Archiv für den Monat: Mai 2008

Das ewige Schachleben

 
 
 
 
 
 
 
 

 

IM Yojanan Afek (NL)
Das Grab von Michael Jimmy Rossetti (Internationaler Schiedsrichter aus Israel)

„Er wurde nur 62 Jahre alt, aber sein Schachleben setzt sich ewig fort. So, als ob er nur einen Augenblick während einer Schachpartie innegehalten hätte.“

Ich muss zugeben, dass ich noch kein Grab von solcher Anmut und Zuneigung gesehen habe. Um unseren Eindruck zu erklären, erlauben wir uns, den berühmten argentinischen Dichter und grossen Schachanhänger Jorge Luís Borges (1899 – 1986) mit einem seiner berühmten Schachgedichte zu zitieren (übersetzt aus dem Spanischen von „Entwicklungsvorsprung“ und Frank Mayer):

Schach
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  I.

In ihrer gravitätischen Ecke,
führen die Spieler ihre langsamen Figuren.
Das Schachbrett verzögert sie bis zur Morgendämmerung (in ihrer Strenge).
Eine Umgebung, in der sich zwei Farben hassen.

Im Innern erstrahlt magische Härte.
Die Formen: homerischer Turm, leichter Springer,
bewaffnete Dame, letzter König,
schräger Läufer und aggressive Bauern.

Auch wenn die Spieler gegangen sind,
auch wenn die Zeit sie ausgelaugt hat,
wird der Ritus wahrhaftig noch nicht beendet sein.

Im Orient wurde dieser Krieg entfacht,
dessen Amphitheater heute die ganze Erde ist.
Wie dieser (andere), ist das Spiel unendlich.

II.

Schwacher König, schräger Läufer, grausame Dame,
zielstrebiger Turm und abgefeimter Bauer
auf Schwarz und Weiss des Weges
suchen und entfachen einen bewaffneten Krieg.

Sie wissen nicht, ob die sich erhebende Hand
ihr Schicksal bestimmt,
sie wissen nicht, ob eine sich anschickende Strenge
ihre Willkür und ihren Tagesablauf beherrscht.
Auch der Spieler ist ein Gefangener
(Der Urteilsspruch ist von Omar *)
eines anderen Schachbrettes der schwarzen Nächte
und weissen Tage.

Gott bewegt den Spieler und dieser die Figur.
Was für ein Gott hinter Gott
die Handlung beginnt mit Staub und Zeit und Traum und Agonien?

* Erklärung: Omar Khayahan war persischer Dichter und Humanist von 1048 – 1122. In einer seiner tiefgründigen und schmerzlichen Kurzgedichte mit dem Namen „Rubayat“ sagte er:

„Das Leben ist nichts anderes als ein riesiges Schachbrett, auf dem das Schicksal die Menschen hin und her bewegt wird, als ob sie Figuren wären und danach werden sie in eine Holzschachtel (Sarg) gelegt.“
 
 
 
 
 
 
 

 

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Jorge Luís Borges 1969  

Barcelona, im August 2008