit einer Schwester als einziges Kind überlebte. Außer seiner Schwester und ihm starben die anderen zwölf Geschwister eines frühen Todes. Rubinsteins frühe Biographie weist Paralellen zu Wilhelm Steinitz auf, der ebenfalls inmitten einer kinderreichen Familie in einem jüdischen Ghetto aufgewachsen war und sich ebenfalls als einer der wenigen ins Erwachsenenalter retten konnte, und wie bei Wilhelm Steinitz sollte das Schachspiel das Mittel sein, sich gegen sein bitteres Los zu erheben. Wie ein Besessener widmete sich Rubinstein in seiner Kindheit und Jugend dem Schachspiel, während um ihn herum gestorben wurde. Sein Spiel war von einer einzigartigen strategischen Klarheit, und sein Positionsspiel führte er mit eiserner Entschlossenheit, er fand die Kombinationen, die aus seinem Spiel resultierten. 1905 siegte er zum ersten Mal bei einem internationalen Schachturnier. Er gewann das Turnier in Barmen zusammen mit Oldrich Duras, 1907 folgte der gemeinsame Turniersieg in Ostende mit Bernstein, wobei er das Jahr 1907 mit seinem alleinigen Sieg in Karlsbad krönen konnte. Akiba Rubinstein schien nicht mehr aufzuhalten zu sein, denn es folgten Turniersieg um Turniersieg und Sieg um Sieg auch in Zweikämpfen. Vor dem Ersten Weltkrieg, der übrigens einen verabredeten Weltmeisterschaftskampf gegen Lasker verhinderte, galt er als Anwärter Nummer eins auf die Schachkrone.

Bogoljubov - Rubinstein

Doch die Dämonen, die in dem Eisenbahnzug 1911 zum ersten Mal sichtbar wurden, konnte Rubinstein nicht mehr abschütteln. Im Gegenteil, der große polnische Meister wurde Zug um Zug von innen heraus zerstört, ohne daß er etwas dagegen tun konnte. Dieser Zerstörung so ausgeliefert zu sein, erinnert stark an den Zerfall von Demenzkranken, war allerdings von größerem physischen Leidensdruck, weil Demenzkranke unter ihrer innerlichen Zersetzung „nur“ psychisch leiden, während er rund um die Uhr seinen eigenen Dämomen einen nervenzerfetzen Kampf liefern mußte, der von vornherein für ihn verloren war. Unter diesen Umständen kann es nicht verwundern, daß der Weltmeisterthron für Rubinstein nun unerreichbar war, der zwar seine Schachkarriere bis 1931 fortführte, aber mit stetig sinkenden Leistungen. Viele Anekdoten sind zu seinem Verhalten nach 1911 überliefert worden: Rubinstein, der entweder an Schizophrenie und/oder an einer Zwangsstörung litt (wobei ein mittelgradiges Störungsbild bei letzterem schon ausreichen kann, eine Wand zu verspeisen), setzte sich in Turnieren, während er spielte, in die Ecke und führte Selbstgespräche; er mied Berührungen mit Menschen wie der Teufel das Weihwasser, weil er eine ihn schädigende Bazillenübertragung befürchtete; und er riß sich in der Öffentlichkeit das Hemd vom Körper, klopfte sich an die Brust und brüllte, er sei der stärkste Schachmeister aller Zeiten. 1931 führte ihn seine furchtbare Krankheit endgültig in die Invalidität. Als die Nazis ihn nach der Besetzung Belgiens holen wollte, wo Rubinstein bereits in einer Nervenheilanstalt verwahrlost vor sich hin vegetierte, mußte sein Anblick auch seine Häscher erschreckt haben. Der Schachhistoriker Edward Winter führt aus:

The rest of the story is sadder. He had settled in Belgium and, after 1932, talked to no-one but his immediate family. When his wife died, conversation grew even more sparse. He stopped bathing and let his hair and beard grow without shaving or clipping. The Nazis came in 1940 and asked this wild-haired Jew if he was willing to work for the Third Reich. He said yes, and this frightened them. Even an SS ape was still able to feel awe and fear in the presence of a man divinely or hellishly mad. For 30 years he lived in a silent and unwashed purgatory until his death in 1961.

Es ist leider oft so, daß diejenigen, die leben wollen, sterben, und diejenigen, die sterben wollen, der Tod, um sich eine weitere Bosheit zu gönnen, so lange vergißt. Als in „Das Parfüm“ von Patrick Süskind der Reihe nach alle Menschen starben, die mit dem Serienmörder Jean Baptiste Grenouille zu tun hatten, war dies bei Madama Gaillard, die ihn als Betreiberin eines Waisenhauses im vorrevolutionären Frankreich mehr schlecht als recht aufgezogen hatte, nicht der Fall. Durch einen Schlag mit dem Schürhaken auf die Nasenwurzel als Kind ihres Geruchssinnes beraubt und fortan bar jeder emotionalen Regung, wurde sie 93 Jahre alt, ohne jemals das Leben auch nur ansatzweise genossen haben zu können. Als Akiba Rubinstein am 15. März 1961 in Antwerpen mit 80 Jahren starb, dürfte der Tod auch für ihn eine Erlösung gewesen sein. Seinen Dämonen im Kopf hatte er ohnehin nichts mehr entgegenzusetzen.

Der Tod