Blindschach

Gespräche mit Figuren – gemalt von Elke Rehder

von Frank Mayer

Geschichte:

Gemäss dem Geschichtsforscher Harold Murray (1868-1955) sind uralte handschriftliche Aufzeichnungen gefunden worden, aus denen hervorgeht, dass schon die Araber Blindschach spielten.
Wie wir wissen, spielte ein gewisser Serrasin Buzzeca 3 Partien gleichzeitig blind im Jahre 1266 in Florenz (Italien).
Damiano widmete das zehnte Kapitel seines im Jahre 1512 in Rom veröffentlichen Buches dem Thema:

“Die Kunst des Gedächtnisses”

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Mit diesem Artikel möchten wir den geneigneten Leser auf diese hochinteressante Art und Weise der ”Schachpraxis” hinweisen.

François Danican Philidor spielte Blindpartien vor einem auserlesenen Publikum im Jahre 1783, wovon eine Partie angefügt ist und die Geschicklichkeit von Philidor zeigt.

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Siehe Partie:

(4) Conde Bruhl – Philidor [C23] – Quelle Chessbase, Hamburg
Blindschach 08.05.1783

1.e4 e5 2.Lc4 c6 3.De2 d6 4.c3 f5 5.d3 Sf6 6.exf5 Lxf5 7.d4 e4 8.Lg5 d5 9.Lb3 Ld6 10.Sd2 Sbd7 11.h3 h6 12.Le3 De7 13.f4 h5 14.c4 a6 15.cxd5 cxd5 16.Df2 0-0 17.Se2 b5 18.0-0 Sb6 19.Sg3 g6 20.Tac1 Sc4 21.Sxf5 gxf5 22.Dg3+ Dg7 23.Dxg7+ Kxg7 24.Lxc4 bxc4 25.g3 Tab8 26.b3 La3 27.Tc2 cxb3 28.axb3 Tfc8 29.Txc8 Txc8 30.Ta1 Lb4 31.Txa6 Tc3 32.Kf2 Td3 33.Ta2 Lxd2 34.Txd2 Txb3 35.Tc2 h4 36.Tc7+ Kg6 37.gxh4 Sh5 38.Td7 Sxf4 39.Lxf4 Tf3+ 40.Kg2 Txf4 41.Txd5 Tf3 42.Td8 Td3 43.d5 f4 44.d6 Td2+ 45.Kf1 Kf7 46.h5 e3 47.h6 f3 0-1

Fünfzig Jahre später zeigte Louis de la Labourdonnais

im Jahre 1837
seine aussergewöhnliche Kunstfertigkeit, Partien blind zu spielen.
In die Auswahl dieser Schachkünstler sind in jener Zeit

Louis Paulsen

und Paul Morphy (1853)

einzureihen, wobei besonders Paul Morphy ein glühender Anhänger des Blindspieles war.

Um nun die Geschichte etwas zu ordnen und zusammenzufassen, sehen wir nachstehend eine schematische Aufstellung, die uns etwas klarer die Entwicklung dieser Modalität erkennen lässt und als Ergebnis haben wir das Vergnügen, jedes Jahr das

berühmte Turnier “Melody Amber” in Monaco

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zu geniessen.

Blindvorstellungen:

Jahr

1783

Philidor spielt 3 Partien

1858

Paul Morphy gibt eine Simultanvorstellung

1859 star trek online

L.Paulsen gibt eine Simultanvorstellung gegen 15 Spieler, wobei er nur eine Partie verliert.

1874

Das erste Turnier dieser Art, das von Jan Dobruski gewonnen wird.

1876

Zukertort gibt eine Simultanvorstellung an 16 Brettern und verliert nur eine Partie

1902 download fast and furious 4 dvd

Pillsbury spielt simultan gegen 30 Spieler, wobei er nur 3 Niederlagen hinnehmen muss. Später spielt er gegen 22 Bretter.

1919

Réti stellt einen Weltrekord auf, wobei er gegen 24 Gegner gleichzeitig spielt.

1921

Gyula Breyer schlägt diesen Rekord, wobei er 25 Bretter herausfordert und nur 3 Partien verliert.

1924 download x men

Aljechin wiederum übertrifft diesen Weltrekord gegen 26 Gegner, aber mit 6 Niederlagen.

1925

Aljechin fordert sich selbst heraus und spielt an 28 Brettern mit 2 Verlustpartien.

1925

Réti bricht diesen Rekord eine Woche später, wobei er an 29 Brettern spielt und nur 2 Partien verliert.

1931

Koltanowski bricht diesen Rekord vor 30 Brettern und endet unbesiegt.

1933

Aljechin spielt gegen 32 Bretter, aber mit 4 Niederlagen.

1934

Aljechin und Koltanowski geben eine Simultanvorstellung gegen 6 Mannschaften, die unter sich beraten können.

1937

Koltanowski fordert 34 Gegner heraus und bleibt wieder unbesiegt.

1943

Najdorf stellt sich 40 Gegnern gleichzeitig und verliert nur 3 Partien.

1947

Najdorf übertrifft seinen eigenen Rekord und spielt gegen 45 Gegener mit 2 Verlustpartien.

1951

Koltanowski fordert 50 Gegner heraus mit einer Zeit von 10 Sekunden je Zug und verliert nur 2 Partien.

1960

Flesch spielt gegen 52 Bretter gleichzeitig mit nur 3 Verlustpartien.

1960

Koltanowski bricht alle Weltrekorde und spielt gegen 56 Bretter, wieder mit nur 10 Sekunden pro Zug und endet unbesiegt.

Wie wir sehen, haben die Blindvorstellungen ihre eigene Geschichte, eine Art der Schachvorstellung, die im 20. Jahrhundert grösste Aufmerksamkeit hervorrief und auch in den zukünftigen Jahrhunderten weiterhin eine ganz besondere öffentliche Anteilnahme haben wird.

Schlussbetrachtung:

Wir zitieren hier George Koltanowski (1903-2000),

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der sich zu den Blindvorstellungen wie folgt äusserte:

“Es handelt sich wirklich um eine “geistige” Akrobatik, die die absolute Bewunderung der unerfahrenen Spieler hervorruft!”

Sei es wie es sei, diese Art des Schachspieles wird niemals aussterben, und wir sind sicher, dass irgendwann und -wo ein grossartiger Spieler existiert, der versucht, die bisher aufgestellten Weltrekorde im Blindspielen wieder zu brechen.
Allerdings müssen wir einräumen, dass die bisherigen Rekorde gegen nicht so erfahrene Spieler erzielt wurden, was vielleicht veranlasst, die Bewertung etwas zu mindern.

Aber, lassen wir das hingestellt sein:
“Vielleicht versuchen Sie, lieber Schachfreund, doch auch einmal sich im Blindspielen zu üben, das Ihnen sicher einen Riesenspass bringen wird.

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Wer ist wohl dieses nette Paar?

Quelle: Prof. Mariano Victor Piñeyro

Barcelona, Mai 2009