Gespür für Schnee und Gefahr

Fräulein Smillas Gespür für Schnee

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Ein Bestseller von Peter Hoeg, Dänemark


      * 1957

von Frank Mayer, Sitges (Barcelona)

Handlung

Die Hauptperson ist Smilla Jaspersen, die Tochter einer Inuit und eines dänischen Arztes. Die arbeitslose Wissenschaftlerin lebt in Kopenhagen, wo sie nur sehr schwer mit der europäischen Kultur zurechtkommt. Als ein Inuit-Junge in ihrem Wohnblock vom Dach stürzt und stirbt, erkennt sie aus den Spuren im Schnee als einzige Person, dass dieser Sturz kein Unglück, sondern ein Verbrechen war. Getrieben von ihrer Trauer begibt sie sich auf die Suche nach Beweismaterial und gerät dabei immer selbst wieder in Gefahr. Der Roman ist in drei Teile: „die Stadt“, „das Meer“ und „das Eis“ gegliedert und wird aus der Perspektive von Smilla Jaspersen erzählt. Smilla Jaspersen interessiert sich vornehmlich für die Spuren im Schnee, eine Eigenschaft, der auch der Titel Rechnung trägt.
Smilla entwickelt zuerst das Gespür für Schnee und stellt dann letztlich fest, dass der Junge keine so tiefe Spuren im Schnee hinterlassen hat, so als ob er bis an den Rand des Daches gegangen sei; vielmehr sind es leichte Eindrücke im Schnee, die darauf hinweisen, dass er gelaufen und vor einem Verfolger geflohen ist.
Die Fähigkeit, eine mögliche Unregelmässigkeit oder eine nahende Gefahr zu spüren, ist eine Gabe, die ganz wenige Personen auszeichnet.

Versuch einer bildlichen Darstellung:

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Um zu verstehen, was ein Gespürsinn ist und daran zu denken, unter welchen Umständen wir ihn in unserem beruflichen oder privaten Leben nutzen können, müssen wir erst einmal nachforschen, wie dieser Gespürsinn von Natur aus gestaltet ist.
Wie funktioniert der Gespürsinn?

 
Das Gespür oder, wenn wir es etwas anders ausdrücken wollen, „der 6. Sinn“, ebenso wie die Wahrnehmung des Geschmackes, sind einerseits eine Hirnreaktion auf Empfindung und andererseits ein chemischer Vorgang. Man nennt so diese Empfindungssinne oder chemische Empfindungen, weil diese Verbindungen die Umgebung der betreffenden Person wahrnehmen.


Verbindungen copyright schachbilderwelten.de

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Botvínniks Gespür für Gefahr

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Nach diesem kleinen Umweg kommen wir auf den berühmten Satz von Mikhail Botvínnik zurück, den er nach dem Revanchekampf gegen Mikhail Tail 1961 wie folgt formulierte:

 

„Sowohl meine natürliche Begabung als auch die unermessliche Arbeit haben mir die Fähigkeit geschenkt, ein Gespür für die Gefahr in noch so ruhigen und unkomplizierten Stellungen zu entwickeln“.

Mijaíl Moiséyevich Botvínnik – auch Mikhail Botvínnik geschrieben
(17 August 1911 – 5. Mai 1995) war ein sowjetischer Schachspieler, mehrmaliger Weltmeister zwischen 1948 und 1963.

Botvínnik 1927 Botvínnik 1960 in Leipzig – Foto Chessbase

Mikhail Botvínnik wurde in Leningrad geboren und fing an bekannt zu werden, als er den Weltmeister José Raúl Capablanca bei einer Simultanvorstelung besiegte.
Er machte überraschend schnelle Fortschritte und mit 20 Jahren (1931) war er bereits sowjetischer Meister, als er die Meisterschaft der Sowjet-Republiken gewann. Er wiederholte diese Siege 1933, 1939, 1941, 1945 und 1952.
Bereits mit 24 Jahren gehörte Botvínnik aufgrund seiner Leistungen zu der Weltelite, wobei er die wichtigsten Turniere der damaligen Zeit für sich entscheiden konnte.
Er wurde Sieger (zusammen mit Salo Flohr) in Moskau 1935, vor Emanuel Lasker und Capablanca. Er gewann (zusammen mit Capablanca) das Turnier 1936 in Nottingham und wurde Dritter (hinter Reuben Fine und Paul Keres) anlässlich des hoch angesehenen AVRO-Turnieres 1938, an dem die 8 besten Spieler der Welt jener Zeit teilnahmen.

Botvínnik setzte seine Erfolge fort und wurde 1948 Weltmeister.
(Ein Titel, der unbesetzt blieb nach dem rätselhaften Ableben des damaligen Weltmeisters Alexander Aljechin am 24. März 1946 in Estoril – Portugal.)

