Der Meteorit


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von Jaroslav Veis – angepasst und illustriert von Frank Mayer

Präambel:

Dämmerung.

Dunkle, schwere Eichenmöbel, dunkle, schwere Samtvorhänge, die in weichen Falten über vergilbte Stores fallen.

Dunkle Türen, dunkle Bilder in brüchigen Rahmen, gedämpftes Licht.

Gemalt von Marcel Duchamp

So ist es gut.

Dunkle Welt.

So ist es erträglich.

Das Interview:

„Meister, man sagt von Ihnen, Sie leuchten wie ein Meteorit. Sie strahlen blendendes Licht aus, in der die ganze Schachwelt nur als schwacher Abglanz erscheint.

Wie würde Ihnen der Beiname <amerikanischer Meteorit>

gefallen?”

“Amerikanischer Meteorit?”

“Sie interessieren sich für Schach, Madam?”

“Miss Helen Cartwright, Meister. “Daily News”.

Nein, ich interessiere mich nicht für Schach.

Das ist für Frauen zu metaphysisch.

Aber ich interessiere mich, wir alle interessieren uns für berühmte Persönlichkeiten.

Und Sie sind nach dem Kampf gegen Derandes der Held des Tages.

Wissen Sie, dass Sie der erste Schachspieler sind, dem die

ganze zwei Spalten auf der ersten Seite widmen will?”

“Hmm. Ich nehme an…..das ist für mich eine grosse Ehre.

Miss Cartwright. Wahrscheinlich verdiene ich das gar nicht.“

“Erlauben sie, Meister, aber das wissen wir besser. Ich verstehe nichts vom Schach und Sie verstehen nichts vom Journalismus.

Es kommt alles auf die Aufmachung an. Wenn man es geschickt anfängt, werden unsere Leser sich morgen um eine Autogramm von Ihnen prügeln.”

“Wirklich?”

“Gewiss. Und deshalb möchte ich wissen, was Sie von diesem Beinamen halten. Beinamen ziehen nämlich, das wissen wir aus Erfahrung.

<Der amerikanische Meteorit>, das klingt doch gut.”

“Ich …..ich weiss nicht. Und Sie glauben wirklich, ich strahle?”

“Hauptsache, unsere Leser glauben es. Wir machen aus Ihnen ein Symbol des Lichts, den Cäsar des Schachbretts!

Veni vidi vici

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“Er kam, sah und siegte. Und das alles in bloss drei Jahren!”

Und das alles bloss in drei Jahren.

Und das alles…

Das Resultat:

Bilder. Ein Strom von Bildern, bekannten, halbvergessenen, immer tiefer, langsam vorbeifliessend. Er steht in der Mitte, unbeweglich, allein.

Weisse und schwarze Felder, in denen die Welt sich spiegelt. Nun kommen graue Schatten hinzu.

Gemalt von David Spa

Das Leben. Ein toller Wirbel kurzer Episoden.

Verwirrrung. Suchen. Angst.

Der Schluss:

Auch nach vielen Jahren wird man den Meister auf dieser Erde nicht vergessen, der als Meteorit bei seiner Reise durch das All wunderbare Erlebnisse erfahren durfte.

Die Welt um ihn herum trat auseinander und er mit ihr,

Läufer,

gemalt von Elke Rehder

Damen,

gemalt von Elke Rehder

Springer

gemalt von Elke Rehder

und Türme

gemalt von Elke Rehder

entfernten sich kreiselnd in den Weltraum hinaus und verwandelten sich in strahlende Sterne.

Noch ein letztes Mal blickte er zurück, dann flog er bereits, restlos glücklich, dem leuchtenden Dunkel entgegen.

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Sitges (Barcelona), im Dezember 2009