Archiv für den Monat: Mai 2009

Eine Begegnung der besonderen Art mit Bobby Fischer


copyright as.com

Der profilierte Schachhistoriker, Sammler und Schriftsteller
Michael Ehn aus Wien

copyright Kulturmagazin KARL 2/2009 Seite 52
http://www.karlonline.org/2_09.htm).
erzählt uns über eine mysteriöses Treffen mit Bobby Fischer.

Gemalt von Henriette Weijmar S.

“1995 erhielt ich einen denkwürdigen Anruf von einem ungarischen Schachmanager.
Er beauftragte mich, für Bobby Fischer einige relativ seltene russische Turnierbücher aus den 1930er Jahren aufzutreiben.

Ich hatte die Ware, bestand allerdings darauf, sie Fischer, dem Idol meiner Jungend, persönlich auszuhändigen.

Der Ungar arrangierte daraufhin tatsächlich ein Treffen.
Es war recht kurios.
Ich fuhr nach Budapest, wo ich von einem Auto abgeholt wurde, dessen Fenster verdunkelt waren, offenbar um mich um die Orientierung zu bringen.
Die Fahrt endete in einem ziemlich runtergekommenen Hinterhof, der sicher nicht die Wohnstätte von Fischer war.
Dort wurde ich von einigen vierschrötigen Kerlen nochmals perlustriert und anschliessend in einen dunklen, fensterverhangenen Raum geführt.
Nur fahles Licht drang ein, die Möbel waren abgedeckt.

Gemalt von Braulia Vidal Sarmento

Und dort sass er. Er hatte, obwohl es ziemlich warm war, eine dicke Jacke und seltsame Schuhe an; eine Kleidung, die man eigentlich bei grosser Kälte trägt.

Ich wollte ein normales Gespräch beginnen, merkte aber schon nach wenigen Sekunden, dass eine konventionelle Konversation nicht möglich sein wird.
Dieser Mensch wollte nur das, was ich in meiner Tasche hatte.
Statt zu antworten, fing er mit seinen grausigen Geschichten an und schwadronierte die ganze Suada von gefälschten Partien Karpows und Kasparows bis zur Weltverschwörung der Juden
daher.

copyright 4.bp.blogspot.com

Ich war natürlich im Vorfeld etwas nervös, weil ich wusste, dass er ein seltsamer Mensch ist, der sich mit skurrilen Leuten umgibt.
Mir war klar, dass die Atmosphäre befremdlich sein würde.
Dennoch war die Begegnung enttäuschend.
Man hätte sich über so viele Dinge unterhalten können, ich hätte viele Fragen gehabt.
Aber ich sah einen im Labyrinth seiner Wahnideen gefangenen Menschen, er war einfach krank und eigentlich bedauernswert.

Gemalt von Orestes Castro García

Nachdem ich ihm die Bücher ausgehändigt hatte, wurde ich von seinen “Freunden” hinauskomplimentiert und zurückgefahren.

Immerhin hat er mir noch seine

“60 denkwürdigen Partien”

эротика анжнлина джоли

signiert.

Das war eine unerfreuliche Begegnung, die nicht länger als eine Viertelstunde gedauert hatte und in der mir mein Idol abhanden kam. Der Mann, der mich zurückfuhr, sagte mir noch zum Trost,

an manchen Tagen könne Bobby ganz lustig sein.”

Nun bis hier die Erzählung des österreichischen Schachhistorikers und seine persönlichen Eindrücke.

Kommentar:

De mortuis nil nisi bene!

Über Tote soll man nur Gutes sprechen.

Ausspruch des Chilon, eines der Sieben Weisen

****************************************************

Die Verfolgung:

Trotz allem dürfen wir nicht vergessen, dass die amerikanische Justiz ihn seit 1992 weltweit verfolgte, da

“er gegen das Embargo des ehemaligen Jugoslawien verstossen haben soll”, weil er ein neues match gegen Spassky in Belgrad akzeptierte und als Prämie $ 3 Mio. verdiente.
Seit jenem Zeitpunkt war Bobby Fischer immer auf der Flucht und hielt sich an unbekannten Orten auf.
Dahingegen liess er manchmal seine Stimme hören, die allerdings dann etwas ”überspannt” auf die Hörer und Leser wirkte.

