Die Spanische Partie

1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5

zitiert von Ludek Pachmann:

„Die ‚Spanische‘ ist die Königin der Eröffnungen. Ihr mächtiger Aufbau verspricht dem Anziehenden eine langwährende Initiative, kein Wunder, dass ihr zu allen Zeiten eine grosse und treue Anhängerschaft zuströmte. In 400 Jahren (die Anfangszüge der ‚Spanischen‘ sind bereits in dem bedeutendsten Werk des schachkundigen spanischen Priesters Ruy López de Segura (* ca. 1540 † ca. 1580)

Ateneodecaceres.es

erwähnt, weshalb ihr auch der Name „Ruy López“ oder „Spiel des López“ gegeben wurde) haben sich die Probleme dieser Eröffnung eher vertieft als geklärt.“

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Schach mit Mantel und Schwert im 16. Jahrhundert
von Juan-Antonio Montero

„Der Spieler sollte immer dafür sorgen, seinen Gegner so erschöpft und angeschlagen wie möglich an das Schachbrett zu zerren. Denn in einer solchen Verfassung wird ihn die Vorstellungskraft anstrengen, und er wird Fehler begehen.“

(Ruy López de Segura: „Das Buch der freien Erfindung und die Kunst des Schachspieles“, aus dem Jahr 1561.)

Der Kapitän Alatriste ist ein Berufsfechter, ein altgedienter Kämpfer der spanischen Kampftruppen „Flandes“ (die Fremdenlegion), der in ärmlichen Verhältnissen in Madrid lebt und sich für ein paar Escudos kaufen lässt, um andere ins Jenseits zu befördern.
Sein Rivale in diesem Geschäft war der Italiener Gualterio Malatesta, mit dem er schon den einen oder anderen Auftrag ausführte. Jedoch im Laufe der Zeit hassten sie sich nur noch.

Beide kennen und akzeptieren die Regeln dieses gefährlichen Geschäftes, wissen aber auch, dass sie eines Tages von Messerstichen durchlöchert an irgendeiner Ecke „aufwachen“, so wie viele andere, die sie in den Tod geschickt haben.

Spanier und Italiener hatten in dem 16. und 17. Jahrhundert viel gemeinsam. Sie hatten die gleichen Feinde (Franzosen, Engländer, Türken und Holländer), dieselbe Religión, teilten sich den König (ein grosser Teil Italiens befand sich unter spanischer Herrschaft) und besassen auch die Vorherrschaft im Schach.
Wie auch Arturo Pérez Reverte in der Geschichte über den Kapitän Alatriste erwähnt, waren es seinerzeit recht schwierige Zeiten und demzufolge die Sitten und Gebräuche nicht gerade zimperlich. Jedoch darf man nicht den Fehler und das Unrecht begehen, Männer und Frauen in jener Zeit nach den heutigen Gesetzen zu beurteilen.

invanhumanes.blog

„…Sollte man an einem klaren und sonnigen Tag spielen, dann ist dafür Sorge zu tragen, dass dem Gegner die Sonne ins Gesicht fällt, um ihn zu blenden; wenn es dunkel ist und man im Licht der Kohlenglut spielt, dann sollte er es auf der rechten Seite haben: denn es stört in seinen Augen und die über das Schachbrett führende rechte Hand verursacht Schatten, so dass er nicht genau sieht, wohin er die Figuren stellen soll.“

(Ruy López „Das Buch der freien Erfindung…“)

Das im 16. Jahrhundert gespielte Schach stellt perfekt jene Zeit und Denkweise dar: Gambite, italienische Eröffnung, Gegengambite und Angriffe. Ein kriegerisches Schach, wobei die „noblen“ Figuren wie Dame, Springer, Läufer und Türme sich unverzüglich auf die Jagd nach dem gegnerischen König machten. Die Bauern waren unbedeutend: sie wurden ohne Rücksichtnahme geopfert und fast wie störende Elemente auf dem Schachbrett angesehen: eben wie in einer wirklichen Schlacht und nicht einer auf dem Brett, wie bei Crezy, wo die französischen Ritter ohne Rücksicht auf Verluste die eigenen Bogenschützen aus Genua niedertrampelten.

Das geschah Mitte des 14. Jahrhunderts, und in der Tat erfreuten sich weder die allgemeine Bevölkerung noch die Schachbauern – sie bedeuteten nur „das Kanonenfutter“ für jedes Heer – einer besonderen Achtung bis zu dem Tag, als die französische Revolution ausbrach und mit ihr die

Revolution der Bauern von Philidor„.

satranc.net

Die Partien aus dem 16. Jahrhundert waren kurz und wickelten sich verhältnismässig schnell ab. Sie waren nie lang und passten sich sehr gut der Mentalität jener Epoche an. Leonardo di Bona (oder da Cutri) und Paolo Boi waren seinerzeit die grossen italienischen Spieler. Jeder von ihnen, zusammen mit Ruy López, konnte sich als Weltmeister in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts betrachten.
Leonardo de Bona gewann ein sicher als Grossmeister-Tunier einzustufendes Ereignis in der Geschichte im Jahre 1575 in Madrid von dem Königshaus Felipe II organisiert und bezahlt; der mächtigste Herrscher der damaligen Welt galt als grosser Schachanhänger.

