Ein Rückblick auf GM Erich Eliskases

“Ein Stolz für das Schach” * 1913 + 1997

copyright prochessro.files

erarbeitet von Guillermo Soppe und Raúl Grosso –
Herausgeber des neuen Buches:

übersetzt und illustriert von Frank Mayer

Präambel:

Ein umsichtiger, bedachter Spieler mit tiefgehenden Gedanken und feinem Humor hatte eine sehr erfolreiche Laufbahn auf internationaler Ebene seit seinem 16. Lebensjahr, als er bereits in diesen frühen Jahren Schachmeister von Österreich wurde, dem Land seiner Herkunft.

1938
copyright portal.educ.ar

Berufliche Entwicklung:

Im Jahre 1939 reiste er mit der deutschen National-Mannschaft, am 1. Brett spielend, nach Argentinien und gewann mit ihr das Nationenturnier.
Wegen des Kriegsausbruches am 1. September 1939 zog er es vor, in Argentinien zu bleiben in der richtigen Annahme, dass dieser Krieg sich zu einem weltweiten Konflikt entwickeln würde.

Nach einigen Jahren Aufenthalt in Buenos Aires und Brasilien, liess er sich endgültig mit seiner zukünftigen Familie in Córdoba im Westen Argentiniens nieder.
Dort war er als begehrter Schachprofessor tätig, aufgrund seiner unerschöpflichen Kenntnisse in den in alle Richtungen gehenden Schachtherorien- und praktiken.
Als vielsprachiger Lehrer mit tiefen philosophischen und mathematischen Kenntnissen verwundert es nicht, dass er auch anders geartete Fächer zu seinem Lehrstoff machte.

Solch eine herausragende Persönlichkeit konnte nicht in der Anonymität bleiben und sein Ruf als hochqualifizierter Didakter ging weit über die Grenzen seiner neuen Heimatstadt hinaus.

1946
copyright chess-history

Sein Leben:

Erich Eliskases , geboren in Innsbruck am 15. Februar 1913, sprach 5 Sprachen: deutsch, italienisch, portugiesisch, englisch und spanisch.
“Am Beginn des Jahres 1951 hatte ich mit Julio Bolbochón das Turnier von Mar del Plata gewonnen. Die Folge davon war, dass einige führende Persönlichkeiten des Schachs aus Córdoba mich einluden, um dort im Schachzentrum ein Turnier zu spielen, das ich auch gewann.
Bedingt durch diesen erneuten Erfolg wurde ich gebeten, Lehrstunden für Schach an der städtischen Universtät zu geben. Ich lernte dort auch meine zukünftige Frau kennen und dieser Umstand war mehr als ein Anlass dafür, dass ich sesshaft wurde”, erinnert sich Erich Eliskases.

Als Sohn eines Schneiders, der sich damit den Lebensunterhalt in Innsbruck verdiente, dieser kleinen, aber für ihn grossen Stadt im Herzen der Alpen und vor mehr als 700 Jahren gegründet, lernte Erich, gefördert von seinem älteren Bruder, das tausend Jahre alte Spiel. “Aber es dauerte nicht lange, und ich gewann alle Partien.” Das Bewundernswerte war, dass Erich Eliskases keinen Schachlehrer beanspruchte, sondern sich selbst in dem Labyrinth der unzähligen Varianten und sonstigen Strategien zurechtfand.
Er brachte sich als Autodidakt das Spiel in seiner Kompliziertheit selbst bei, in dem er bekannte Partien nachspielte und sie analysierte.
“Zuerst studierte ich die in den Zeitungen niedergeschriebenen Partien und später jene, die ich Büchern entnehmen konnnte, die ich mir nach und nach anschaffte.”

Gemalt von Nicolas Sphicas
copyright chesshistory

“Während unzähliger Stunden widmete ich mich mit grossen Vergnügen dem Schachbrett”, so äusserte er sich immer wieder.
Mit einer aussergewöhnlichen Begabung gesegnet in Bezug auf das Verständnis der Schachtheorie und auch einem damit verbundenen feinen Humor in allen Lebenslagen, wurde er also schon mit 16 Jahren Landesmeister von Österreich und absoluter Sieger der Turniere in Budapest 1934, Linz 1935:

Standing: Immo Fuss, Erno Gereben, Lajos Steiner, Esra Glass, Albert Becker, Erich Eliskases, Max Gratzinger (committee)
Sitting: Josef Kolnhofer, Hans Müller, Ernst Grünfeld, Rudolf Spielmann, Siegfried Wolf, Baldur Hönlinger (arbiter)
Leopold Trebisch Memorial in 1935 (Schachklub Hietzing Wien)

Zürich, Trebitch und Scheveningen 1936 und Norwijk 1938,
wobei er gegen Capablanca, Dr. Euwe, Keres, Ragozín, Petrov gewinnen gewinnen konnte, nur um einige wichtige Namen zu nennen.

