Curacao 1962 – der zweite Anlauf des Robert Fischers

Curacao

Auch wenn Robert Fischer seine legendären Erfolge erst im reiferen Alter erzielte, so galt er schon als Teenager, genauer als 13jähriger durch seine Jahrhundertpartie gegen Donald Byrne 1956, als Hoffnungsträger der USA. Sechs Jahre später trat der nun 19jährige beim Kandidatenturnier in Curacao an, um die sowjetische Vorherrschaft im Schach zu brechen. Seit 1948 saß ein sowjetischer Schachspieler auf dem Thron, und seit 1951 standen ausschließlich sowjetische Spieler in den WM-Finalkämpfen. Für Fischer war dies bereits sein 2. WM-Kandidatenturnier. Drei Jahre zuvor erzielte er in Jugoslawien als 16jähriger immerhin 12,5 Punkte aus 28 Partien, und er landete bei acht Spielern auf dem geteilten 5. Rang. Das Kandidatenturnier gewann Michail Tal, der durch seinen darauffolgenden Sieg gegen Michail Botwinnik trotz seiner sowjetischen Staatszugehörigkeit aus anderen Gründen bereits für eine gewisse schachliche Aufbruchsstimmung sorgen konnte. Nach seinem überraschenden Unterliegen im WM-Rematch ein Jahr später stand nun wieder Botwinnik an der Spitze, und nun waren die Augen auf den US-Amerikaner gerichtet, daß er die Arbeit von Tal fortsetzt und ebenfalls mit dem unbeliebten Botwinnik fertig wird. Es ist kein Zufall, daß Michail Tal vielleicht der einzige sowjetische Spitzenspieler gewesen ist, dem ein Fischer vertraute und sogar freundschaftliche Gefühle entwickelte.

Im Zeichen von Kaltem Krieg und Kubakrise ist der Turnierort zumindest interessant, denn Curacao, damals den Niederländischen Antillen zugehörig, lag als eine der zahlreichen Kleininseln des ostkaribischen Archipels nicht weit vom Krisenherd entfernt, an dem immerhin ein Weltuntergang durch atomaren Overkill drohte. Fischer begann mit einem schwachen Start, weil er sofort Pal Benkö und Efim Geller unterlag. Am Ende sollte er sich mit 14/28 nur unwesentlich im Vergleich zu Jugoslawien vor drei Jahren verbessert haben und damit weit weniger, wie es die Relation der gewachsenen Spielstärke in diesem Alter vermuten läßt, das für Explosionen im Spielstärkebereich prädestiniert scheint. Bekannt ist das Turnier natürlich durch die heftigen Vorwürfe Fischers an die Adresse Gellers, Petrosjans und Keres, sich schon vor dem Turnier auf Remisen geeinigt zu haben, um untereinander die Kräfte zu schonen und somit gestärkt die Konkurrenz attackieren zu können. Das Nachrichtenmagazin Spiegel hatte die deutsche Öffentlichkeit mit den Vorwürfen Fischers bekannt gemacht.

In der Tat hatten sich im Turnierverlauf besagte drei Spieler auffällig früh auf ein Remis geeinigt. Keres und Geller schlossen nach 22 bzw. 27 Zügen Frieden, Petrosjan und Keres nach 17 bzw. 22 Zügen und Petrosjan und Geller nach 16 bzw. 21 Zügen. Die FIDE sah sich zu drastischen Regeländerungen gezwungen, um ähnliche Absprachen in Zukunft zu vermeiden. Auf dem FIDE-Kongreß in Saltsjobaden, kurz nach dem Turnier, wurde eine Art Lex Sowjetunion beschlossen, in der das Rundenformat des Kandidatenturniers abgeschafft und durch ein Zweikampfsystem ersetzt wurde. Zudem wurde ein Limit von drei Spielern pro Land festgesetzt, die sich maximal für das Kandidatenturnier qualifizieren konnten, und Remisvereinbarungen bedurften vor dem 30. Zuge nun die Zustimmung des Schiedsrichters.

Fischer und Tal

Nachdem der Sieger von Jugoslawien, Michail Tal, krankheitsbedingt ein eher schwaches Turnier spielte und zeitweise ins Krankenhaus eingeliefert werden mußte, gewann diesmal mit Tigran Petrosjan erneut ein Spieler das Kandidatenturnier, der den amtierenden Weltmeister Botwinnik stürzen konnte. Auch weil die FIDE in Saltsjobaden das WM-Revancherecht ersatzlos gestrichen hatte, konnte sich Tigran Petrosjan sechs Jahre auf dem Thron halten. Für den geschlagenen Robert Fischer indes wuchs der Haß auf die Sowjetunion an, und Curacao 1962 hatte für ihn eine ähnliche Bedeutung wie 1984 für den jungen Garri Kasparov, über den Wladimir Popow und Juri Felschtinski zu diesem Anlaß, dem Abbruch der Schach-WM 1984 nach 48 Partien durch Campomanes, schrieben:

Die Schachwelt war schockiert. Die Entscheidung des FIDE-Präsidenten lief allen bestehenden Normen und Regeln zuwider. Aber welche Regeln konnte es geben, wenn der KGB und das Zentralkomitee ebenfalls um den Weltmeistertitel kämpften?
An diesem Tag wurde Kasparov geboren, der Kasparov, den wir heute kennen: ein kompromißloser Kämpfer für die Gerechtigkeit in seinem Lande.

(Gulko, Kortschnoi, Popow, Felschtinski, Der KGB setzt Matt – wie der sowjetische Geheimdienst KGB die Schachwelt manipulierte, Exzelsior Verlag, Berlin 2009, S. 193f.)

Im Gegensatz zu Garri Kasparov bekam die Gerechtigkeit für Robert Fischer mit der Zeit eine ganz eigene Bedeutung, aber das ist eine andere Geschichte, die ein anderes Mal erzählt werden kann…

Mehr Informationen und Hintergründe zu Curacao 1962: https://www.schachburg.de/threads/1338-Curacao-1962-Wendepunkt-der-Schachgeschichte