Eine Debatte im Paradies

stift-kultur II pgn.80.122.23.20

übertragen und illustriert von Frank Mayer
courtesy Arqto. Roberto Pagura, Buenos Aires
(Nuestro Círculo y ajedrezencolumbia.com/frey)

Hiermit erlauben wir uns, Euch lieben Schachfreunden, die
verschiedenen Ansichten und Meinungen der grossen Meister
der Vergangenheit anlässlich der Debatte DCCXXIV über das
Schach im Paradies “wortgetreu” wiederzugeben.
Als Präsident und Moderator fungierte Wilhelm Steinitz

gezeichnet von Pedja Trajkovic

und als Mitglieder des Altenrates sassen die Meister Bilguer,
Greco
und Damiano bei.

Steinitz: Hiermit eröffne ich die Plenarsitzung.

Unser Ziel ist es, das Wesen des Schachs zu ergründen.

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Was ist das Schach? Was ist seine Wahrheit?

Philidor: Das sind die Bauern! Sie sind die Seele des Spieles.
Anderssen: Das stimmt nicht! Also ich verschenke sie alle mit
meinen Gambitspielen. Die wirkliche Kunst des Schachs liegt in
den Kombinationen.
Morphy: …..die in unseren Begegnungen durch Abwesenheit
glänzten. Die Beherrschung des Zentrums ist der Beginn der
Wahrheit.
Blackburne: Das Schach ist eine Kunst. Ich suche immer den
künstlerischen Wert in meinen Partien.
Pillsbury: Aber selten ist er Dir gelungen, nicht wahr?
Nimzowitsch: Diese alten Starrköpfe mit ihren
prähistorischen Vorstellungen. Habt Ihr denn immer noch nicht

das Buch “Mein System” gelesen?

Staunton: Herr Präsident, Herr Präsident, ich protestiere!
Dieser seltsame Herr “Profilaxis Preventiva” verunglimpft uns
wieder. Wielange müssen wir seine Ungehörigkeiten noch
ertragen?
Lasker: Also so kommen wir nicht weiter! Herr Präsident,
ich schlage vor, dass Capablanca, Aljechin und ich

uns in einer vertraulichen Sitzung beraten und die Frage lösen.
Nicht umsonst sind wir “Die Drei Grossen”.
Rubinstein: Ganz klar! Nie wolltest Du mit mir ein “match”
spielen.
Maroczy: Ich hätte Dich nicht mal einen Monat als mein
Gegenüber ertragen können mit dem Rauchen Deiner starken
Zigarren, wobei Du die Asche überallhin verstreut hast, ob nun
auf das Schachbrett oder auf den Anzug Deines Gegners.
Steinitz: Meine Herren, die persönlichen Anzüglichkeiten sind
nicht erlaubt. Das nächste Mal wird der Zuwiderhandelnde
aufgefordert, den Plenarsaal zu verlassen.
Morphy: (lacht) Wer wird das wohl sein? Wer wohl?
Tarrasch: Wir Ihr alle wisst, war ich während langer, langer
Jahre der Theoretiker Nummer 1 im Schach

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und entwickelte viele Theorien wie die der zwei Läufer….
Tschigorin: Was habt Ihr nun gegen meine Theorie und
praktische Erfahrung mit 2 Springern?
(Tarrasch schweigt) …..und das Bauernzentrum?
Nimzowitsch: Ich bin dagegen, was Sie lehren, Herr Dr.
Tarrasch. Sie sind ein sturer Mensch! Jetzt wollen Sie uns noch
weismachen, dass der vereinzelte Damenbauer eine
dynamische Kraft darstellt.
Ach was! Alles Quatsch!
Marshall: Herr Dr. Tarrasch hat das so nicht gesagt!
Nimzowitsch: (fürchterlich erregt): Nein! Aber er droht es zu
tun!
Lasker: Herrn Dr. Tarrasch fehlt die Leidenschaft, die das Blut
in Wallung bringt.
Tarrasch: Für Sie, Herr Lasker, habe ich nur zwei Worte:
Schach und matt!

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Sämisch: Ich habe langsam den Eindruck, dass wir dem
psychologischen Aspekt des Schachs nicht die notwendige
Bedeutung beimessen.
Ich erinnere mich an einen Tag, als man in mein Hotelzimmer
kam, um eine offene Rechnung zu kassieren. Ich zahlte und
unmittelbar darauf fragte ich Aljechin, ob man auch bei ihm
kassiert habe.
“Ja”, antwortete er mir, “und trieb dann den Kellner mit
Fusstritten aus meinem Zimmer”.
Seit jenem Tag wusste ich, dass ich niemals Weltmeister werden
würde.
Capablanca: Seitdem Aljechin seine Satelitten hat…..