Schliesslich wurde er in Japan im Jahre 2004 auf dem Flughafen verhaftet, weil er mit einem abgelaufenen Pass verreisen wollte. (Die amerikanischen Behörden hatten das Dokument 1992 schon für ungültig erklärt.)
Wegen dieses “Kapitalverbrechens” wurde er in ein Gefängnis in Tokio gesperrt.
Mit der Hilfe von treuen Freunden versuchte der 61jährige eine Abschiebung nach Island, um die Auslieferung in die USA zu vermeiden.
Seine Anwälte argumentierten, “dass es keinen Grund gäbe, der die Gefangenahme rechtfertigte” und liessen verlauten, “dass die japanischen Behörden sich den amerikanischen unterwürfen.” голова болит секс

(Anmerkung des Autors: Für unsere europäische Rechtsauffassung sind die amerikanischen Gesetzesauslegungen oft mehr als unverständlich.)

Bobby Fischer befand sich am Rande des Abgrundes; sein Naturtalent überlebte das Gefängnis von Ushiku (Japan), just an dem 400. Jahrestag von Don Quijote (Miguel de Cervantes).
Eine bessere Ehrerbietung – unmöglich!

copyright farm4.static.flickr.com

Jedoch am 24. März 2005 entschied die japanische Regierung die Freilassung und liess Bobby Fischer nach Island ausreisen: die Insel seines Triumphes 1972 mit der Eroberung der Schachkrone gegen einen russischen Spieler zu Zeiten des Kalten Krieges.
Allerdings hoffte Bobby Fischer, dass er in Island etwas mehr Ruhe finden könnte, was aber anscheinend nicht möglich war.

Anmerkung:

Ebenso unverständlich war die Überweisung der schweizer Bank UBS des gesamten angesparten Geldvermögens und das Einschmelzen der dort deponierten Silber- und Goldmedaillen von Bobby Fischer auf ein isländisches Bankkonto, ohne jeglich vorherige Genehmigung der Kontobesitzers.

Hätte man ihm doch zumindest seine bei der Weltmeisterschaft 1972 gewonnene Goldmedaille gelassen, die ihm sicher von seinen Freunden mit in seinen Sarg gelegen worden wäre……

Es ist anzunehmen, dass die unerbittliche amerikanische Justiz hinter diesem willkürlichen Akt steckte.

Das war die Geschichte seiner letzten Spielzüge.

Nun ruht er dort in Frieden seit Januar 2008.


copyright wikipedia.org

Allerdings setzen wir die Geschichte in seinem anderen Leben fort:

Gemalt von Vladimir Kush

Als Bobby Fischer in den Himmel kam und sich wieder von seinen schweren Leiden erholt hatte, verschwand auch sein Gefühl der Bedrängnis und niemand verfolgte ihn mehr.

Endlich war er frei!

Geduldig warteten auf ihn dort die grossen Schachspieler wie
Steinitz, Capablanca und Aljechin, aber letztlich war es
Botwinnik, der sich ihm zuerst näherte, um ihn herzlich willkommen zu heissen.
Ausserdem habe er ein gute Nachricht für ihn, insofern, als er im Himmel dem Schachspiel ohne jegliche Probleme nachgehen könne, sämtlichen Gedanken seien von absoluter Reinheit, es bestünden weder Nervosität noch Sorgen, insbesondere nicht die üblichen Gedächtnislücken, die bei Schachpartien öfters vorkommen sollen.
Deswegen sei das Niveau, auf dem dort alle spielten, nicht nur die höchste Bewertung, die sie jemals in ihrem irdischen Leben erreicht hatten, sondern sogar noch viel höher.

“Könnt Ihr von hier aus alle Partien sehen, die auf der Erde gespielt werden?” fragte Fischer.

Gemalt von Andrea Gelici

“Ganz klar, Du hast uns einen grossen Genuss mit Deinen Partien beschert,” kommentiert Aljechin.

Fischer lächelte, und er fühlte sich stolz.

Plötzlich erkannte er Mikhail Tal von weitem und näherte sich ihm, der ihn dann auch mit seiner linken Hand begrüsste, aber mit der rechten Hand weiter an seiner Blitzpartie spielte.

“Wirst Du wieder einmal gegen ihn spielen?” fragte Euwe.
“Später, ich bin nach hier gekommen wegen einer anderen Sache”, antwortete Fischer.

