Schach und Mörder


Gemalt von Renaut de Montauban 1462-1470

“Es gibt nicht so viele Geheimnisse in zehn Mordfällen wie in einer Schachpartie”  
von Akiva Rubinstein

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Alexander Pichushkin ist keine Figur aus dem Schach:
Er ist weder Grossmeister, Internationaler Meister, noch ein Anfänger.
Trotzdem ist Pichushkin irgendwie doch mit dem Schachspiel in Verbindung zu bringen:
Er ist der besagte “Schachbrettmörder” oder auch
“Schachmörder”, ein Mensch, der sich vorgenommen hatte, 64 Personen zu ermorden – eine Anzahl wie Felder auf dem Schachbrett – und bereits davor ein halbes hundert Opfer auf dem Gewissen hatte.

copyright Elke Rehder

Die mehrfachen Mörder besitzen im Grunde keine solch komplexe und “attraktive” Personalität, wie uns in den amerikanischen Filmen oft vorgespielt wird, wobei sie sich selbst an der produzierten Gewalttätigkeit begeistern.
Alexander Pichushkin ermordete nur ärmliche und glücklose Menschen – Bettler, Drogenabhängige, Alkoholiker, einsame und alte Personen –
die er vorher betrunken machte, um keinerlei Risiko bei seinen Taten einzugehen.
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Es sieht so aus, dass Pichushkin seine Opfer auf einem Schachbrett “verbuchte”.
Warum nun gerade auf einem Schachbrett und nicht anderswo?

Die Forscher haben noch keine stichhaltigen Gründe gefunden. Es ist bekannt, dass in Russland das Schach ein sehr volkstümlicher Sport ist.
So gehört es sich auch für einen jeden “guten” Russen, ein Schachspiel, gleich welcher Grösse, zu Hause zu haben.
Es kann also durchaus sein, dass ihm ohne jeglichen Grund einfach einfiel, die Zahl der Felder auf einem Schachbrett als Grundlage seiner Taten zu wählen.
Auf jeden Fall steht fest, dass der Mörder noch nicht einmal zu den Schachanfängern gehörte.

Die das Schachspiel umgebende Aureole des Talentes, des Ansehens und der Zweckmässigkeit in Verbindung mit dem grauenvollstens und irrationalen Tun zu bringen, kann man eigentlich nur so erklären:
“Töten um zu töten!”

Die Aureole des Schachs

copyright Elke Rehder

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Ganz anders ist der Fall von Gilberto Rodríguez Orejuela, alias “der Schachspieler”, gelagert.
Rodríguez Orejuela war einer der Kartellbosse von Cali in Kolumbien, eine Vereinigung, die sich nicht unbedingt durch karikative Werke oder zur Hilfe für die Armen auszeichnete.

Wie wir aber wissen, war Rodríguez Orejuela ein begeisterter Schachspieler. Wir kennen zwar nicht seine Spielstärke, weil er sich auch aus verständlichen Gründen nicht unbedingt gern bei Turnieren blicken liess.
Jedoch ist bekannt, dass er seine Freizeit hauptsächlich mit dem Schachspielen ausfüllte.
Im Widerspruch zu Hobby und Beruf, wurde er schnell von seinen Freunden und Feinden als “Der Schachspieler” genannt, ein Beiname, der ihm sicher nicht missfiel.
Da er in die Vereinigten Staaten ausgeliefert wurde, verkündete die internationale Presse mehr im Stile eines Turnierberichtes allerorts:
“Schachmatt dem Schachspieler: die Partie ging nicht remis aus, sondern der Schachspieler machte seinen letzten Zug und musste seinen König flachlegen….”

 

copyright evrado.com.chess
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Das Schach verleiht allen ein gewisses Prestige und umhüllt es mit dem Heiligenschein einer intellektuellen und strategischen Vielschichtigkeit.
Es verleiht sogar eine Aura zu Gunsten von Diebstahl und Verbrechen, wie viele Schriftsteller wissen.
Dieser Meinung ist auch die erfolgreiche Verfasserin Matilde Asensi, die in einem ihrer Bücher eine Diebstahlbande der Glacéhandschuhe mit “Die Schachgruppe” unter dem Titel:

(“Das Bernsteinzimmer”)

 
wie folgt beschrieb: eine besonders fähige Gemeinschaft zum Raub von Kunstwerken, wobei sich die “Kumpels” unter sich so nannten wie die einzelnen Schachfiguren.

In einem ihrer besten Bücher über Hercules Poirot
“Die grossen Vier” stellte Agatha Christie ebenfalls den Zusammenhang zu Schach vor:

„Die grossen Vier“

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Wir setzen fort mit Ian Fleming, dem Erfinder des legendären James Bond “Agent 007”.

       In seiner 5. Folge entscheiden sich die russischen Geheimdienste, ein für alle mal mit dem Agenten Ihrer anmutigen Majestät Schluss zu machen.
Das ausführende Organ soll ein Herr Kronsteen sein, natürlich ein Schachspieler.

copyright chessville.com
Kronsteen wird in der filmischen Fassung als eine Art von wandelndem Computer dargestellt, der für die zu entwickelnde schachliche und mörderische Strategie zuständig ist:
“Er plante und führte nur einwandfreie Züge aus:
Sei es nun auf dem Schachbrett, wenn er spielte, und natürlich auch, wenn er “arbeitete”.
Kronsteen interessierte sich nicht für menschliche Wesen, noch nicht einmal für seine eigenen Kinder….
Er unterschied nicht das Gute vom Bösen, er verstand nur etwas von Zügen:
“Für ihn waren alle Personen Schachfiguren.”

Gemalt von Ilija Penusliski

Glücklicherweise sind Schach und Morde nicht miteinander verbunden!

Das komplexe Denken, das der Schachspieler entwickelt, wird nicht für solche Vorhaben verwendet.
Unser Spiel ist friedlich, üblicherweise von Personen ausgeübt, die im allgemeinen die agressiven Impulse gut im Griff haben, die bekanntermassen im Geiste der Menschen schlummern.
Es kommt eher schon mal vor, dass ein “vergifteter” Bauer

Gemalt von Elke Rehder

dem Gegener angeboten wird, um ihn zu verunsichern und evtl. auf das Glatteis zu führen. Mehr aber auch nicht!
Quelle: Juan Antonio Montero
Barcelona, im April 2009

Ein Gedanke zu „Schach und Mörder

  1. Gerhard Josten

    Guten Tag!
    Das Schachspiel wird auf vielfache Art und Weise missbraucht. So schrieb der verstorbene mazedonische Schachhistoriker Pavle Bidev einmal an seinen Kollegen Egbert Meissenburg in „Stammt Schach aus Altindien oder China?“, Yu Igalo 1986, Selbstverlag, Seite 6: „Denn es läßt sich in der Kulturgeschichte der Menschheit kein anderes Geistgut auffinden, das einer uneingeschränkten Ausbeutung seiner Schätze dergestalt ausgesetzt ist, wie das der Fall mit dem Tschaturanga ist. Einmal schrieb ich Herrn Egbert Meissenburg, dass meiner Meinung nach die Schachmuse Caissa als die größte Hure in der Geschichte der Weltprostitution zu bezeichnen ist.“ Der vorstehende Artikel von Juan Antonio Montero belegt diese Behauptung von Bidev in bester Manier.

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