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Réti: Um ehrlich zu sein, wären wir nicht ganz wenige, die auf
das hypermoderne Schach setzen.
Steinitz: Meine Herren, unsere Entscheidung muss einstimmig
sein.
Tarrasch: Eine Sache ist ganz sicher: Man muss die Menschen
bedauern, die nicht Schach spielen, weil das Schach wie die
Liebe und die Musik, die Tugend hat, den Menschen glücklich zu
machen.
Lasker: Ach, ja! An dem Tag, als ich während des Pariser
Turnieres im Jahre 1900 gegen Tschigorin spielte, beugte sich
ein ziemlich angetrunkener Besucher weit über unser
Schachbrett und schrie in die Menge der Anwesenden, dass
dieses Zusammentreffen von vollkommen unnützlichen
Menschen eine absolute Schande für Paris sei, zumal gerade die
internationale Messe zur Darstellung der menschlichen
Fortschritte stattfände:

“Soll es etwa so sein (wobei er auf unsere Spieltische zeigte),
dass man jene Teilnehmer als Beispiel dieses Fortschrittes
präsentiert?”
Janowsky: Das war sicher kein glücklicher Mensch.
Für mich besteht das einzige Interesse im Mittelspiel, das auf
einen Königsangriff zielt.
Tartakower: Wer den vorletzten Fehler begeht, gewinnt die
Partie.
Stein: Ich habe mich in der sowjetischen Schachschule
entwickelt, die ein sehr wissenschaftliches Konzept lehrte. In
der letzten Zeit ordnet man “unten” dasjenige Spiel mit
bekannten Berichterstattern und wandelnden Lexika ein.
Ausserdem, die Computer……

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Capablanca: Das ist der Tod des Schachs! Bald konzentriert
sich alles in Büchern und auf perfekt spielende Maschinen.
Ragozin: (sehr erregt) Dasselbe haben Sie schon vor 50 Jahren
gesagt!
Kmoch: Herr Capablanca, ich habe ein hübsches Endspiel für
Sie.
Réti: Zeig’ ihm das nur nicht. Capablanca löst Deine Stellung
schon vorher, ehe Du mit dem Aufstellen aller Figuren fertig
bist.
Aljechin: “Wer ist der Witzbold, der das Schach als “Spiel”
bezeichnet?”
Spielmann: Vielleicht sollten wir damit anfangen zu
definieren, was das Schach nicht ist.
Keres: Das ist weder ein Mädchenhandel noch ein heilloses
Durcheinander.
Steinitz: “Raus mit ihm! Sieben Partien mit Petrosjan als
Strafe!”
Rubinstein: Es gibt bei zehn Mordfällen nicht soviele
Mysterien

Gemalt von Regina-Rau.de

wie bei einer Schachpartie.

Bogoljubov: Nicht für mich. Mit Weiss, weil ich die weissen Steine führe. Mit Schwarz, weil ich der grossartige Bogoljubov bin.
Aljechin: Irgendwann einmal mussten die Menschen
Halbgötter gewesen sein, denn sonst hätten sie das Schach
nicht erfunden.
Vidmar: Da wir gerade von Halbgöttern sprechen, die
Wahrheit ist, dass dieser Bobby Fischer …….

gezeichnet von Pedja Trajkovic

Aljechin: Was stört mich das! Ich sage mal…., dass ich ihn zu
Kreidepulver machen würde!
Sämisch: Aljechin kann das. Wir versuchen es nur.
Kmoch: Also, Capablanca hat einen Sinn für Schach bis in die
Fingerspitzen.
Ruy López : Nun, immer die Eitelkeiten dieser Jugendlichen,

immer diese Eitelkeit!

La Bourdonnais: Deswegen hast Du doch Deine Eröffnung
“Ruy López” genannt, nicht wahr?
Tartakower: Wenn das Schach zu Kampf wird, dann ist
Lasker der Beste; wenn Schach zur Wissenschaft wird, dann ist
Capablanca der Beste, wenn Schach zur Kunst wird, dann ist
Aljechin der Beste.
Carlos Torre: In meinem Land Mexiko

copyright rseonline.com

sagte einmal ein Grossmeister:

“Das Schach ist Sport, Kunst und Wissenschaft. Wenn man Zug
um Zug analysiert, ist die Partie eine Wissenschaft; im Ganzen
gesehen ist sie ein Kunstwerk; auf dem Niveau des
Wettbewerbes ist sie ein Sport.”

Philidor: Meine Bauern…
Tschigorin: Zum Teufel…! Entschuldigung…..ich wollte sagen
“Meine Springer!”
Tarrasch: Das Läuferpaar!
Nimzowitsch: Die “Profilaxis preventiva!”
Aljechin: Der Angriff!
Maroczy: Die Verteidigung!
Znosko-Borovsky: Der Plan!
Lasker: Der Kampf!

von Dr. Emanuel Lasker
(Publikation Lasker-Gesellschaft, Berlin)

Stein: Die Initiative!
Réti: Die Probleme!
Marshall: Die Hinterhalte!
Kmoch: Das Duo!
Steinitz: (angesteckt) Die Strategie!
Rubinstein: Die Endspiele!
Capablanca: Die Vereinfachung!
Anderssen: Die Kombination!
Morphy: Die Entwicklung!
Janowsky: Das Schachmatt!
Plötzlich vernimmt man einen Donner, gefolgt von Blitzen und
Feuer.

Steinitz: Alle raus! Es ist Gott, und ich werde ihm einen
Bauern als Vorsprung geben!

copyright pfalzline.de

Barcelona, Januar 2009

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