Der Glücksbringer von Alexander Aljechin

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Von Jairo Tangarife – übersetzt und illustriert von Frank Mayer

Das Ereignis:

Es war um 7 Uhr abends an einem 16. September 1927, als sich in Argentinien

 

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José Raúl Capablanca y Graupera

 

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und der 100 kg schwere Alexandrovich Aljechin

gegenübersassen und um die Weltmeisterschaft im Schach spielten.

Die Begegnung war auf 34 Partien angesetzt, äquivalent dem Alter von Aljechin zu der damaligen Zeit.

An jenem Abend erhielt Raúl Capablanca ein Telegramm von Gerardo Machado, dem Präsidenten von Kuba,

 

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mit folgendem Inhalt: “Behalten Sie Ihren Titel!”

Capablanca anwortete ihm noch in derselben Nacht:
“Es gibt keinen Menschen, der mir den Titel wegnehmen kann.”

Am 29. November trat ein neuer Weltmeister ins Rampenlicht der Schachwelt.

 

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Gemalt von Elke Rehder

José Raúl Capablanca verfasste in einem perfekten Französisch einen Brief, den er an seinen Herausforderer richtete und folgenden Inhalt hatte:

“Sehr geehrter Herr Dr. Aljechin! Ich gebe die Partie auf.
Demzufolge sind Sie der neue Schachweltmeister, wozu ich Ihnen gratuliere. Meine Empfehlungen auch an Ihre Gattin.
Mit herzlichen Grüssen!
gez. J. R. Capablanca”

Nachstehend ein seltenes Foto aus dem Spielsaal des Club Argentino de Ajedrez, als

Herr Dr. Querencio den Brief übergeben hatte und
Dr. Alexander Aljechin sich als neuer Weltmeister darstellte:

 

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Courtesy Arqto. Roberto Pagura, Buenos Aires

Endstellung der Hängepartie:

 

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Aljechin vs. Capablanca
82. Zug von weiss: Te7

Auf diese Art besiegelte Capablanca sein Schicksal als Weltmeister im Schach, ein Titel, den er im Jahre 1921 gegen den deutschen Dr. Emanuel Lasker errungen hatte.

Capablanca war das Synonym des Unschlagbaren, der in den letzten 13 Jahren davor nur 3 Niederlagen hinnehmen musste.


Aber für alle Fachleute war Aljechin der einzig Sterbliche, der
“die triumphierende kubanische Maschine” aufhalten konnte; obwohl es ihm nicht gelungen war, ihn bei den 13 vorhergehenden Begegnungen zu besiegen.

Vor Beginn des Weltmeisterschaftskampfes hatte Aljechin auf einer der Strassen von Buenos Aires ein Hufeisen gefunden.

 

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Er ging sogar zu einem Kiosk und kaufte sich dort irgendeine Zeitung, packte das Hufeisen ein und dachte mit grosser Genugtuung in seinem Inneren:
“Dieser Glücksbringer hat sicher auf mich gewartet!”

An jenem Nachmittag, natürlich die Zeitung mit dem eingewickelten Hufeisen in der Hand, erzählte er jedem, der ihn bedrängenden Anhänger, welchen “glücklichen” Fund er gemacht habe.
Und er sprach von der Freude, die dieser Fund in sich trage.

Nachstehend noch einige Abbildungen der historischen Möbel, des Spieltisches und einer Partienotation:

 

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Capablanca war nun ein Mensch, der nicht in das Genre des steorotypen Durchschnittspielers einzureihen war:
Er war vielmehr ein Charakter, der gern viel erzählte, sehr lustig,
ein Nachtschwärmer und ausgesprochener Frauenliebhaber. Pferderennen und Kartenspielen begeisterten ihn, wobei er sich sogar einen respektvollen Ruf eines hervorragenden Bridge-Spielers erwarb.

Die Vorbedingungen für dieses WM-match bestanden darin, dass der Sieger 6 Partien gewinnen musste; sollten beide auf 5 Siege kommen, würde der alte Weltmeister auch der neue Champion sein.
Die Spielzeit war 5 Stunden je Partie, und es wurde an 5 Tagen der Woche gespielt.

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Capablanca:
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“Ich bin eigentlich ziemlich müssig, und es langweilt mich, die Partien zu analysieren. Ich lese weder Neuerungen noch interessieren sie mich eigentlich.
Deswegen konnte Aljechin besonders bei den Eröffnungen Vorteile erzielen.”

 

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Der Russe
Courtesy Arqto. Roberto Pagura

hingegen analysierte sämtliche Partien seines Gegners und entdeckte Schwachpunkte, die ihm im Nachhinein sehr halfen.
Hinzu kam, dass er sich auch gesundheitlich auf die WM-Kampf vorbereitete und seit 8 Monaten nicht mehr rauchte.

Ausserdem vermied er den Fehler von New York, wo er vor den Partien recht viel gegessen hatte, was ihn dann schläfrig machte.

Anschliessend noch einige etwas befremdliche Kommentare des neuen Weltmeisters:
“Capablanca unterhält sich nicht über Schach, weder spielt er, noch oder möchte er sich dem Schachbrett in seiner Freizeit widmen. Er zeigt sich apathisch, ist unfähig, grosse Anstrengungen für die Vorbereitung zu machen und hat wenig Ehrgeiz.”

Endergebnis:

 

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Resultat: Alekhine 6; Capablanca 3 (25 Remise).

Zur Vervollständigung dieser Ausführungen geben wir Ihnen gern noch die Einzelergebnisse zwischen
Capablanca und Aljechin bekannt:

1914 St. Petersburg 2:0
1922 London 0.5 : 0:5
1924 New York 1:0 und 3 Remise
1927 Buenos Aires 3:6 und 25 Remise
1936 Nottingham 1:0
1938 Holland (AVRO-Turnier) 0, 0,5 1,0, 0

ingesamt also 7:7 Punkte und 33 Remise.

Aljechin gab Capablanca nie die Möglichkeit einer Revanche.

(Persönlich sind wir der Ansicht, dass Capablanca, der doch viel Erfahrung aus dem WM-Kampf erwarb, den Rückkampf gewonnen und damit wieder Weltmeister geworden wäre.)

Im Jahre 1942 starb Capablanca plötzlich und unerwartet in New York und Aljechin erklärte hierzu:
“Wir haben den wohl genialsten Schachspieler verloren, der jemals existierte.”

Sitges (Barcelona), im Dezember 2009