Ein grosser Spieler im Glamour seiner Zeiten

Héctor Decio Rossetto

( * 1922 + 2009 )

Titelbild 1942

Zum Bestürzen aller weltweiten Schachfreunde verstarb am
22. Januar dieses Jahres einer ihrer ganz grossen Spieler an einem Herz- und Atmungsversagen.

Die Tochenwache wurde in den Räumen des “Club Argentino de Ajedrez” in Buenos Aires gehalten.
Viele bekannte Persönlichkeiten und internationale Schachmeister erwiesen ihm die letzte Ehre:

Club Argentino de Ajedrez, Buenos Aires
Rechts oben ein Schachbrett, auf dem die Endstellung aus seiner
berühmten Partie 1960 gegen Viktor Korchnoi aufgebaut ist.

Fünfmal wurde er argentinischer Meister (1942, 1944, 1947, 1961 und 1972).
In den 50iger Jahren bildete er die “goldene Legion” des argentinischen Schachs zusammen mit Miguel Najdorf, Oscar Panno, Julio Bolbochán, Carlos Guimard, Erich Eliskases und Herman Pilnik, eine Konstellation, die niemals mehr erreicht wurde.
Héctor Decio Rossetto vertrat sein Land auf 6 Olympiaden: Jugoslawien, Finnland, Holland, Bulgarien, Schweiz und Mazedonien. Mit der jeweiligen Mannschaft erzielte er die Vizemeisterschaft in Dubrovnik (1950), Helsinki (1952) –
dort die Goldmedaille als bestes 4. Brett – und Amsterdam (1954).

Die Olympiamannschaft 1952
Rossetto, Pilnic, Laurens, Maderna, Eliskases, Najdorf und
Bolbochan

Goldmedaille 1952

Sein Leben

Er wurde in Bahía Blanca am 8. September 1922 geboren, musste aber viel zu früh das Schicksal eines einsamen Kindes erleiden, da er schon mit einem Jahr seine Mutter verlor.
In den ganz jungen Jahren trieb er sich in Bars und Cafés der Stadt herum und entdeckte somit die Geheimnisse der Kartenspiele, Würfel, des Billards und des Schachs, das ihm am meisten gefiel.
Schon nur allein vom Zuschauen lernte er die Regeln und die Züge und verhältnismässig schnell entwickelte er sich zu einem starken Spieler, gewissermassen ein Naturtalent.

Bereits mit 12 Jahren wurde er Stadtmeister von Bahía Blanca

Ab dem Jahre 1936 wurde er Berufsspieler und zog nach Buenos Aires.

Mit 19 Jahren wurde er zum ersten Mal argentinischer Meister

1941

und 1945 reiste er in die USA, um an einem panamerikanischen Turnier teilzunehmen.
Dort tat sich für ihn eine neue Welt auf, die ihn begeisterte und gefangenhielt.

Er wurde nach Hollywood eingeladen und lernte dort Humphrey Bogart kennen, mit dem er Tag und Nacht dem Schachspiel frönte.

Rossetto mit Humphrey Bogart und seiner Frau Lauren Bacall

Als kleine Anekdote erzählte Rossetto, dass Bogart Präsident eines Schachclubs war; sehr sympathisch und überhaupt nicht so “hart”, wie die in seinen Filmen dargestellten Rollen.

Weiterhin pflegte er die Freundschaft mit anderen berühmten Filmstars wie Marlene Dietrich, Charles Boyer, Carmen Miranda, Margarita Xirgú und Bing Crosby.

Rossetto während einer Partie in Begleitung von Marlene Dietrich

Rossetto am Brett und Carmen Miranda (mit gestreiften Shorts und Umhang).

Die Filmwelt begeisterte ihn so sehr, dass er zeitweilig als Schauspieler tätig war und an mehreren Filmen teilnahm, jedoch vorzugsweise in Nebenrollen.

Allerdings zog es ihn wieder in seine Heimat nach Buenos Aires, und er trat dort als noch stärkerer Spieler auf.

1950 erreichte der den FIDE-Titel “Internationaler Meister”.


In jenem Jahrzehnt spielte er so erfolgreich, dass ihm sogar 1958 bei dem Interzonen-Turnier in Portoroz ein Remis gegen Bobby Fischer gelang, dessen Talent er sofort erkannte und ihm eine grosse Zukunft voraussagte, die sich dann auch erfüllte.
Er freundete sich mit Bobby Fischer an, lud ihn zu sich nach Hause ein und bald wurde dieser ein aufrichtiger Freund der Familie, die Rossetto inzwischen gegründete hatte.

Zwei Jahre später, im Jahre 1960 wurde Rossetto zum Grossmeister ernannt und konnte anlässlich eines Superturnieres
“Magistral 150º Aniversario” den späteren Sieger Viktor Korchnoj in Buenos Aires besiegen.

