Der Türke in Wien

Schachtürke

Kaiserin Maria Theresia von Österreich galt als die große Gegenspielerin Friedrichs II., die es allerdings nicht vermocht hatte, in dem Dauerringen um Schlesien die preußische Annexion zu verhindern und später rückgängig zu machen. Trotzdem gehört sie zu den bedeutendsten Herrscherpersönlichkeiten Österreichs, da sie, ebenfalls wie Friedrich II. eine Verfechterin des aufgeklärten Absolutismus, im Zuge der Auseinandersetzung mit Preußen tiefgreifende Reformen im Staat einleitete, die zugunsten einer funktionsfähigen Zentralgewalt die Macht von Adel und Klerus zurückdrängte und weitere Reformen im Bildungs-, Wirtschafts-, Justiz- und Militärbereich durchsetzte. Sie hatte wie ihr preußischer Gegenspieler 1740 ihre Regentschaft angetreten und prägte zusammen mit ihm eine lange Epoche von der Blütezeit des Absolutismus bis zu dem Beginn revolutionärer Umwälzungen in Amerika und Europa. Erst 1780 endete ihre Herrschaft über Österreich durch ihren Tod, ihr preußischer Gegenspieler überlebte sie sogar um sechs Jahre.

Maria Theresia

Dieser Maria Theresia machte 1769 ihr Hofrat Wolfgang von Kempelen ein attraktives Angebot. Kempelen sollte die Vorführung des Zauberkünstlers Pelletiers begutachten und war von dessen Tricks wenig begeistert. Er versprach der Kaiserin, binnen eines halben Jahres eine Apparatur zu schaffen, welche die ganze Vorführung des Zauberers in den Schatten stellen sollte. Zusätzlich kam Kempelen seiner Kaiserin damit entgegen, daß diese beklagt hatte, daß immer nur Ausländer große Erfindungen machen würden.

Die Geschichte rund um den Schachautomaten, der in Gestalt eines Türken das Licht der Welt erblickte, ist schon mehrfach erzählt worden. Vermutlich ließ Kempelen ihn als Türken erscheinen, um das Besondere und Exotische dieser Erscheinung herauszustreichen, und evtl. wählte er auch ein Schockelement, da die Türken, die noch 1683 ein zweites Mal vor den Toren Wiens gestanden hatten, im Denken seiner Zeitgenossen immer noch als Bedrohung erschienen. In dem Artikel soll es vor allem um die Frage gehen, wie die Zeitgenossen den Schachautomaten wahrnahmen und warum sie so lange daran glaubten, die Maschine besäße in der Tat ein Eigenleben, das in der Realität erst ab den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts zum Schach spielen genutzt werden konnte. Hätte Kempelens Apparat dies tatsächlich gekonnt, wären wir 1769 gut 170 Jahre der Zeit voraus gewesen.

Daß die Menschen mehrheitlich dazu neigten, Kempelen zu glauben, er habe eine Maschine erschaffen, die aus sich selbst heraus Schach spielen könnte, hatte vor allem zwei Gründe. Zum einen ging Kempelen bei der Konstruktion der Maschine sehr raffiniert vor. Tatsächlich hatte sich zwar ein körperlich kleiner Schachmeister während den Vorführungen in die Maschine gezwängt. Aber, um diese Vermutung aus der Welt zu schaffen, ließ Kempelen bei den Vorführungen die Menschen in den Automaten schauen, die dann tatsächlich nichts verdächtiges vorfanden. In einem Focus-Artikel von 2004 beschreibt Bernhard Fromme, der den Automaten originalgetreu rekonstruiert hatte, und der seitdem im Heinz Nixdorfs Museumsforum in Paderborn, dem „größten Computermuseum der Welt“, zu bewundern ist, wie Kempelen dies gelang:

„Dank einer beweglichen Trennwand rutschte der Steuermann der Maschine zwischen linker und rechter Kammer des Unterbaus hin und her und verbarg sich beim Öffnen vor den Blicken der Zuschauer. Das wäre nicht weiter spektakulär: „Darüber hinaus hat von Kempelen ein technisches Meisterwerk entworfen“, sagt Fromme.

