Ein unbekannter Brief Capablancas

(Erweiterte Ausgabe)
(Der Briefinhalt ist wieder aufgetaucht, nachdem er unerklärlicherweise in Berliner Archiven verschwunden war.)
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von Frank Mayer, Sitges (Barcelona)
Vorgeschichte:

Als José Raúl Capablanca das Internationale Superturnier mit den 15 besten Spielern der Welt
(gegen den ausdrücklichen Willen von Aaron Nimzowitsch, “um nicht das Spielniveau herabzusetzen”, aber Frank Marshall setzte seine Argumente durch und erreichte Capablancas Teilnahme)

im Frühjahr 1911 in San Sebastian (Nordspanien)

Gran Casino de San Sebastian 1911 – Turniergebäude
José Raúl Capablanca mit 22 Jahren
(copyright bidmonfa)

Fotos einiger Teilnehmer:

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vor Rubinstein und Vidmar gewann, allerdings ohne Teilnahme von Dr. Emanuel Lasker, erklärte sich Capablanca als rechtmässiger Anwärter zum Weltmeisterschaftskampf gegen Dr. Emanuel Lasker.


Sowohl diese Verhandlungen als auch die folgenden mit Akiva Rubinstein über ein match scheiterten.
Dr. Lasker stellte insgesamt 17 verschiedene Forderungen auf, die Capablanca nicht erfüllen konnte. Insbesondere verlangte Dr. Lasker einen hohen Wettkampfeinsatz, den sein Herausforderer nicht aufbringen konnte.
Ausserdem unternahm Dr. Lasker auch den Versuch, für die Partien seiner Wettkämpfe die Urheberschaft zu beanspruchen und sich das alleinige Publikationsrecht vorzubehalten; konnte dies aber nie durchsetzen.

Daraufhin schrieb etwas später José Raúl Capablanca goodyear allegra

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an Rolando Illa (Freund und 8-facher argentinischer Meister der damaligen Zeit) einen neulich gefundenen Brief vom 26. Januar 1912, dessen Kopie freundlicherweise von der Enkeltochter Illas dem Architekten Roberto Pagura, Buenos Aires zur Verfügung gestellt wurde:

Übersetzung:

Brief Capablanca an Rolando Illa vom 26. Januar 1912

Geschätzter Freund,
gerade habe ich vor mir Ihren Brief vom 6. Dezember 1911 und sehe mit Vergnügen, das [Klima], was wir hier im März, danach in New York im April und Mai haben.
Ich werde von Kuba aus im März abreisen und im Mai in New York sein, sodass wir uns wahrscheinlich dort sehen werden.

Bezüglich Dr. Lasker scheint es, dass er Bammel hat, so wie wir zu sagen pflegen, oder wie die Mexikaner sagen “Der Mann kneift”; aber sehen wir mal, ob es irgendwie möglich ist, dieses berühmte match zu spielen.
Ich kann mir schon vorstellen, wie sich Ihr (oder sein) Freund Lynch fühlt, aber ich muss Ihnen die Augen öffnen, mit der Ausnahme von Molina, Coria und Martínez und sonst noch einigen, aber dort gibt es viele schmutzige Kerle (die Orginalübersetzung möchten wir dem geneigten Leser ersparen).

Ich bedaure das, was vorgefallen ist, obwohl es eigentlich zu erwarten war.

Sagen Sie Don José Pérez Mendoza, dass er das Geld beschaffen soll und mit dem Geld in der Hand, ist es sehr gut möglich, dass Lasker keinen Ausweg mehr findet und sich verpflichtet sieht zu spielen und, wenn er [wirklich] gegen mich spielen will, wird das Turnier auf jeden Fall hochinteressant sein.
Wenn es dann zu dem Wettkampf kommt, vergessen sie nicht, mich als Turnierleiter zu benennen, da ich das kann und weiss, wie man so etwas gestaltet, und ehe man das einem anderen überträgt, soll man mir [den Posten] übertragen.
Sagen Sie ihm, dass ich verschiedene Male an ihn geschrieben habe und warte immer noch darauf, etwas von ihm zu hören.
Viele Gruesse an Ihre Schwester, Molina, Coria, López Martínez und die sonstigen Freunde; somit verbleibe ich in der Hoffnung, Sie bald zu sehen.
Ihr Freund und stets zu Ihren Diensten
José Raúl Capablanca
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Anmerkung:
Dieser Brief erscheint uns als burschikos, heftig und auch etwas arrogant.
Aber bedenken Sie, liebe Schachfreunde, dass Capablanca mit seinen 23 Jahren schon ein aufgehender und strahlender Stern in der Schachwelt war und dem auch solche Worte zu verzeihen sind.
Erinnern wir uns an die Neuzeit: Was fuer flotte Sprüche gaben doch die jungen Tal und Kasparov von sich, ganz zu schweigen von Bobby Fischer !

Im April/Mai 1914 fand in St. Petersburg eines der bedeutensten Turniere in der Schachgeschichte statt.