Viktor Korchnoj vs. Héctor Rossetto 1960

Nachstehend die Partie:

Rossetto, Héctor – Kortschnoj, Viktor

Buenos Aires Buenos Aires (6), 30.06.1960

1.d4 d5 2.Sf3 Sf6 3.e3 g6 4.Ld3 Lg7 5.0–0 0–0 6.Sbd2 c5 7.c3 Sfd7 8.De2 Sc6 9.h3 Te8 10.Lb5 a6 11.La4 b5 12.Lc2 Lb7 13.Td1 e6 14.Sf1 Dc7 15.Ld2 Tac8 16.Tac1 e5 17.dxc5 Sxc5 18.b4 Se4 19.Le1 Sd6 20.e4 Sxe4 21.Lxe4 dxe4 22.Sg5 f5 23.a4 Sd8 24.axb5 axb5 25.Dxb5 Dc6 26.Dxc6 Lxc6 27.h4 Lf6 28.c4 h6 29.Sh3 Lxh4 30.b5 La8 31.Td6 Se6 32.Se3 Kf7 33.Ta1 Le7 34.Td7 Kf6 35.Lb4 Lxb4 36.Txa8 Sc5 37.Sd5+ Ke6 38.Te7+ Txe7 39.Txc8 Sb7 40.Sxb4 Td7 41.Sa6 Td1+ 42.Kh2 Sa5 43.b6 Tb1 44.c5 Kd5 45.Sg1 Tb2 46.Se2 Txe2 47.Sb4+ Kc4 48.c6 Tb2 49.c7 Kxb4 50.Ta8 Tc2 51.Txa5 Kxa5 52.b7 Txc7 53.b8D Tc6 54.Dxe5+ Ka6 55.Kg3 h5 56.Kf4 Kb6 57.Db8+ Kc5 58.Ke5 Kc4 59.De8 Tc5+ 60.Kf4 Kd3 61.Dxg6 Ke2 62.Da6+ Ke1 63.Da1+ Ke2 64.Db2+ Kf1 65.f3 Tc8 66.Ke3 Kg1 67.fxe4 fxe4 68.g4 1–0

Endstellung

siehe Partie

In seiner weitreichenden Siegerliste standen ebenso gewonnene Partien gegen die Weltmeister Alexander Aljechin, Dr. Max Euwe und anderer Grossmeister wie B. Ivkov, L. Pachmann, O. Panno und noch viele mehr.

Héctor Rossetto im Spiel mit Miguel Najdorf

Rossetto zusammen mit drei Ex-Weltmeistern
Smyslov, Spassky und Petrosjan

Das Leben von Rossetto überschritt recht häufig das reine Schachspiel, da er auch Beziehungen zu der Politik pflegte:


an dem Tag, als er Eva Perón kennenlernte.

Die von dem argentinischen Schachverband zusammengestellte Olympiaauswahl, die im Jahre 1950 nach Dubrovnik reiste, wurde vorab von Eva Perón empfangen. Sie versprach der Mannschaft weitere kostenfreie Reisen in andere Länder unter der Voraussetzung, dass das Team gut abschneiden würde, was auch gelang. So konnten die Mitglieder noch in mehrere Länder fahren, um letztlich als Mannschaft alle Begegnungen zu gewinnen.

Héctor Rossetto erzählte immer voller Stolz, dass er bei seiner Rückkehr nochmals von Eva Perón empfangen wurde und sie ihm für seine Familie ein Haus auf Kredit vermittelte, “den ich aber auf Heller und Pfennig selbst zurückzahlte”.

Die Begegnung mit Marschall Tito

Als Anekdote bezeichnete er seine Begegnung mit dem Marschall Tito in Jugoslawien, der ein solch grosses goldenes Mundstück für seine Zigarren benutzte, die ihm natürlich ein Sekretär anzünden musste.

Seine Freundschaft mit Ernesto Che Guevara

„Im Jahre 1964 spielte ich das Capablanca-Erinnerungsturnier in Kuba: mein Gegener war der Meister Silvino García.
Mitten in der Partie blickte ich einmal um mich und sah, wie “Che” auf mich zukam. Sofort erhob ich mich, um ihn zu begrüssen und sagte ihm: “ Es ist ein grossen Vergnügen, Herr Kommandant, Sie persönlich kennen zu lernen.
Er sah mich fest an und anwortete: “Sie sind derjenige, der mich nicht kennt, ich kenne Sie sehr wohl Meister Rossetto; ich war schon ein Anhänger von Ihnen, als ich Blitzpartien im Café Rex in der Avenida Corrientes in Buenos Aires spielte.”

(Anmerkung: Ernesto “Che” Guevara war gebürtiger Argentinier.)

Seit jenem Tag entwickelte sich eine Freundschaft zwischen den Beiden, von der Rossetto bis an das Ende seiner Tage zehrte.
Unter seinen bevorzugten Geschenken befindet sich ein Holzkästchen mit den Schachfiguren von jenem legendären Capablanca-Erinnerungsturnier und dem eingravierten Namen Héctor Rossetto.

Rossetto beim Capablanca-Turnier 1964 gegen Sivlino García

im Hintergrund “Che” Guevara , der aufmerksam die Partie verfolgt.

