Ein Nationalheld – Miguel Najdorf

Ein Nationalheld

Miguel Najdorf


(1910 Warschau + 1997 Malaga)

Eine Erinnerung an sein Leben
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Von Frank Mayer

Der Besuch
Die Schachfreunde Arqto. Roberto Pagura, Herausgeber der Wochenzeitschrift für Schach „Nuestro Círculo“, und der argentinischer Fernschachmeister 2007 Sergio Diaz statteten an seinem Grab auf dem israelitischen Friedhof in La Tablada (ca. 40 km ausserhalb von Buenos Aires) einen Besuch ab. Der Autor des Artikels konnte leider nicht anwesend sein wegen einer plötzlichen und unerwarteten Grippe.

Roberto Pagura und Sergio Diaz in stillem Gedenken

Zu dieser Zeit ist in Buenos Aires und Umgebung Hochsommer mit Temperaturen, die man mit einer glühenden Bratpfanne vergleichen kann.
Aber, selbst diese Hitze konnte nicht verhindern, einer der wichtigsten Persönlichkeiten, die die Schachgeschichte mit geprägt hat, Tribut zu zollen und ihm die Ehre zu erweisen, seine ewige Ruhestätte aufzusuchen, um dort an ihn und sein bewegtes Schachleben zu denken.

Hier ruht Miguel Najdorf mit seiner 2. Frau Eta, die viel zu früh mit 56 Jahren verstorben ist.

Eine weitere menschliche Tragödie!

Seine Laufbahn

Miguel Najdorf

Miguel Najdorf spielte bei der inoffiziellen Schacholympiade 1936 in München für Polen sehr erfolgreich (16 aus 20). 1939 nahm er für Polen an der Schacholympiade in Buenos Aires teil und blieb nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in Argentinien. Als Jude war für ihn eine Rückkehr nach Polen unmöglich. Er verlor seine Frau, sein Kind, Vater, Mutter und vier Brüder im Holocaust in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten.
Obwohl er nie um die Weltmeisterschaft spielte, gehörte Najdorf stets zu den Großen der internationalen Schachszene, um die Mitte des Jahrhunderts auch regelmäßig zu den weltbesten fünf Spielern.
Während seiner Laufbahn spielte er gegen alle Schachweltmeister von Emanuel Lasker bis Garri Kasparow und schlug immerhin Mikhail Botvínnik, Wassili Wassiljewitsch Smyslow, Mikhail Tal, Tigran Petrosjan und Robert Fischer. Darüber hinaus nahm er an zahlreichen nationalen und internationalen Turnieren mit beachtlichem Erfolg teil. So gewann er die Turniere Prag 1946, Venedig 1948, Bled 1950, Amsterdam 1950, Mar del Plata 1959 und Havanna 1961. Er spielte bei 14 Schacholympiaden (ab 1950 für Argentinien), zumeist am 1. Brett seiner Mannschaft.

Najdorf ist der Vater einer populären Eröffnungsvariante in der Sizilianischen Partie, der nach ihm benannten Najdorf-Variante.
Seine beste historische Elo-Zahl von 2.797 erreichte er im Februar 1948. Er war über 33 Monate die Nummer zwei in der Welt.
Beeindruckend sind auch die Leistungen Najdorfs im Blindschach: In seiner Blütezeit gab er Blindsimultanvorstellungen gegen mehr als 40 Gegner.


Sao Paolo (Brasilien) 1947
copyright chessbase.de

In den 1950er Jahren verdiente Najdorf viel Geld mit Ölgeschäften in Venezuela.
Bis ins hohe Alter in der Schachszene präsent, starb Miguel Najdorf im Jahre 1997 nach einer Herzoperation in Malaga (Spanien). Danach wurde sein Sarg nach Buenos Aires überführt.
(Quelle Wikipedia.org)

Seine Persönlichkeit

Seine lebendige Persönlichkeit machten ihn zu den beliebtesten Spielern seiner Zeit unter allen Schachanhängern, zu der die sicher auch die von seinem Mentor Dr. Savielly Tartakover beigebrachte erfindungsreiche Schlagfertigkeit gehörte.
Als er zum Beispiel über seinen Gegner anlässlich des Turnieres „UDSSR gegen den Rest der Welt“ im Jahre 1970 bestätigte:

„Wenn Boris Spassky (der damalige Weltmeister)

eine Figur anbietet, solltest du gleich aufgeben.
Wenn aber Mikhail Tal Dir eine Figur anbietet, dann ist es sinnvoll weiterzuspielen, denn nach einer Weile wird er Dir noch eine weitere Figur opfern und dann später noch eine und dann…..wer weiss?

