Die Partie mit Leo Trotzky

 

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Leo Trotzky 1879 – 1940

Leo Trotzky war der Führer eines militärrevolutionären bolschewistischen Komitees, das einen Militäraufstand gegen die Republik propagierte, der dann auch am 7.11.1917 (russ. Zeitrechnung: 25.10.) in der Oktoberrevolution stattfand.

 

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von Dimitrije Bjelica, Jugoslawien

Text:

“1917. Revolutionäres Gräuel.“

Aljechin verliert sein beachtliches Vermögen, wobei er noch Bitterkeiten und Nöte ungeahnten Ausmasses erleiden muss und als Geisel von bolschewistischen Rädelsführern festgenommen und in ein Versteck in Odessa gebracht wird.
So war das.

 

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Alexander Aljechin

hatte als Hauptmann in der Armee des Zaren gedient und befand sich noch in Russland, als die “rote” Revolution ausbrach.
Er musste fliehen, aber das Überschreiten der Landesgrenze war unmöglich. Es gab aber doch jemand, der ihm erzählte, dass von Odessa aus Schiffe mit Flüchtlingen in Richtung der rumänischen oder bulgarischen Küste abführen.
Das war wohl augenscheinlich die einzige Möglichkeit zur Rettung, wobei er sich auf den langen und unwirtlichen Weg machte und den wichtigen Hafen am Schwarzen Meer schliesslich erreichte.
Wie es das Unglück wollte, wurde er jedoch eines Tages von einem Soldaten erkannt und angezeigt, wobei er sofort festgenommen und in eine schreckliche Zelle des Militärgefängnisses gesteckt wurde.

 

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Nach einer Woche Haft wurde er von einem wichtigtuenden Bolschewisten vernommen, der ihm mitteilte, dass seine Lage wegen folgender Anschuldigungen äusserst gravierend sei:
1. ein ehemaliger Hauptmann des Zaren
2. Mitglied einer vornehmen Familie und
3. er keinen triftigen Grund für seinen Aufenthalt i
n der Hafenstadt Odessa angeben könne.

 

Sein Leben sei nicht ein Kopeke wert. 

 

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Ausserdem wurde ihm mitgeteilt, dass der Volkskomissar

Leo Trotzky

 

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in der Stadt sei, von seiner Festnahme erfahren und ihn zum Tode verurteilt habe.

Es waren schreckliche Tage voller Lebensangst und Verzweiflung. Alexander Aljechin zermarterte sich das Gehirn, wie wohl noch ein Ausweg aus seiner bedrohlichen Lage möglich sei. Aber er fand keine Lösung.

Die Vermutung des baldigen Lebensendes bestätigte sich eines Tages als tragische Wirklichkeit, als einige Funktionäre des Revolutionskomitees in seiner Zelle erschienen.
Es dauerte nur einen Augenblick, als Aljechin aus der Erinnerung an Fotos den Volkskomissar erkannte.
Einer aus der Gruppe legte ein kleines Schachbrett auf das Tischchen und stellte Schachfiguren darauf.

 

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“Hauptmann Aljechin”, sagte der Anführer der Gruppe,
“der Kamarad Trotzky möchte mit Dir eine Partie Schach spielen.”

Aljechin erinnerte sich wohl daran, dass Trotzky während seines Exiles ein begeisterter Schachspieler war und täglich in den Schachcafés von Wien, Berlin, Zürich oder London verkehrte; immer abhängig davon, wo er sich gerade befand.
Leo Trotzky schaute Aljechin mit undurchsichtiger Miene an, ohne etwas zu sagen.
Aljechin schoss es plötzlich durch den Kopf, dass von dieser Schachpartie viel abhängen würde.

Er gewann sogar den Eindruck, dass das Ergebnis aus der Begegnung lebensentscheidend werden könnte.

 

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Hören wir nun selbst, was Aljechin offenbarte:

“Wir setzten uns an den Tisch und fingen mit der Partie an.
Ich fragte ihn, ob er mit Weiss oder Schwarz spielen möchte.
Er gab mir mit einer Geste zu verstehen, dass er mir die Wahl liesse. Ich entschied mich für Weiss, und wir begannen die wohl für mich aufregendste Partie meines Lebens.

 

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gemalt von Michael Goller

Nicht, dass ich während des Spieles glaubte, mein Leben sei in Gefahr, jedoch wurde mir bewusst, dass das Resultat eventuell meine Rettung sein könnte.

Allerdings war mir nicht klar, ob ich nun gewinnen oder mich schlagen lassen sollte. Also machte ich eine Zeit lang absichtlich schwache Züge, um meinem Gegner den Gewinn der Partie zu ermöglichen.

Während dieser Phase des Spieles blickte mich Trotzky einmal durchdringend und fragend an, sagte nichts und machte dann den nächsten Zug.
Dieser Blick liess mich verstehen, dass es nach wie vor zweifelhaft war, ob Trotzky meine Taktik durchschaute.
Schliesslich entschied ich mich doch, meine Stellung wieder zu festigen und so wie üblich auf Turnieren zu spielen.

Einige Züge vor dem “Schachmatt” gab Trotzky auf.


Er verneigt sich leicht vor mir und verschwand dann mit seiner Schutztruppe.

 

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copyright daniladiav

Am nächsten Tag wurde mir ein Dokument in die Zelle gebracht mit der Unterschrift des “Volkskommissares”:
“Ich war frei und konnte Russland sofort verlassen.
Das war für mich die schwierigste Partie meines Lebens und so konnte ich der “roten” Hölle entrinnen.“

 

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Sitges (Barcelona) im September 2009

P.S. Dieser Artikel wird gleichzeitig in der SCHACH-ZEITUNG 10/2009 veröffentlicht.

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