Eine geniale Idee

Gemalt von Nicolas Sphicas – copyright chess-theory


von NM Hebert Pérez García, Holland

übersetzt, angepasst und illustriert von Frank Mayer

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Vor einigen Jahren entdeckte ich, dass das “romantische” Manöver des Meisters Richard Teichmann ,

Richard Teichmann * 1868 + 1925
copyright pl.org.wikipedia

mit dem er seinen König in die Nähe seines Partners brachte, um beim Mattsetzen zu helfen, nicht möglich war, ohne dass der Gegenspieler einen entsprechenden Fehler beging.
Es handelte sich hierbei um eine Art “Zusammenarbeit” wie bei einem Hilfsmatt.

copyright Elke Rehder

Nach verschiedenseitigen Analysen – auch mit entsprechenden Programmen – konnte ich mir ein besseres Bild machen und fand den von diversen Veröffentlichungen als eine “geniale Idee” von Teichmann bezeichneten Spielablauf und dessen Kombinationen sogar teilweise bestaetigt.

Normalerweise analysieren die Kommentatoren nicht die Schlüsselstellung, sondern beschränken sich fast ausschliesslich auf Lobgesänge hervorragender Zugfolgen und des Siegers der Partie.

Dass es solche wunderbare Beispiele (Züge) gibt, liegt vielleicht auch einfach daran, dass niemand sich mehr damit beschäftigt, ob es in der Tat doch noch andere Meinungen oder sogar Widerlegungen gibt.
Wir glauben, dass eine Richtigstellung nicht den Glanz der Kombinationen schmälert.

Inspiration – brillante Idee
copyright Elke Rehder

Somit sollten wir konstruktiv an die Sache herangehen.

In dem von uns zitierten konkreten Fall stellen wir fest, dass zwei Veröffentlichungen “versehentlich” vermeiden, die taktischen Fehler in der Partie zu erwähnen.

Richard Teichmann – Consultans

Glasgow 1902 – Vorführpartie

Weiss zieht an

und hat einen entscheidenen Positionsvorteil.
Taktisch sieht man das Vorhergesagte, in dem man folgende Variante spielt:
1. De6+ Kh7 2. Dxd5 Lxd5 3. Td2 Lg8 4. Kf2 h5 5. g4 Kh6 6. Kf3+- usw.

In der Partie zog Teichmann 1. Kh2 mit der Absicht, seinen König bis zum Feld “g6” zu bringen, um einen Mattangriff zu unterstützen.
“Auf den ersten Blick sieht es aus, als ob dieser Gedanke völlig daneben liegt, ohne jegliche Aussichten auf Erfolg.
Aber wie sich danach herausstellt, hat Schwarz offensichtlich Schwierigkeiten, dem vorzubauen”, kommentierte der israelische Meister Amatzia Avni in seinem Lehrbuch “Creative Chess”, Pergamon Chess 1991, Seite 21.

1…..b5?! ein schlechter Zug, der einen Bauern kostet.

Bauernverlust
coyright Elke Rehder

(z. B. 2. De6+! Kh7, 3. Dxd5 Lxd5 4. Sxb5 + – .
Die Stellung ist unbequem für Schwarz; sogar die Schachprogramme haben keine überzeugenden Vorschläge.
Sehen wir uns doch einmal eine dieser Empfehlungen an:
1. …h5 2. De6+ Kh7 3. Dxd5 Lxd5 4. Td2 Lg8 5. Kg3 +-)

2. Kg3 ?!

(Überraschenderweise spricht GM Mark Dvoretsky (in seiner Analyse des Buches Dvoretsky / Yusupov “Training For The Tournamente Player”, Seite 21) diesem wichtigen Zug seine Bewunderung innerhalb des Planes von Teichmann aus.
Allerdings ist das ganze Projekt nicht durchführbar. Wenn Schwarz mit dem nächsten Zug 2….Dd3+! antwortet, sähe er sich verpflichtet, Kf2 etc. zu ziehen. (Weniger günstig wäre 3. Te3 Dd2; oder Kh4 Kh7! 4. Te3 Dd2 5. g3 Td8!)
Für Weiss wäre die prosaische Fortsetzung 2. De6+! Kh7 3. Dxd5 Lxd5 4. Sxb5+- usw. besser gewesen, aber die von Teichmann vermutbare Absicht hätte man dann nie kennengelernt.)

2…..a5? Dieser neue Fehler erleichtert die “geniale Idee” des Weissen. Die Kommentatoren haben sich bisher dazu nicht geäussert.

3. Kh4! Jetzt sieht man schon langsam den Sieg von Weiss.

3…..g6
(Auch war 3…..Dc5 4. g4 g6 5. Sc8! Dd5 6. fxg6 Dg5+ 7. Kg3 Dxg6 8. De6+ Kh7 9. Dxc6 Dd3+ 10. Kf2+- nicht ausreichend.)

4. Te3 Der Kollege Dvoretsky begleitet den Turmzug mit grosser Bewunderung.
Wenn man jedoch genau hinsieht, ist die Variante 4. Dc7! gxf5 5. Sc8! Df7 6. Se7+ (6. Dxc6 Dg7 7. Se7+ Kh8 8. g4 f4 9. Dd5 +- bzw. Dc5) genauer.

4. ….Dxg2?

Ein entscheidender Fehler in einer sehr prekären Lage. Natürlich war die Variante 4…b4 5. Tg3 g5+ 6. Kh5 De5 7. Dxe5 fxe5 8. Kg6 Ld5 9. Te3 +- mit Riesenvorteil für Weiss wenig attraktiv.

5. Tg3 Der Vorhang fällt. Weiss gewinnt nun auf brillante Weise.
5…..Df2
6. fxg6 Df4+
7. Tg4 Df2+
8. Rh5
und Schwarz gibt auf:

Endstellung

Ich will durchaus nicht meine Begeisterung über den glänzenden Ausgang verbergen. Die Partie war lehrreich und ist es wert, dass wir uns noch lange daran erinnern.

Ich wünsche anderen Schachspielern mit einem ähnlichen Gedankengut viel Glück bei gleichgelagerten Stellungen und Eingebungen.
Das praktische Modell Teichmann sollte Schule machen und auch weiterhin diskutiert werden, obwohl wir hierzu sagen müssen:

„Es ist nicht alles Gold, was glänzt!”

copyright members.aon.at/hepp.art

Abschliessend bitte ich, dass sich die Anhänger des “romantischen” Schachs nicht durch meinen Analyse-Beitrag betroffen fühlen.

Barcelona, im März 2009

2 Gedanken zu „Eine geniale Idee

  1. Frank Mayer Beitragsautor

    Lieber Schachfreund Fred Volkers,
    persönlich finde ich die Philosophie des Nationalen Meisters aus Argentinien ebenso zutreffend.
    Ist es nicht herrlich und eigentlich ein Geschenk des Himmels, wenn man im romantischen Schachstil, der – nach meiner Auffassung – bis zu den Zeiten von Capablanca reichte – eine Partie entwickeln und zur Krönung bringen kann, auch wenn der Gegner da „ein bisschen“ dazu beisteuert?
    Mit meinen besten schachlichen Grüssen
    Frank Mayer aus Sitges (Barcelona)

    Antworten

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