„Im Inneren gibt es ein ausklappbares zweites Schachbrett“, erläutert er. Mit Hilfe ausgeklügelter Mechanik überträgt ein so genannter Pantograph per Hebelmechanik jeden Zug, den der Bediener der Maschine auf dem kleinen versteckten Brett macht, nach oben. Was sich über seinem Kopf tut, sieht er dank magnetischer Stifte unter dem offiziellen Spielfeld. Die Figuren sind mit Magneten versehen. Wie eine Marionette folgt die exotische Puppe jeder Bewegung.

Auch die rechte Inszenierung gehörte zum Erfolgsrezept des Apparats, sagt Stolte. Mit Finten und Täuschungsmanövern sei das Publikum von Schwächen der Illusion abgelenkt wurden. Links und rechts wurden Kandelaber aufgestellt. In dem schummrigen Licht der damaligen Zeit fiel beim Spektakel auch nicht auf, dass im Kopf der Puppe ein Kamin war, der den Rauch der Öllampe des versteckten Spielers im Inneren ableitete.“

Die Kreativität Kempelens wird auch in der Anekdote deutlich, wie Napoleon, der sich während der Eroberung Europas in Schönbrunn die Zerstreuung gönnte, den Schachtürken zu einem Spiel herauszufordern, den Automaten provozieren wollte und bewußt illegale Züge machte. Der Türke habe die Figuren erst wieder richtig aufgestellt und schließlich die Figuren vom Brett gefegt. Napoleon, der schließlich in einer für die Nachwelt festgehaltenen Partie dem Automaten unterlag, habe die Reaktion gefallen (siehe Focus-Artikel).

Ein zweiter Grund lag in dem allgemeinen Fortschrittsglauben, der in dieser Zeit ihren Anfang nahm. Die Aufklärung hatte auch wissenschaftlich gewaltige Energien freigesetzt und den Forschergeist der Menschen angeregt, so daß nichts mehr unmöglich schien. Die Erfindung des Blitzableiters, des Schiffschronometers, des Sextanten, der Anatomie, der Spinnmaschine, des Magneten und erster Modelle der Dampfmaschine waren in dieser Zeit ganz frische Errungenschaften. Die Entwicklung von Automaten hingegen besaß zwar eine gewisse Tradition. So beschreibt der Kunsthistoriker Ernst Wenzel Mrazek ein 1352 erschaffenes Uhrwerk im Straßburger Münster, das als frühes Exemplar bereits über verschiedene Fertigkeiten verfügte:

„Das berühmteste Uhrwerk mit Automaten wurde 1352 im Straßburger Münster errichtet. Neben einem Astrolabium und einem ewigen Kalender, beide durch das Uhrwerk betrieben, besaß die Uhr auch das bewegte Figurenwerk Maria mit dem Kind, vor welchem die Heiligen Drei Könige vorbeizogen. Gott selbst kam auf einer Wolke mit Orgelmusikbegleitung und Glockenspiel vom Himmel herab, und ein Hahn konnte in Angedenken an Verrat und Treue Petri krähen und mit den Flügeln schlagen. [Vgl. Ernst Strouhal, ebda., S. 449]“

Aber gerade gegen Mitte des 18. Jahrhunderts war die Nutzbarmachung von Apparaten bereits allgegenwärtig. So wurden bereits Prothesen eingesetzt, Automaten in Manufakturen gefertigt und sprechende Automaten hergestellt. Das Automatenfieber hatte in Europa zahlreiche Erfinder und Künstler inspiriert, die Öffentlichkeit zu beeindrucken. So verblüffte der Franzose Jacques de Vaucanson die Öffentlichkeit mit einem Flötenspieler, der später auch noch Tambourin spielen sollte, und einer mechanischen Ente. Der berühmte Aufklärer und Philosoph Voltaire, zusammen mit seinem Freund Friedrich II. Mitglied der Freimaurer, hatte die Leistung seines Landmanns besungen: “Der kühne Vaucanson, Gegner von Prometheus, schien, die Natur nachahmend, das Feuer des Himmels zu nehmen, um die Körper zu beleben“

