Rudolf Spielmann – der letzte Romantiker

 

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* 5. Mai 1883 in Wien † 20. August 1942 in Stockholm

copyright Dav. Friedmann –

http://www.kb.nl/vak/schaak/portretten/friedmann/index-en.html

Rudolf Spielmann kam in Wien auf die Welt, in der Stadt, die
Ende des 19. Jahrhunderts als die Kathedrale des Schachs galt.
Da sein Vater semitischen Ursprunges war, sah er sich gezwungen, nach Wien zu ziehen, wo es seinerzeit noch keine anti-jüdischen Vorschriften gab.

Deshalb wurden Rudolf Spielmann

 

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copyright chesshistory

und seine fünf Brüder in der österreichischen Hauptstadt geboren.
Rudolf lernte bereits als kleiner Junge durch seinen Vater Schach spielen.
Schon bald sah man, dass er ein aussergewöhnliches Talent zeigte und wurde als “Wunderkind” vorgestellt, das die stärksten Spieler bezwang.

Spielstil:

 

Im Jahre 1903 ging er nach München, um dort als Versicherungsangestellter zu arbeiten. Aber bald liess er jene Anstellung fallen und entwickelte sich zum Berufspieler.
Seine Vorbilder waren die grossen Kombinationsspieler, besonders aber der geniale Mikhail Tchigorin (1850-1908).

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Er sah sich immer als sein treuer Schüler an und war von dessen brillantem Spiel begeistert.
Obwohl er nicht die “groben” Fehler seines Meisters beging, geschah es doch öfters, dass ihm sein Temperament und seine Nerven einen Streich spielten, so dass er aufgrund dieser Tatsache meistens fast gewonnene Turnierpartien letztlich doch noch verlor.

Sein Leben:

Während des 1. Weltkrieges diente er der österreichischen Armee und zog nach Kriegsende in das benachbarte Deutschland.
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde Spielmann wegen seiner jüdischen Herkunft das Opfer staatlicher Verfolgung.
Seine Flucht führte ihn zuerst in die Niederlande, anschliessend tauchte er ohne Pass in der Tschechoslowakei unter und konnte dann noch vor dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht nach Schweden fliehen, das als ein neutrales Land betrachtet wurde.

Dort blieb er bis an sein Lebensende und starb in Stockholm am 20. August 1942, verarmt und vergessen. Die genauen Umstände seines Ablebens sind bis heute nicht bekannt.
Offiziell starb er an Hypertonie und Kardiosklerose.

Das Schach:

Spielmann war ein in Sachen Schach reisender Meister, der ausschliesslich davon lebte; ein von seinem Vater angebotenes Mathematikstudium lehnte er ab.

 

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Spielmann hatte sich dem Schach verschrieben.

Er war eigentlich der erste Spieler, der dem professionellen Schachmeister eine allgemein akzeptierte Anerkennung verlieh, so dass er auch entsprechende Honorare bei Turnieren, Begegnungen, Schaupartien und Simultanvorstellungen verlangen konnte und auch bekam.

 

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Rudolf Spielmann war ohne Zweifel einer der stärksten Kombinationsspieler der Geschichte, wobei er wohl in die Annalen als “Der Gambit-König” einging, da er auf eine bewundernswerte Art und Weise das Königsgambit und die Wiener Variante im Damengambit spielte.

Allerdings erlitt er einen bitteren Rückschlag mit “seinem” Königsgambit, als ihm Dr. Siegbert Tarrasch anlässlich des Turnieres von 1923 in Mährisch-Ostrau mit dem Gegengambit “Falkbeer” anwortete und Spielmann eine historische Niederlage zufügte.
Nachstehend die Partie, ensprechend kommentiert von

 

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MN Hebert Pérez-García
SPIELMANN VS TARRASCH – MÄHRISCH OSTRAU 1923

Spielmann,Rudolf – Tarrasch,Siegbert [C32]
Mährisch Ostrau (11), 1923

1. e4 e5 2.f4 d5 3.exd5 e4!?

