Bobby Fischer und Fidel Castro

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Bobby Fischer mit Fidel Castro

während er Olympiade in La Habana 1966

copyright chessville.com

 

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mit freundlicher Genehmigung von MI Nelson Pinal

übersetzt, angepasst und illustriert von Frank Mayer

Text:

Das vor einiger Zeit aufgelegte Buch:

“El fascinante mundo del Ajedrez”

(“Die faszinierende Welt des Schachs”)

 

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von José Luís Barreras aus Kuba offenbart uns u.a. einen Austausch von verschiedenen Telegrammen zwischen Bobby Fischer und Fidel Castro, die inzwischen ihren historischen Wert haben.

Bei der Olympiade in La Habana 1966,

 

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war Bobby Fischer

der bekannteste Spieler und entsprach den Erwartungen, in dem er sich von seiner besten Seite zeigte:

Er erlaubte Fotos, Fernsehkameras und Interviews,

machte Scherze mit dem Kommandanten Fidel Castro, wobei er den Revolutionsführer an die politisch-sportlichen Ereignisse im Jahr zuvor erinnerte, in die beide Persönlichkeiten verwickelt waren.

 

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Bobby Fischer begrüsst Fidel Castro 1966

copyright thechessdrum.net

(Fischer war zu dem Capablanca-Erinnerungsturnier 1965 eingeladen, aber die amerikanischen Behörden genehmigten kein Ausreise-Visa nach Kuba.)

Diese Nachricht erschütterte die gesamte Schachwelt, und alle waren nun auf die weiteren Ereignisse gespannt.

Während der komplexen Vorbereitungen des Turnieres passierte völlig unerwartet folgendes:

Fischer sandte von New York aus ein Telegramm an den Premierminister von Kuba, wobei er sich auf die in der New Yorker Presse verbreiteten Nachrichten bezog und darauf hinwies, sich von dem Turnier zurückzuziehen.

Es war am 11. August 1965, als mitten in der Nacht dieses Telegramm in La Habana eintraf.

Am folgenden Tag gegen Mittag gab Fidel Castro eine kategorische Antwort an den amerikanischen Schachspieler.

Der Austausch der verschiedenen Telegramme ist festgehalten und stellt sich wie folgt dar:

Telegramm von Bobby Fischer:

 

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1965

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Herr Premierminister Fidel Castro, La Habana:

 

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“Ich erhebe Einwände gegen Ihre in der New York Times veröffentlichen Äusserungen, wobei Sie einen propagandistischen Sieg erklären und aus diesem Grund beabsichtige ich mich, von dem Capablanca-Erinnerungsturnier zurückzuziehen.

Ich werde nur an dem Turnier teilnehmen, wenn Sie und Ihre Regierung mir ein Telegramm senden mit der Versicherung, dass Sie keinerlei politischen Nutzen aus meiner Teilnahme ziehen; dass es in der Zukunft auch nicht mehr vorkommt, dass Sie irgendwelche politschen Kommentare bezüglich meiner Teilnahme abgeben.” gez. Bobby Fischer.

Die Antwort von Fidel Castro:

1965

copyright cubadebate.cu

Bobby Fischer, New York, USA

Ref. COA 38

“Soeben erhalte ich Ihr Telegramm. Mich überrascht, dass Sie mir irgendwelche Äusserungen bezüglich Ihrer Teilnahme an dem Turnier zuschreiben.

Über dieses Thema habe ich mit niemandem gesprochen.

Ich habe nur Kenntnis davon erhalten, als ich Telegramme der amerikanischen “Presseagenturen” erhielt.

Unser Land hat es nicht nötig, irgendwelche kurzlebige Propaganda zu machen.

Es ist Ihr Problem, ob Sie an dem Turnier teilnehmen oder nicht.

Deshalb sind Ihre Worte ungerecht.

Wenn Sie sich nun Ihre anfängliche Entscheidung bedauern, wäre es besser, sich einen anderen Vorwand auszusuchen und den Mut zu haben, ehrlich zu sein.”

gez. Dr. Fidel Castro

Premierminister der Revolutionsregierung

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Durch dieses Hin- und Herschicken der Telegramme entstand eine kritische Lage, die aber nicht lange anhielt, weil Bobby Fischer unverzüglich mitteilte, doch an dem Capablanca-Erinnerungsturnier teilzunehmen unter Bekanntgabe seiner Züge per Fernschreiber aus New York.

 

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Dieses wohl eines der berühmtesten Turniere in der Schachgeschichte wurde ein weltweiter Erfolg, besonders gefördert durch die recht ungewöhnliche Beteilung von Bobby Fischer.

Es spielten die wohl die vier stärksten Meister der damaligen

Zeit:

 

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Vassily Smyslow,

der Sieger mit 15,5 Punkten wurde,

 

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gefolgt von Borislav Ivkov,

 

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Efim Geller

 

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und Bobby Fischer,

alle drei mit 15 Punkten, wie wir aus der Schlusstabelle entnehmen:

 

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Ein unerwartetes Endergebnis:

Über 5.000 Zuschauer spendeten dem Sieger Vassily Smyslow

einen langen und begeisterten Beifall, als er den Siegerpokal für den Gewinn des 4. Internationalen Capablanca-Turnieres entgegennahm.

Die feierliche Überreichung der Trophäen und Geldpreise fand in dem Botschaftersaal des Hotels Habana Libre statt.

 

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Heutiges Hotel Habana Libre

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Über 4 Wochen lang konnte die Schachwelt dieses hochkarätig besetzte Turnier verfolgen und war restlos begeistert, obwohl der Favorit Bobby Fischer nicht den 1. Platz erzielte.

Das hatte wohl aber auch damit zu tun, dass er nur aus der Ferne vor den nicht sichtbaren Gegnern mitspielen konnte.

Nachstehend noch ein interessantes Foto einer Simultanvorstellung – auch anlässlich der Olympiade 1966

 

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Sitges (Barcelona), im November 2009

2 Gedanken zu „Bobby Fischer und Fidel Castro

  1. Thorsten Mayer

    Hervorragend, knapp und klar dargestellte Zusammenhänge, die jeden Cuba-Reisenden interessieren werden. Auch damals scheint es ohne Internet spannend zugegangen zu sein.

    Antworten
  2. Frank Mayer Beitragsautor

    Lieber Schachfreund Thorsten Mayer,
    besten Dank für Ihren offenen Kommentar.
    Wir alle wissen, dass Bobby Fischer durchaus kein Diplomat, sondern eher eine Persönlichkeit mit vielen Ecken und Kanten war.
    Aber Sie sehen, dass mit etwas Geschick sich auch politsch-sportliche Probleme lösen liessen.
    Von den meisten Schachfreunden aus Deutschland erhielt dieser Artikel, obwohl recht brisant, eine absolute Akzeptanz, zumal er auf historischen Tatsachen beruht. Einige andere Schachfreunde hingegen haben den Inhalt dieses Aufsatzes wie „eine heisse Kartoffel“ angesehen und am liebsten nicht gelesen.
    Ich bin davon überzeugt, wenn die amerikanische Regierung mit Diplomatie und Verhandlungsgeschick den damaligen neuen „revolutionären“ Umständen in Kuba begegnet wäre, zumindest eine wirtschaftliche und politsche Blockade nicht notwendig gewesen, und die Geschichte heute umgeschrieben werden müsste.
    Aber schlagen Sie das einmal einer übermächtigen und arroganten Weltmacht vor….
    Mit meinen besten schachliche Grüssen
    Frank Mayer

    Antworten

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