‘Pataphysik und Schach

Max Ernst and Dorothea Tanning

Sedona, Arizona, 1948 – copyright Bob Towers

„All good ideas arrive by chance.“Max Ernst

von Juan Antonio Montero:

‘Pataphysik:

‘Pataphysik ist ein absurdistisches Philosophie- und Wissenschafts-Konzept des französischen Schriftstellers

Alfred Jarry (1873 -1907).

Der Schriftsteller illustriert die ‘Pataphysik in dem Roman
“Taten und Meinungen des ‘Pataphysikers Doktor Faustroll”:

‘Pataphysik ist die Wissenschaft des Partikulären, also des Einzelfalles, im Gegensatz zu Aristoteles wirkungsreicher Definition, dass Wissenschaft sich immer nur mit dem Allgemeinen beschäftigen könne. (lt. Wikipedia)
Hinzu kommt, dass im Jahre 1949 in Paris eine “Hochschule der ‘Pataphysik” gegründet wurde.


Soweit – so gut.

Aber was hat die ‘Pataphysik mit Schach zu tun?

Als der bekannte spanische Schriftsteller Fernando Arrabal vor einem ausgesuchten Publikum in jener Hochschule einen Vortrag hielt, um auch für dem ihm zugeteilten Namen “Sátrapa” zu danken, hob er besonders hervor, dass die Mehrzahl der Mitglieder seit der Gründung Schachspieler waren.
Ausserdem wies er darauf hin, dass es sich im allgemeinen nicht um Kaffeehaus-Spieler handelte sondern um ausgezeichnete Spieler wie Boris Vian, Eugene Ionesco, Marcel Duchamp, Max Ernst, Tristan Tzara…..
Und nun würde auch er zum Vollmitglied ernannt und zufälligerweise recht gut Schach spiele.

Übrigens, so definierte Arrabal, ein “Sátapra” sei eine Person von hoher Bedeutung, habe aber keine Aufgabe, weder negativ noch positiv, und unterstehe keiner Regel.
Er handele “pataphysisch” nur durch seine Anwesentheit oder sogar durch seine Abwesenheit.

Hier haben wir Arrabal mit einigen seiner Freunde.

Wie sagte einmal ein ‘Pataphysiker:
Das Wichtige an der Hochschule ist nicht das, was man macht oder nicht macht, sondern das Amt oder den Posten, den man innehat.
Wenn die lieben Schachfreunde das nicht glauben, dann fragen Sie doch einfach einmal den ‘pathysischen Argentinier Juan Esteban Fassio, der zum

“Fördernden Mitarbeiter der Hochschule zur amerikanischen Mitgliedschaft und antarktischen Verwalter ernannt wurde, damit er von der argentinischen Regierung erreiche, eine pataphysische Erklärung als unnütze und soziale Wissenschaft abzugeben”.

Wir können uns vorstellen, dass dieses Vorhaben scheiterte….

Zu den von Arrabal genannten (schachspielenden) Künstlern sind noch Raymond Queneau, Jacques Prevert, Joan Miró, René, Man Ray, Jean Dubuffet, Mac Olan, Italo Calvino, Dario, Humberto Eco, und selbst Julio Cortázar (der das Schachspielen aufgeben musste, weil es zuviel Zeit in Anspruch nähme) hinzuzufügen.

Kommen wir noch einmal zurück auf die vorzitierte Legion der Schachspieler:
Marcel Duchamp, derjenige “der unendlichen Schachpartie”, so wie es Breton definierte.

Marcel Duchamp und Eve Babitz, 1963 v. Julian Wasser

(Anmerkung: Egal wo man hinschaut, es wird nie langweilig.)

Er war also der geniale Künstler, so einflussreich wie Picasso, der grosse Erneuerer und gleichzeitig der “Überschreiter” der Künste des 20. Jahrhunderts mit verschiedenen Werken über Schachspieler, derjenige, der sich ab seinem 25. Lebensjahr fast ausschliesslich dem Schach widmete und sogar an den französischen Meisterschaften teilnahm.

Das Portrait von Schachspielern – Marcel Duchamps 1911

Und wie Marcel Duchamps einmal zum Ausdruck brachte:

“Das Schach hat die Schönheit der Kunst und noch viel mehr.
Es kann nicht vermarktet werden.
Das Schach ist reiner als die Kunst in ihrer sozialen Stellung.”

Selbstverständlich soll sich abschliessend nun unsere Aufmerksamkeit einem der letzten “Sátapras” widmen, einem Spanier, einer wichtigen Figur in der Literatur und seit über 30 Jahren Schachchronist fuer die italienische Wochenzeitschrift L’Espresso.
Arrabal ist ein Dramaturg, Dichter, Romanschreiber, Filmregisseur, Fotograf, Zeichner, Schachspieler, der Preise und Ehrungen in ganz Europa erhalten hat.
In ”seinem” Land und im pataphysichen Stil wird er nach wie vor als eine Ausnahmegestalt angesehen.

In der ‘Pataphysik kamen viele Künstler und herausragende Schriftsteller in den turbulenten Gewässern der Künste und Kulturen des 20. Jahrhunderts zusammen.
Viele von ihnen wurden zu leidenschaftlichen Schachspielern, schrieben darüber, fanden darin einen magischen oder ästhetischen Sinn. Sie schöpften aus dem Schach ein Modell der Eingebung und mit all dem zusammen näherten sie sich mit Respekt und Bewunderung diesem Spiel.

„Roi jouant avec la Reine”
Max Ernst 1944

Im Gegensatz zu diesen Gedanken der Künstler, die den Grundstein legten für noch so gewagte Rollen der Vorreiter, besteht in der Bevölkerung nach wie vor der Eindruck, dass das Schach ein äusserst ruhiges Spiel sei, geeignet für eine vollkommene Geduld, mit geringen Gemütsregungen und kaum einem Anreiz.

“Ist das nicht ein Zufall?” würde Fernando Arrabal sagen…..

Nachstehend noch ein ‘pathaphysisches Bild, das uns der Künstler freundlicherweise zukommen liess:

************************************************

Sitges (Barcelona), im Juli 2009

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.