 

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Dieses interessante Gegengambit Falkbeer ist durchaus noch gegenwärtig, und es wird theoretisch als korrekt bezeichnet.

4. d3 Sf6 5.dxe4 Sxe4 6.Sf3 Lc5 7.De2 Lf5!

 

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Gemäss GM Dr. Savielly Tartakower war der Textzug eine Neuerung, den Dr. S. Tarrasch bei dieser Begegnung einführte. Das bekannte Eröffnungsbuch “Bilguer” hatte vorher den Zug 7…Lf5 zensiert wegen 8. g4, und es war genau Dr. Tarrasch, der diese bemerkenswerte Idee wieder einsetzte. Andere Optionen waren [7…Lf2+ 8.Kd1 Dxd5+ 9.Sfd2 f5 10.Sc3 Dd4 11.Scxe4 fxe4 12.c3 De3 13.Sxe4 mit Vorteil für Weiss.; 7…f5 8.Le3! auch mit weissem Vorteil.]

8. g4?

Sicher war die Empfehlung von “Bilguer” ein spontaner Kommentar aufgrund einer sehr oberflächlichen Betrachtung. Das überraschende, aber logische Läuferopfer, das wir danach sehen, offenbart den positionellen “Konkurs” in Bezug darauf, das es sich hierbei nur um eine Absicht auf Materialgewinn handelte, allerdings ohne genaue Prüfung der Konsequenzen.
Richtig wäre hier gewesen: [8.Sc3! De7 9.Le3 Lxe3 10.Dxe3 Sxc3 11.Dxe7+ Kxe7 12.bxc3 etc.]

8…0–0! 9. gxf5 Praktisch erzwungen!

9…Te8 10.Lg2 [O 10.Dg2 Sf2+ 11.Le2 Sxh1 12.Dxh1 Dxd5 mit gutem Spiel für Schwarz.]

10…Sf2 11.Se5 Sxh1 12.Lxh1 Sd7 13.Sc3 f6

14. Se4 [In Betracht zu ziehen wäre auch: 14.Ld2 fxe5 15.0–0–0 exf4 16.Df3 Ld6 17.Lxf4 Dh4]

14…fxe5 15.Sxc5 Sxc5 16.fxe5 Dh4+

17. Kf1 Tf8! [Eine andere Möglichkeit war: 17…Dd4 18.e6 Tf8 19.Le3 Txf5+
20. Kg1 Dxb2 etc.]

18. Kg1 [oder 18.f6 ]

 

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18. …Dd4+

[In Übereinstimmung mit Dr. Tartakower war folgender Zug genauer 18…Txf5!]

19. Le3 Dxe5 20.Te1 Sd7

21. Dc4 [Vielleicht sollte man noch versuchen: 21.d6 cxd6 22.Axb7 Tab8]

21…Kh8 [oder 21…Sb6!? 22. Db3 Tae8]

22. Ae4 Tae8

23. Ld4?! [Ein plausibler Versuch war auch: 23.Lf2 Sf6 24.Ld3 Dxb2 25.Te6 Td8 26.Lc5 Dc1+ 27.Kf2 Tf7 28. Le7 Tg8 29.d6 cxd6 30.Lxd6 Td7]

 

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23…Df4!

Ein vernichtender Schlag, der rasch dem Ende zuführt.

24. Te2 Sf6 25. Lxf6 gxf6

 

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26. h3 Tg8+

Und Weiss gibt auf. Diese brillante Partie wurde mit mehreren Preisen bedacht. Die fabelhafte Vorstellung (performance) von Dr. Siegbert Tarrasch verursachte eine gerechte Bewunderung; sogar die von dem Vorreiter Rudolf Spielmann, der sogar daran dachte, dass nach dieser Erfahrung

“das Königsgambit tödlich getroffen dahinsieche; natürlich im theoretischen Sinn.”