Vaucansons Trommler

Unter diesem Eindruck sollte die Leichtgläubigkeit von Kempelens Landsleuten milder aufgefaßt werden. So stand es 1780 in der Brünner Zeitung: „Die Maschine wirkt gänzlich durch sich selbst, so daß sie nicht den mindesten Einfluß erhält. Niemand steckt darin verborgen, aber eine Menge kleiner Rollen, worüber Saiten gespannt waren, verwirrten meinen Begriff, und es kam mir vor, als wenns eine Reihe von Vernunftschlüssen wären, deren letzteres Resultat darinn besteht, daß die Partie gewonnen ist.“ Der Naturwissenschaftler Johann Philipp Ostertag sah gleich „übernatürliche Kräfte“ im Automaten walten, während die Mathematiker Johann Jacob Hindenburg und Carl Friedrich Ebert „elektrische und magnetische Ströme“ als Ursache für Denkleistung und Bewegung des Automaten ausmachten (ebd.). Bekannt ist auch die Auseinandersetzung von Edgar Allan Poe mit dem Automaten, der sich seinen Wirkungsmechanismus folgendermaßen vorstellte: „Ist das Prinzip erst einmal entdeckt, nach welchem man eine Maschine dazu bringen kann, Schach zu spielen, so bedarf´s blos einer Erweiterung solchen Principes, sie das Spiel auch gewinnen, und einer neuerlichen Erweiterung, sie jedes Spiel gewinnen zu lassen, will sagen, sie in den Stand zu setzen, jedweden Gegen-Spieler zu schlagen“.

Und da selbst skeptische Geister wie Robert Willis, der die Unmöglichkeit eines selbst spielenden Automaten mit den Möglichkeiten in der damaligen Zeit logisch herleitete (vgl.:“Die Maschine kann ohne menschliche Mitwirkung gar nicht funktionieren, denn, einerlei wie erstaunlich die Leistung der zeitgenössischen Automatenbauer sein mögen, beim Schach tritt eine neue Dimension hinzu, eine, die prinzipiell von keiner vorstellbaren Mechanik der Welt zu bewältigen ist. Die Anzahl der nicht vorhersehbaren Situationen, die beim Schachspiel entstehen können, ist dermaßen groß, daß sie bei weitem die Leistungsgrenze einer bloßen Maschine übersteigt. Dieses zu bewältigen ist allein dem menschlichen Geist vorbehalten, und eine Maschine kann unmöglich beanspruchen, dessen Fähigkeiten auf bloß mechanischem Wege nachvollziehen zu können [ebd.])“, dem Phänomen zwar keinen Glauben schenkten, aber auch nicht die ursächliche Wirkung des Automaten herausfinden konnten, blieb der Schachautomat lange Zeit ein Mysterium und konnte über Jahrzehnte seine Faszination auf die Menschen ausüben. Fast immer erwies er sich seinen Gegnern als überlegen und galt vielen als unbesiegbar, nur Philidor war stark genug, diese Prüfung zu bestehen.

Als der Schachtürke 1854 in einem Museumsbrand verendete, hatte er, was die Außenwirksamkeit angeht, seinen Zenit schon lange überschritten. Die frühe technisch-industrielle Revolution überführte die Automaten aus der Jahrmarktecke in einen Bereich, wo sie der Wirtschaft nützlich waren, was schließlich sogenannte Maschinenstürmer auf den Plan rief, die Maschinen in den Fabriken zu zerstören, da sie diese als Objekte ansahen, die ihnen nicht die Arbeit erleichtern, sondern nehmen würden. Mit den Begriffen „zu türken“ und „getürkt“ fand der Schachtürke Eingang in die deutsche Sprache. Der Begriff läßt darauf schließen, daß auch dieses Geheimnis irgendwann gelüftet werden konnte.