Abbildung des vorbeschriebenen Schachkästchens

1972 gewann Héctor Rossetto zum letzten Mal die argentinische
Landesmeisterschaft.
Aber nach und nach zog er sich vom Turnierschach zurück, weil seine Gesundheit nicht mehr mitmachte und vor wenigen Wochen war nun sein Schachtraum mit fast 87 Jahren zu Ende, und er verstarb im Kreise seiner Familie.

Auch den Ablauf seiner Beerdigung bestimmte er noch zu Lebzeiten; wobei wohl der ergreifendste Augenblick war, als seine Tochter Cecilia, Schauspielerin und Sängerin von Beruf, sein Lieblingslied vortrug:

“Von den einfachen Dingen des Lebens…..”

Quelle: Carlos A. Illardo

Barcelona, März 2009

3 Gedanken zu „Ein grosser Spieler im Glamour seiner Zeiten

  1. Hebert Pérez García

    Estimado Frank,

    Estupendo articulo del Sr.Carlos A. Illardo, traducido y diseñado brillantemente por tí. El material literario y fotográfico, es de exuberante calidad.
    Tu realización, notable.

    Don Héctor Decio Rossetto se merece con creces una recordación tan finamente ilustrada. Parafraseando al poeta Pablo Neruda, Rossetto fue un afortunado que pudo decir al final de sus días, „Yo confieso que he vivido…“.

    Personalmente me enorgullece haber disfrutado de lindos amistosos momentos con él y de haber cotejado tres veces nuestras fuerzas ajedrecistica en competencias oficiales.
    Rossetto fue el primer GM que enfrenté en mi carrera. Perdí dos veces y empaté una vez. Lo recordaré con cariño siempre. Conmigo se comportó en todo instante de acuerdo a su gran clase humana de genuino „Gentleman“.

    Saludos cordiales y gracias por tu atención,
    Hebert Pérez García

    Antworten
  2. Hebert Pérez García

    „Lieber Frank Mayer,
    ein hervorragender Artikel von Sr. Carlos A. Illardo, von Dir uebersetzt und brillant bebildert.
    Das literarische und fotographische Material ist von ausserordentlicher Qualität.
    Die Ausführung besonders gut.
    Don Héctor Decio Rossetto verdient über die Massen eine so geschmackvolle Illustrierung.
    Wenn ich an einen der grössten Dichter der Menschheit denke, Pablo Neruda, war Rossetto ein glücklicher Mensch, der bis zum Ende seiner Tage sagen konnte: „Ich gestehe, dass ich gelebt habe!“
    Persönlich darf ich hinzufügen, dass ich mehr als angenehme und freundschaftliche Momente mit ihm verbringen konnte und mich dreimal in offiziellen Turnieren mit ihm messen konnte.
    Rossetto war der erste Grossmeister, gegen den ich in meiner Schachlaufbahn antreten durfte. Ich verlor zweimal und konnte einmal die Partie remis gestalten.
    Ich will mich gern daran erinnern, dass er sich mir gegenüber immer mit seiner grossartigen menschlichen Klasse eines wahrhaftigen Gentleman’s betrug.
    Herzliche Gruesse und vielen Dank für Deine Aufmerksamkeit
    Hebert Pérez García

    Antworten
  3. Frank Mayer Beitragsautor

    Bezüglich der Frage nach aufgezeichneten Partien zwischen Aljechin und Rossetto schreibt der Jockey Club von Buenos Aires 2006 anlässlich einer Ehrung für Rossetto u.a. wie folgt:
    „Guimard, der für Rossetto zu jener Zeit ein absolutes Idol war, war der Erste, der das grosse Schachtalent von Rossetto erkannte.
    Im Jahre 1939 wurde die achte Schacholympiade in Buenos Aires ausgetragen, und die Stadt war voll von begeisterten Schachanhängern.
    Rossetto war 17 Jahre alt, als er in den „Círculo de Ajedrez“ (Schachkreis) aufgenommen wurde und sah, wie dort der grossartige Ex-Weltmeister Aljechin „ping-pong“ mit Guimard spielte.
    (Anmerkung: im Spanischen nennte man Freundschaftspartien, die den Charakter von verhältnismässig schnell gespielten Partien haben, einfach „ping-pong“. Für meine Begriffe eine lustige und zutreffende Bezeichnung.)
    Guimard stand in einer Spielpause auf und sagte zu Aljechin: „Spiel‘ mal mit dem Jungen, der spielt gut!“
    Gesagt, getan. Rossetto spielte also gegen Aljechin. Das Ergebnis war 3:1 für Aljechin und 3 Remise. Rossetto hatte sich die Partien auf einem Blatt notiert und zeigte sie anschliessend seinem Freund Aguilar. Darunter war ausgerechnet auch noch eine Aljechin-Verteidigung, die Rossetto gegen den Ex -Weltmeister gespielt hatte. Aguilar begleitete Rossettos Züge der nachher analysierten Partien jedesmal mit „mmm“ und „jedes ‚mmm‘ rührte mich vor Stolz“, sagte schliesslich Rossetto.
    Allerdings sind diese Freundschaftspartien in keinem Archiv registriert.
    Ich hoffe, ausreichend Auskunft gegeben zu haben.
    Frank Mayer

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