Mikhail Tal und seine surrealistischen Gedanken

copyright academicchess.org

von Frank Mayer, Sitges (Barcelona)

Die Anekdote:

Mikhail Tal,auch bekannt als “der Magier von Riga” ist wohl einer von uns am meisten bewunderten Schachspieler aufgrund seiner Kreativität und taktischen Angriffslust auf dem Brett.
Es gibt recht viele Geschichten über ihn, jedoch die sicher urkomischste Anekdote ist folgende, als er während einer Turnierpartie fast eine Stunde lang über den nächsten Zug brütete, wobei ihm eine Erzählung aus der Jugendzeit als Leitgedanke diente:

“Wie ziehe ich ein Nilpferd aus dem See?”

Ein Journalist mit dem Namen Damski interviewte den Meister nach der Partie:
“Kommen Ihnen nicht während des Spieles hin und wieder Gedanken oder Ideen, die mit Schach überhaupt nichts zu tun haben?”

Tal: “Niemals vergesse ich, um einmal ein Beispiel zu nennen, als ich gegen den Grossmeister Eugenio Vasiukov


Courtesy Arqto. Roberto Pagura

im Jahre 1964 in Kiew anlässlich der sowjetrussischen Meisterschaften spielen musste.

Die Stellung auf dem Brett war mehr als kompliziert, und ich dachte daran, einen Springer zu opfern.
In der Tat war es eine ziemlich unklare Variante, da es eine Unzahl von Möglichkeiten gab.
Ich fing also an zu rechnen und analysieren, andererseits aber graute mir vor der Möglichkeit, dass das Opfer vielleicht vollkommen daneben gehen könne.

Eine Menge Gedanken drängten sich mir auf:
‘eine richtige Antwort des Gegners bei einer bestimmten Position würde dann in eine andere Variante gleiten, und dort wäre mein Opfer vollkommen fehl am Platz’.

Um ehrlich zu sein, muss ich zugeben, dass sich bei längerem Nachdenken eine Vielzahl chaotischer Züge ergab, die manchmal sogar keine Beziehung zu den anderen hatten.
Der von vielen Trainern empfohlene “Analysenbaum” fing an, widerlich zu wachsen.

copyright urbanarbolismo.es

Ich weiss nicht warum, aber in jenen Augenblicken fiel mir der bekannte Satz aus einem Kindermärchen von

Korney Chukovski ein:

“Oh, wie schwierig muss es doch sein, ein Nilpferd aus einem See zu ziehen!”

Ich könnte im Nachhinein wirklich nicht erklären, welche gedankliche Verbindung mich auf das Nilpferd brachte; es war tatsächlich so, dass die Zuschauer ernsthaft dachten, ich würde zutiefst die Stellung analysieren, während ich einfach daran dachte:

‘Verflucht nochmal! Wie bekomme ich das Nilpferd jetzt aus dem See.’

Ich erinnere mich, dass sich mir solche Dinge wie
Kettenwinden und Brechstangen

Hubschrauber und Strickleiter

einfielen.

Nach mehrmaligen Versuchen fand ich keine akzeptable Antwort, das Nilpferd aus dem See zu ziehen und dachte dann verbittert:

“Dann soll es halt untergehen!”

So kam es, dass das Nilpferd vom Schachbrett verschwand, und ich plötzlich die Stellung viel klarer sah, als ich zuvor glaubte und opferte selbstverständlich den Springer.

Am nächsten Tag schrieb die Presse:

Mikhail Tal, nachdem er über 50 Minuten lang über eine Stellung nachgedacht hatte, opferte richtigerweise einen Springer….”

Tatsache ist, dass es sich um eine wahrhaftige Begebenheit handelt, und wir sehen, wie wir uns in Wirklichkeit oft das Leben schwermachen, wobei es doch denkbare Lösungen gibt.

In diesem Fall hatte sie Mikhail Tal gefunden, und wir geben gern nachstehend die entsprechende Partie wieder:

Tal,Mikhail (2683) – Vasiukov,Evgeni (2651)

URS-ch32 Kiev, 1964

1.e4 c6 2.Sc3 d5 3.d4 dxe4 4.Sxe4 Sd7 5.Sf3 Sgf6 6.Sg3 e6 7.Ld3 c5 8.0–0 cxd4 9.Sxd4 Lc5 10.Sf3 0–0 11.De2 b6 12.Lf4 Lb7 13.Tad1 Sd5 14.Lg5 Dc7 15.Sh5 Kh8 16.Le4 f6 17.Lh4 Ld6 18.c4 La6

Jetzt ist der Augenblick gekommen, bei dem sich das “Nilpferd in die Partie einmischt”:

19. Sxg7(?!) Kxg7 20.Sd4 Sc5 21.Dg4+ Kh8 22.Sxe6 Sxe6 23.Dxe6 Tae8 24.Dxd5 Lxh2+ 25.Kh1 Df4 26.Dh5 Dxe4 27.Tfe1 Dg6 28.Dxg6 hxg6 29.Lxf6+ Kg8 30.Txe8 Txe8 31.Kxh2 Lxc4 32.Td7 Te6 33.Lc3 Lxa2 34.Txa7 Lc4 35.Kg3 Ld5 36.f3 Kf8 37.Ld4 b5 38.Kf4 Lc4 39.Kg5 Ke8 40.Ta8+ Kf7 41.Ta7+ Ke8 42.b4 Ld5 43.Ta3 Kf7 44.g4 Te2 45.Lc5 Te5+ 46.Kh6 Te6 47.Td3 Lc6 48.Td8 Te8 49.Td4 Te6 50.f4 Ke8 51.Kg7 Le4 52.Lb6 Lf3 53.Td8+ Ke7 54.Td3 Le2 55.Ld8+ Ke8 56.Td2 Te3 57.Lg5 Ld3 58.f5 Tg3 59.f6 Lc4 60.f7+ Lxf7 61.Td8# 1–0
auch im pgn. Format

Zum Schluss noch eines der berühmtesten Worte von
Mikhail Tal:

“Es gibt zwei Arten von Opfern: korrekte und meine!”

Technische Beratung: Petronio Pérez Pulido

Barcelona, Februar 2009

Siehe Partie

2 Gedanken zu „Mikhail Tal und seine surrealistischen Gedanken

  1. Johns Schulz

    Lieber Schachfreund Frank Mayer,
    der Artikel war wieder mal mein Geschmack. Leider kannte ich ihn nicht persönlich, aber ein sehr guter Schachfreund von mir war mit ihm in
    einem Schachclub. Er soll sehr umgänglich gewesen sein. Daher sind solche Artikel ein Beitrag, um ihn nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.
    Mit freundl. Gruß
    Johns Schulz

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.