0-1

Siehe Partie:

Ein Foto des Turnieres 1923 in Mährisch-Ostrau:

 

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courtesy Arqto. Roberto Pagura, Buenos Aires

Eine kleine Zusammenfassung des Endergebnisses:

 

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1. Lasker …………….. 10,5 Punkte
2. Reti …………………. 9,5 “
3. Grünfeld ………….. 8,5 “
4. Selesniev ………… 7,5 “

Der Untergang des Königsgambites:

Für unsere Begriffe war diese Niederlage ein gewisser “Untergang” des Königsgambites, das Spielmann bis zu jenem Zeitpunkt immer sehr erfolgreich spielte.
Dieses Gambit verschwand sodann auch aus dem Repertoire der Meisterspieler (nach 4 Jahrhunderten Bestehens).
Die Folge davon war, dass Spielmann hierüber ein Buch schrieb mit dem lakonischen Titel:

“Am Kopfende des todkranken Königsgambites”

 

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gemalt von Samuel Bak

Allerdings erzielte Rudolf Spielmann anlässlich des Turnieres auf dem Semmering 1926 den 1. Platz vor Alexander Aljechin, Milan Vidmar, Aaron Nimzowitsch und Savielly Tartakover.

 

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1st row: A.Nimzowitsch, A.Alekhine, S.Tarrasch, M.Vidmar, A.Rubinstein. Last row: R.Spielmann (1st, the winner of the tournament – main success in career), R.Reti (5th), F.Yates (7th), S.Tartakower (9th).

courtesy Arqto. Roberto Pagura, Buenos Aires

 

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Grand Hotel Panhans at the Semmering

Das war wohl der grösste Erfolg seiner Laufbahn!

Weitere Bücher in verschiedenen Sprachen aufgelegt:

 

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Nun stellen wir Ihnen noch einer der klarsten Aussagen und herrlichsten Kombinationen von Rudolf Spielmann wie folgt vor:

Der grosse Sprung
“Wenn ich einen Bauern hergebe, eine Figur oder sogar die Dame, um matt zu setzen oder den Materialverlust gleich wieder mit Vorteil zurückzugewinnen, mit welchem Recht spreche ich dann von einem Opfer?”
(Rudolf Spielmann)

 

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Lösung:

Schwarz war sich aufgrund seiner Stellung unschlüssig, wenn Weiss 25. Se7+ !! spielt, denn dann würde der Spielmann-Angriff schnell durchgreifen mit nachfolgenden Zügen: 25…..Dxe7 26. Dxh7+ Kxh7 27. Th5+ Kg8 28. Th8 und matt 1-0.

Hier beweist Spielmann seine Theorie:
“Die Kunst des Opferns im Schach”.

Nun noch etwas zur Statistik:
Rudolf Spielmann erreichte im Januar 1913 seine beste historische Elo-Zahl mit 2.716 Punkten. Seine gesamten Turnierergebnisse belaufen sich auf:
375 Siege, 328 Remise und 263 Niederlagen, was einem durchschnittlichen Koeffizienten von 55,8 % an Effektivät entspricht.
Letztendlich noch eine Spielregel, die Rudolf Spielmann wie folgt zusammenfasste:


“In der Eröffnung muss der Meister wie ein Buch
spielen, im Mittelspiel wie ein Zauberer und im
Endspiel wie eine Maschine!”

 

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gemalt von Elke Rehder

 

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copyright chesslessons.gr

 

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Seine Grabinschrift

Hier ruht Schachgroßmeister Rudolf Spielmann, geboren 1883 in Wien,
gestorben 1942 in Stockholm.

Als ruheloser Flüchtling, vom Schicksal
schwer geschlagen, fand er ein Zuhause
bei seinen schwedischen Freunden.

Schwedens Schachspieler bewahren durch die
Aufstellung dieses Steins das Andenken an
einen genialen Meister und edlen Menschen.

Barcelona, im April 2009

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