St. Petersburg 1914 – copyright chessbase

Capablanca erreichte im allgemeinen Turnier einen Vorsprung von 1,5 Punkten gegenüber Dr. Lasker.
Der amtierende Weltmeister in Hochform machte im Turnier der Sieger der besten fünf Spieler jedoch den Rückstand wieder wett, besiegte Capablanca und ging vor ihm ins Ziel:


St. Petersburg 1914 Capablanca – Dr. Lasker
copyright endgame.nl

Durch den verheerenden Ausgang des Ersten Weltkrieges verlor Dr. Lasker sein in Kriegsanleihen investiertes Vermögen. Lasker hatte sich, wie viele deutsche Juden, patriotisch gezeigt und sogar 1916 eine Broschüre mit dem Titel
“Die Selbsttäuschungen unserer Feinde” veröffentlicht, in der er die Kriegsgegner Deutschlands kritisierte.

Ein erneuter Versuch Capablancas, mit Lasker um die Weltmeisterschaft zu spielen, scheiterte zunächst 1920 aus finanziellen Gründen.

Der bereits 53-jährige Lasker war ausserdem bereit, aufgrund seiner damals stark beeinträchtigten Gesundheit, freiwillig auf den Titel zu verzichten und ihn an den 33-jährigen Capablanca zu übergeben.

Neuerliche Anstrengungen erlaubten dann aber doch die Ausrichtung eines Wettkampfes vom 15. März bis zum 28. April 1921 im Casino von La Habana (Kuba):


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Dr. Lasker, der sich einem ungewöhnlich tropischen Klima ausgesetzt sah, gab den Wettkampf nach 14 Partien beim Stand von 5 : 9 (+0-4=10) auf.

Auch ein Versuch Laskers, den Wettkampf in einem gemässigteren Klima wie in Philadelphia oder New York fortzusetzen, wurde abgelehnt.

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Dr. Emanuel Lasker war somit fast 27 Jahre Schachweltmeister.

Er kehrte unverzüglich nach Europa zurück und begab sich in ärztliche Pflege.
Bevor allerdings seine Gesundheit wieder völlig hergestellt war, vergingen viele Monate.
Einige Jahre später jedoch wurden Lasker und Capablanca gute Freunde.
Siehe nachstehendes Bild aus einem Wettkampf:


1923 Capablanca – Dr. Lasker ½ : ½
copyright ccx.org.br

Letztlich stellen wir den geneigten Lesern sogar die Abbildungen zweier russicher Medaillen vor, die beide Spieler zeigen

Dr. Emanuel Lasker
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José Raúl Capablanca
copyright metajedrez.com.ar

Diese Medaillen wurden von den Organisatoren für die treue Teilnahme der beiden Ausnahmespieler an den Moskauer und St. Petersburger Turnieren angefertigt und als Zeichen ihrer Freundschaft gewertet, die bis an das Ende ihrer Leben 1941 bzw. 1942 dauerte.

Quellen: Arqto. Roberto Pagura (Nuestro Círculo)
Wikipedia.org

Barcelona, Februar 2009

3 Gedanken zu „Ein unbekannter Brief Capablancas

  1. Robert Mitzel

    Dear chessfriend,I read with great pleasure your Chessnews.Thank you for your excellent work

  2. Frank Mayer Beitragsautor

    Lieber Schachfreund Robert Mitzel,
    vielen Dank fuer Ihre liebenswürdigen Zeilen und das sehr nette Lob. Schauen Sie ruhig jede Woche einmal in meine Website, es kommen noch mehrere Artikel in Kürze.
    Mit den besten schachlichen Gruessen
    Frank Mayer aus Sitges (Barcelona)

  3. ernes

    Haben sie der Brief auf Spanisch in lesbarer form:
    Nachstehend der spanische Text mit Schreibmaschinentext:

    Santa Lucía, enero 26 de 1912
    Sr. Rolando Illa.

    Estimado amigo:

    Tengo a la vista su carta fecha 6 de diciembre de 1911 y veo con gusto que lo tendremos por aquí en marzo y después en New York en abril y mayo.

    Yo saldré de Cuba en marzo y estaré en New York para mayo, así que muy probablemente nos veremos por allá.

    En cuanto al Dr. Lasker, él parece tener mieditis como si dijéramos, o como dicen los mexicanos, el hombre se ha rajado, pero veremos al fin si hay manera de jugar ese match famoso.

    Ya supongo cómo estará su amigo Lynch, pero usted desengáñese que con excepción hecha de Molina, Coria y Martínez y algún otro, ahí hay mucho puerco.

    Siento lo que le ha sucedido, aunque era de esperarse. Dígale a Don José Pérez Mendoza que busque la plata que con la plata en la mano es muy posible que Lasker no tenga por donde salir y se vea obligado a jugar y que si me quiere jugar Lasker que el torneo sería muy interesante de todos modos.

    Que si hay torneo no se olvide de que debe nombrarme a mí director del mismo, que yo puedo y sé hacerlo y que creo que antes de dárselo a otro debe dármelo a mí. Dígale que yo le he escrito varias veces y que estoy esperando saber algo de él.

    Muchos recuerdos a su hermano, Molina, Coria, López Martínez y demás amigos y espera tener pronto el gusto de verlo su afmo. amigo y seguro servidor

    José Raúl Capablanca

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