Er, der am 1. Brett für Deutschland spielte und 1939 Weltmeister im Nationenturnier wurde, hinterlässt uns seine Vision über Gary Kasparov,

copyright skitterbot.com

die Jugendlichen, die eben erst angefangen haben, und die Computer.
Bedächtig und behutsam, so als ob er ein Endpiel einer Partie analysiert, war Erich Eliskases sehr klar in seinem Ausdruck:

“Den ehemaligen Weltmeister Kasparov

kann man mit Aljechin wegen seines kunstvollen Positionsspieles vergleichen, und er war auch der Beste zu seiner Zeit; was die Jugendlichen angeht, empfehle ich, dass sie sich an Meisterpartien orientieren und diese langsam nachspielen, sie gründlich studieren und versuchen, die Geheimnisse der Position zu entdecken und je nach weiterer Entwicklung in der Spielstärke, sollten sie unbedingt gleichstarke oder noch bessere Spieler als Gegner suchen und nicht auf den schnellen Erfolg blicken.
Also in der Synthese: Theorie und Praxis”.

„Bezüglich der Computer”, so stellte er letztlich fest, “würde es mich ausserordentlich schmerzen, dass der Mensch gegenüber den Maschinen seinen Wert verliert.
Wenn das menschliche Talent nicht mehr notwendig wird, dann verliert für mich das Schach seinen ganzen Wert.”

Nun stellen wir einer seiner spektakulärsten Partien aus dem Jahre 1957 wie folgt vor:

1957
copyright notichess.ar

Weiss: Redolfi, Argentina Rodolfo
Schwarz: Eliskases, Erich Gottlieb
Quelle: ChessBase

San Nicolas San Nicolas (1), 1957

1.e4 e6 2.d4 d5 3. Sc3 Lb4 4.e5 c5 5. a3 Lxc3+ 6. bxc3 Se7 7. Ld3
(nicht so gut wie andere Fortsetzungen z.B. 7. a4, 7. Sf3, 7. Dg4)
Da5 8. Ld2 Da4 9. Sf3 b6 10. Sg5 h6 11. Dh5
(Auch wenn man diesen frühen Angriff nicht unbedingt als richtig bezeichnet, stellt dieser aber für den Nachziehenden höchste Genauigkeit und Kaltblütigkeit dar, um eine Widerlegung zu finden.)

g6 12. Dh4 Sd7 13.c4 La6 14.cxd5 Lxd3 15.cxd3 Sf5 16. De4 Dxd4

          17. dxe6 (Dieses doppelte Turmopfer ist erzwungen angesichts der anstehenden Drohungen.)

Dxa1+

18. Ke2 Sd4+ 19. Ke3 Dxh1

(Jetzt gibt Schwarz seine beiden Türme her.)

20. Dxa8+ Ke7

21. Dxh8 Dxg2
(Die Situation klärt sich und Redolfi hat keine Rettung mehr)

22. exd7 (22. Dg7 Dxg5+ 23. f4 Dg1+ 24. Ke4 Dg2+ 25. Ke3 Sc2#)

Dxg5+ 23.f4 (23. Ke4 Dg2+ 24. Ke3 Df3#)

Dg1+ (und das Matt ist nicht mehr zu verhindern.) 0–1

Endstellung

Siehe Partie:

Nach dieser Partie kann kein Zweifel mehr über das geniale Spiel von Eliskases bestehen.

Am Schluss geben wir Ihnen aber noch einige Überlegungen von
Erich Eliskases bekannt, die er gegenüber einem Journalisten äusserte auf die Frage: “Was ist das Schach?”

“Wenn es Aljechin spielt, dann ist es Kunst;
wenn es Capablanca spielt, ist es Wissenschaft;
wenn es Lasker spielt, ist es Philosophie und
wenn es ein Amateur spielt, ist es ein Spiel.”

Barcelona, im April 2009

P.S. Es wäre wünschenswert, wenn sich bald ein deutscher Verlag für dieses vorgenannte aufschlussreiche Buch im mittelgrossen Format zur Freude aller Schachanhänger interessieren würde. Zumindest hat mich die spanische Auflage begeistert.

3 Gedanken zu „Ein Rückblick auf GM Erich Eliskases

  1. Frank Mayer Beitragsautor

    RE: „Ein Rückblick auf GM Erich Eliskases“

    ——————————————————————————–
    Den interessanten Artikel habe ich gelesen. Das abgebildete Gemälde von Nicolas Sphicas gefällt mir gut.

    Vielleicht kann ich mich hier noch einreihen:

    “Was ist das Schach?”

    “Wenn es Aljechin spielt, dann ist es Kunst;
    wenn es Capablanca spielt, ist es Wissenschaft;
    wenn es Lasker spielt, ist es Philosophie und
    wenn es ein Amateur spielt, ist es ein Spiel.”

    und …
    wenn es Höfer (gut) spielt, ist es Kultur 😉 !

    __________________

    Antworten
  2. Santer

    Die fällige Würdigung für einen interessanten Schachspieler, den die Zeiten des Krieges zu wenig haben zur Geltung kommen lassen.

    Nur, warum spricht der 1997 verstorbene Eliskases vom „ehemaligen“ Weltmeister Kasparow?

    Antworten
  3. Frank Mayer Beitragsautor

    Lieber Schachfreund Santer,
    vielen Dank für den liebenswürdigen Kommentar.
    Die Bemerkung über Kasparov „als ehemaliger Weltmeister“ habe ich so übernommen, wie die Herausgeber des neuen Buches angegeben haben.
    Vielleicht ist das eine Frage der FIDE-Interpretierung, da die beiden Schriftsteller der FIDE recht nahestehen?
    Mehr kann ich dazu auch nicht sagen.
    Frank Mayer

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.