Botvínnik verteidigte erfolgreich seinen Titel in den Jahren 1951 und 1954 gegen David Bronstein und Wassily Smyslow, wobei er beide Male die Weltmeisterschaftskämpfe mit 12 zu 12 Punkten beenden konnte; also Weltmeister blieb nach den damaligen Regeln.

Er verlor allerdings 1957 gegen Smyslow 12,5 zu 10,5, aber bei dem Revanchematch 1958 setzte er sich mit 12,5 zu 11,5 wieder durch.

Gegen Mijaíl Tal wiederholte sich die Geschichte: er verlor 1960 (12,5 zu 8,5), aber holte sich 1961 den Titel wieder mit dem Ergebnis (13 zu 8 ) zurück.

Allerding verlor er 1963 gegen Tigran Petrosjan – das fortgeschrittene Alter zollte seinen Tribut – und dieser Verlust der WM-Krone war auch das Ende seiner Vorherrschaft im Schach, zumal die FIDE das Recht auf eine Revanchebegegnung abgeschafft hatte.
Sein Stil war im Wesentlichen positionell, wozu noch eine ausgeprägte Neigung zu einer unglaublichen Arbeitsleistung und Anlaysetätigkeit kamen.
Diese Tugenden trugen dazu bei, dass er sich solange auf höchstem Niveu halten konnte.
Etwas überrascht schon, dass Botvínnik nicht als der beste Spieler aller Zeiten betrachtet wird, denn seine Erfolge waren schon beachtlich, zumal seine wichtigsten Gegner wie Paul Keres, David Bronstein, Wassily Smyslow, Mikhail Tal und Tigran Petrosjan erstklassige Spieler mit Anerkennung in der ganzen Schachwelt waren.

Eigentlich schon ab 1960 zog sich Botvínnik langsam von dem Tunierspiel zurück und widmete sich der Entwicklung von Schachprogrammen und auch, um mit jüngeren Spielern zusammenzuarbeiten.
Die späteren Weltmeister wie Anatoli Karpov und Gari Kasparov gingen lange Jahre in seine gegründete Schachschule für Spitzenspieler.
(Quelle: Wikipedia.org)

Als Beweis der vorbeschriebenen Aussagen, einschliesslich der Bestätigung “Wie sich doch die Geschichten im Leben wiederholen – in dem einen oder anderen Sinn”, erlauben wir uns, den geneigten Schachfreunden zwei beispielhafte Partien vorzustellen, die “Botvínniks Gespür für die Gefahr” erläutern.

Einserseits zeigen wir eine Partie zwischen Botvinnik und Capablanca aus dem Jahre 1938, ausgesucht und teilweise kommentiert von

Petronio Pérez Pulido, kanarische Schachmeister
(Botvinnik,Mikhail M (2695) – Capablanca,Jose R (2614)

Amsterdam, (Holland) 24.11.1938

Nimzoindische Verteidigung – Hauptspiel

1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sc3 Lb4 4.e3 d5 5.a3 Lxc3+ 6.bxc3 c5 7.cxd5 exd5 8.Ld3 0–0 9.Se2 Die von Botvínnik favorisierte Variante gegen das nimzoindische System, die sich in dieser Linie auf die Erfahrungen von Rubinstein und Sämisch stützen.

9…b6 10.0–0 Aa6
11. Lxa6 [11.f3] 11…Sxa6 12.Lb2?! bereitet den Vormarsch des e-Bauern vor.
12…Dd7! 13.a4 [13.Dd3 Da4!] 13…Tfe8?!

14. Dd3 c4?!

Bereitet das Manöver vor, den a-Bauern zu erorbern.

DAS GESPÜR FÜR DIE GEFAHR, von dem der Führer der weissen Figuren spricht, empfindet er nach längerem Nachdenken, aber er sieht auch, dass dieses Manöver zu langsam ist.
Und wie SMILLA fängt er an, eine Tiefenanlyse über das Ausmass des besagten Zuges anzustellen.


Die Tiefe copyright Schachbilderwelten.de

15.Dc2 Sb8
16…Sc6
17. Sg3 Sa5
18. f3 sieht das Vorgehen nach e4 + g4 vor.

18…Sb3
Ein herrliches Feld!

19. e4 Nimzowitsch: der Angriff der Bauernkette von ihrer Basis aus.

19…Dxa4 Schwarz hat zwar sein Ziel erreicht, aber Weiss ist in der Lage, das Zentrum aufzubrechen mit erheblichen Gewinnchanchen.

20. e5 Sd7

21. Df2 g6

24…Txe1 25.Txe1 Te8

26.Te6!± Der Schlüsselzug!