Die Najdorf-Variante ist zu seinen Ehren nach ihm benannt worden.
Nun haben wir das Vergnügen Ihnen die erste, von Miguel Najdorf im Wettkampf gespielte Sizilianische Variante nachstehend wiederzugeben, die für uns freundlicherweise
der kanarische Schachmeister Petronio Pérez Pulido


ausgesucht hat:

Rico González, Antonio – Najdorf, Miguel

Argentinien gegen Spanien über den Rundfunk 1948

(27764) Rico,A – Najdorf,Miguel [B92]

1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 a6 6.Le2 e5 7.Sb3 Le6 8.0–0 Sbd7 9.f4 Dc7


10.f5 Lc4

11. Ld3 b5 12.Le3 Le7 13.De2 Tc8 14.Tac1 0–0 15.Sd2 d5

16. Lxc4 dxc4 17.a3 b4 18. axb4 Lxb4 19.g4 Lxc3 20.bxc3 Dc6 21.Dg2 Sc5 22. Lxc5 Dxc5+ 23.Kh1 Tfd8 24.De2 h6 25.Ta1 Dd6 26.Tfd1 Dc6 27.Kg2 Td6 28.h3 Tcd8 29. Kf3 Dd7

Laut Dr. Savielly Tartakover und DuMont: “Es gibt nichts mehr zu bewirken gegen die zusammengeballten schwarzen Schwerfiguren.

30. Ke3 Ce8

“Der Beginn des verheerenden Rückzuges des Königs”.

31. Ta5 Sc7 32.Txe5 Sb5 33.Td5 Txd5 34.exd5 Sxc3 35.Df3 Sxd1+ 0–1

Andrew Soltis meint schliesslich noch zu der gesamten Partie:

“Das Spiel von Schwarz, voll raffinierter Feinheit, ist ausserordentlich logisch aufgebaut!”

Siehe Partie

Kuriositäten

Miguel Najdorf spielte bei einer sich gebenden Gelegenheit gegen den Revolutionsführer Ernesto “Che” Guevara. Die Partie endete remis (Orginalaufzeichnung im Nationalmuseum von Buenos Aires).
Miguel Najdorf erzählte aber eine andere Version, wobei es Fidel Castro gewesen sein soll, der eiligst das Remis-Angebot annahm.
“Che” akzeptierte die Gunst der Stunde nicht und spielte weiter:
“Da blieb mir nichts anderes übrig, als gegen ihn zu gewinnen.”

Miguel Najdorf

Um keine Ausrede verlegen

In einer Partie war der argentinische Großmeister Miguel Najdorf, der sich nicht nur auf dem Schachbrett als äußerst erfinderisch erwies, sondern auch in schwierigen Lebenssituationen durch unversiegbaren
Humor, Optimismus und sprühenden Geist den Kopf oben behielt, in eine wenig erbauliche Stellung geraten.
„Maestro, Sie haben doch eine Figur verloren! Wie konnte das nur geschehen?“ fragte ein enttäuschter Fan den Großmeister, als der zu einer kurzen Verschnaufpause von seinem Spieltisch aufgestanden war. „Ach, das ist weiter kein Unglück“, erwiderte Najdorf,
„Wenn ich die Partie verliere, dann war es eben ein offensichtliches Versehen, sollte ich aber noch gewinnen, führe ich das auf eine weitberechnete Kombination zurück.“

Schlussfolgerung
Miguel Najdorf war zweifellos der Vater des argentinischen Schachs. Seine klassische Haltung mit verschränkten Armen hinter seinem Rücken werden wir immer wieder vermisssen, wenn wir einem internationalen Schachturnier beiwohnen.

Ab seinem Sterbejahr 1997 bis in alle Ewigkeit wird er für uns ein Mythos bleiben.

Seine Hände sagen: „Ihr habt das noch nicht gelernt, was ich schon vergessen habe!“

Barcelona, im März 2009

2 Gedanken zu „Ein Nationalheld – Miguel Najdorf

  1. Johns Schulz

    Mit diesem Artikel ist Dir wieder ein Wurf gelungen. Sehr gut finde ich auch die selbstgemachten Fotos, weil diese von der Ernsthaftigkeit Deiner Absichten zeugen. Denn nicht jeder würde sich die Mühe und Kosten machen um dem selbst nachzugehen.

    Mit schachlichen Gruss
    Johns Schulz

    Antworten
  2. Frank Mayer Beitragsautor

    Lieber Schachfreund Schulz,
    um einen „guten“ Artikel zu schreiben, scheue ich keine eigene Kosten.
    Nochmals vielen Dank für Ihre öffentliche Anerkennung.
    Mit meinen besten schachlichen Grüssen
    Frank Mayer

    Antworten

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