Fischer setzte entschlossen seinen Weg fort, und das Schicksal führte ihn zu einem anderen Gegner. Er fühlte, dass es Gott sei, der ihn gerufen habe, um gegen ihn zu spielen.

“Hallo Bobby, ich hoffe, dass Du mir nicht sehr böse bist, dass ich veranlasste, das irdische Leben so bald zu verlassen, aber ich konnte nicht länger darauf warten, einmal mit Dir zu spielen”, sprach der Allmächtige.


“Meinst Du denn, dass für mich die lange Warterei so einfach war?”

Gemalt von Elke Rehder

Ohne jegliche weitere Geste zur Begrüssung, setzte Fischer sich an den Spieltisch, wo die Figuren in ihrer Startposition verharrten.
Er begnügte sich damit, den ersten Zug mit “e4” голова болит секс auszuführen und die Uhr zu drücken.
Gott setzte sich ebenfalls ans Brett, spielte 1….e6 und sagte dann:
“Du glaubst doch wohl nicht, dass Du gegen mich gewinnen kannst, nicht wahr?”
Fischer bewahrte die Fassung, blickte ihn kühl an und anwortete:
“Ich hoffe nicht, dass Du glaubst, mich schlagen zu können!”

Nach einigen spektakulären Opferkombinationen endete die Partie remis.


Mit einer Art verstellter Sorglosigkeit reichte Bobby ihm die Hand und sagte: “Wir spielen doch noch eine Partie, nicht wahr?”, worauf Gott antwortete: “Selbstverständlich!”

Fischer blickte um sich und sah, dass sich Schachanhänger aller Länder der Erde um ihn scharrten. Er erkannte jeden Spieler, denen er schon einmal am Brett in seinem Leben gegenübersass, die aber nicht mehr lebten. Es waren allerdings auch einige dabei, die schon gegen ihn gewonnen hatten.

Und nun geschah etwas Unglaubliches:
Mit einer wahnsinnigen Geschwindigkeit stellte er die Figuren wieder auf ihre Ausgangsstellung zurück, wechselte auf den anderen Stuhl, um sich mit den schwarzen Steinen zu verteidigen.
Er drückte auf die Uhr und sagte dann zu dem Allmächtigen:
“Bitte beachte, wenn die Begegnung über 24 Partien unentschieden ausgeht, dass ich dann den Weltmeistertitel behalte!”

************************

Die Genialität:

copyright dautov.paint.com

Nach diesen irdischen und himmlischen Ausflügen möchten wir die geneigten Leser an die unvergessliche Partie zwischen
Donald Byrne und Bobby Fischer aus dem Jahre 1956 erinnern,
die eine Sensation in den Schachkreisen hervorrief aufgrund ihrer Brillanz, wobei sich die Experten darüber klar wurden, dass ein neuer Stern am Firmament aufgegangen war:

Byrne, Donald – Fischer, Robert James
New York Rosenwald. New York, 07.10.1956

1. Sf3 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 Lg7 4.d4 0-0 5.Lf4 d5 6.Db3 dxc4 7.Dxc4 c6 8.e4 Sbd7 9.Td1 Sb6 10.Dc5 Lg4 11.Lg5

Sa4 12.Da3 Sxc3 13.bxc3 Sxe4 14.Lxe7 Db6 15.Lc4 Sxc3 16.Lc5 Tfe8+ 17.Kf1

Le6 18.Lxb6 Lxc4+ 19.Kg1 Se2+ 20.Kf1 Cxd4+ 21.Kg1 Se2+ 22.Kf1 Sc3+ 23.Kg1 axb6 24.Db4 Ta4 25.Dxb6 Sxd1

26. h3 Txa2 27.Kh2 Sxf2 28.Te1 Txe1 29.Dd8+ Lf8 30.Sxe1 Ld5 31.Sf3 Se4 32.Db8 b5 33.h4 h5 34.Se5 Kg7 35.Kg1 Lc5+

36.Kf1 Sg3+ 37.Ke1 Lb4+ 38.Kd1 Lb3+ 39.Kc1 Se2+ 40.Kb1 Sc3+ 41.Kc1 Tc2# 0-1


Endstellung

Gemalt von Johannes Dreyling

Kopie des Original-Partieformulares

(Handschrift Bobby Fischer)

Siehe Partie
Quelle: Das kulturelle Schachmagazin KARL, Wikipedia.org und Javier Martín Pérez

Sitges (Barcelona), im Oktober 2009