Jetzt kann sich der schwarze Springer nicht mehr verteidigen.

 

 

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26…Txe6

27.fxe6 Kg7 28.Df4! Hierbei werden gleich drei Drohungen vorgestellt. 28…De8

29.De5 De7?!

Diagramm

30. La3!!+- entscheidendes Opfer, das in dieser Partie vorgenommen wurde und als einer der besten Züge von Botvínnik in seiner Laufbahn bewertet werden.

30…Dxa3

31. Sh5+! somit wird der Sieg gesichert.

31…gxh5

32. Dg5+ Kf8 33.Dxf6+ Kg8 34.e7

34…Dc1+ 35.Kf2 Dc2+

[35…Dd2+ verbessert die Lage nicht]

36. Kg3 Dxc3+

36. Kg3 Dd3+

37. Kh4 De4+ 38.Kxh5 De2+

39. Rh4 De4+ 40.g4 De1+ 41.Rh5 1-0

[41.Kh5 h6 42.Dg6+ Kh8 43.Dxh6+ Kg8 44.Dg6+ Kh8 45.e8D+ Dxe8 46.Dxe8+ Kg7 47.De7+ Kg8 48.Kg6 Kh8 49.De8#]

Endstellung

Siehe Partie:

Jetzt gehen wir über zu einer anderen Partie, aber mit derselben Philosophie:

Botvínnik, Mikhail – Tal, Mikhail

World Championship 24th Moscow , 12.04.1961

Ausgewählt und teilweise kommentiert von Joan Canal Oliveras, katalanischer Schachmeister

1.d4 Sf6 2.c4 c6 3.Sc3 d5 4.cxd5!

Spürsinn oder Vereinfachung?

Botvínnik wählt den einfachsten Zug aus, um möglichen Komplikationen von Schwarz aus dem Wege zu gehen.

Sein Spürsinn und die Erfahrung aus dem match von 1960 haben ihn richtig beraten, dass Tal sich in symmetrischen Stellungen und ohne sichtliche Perspektiven unwohl fühlt.

Die Herausforderung für das Gespür

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4…cxd5 5.Sf3 Sc6 6.Lf4 Lf5 7.e3 e6 8.Lb5 Lb4 9.Se5 Da5

10. Lxc6+ bxc6 11.0–0 Lxc3 12.bxc3 Dxc3

13. Dc1! Dxc1 14.Tfxc1

[14…Sd7!?]

15. f3 h6

[15…Sh5]

16. Sxc6 Tfe8 17.a4±

Ab hier sehen wir, dass die tadellose Technik von Bovínnik den Rest vollzieht: zuerst gewinnt er einen Bauern und danach, trotz der verschiedenfarbigen Läufer, lässt er Schwarz keinerlei Gegenspiel zu.

17…Sd7 18.Ld6 Sb6?

[18…a6]

19. Lc5 Ld3 20.Sxa7 Txa7 21.Lxb6 Ta6 22.a5 Lc4 23.Ta3 f6

24. e4 Kf7 25.Kf2 Taa8 26.Ke3 Teb8 27.Tac3 Tc8 28.g4 Tab8

29. h4 Tc6 30.h5 Tbc8 31.e5 g6 32.hxg6+ Kxg6 33.T3c2 fxe5 34.dxe5 Th8 35.Th2 Tcc8 36. Kd2 Lb3 37. a6 Lc4 38.a7 Th7 39. Ta1 Ta8 40. Le3 Tb7 41.Txh6+ Kg7 42.Tah1 Tb2+ 1–0

Endstellung

Siehe die Partie:

Am Schluss erlauben wir uns, den berühmten Satz von Botvínnik zu interpretieren, der Anlass zu diesem Artikel gegeben hat:

Der Spürsinn ist eine Gabe und ein angeborenes Privileg,

die wenige Menschen besitzen.

Wir gehen sogar soweit zu behaupten, dass man damit die Zukunft erahnen kann.

Blick in die Zukunft – copyright geocities.com

Barcelona, Februar 2009

 
 
 

 

3 Gedanken zu „Gespür für Schnee und Gefahr

  1. Max

    Bei dem Bild mit dem blauen Herz und dem Astrologieschmarrn hab ich aufgehört zu lesen, was hat das mit Schach zu tun?

  2. Frank Mayer Beitragsautor

    Lieber Schachfreund Max,
    ich weiss, man kann es nicht jedem Menschen recht machen. Aber Sie sollten sich nicht an einer Graphik aufhalten, sondern ruhig weiterlesen, denn das Wichtige kommt erst noch. Viel Spass!
    Mit schachlichen Gruessen Frank Mayer

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