Di Bona spielte gegen die oben erwähnten Ruy López, Paolo Boi und Alfonso Cerón aus Granada.

Weder die beiden Italiener Boi und Di Bona waren gefährlich noch durch und durch schlechte Menschen wie ihr Landsmann aus den Romanen von Alatriste, dem gedungenen Meuchelmörder Malatesta: Paolo Boi war eine ganz besonders kultivierte Persönlichkeit, fröhlich und elegant. Leonardo ein grosszügiger und umgänglicher Mensch.
Allerdings gibt es doch einige Dinge aus beider Leben, die nicht viel der Romanfigur des erfundenen Landsmannes nachstehen: Die Bona wurde mit 45 Jahren ermordet; so viel wie wir wissen aus Neid eines anderen recht mässigen Schachspielers.
Paolo Boi wurde wahrscheinlich im recht fortgeschrittenen Alter vergiftet.

Der erstgenannte Spieler rettete bei einer Gelegenheit seinen Bruder vor den arabischen Piraten dank des Schachs, indem er eine Wette für den Piratenkapitän gewann, und der zweitgenannnte Spieler rette sich selbst, auch vor den Piraten und wieder wegen des Schachs, indem er den Türken, der ihn als Sklave genommen hatte, überzeugte, für ihn einige Partien um Geld zu spielen.
Es gelang ihm, so viel Geld zu gewinnen, so dass sein Herr ihn dankbar in Freiheit entliess. Das sind halt solche Gegebenheiten aus dem 16. Jahrhundert.

„Und deswegen wird dieses Spiel in Spanien besser gespielt als in den anderen Teilen der Welt, weil die Eigenschaften der „Bürgerwehr“ besser beobachtet werden, aus deren Ähnlichkeit dieses Spiel zusammengesetzt ist.“

Zitat von Ruy López,

aus seinem „Buch der freien Erfindung…“, in dem er die legendäre „Spanische Eröffnung“ der Gesellschaft vorstellte.

Der spanische Geistliche Ruy López aus Zafra (Badajoz), Extremadura, in der Mitte des westlichen Teiles Spaniens, war nicht so wie die beiden Italiener in solche Abenteuer verstrickt. Er unternahm zahlreiche und weite Reisen und schreckte auch nicht vor Polemik oder Konfrontationen zurück. Er reiste nach Italien, war ein überzeugter Humanist und ausserdem ein ausgezeichneter Grammatiker. Und wehe dem, der mit seiner Meinung nicht einverstanden war! Diesen griff er ohne lange zu Fackeln an und zeigte ihm seine offensichtliche Verachtung.
Ein Beispiel: Als dem Portugiesen Damiano das veröffentlichte Schachbuch des Spaniers in die Hände fiel und er es nur kritisierte, wurde er von Ruy López mit kräftigen Worten eines Besseren belehrt.

Für Ruy López kam das Schachspiel einer kriegerischen Auseinandersetzung gleich. Es war zwar keine Art von Krieg, aber zumindest ein Schlachtmanöver mit zwei gegenüberstehenden Heeren.

Da die Spanier in jenen Jahren immer wieder in Kriege verstrickt waren, kam der Kleriker zu der Folgerung, dass gerade seine Landsleute besonders befähigt waren, dieses Spiel meisterhaft auzuüben.

Wenn man sich die von Ruy López vorgetragenen Ratschläge genau ansieht, wie Schach zu spielen sei, wird einem ziemlich klar, dass er sie nicht ausgerechnet mit den ritterlichen Tugenden verglich, wie sie im 19. Jahrhundert üblich waren.

worldchess.links
Schach am Hofe Felipe II (1556-1598) (Escorial – Madrid)

Viele Spanier aus der damaligen Zeit schienen in gewisser Weise dem Kapitän Diego Alastriste ähnlich zu sein: Es waren Menschen mit wenig Skrupel, recht streitsüchtig, besassen trotzdem ein sichtliches Ehrgefühl und waren nicht leicht einzuschüchtern.
Wie sagte einmal ein Dichter über die Kampftruppen „Flandes“:

„…Soldaten, die jeden Sturmangriff ertragen mussten, aber nicht duldeten, angeschnauzt zu werden.“

Sie liessen es nicht zu, dass jemand gegen sie die Stimme erhob noch ihnen respektlos begegnete: Weder ihre Vorgesetzten noch Gleichgestellten.

In dieser Hinsicht hat sich in Spanien viel geändert:
Wir sind glücklicherweise nicht mehr so wie im 16. Jahrhundert.
Andererseits lassen wir es zu, dass man uns „angebrüllt“ und somit erreicht, dass wir allem überdrüssig werden.
Überdrüssig des ständigen Geldmangels, des Fussballs, der Wohnsiedlungen, der stupiden Wettbewerbe im Fernsehen oder ähnlicher Dinge.

Barcelona, im August 2008