Harry Nelson Pillsbury, ein Licht, das zu früh erlosch.

Gemalt von Oliver Schopf
Mit freundlicher Genehmigung von Javier Cordero Fernández –
übersetzt, angepasst und illustriert von Frank Mayer
Text:
Harry Nelson Pillsbury wurde am 5. Dezember 1872 in Somerville, im Staate Masschussets (USA) geboren.
Er starb am 7. Juni 1906 in Philadelphia im frühen Alter von 33 Jahren an den Folgen einer Lungentuberkulose.
Er lernte recht spät das Schachspielen und zwar erst mit 16 Jahren. Zur Überraschung der damaligen Schachwelt erzielte er in kurzer Zeit spektakuläre Erfolge.
Allerdings hatte er den Vorteil, Mr. Addison Smith als Bostoner Meister zu haben, einer der besten Schachlehrer zu jener Zeit.
Schon 2 Jahre nach Beginn seiner Schachlaufbahn gelang es ihm, die erfahrene Schachgrösse H.N. Stone in einem match mit dem Ausgang 5:2 zu besiegen.
Im Jahre 1892 besuchte Wilhelm Steinitz
die Stadt Boston und gab dort eine Simultanvorstellung. Zusätzlich vereinbarte man eine mini-match von 3 Partien gegen Pillsbury.
Der ehemalige Weltmeister gab einen Bauern und einen Zug als Vorgabe, wurde aber von der Kampfeskraft des jungen Gegners überrascht und verlor die Begegnung mit 2:1.
Nach diesem Erfolg boten sich einige Mäzene an, dem vielversprechenden und neuen amerikanischen Talent Pillsbury
eine Europa-Reise zu finanzieren.
copyright chessgames.com
Für jeden amerikanischen Schachspieler war es unbedingt erforderlich, seine Stärke mit den europäischen Spielern zu messen, zumal auf dem “alten” Kontinent die stärksten Turniere der Welt organisiert wurden.
Mit anderen Worten: ‘Um sich einen Ruf am Schachbrett zu erarbeiten, musste man in die europäische Arena treten’.
Sein erstes internationale Turnier war Hastings 1895, ein Treffen mit einer zahlenmässigen Beteilung, die es bisher noch nicht gegeben hatte.
Es kamen die besten Spieler der Epoche nach England.
Wenn man von den ganz grossen Schachturnieren der Geschichte spricht, steht jenes Hastings-Turnier mit an vorderster Stelle.
Es war die Gelegenheit, sich auf internationaler Ebene bekannt zu machen. Man glaubt es nicht, aber Pillsbury schaffte es.
Indem die amerikanische Hoffnung ein grossartiges Spielvermögen entwickelte, gelang es ihm, das Turnier vor Mikhail Tchigorin zu gewinnen, der den zweiten Platz einnahm.
Etwas abgeschlagen platzierten sich die bekannten Meister wie
Steinitz, Lasker, Janowski und Tarrasch.
Nachstehend die Schluss-Tabelle:
Das entsprechende Familienfoto mit 18 Teilnehmern:
B. Vergani, W. Steinitz, M. Chigorín, E. Lasker, H. Pillsbury, S. Tarrasch, J. Mieses, R. Tiechmann, A. Albin, C. Schlechter, D. Janowski, G.Marco, J. Blackburne, G. Maroczy, E. Schiffers, I. Gunsberg, A. Burn, S. Tinsley
****************
Nach diesem überragenden Erfolg wurde er auch zu dem Turnier in Sankt Petersburg 1895 eingeladen, wobei die russischen Organisatoren eine selektive Auswahl anstrebten, in dem sie die ersten 5 platzierten Spieler des Hastingsturnieres baten, daran teilzunehmen.
Alle sagten zu, ausser Dr. Tarrasch, dem es aufrund seines Arztberufes an Zeit mangelte.
Pillsbury fing erfolgreich an, voller Kraft und Moral, wobei er einige beachtliche Siege erzielte.
Tchigorin, Dr. Lasker, Pillsbury y Steinitz während des Turnieres in
St. Petersburg von 1895-96
Doch dann liessen seine Kräfte nach und letztendlich wurde er von Lasker und Steinitz überholt.
Es steht fest, dass er sich während des Turnieraufenthaltes mit dem Tuberkulose-Virus infizierte, der sich zu einer chronischen Krankheit bis an das frühe Lebensende entwickelte.
Nachstehend noch eine weiteres Bild der Pillsbury-Teilnahme an dem
Deutschen Schachbund-Kongress – Turnier 1896 Nürnberg
Stehend: Lasker, Charousek, Schlechter, zwei Organisatoren, Janowsky, Maróczy, Marco, Showalter, drei Organisatoren.
Sitzend: Albin, Porges, Chigorin, Tarrasch, Winawer, Steinitz, Blackburne, Schallopp, Schiffers, Pillsbury, Walbrodt, Teichmann
***************
Unmittelbar nach dem Turnier in Sankt Petersburg kehrte
Pillsbury in die Vereinigten Staaten zurück; im Jahre 1897
Wurde er von Jackson Showalter
zu einem Wettkampf aufgefordert, wobei es um die amerikanische Meisterschaft gehen sollte.
Wie zu erwarten, setzte sich Pillsbury mit dem Ergebnis 12,5 : 8,5
Punkten durch, weigerte sich jedoch, den Meistertitel anzuerkennen, weil es sich nicht um ein offizielles match handelte.
Ein Jahr später wurde der zweite Wettkampf gegen Showalter angesetzt, allerdings dieses Mal als offizielle Meisterschaft.
Harry Nelson Pillsbury
copyright professorchess.com
ging wieder als Sieger aus dem match hervor mit dem Resultat von 8 : 4 Punkten und wurde somit der erste amerikanischer Schachmeister.
Im Jahre 1898 entschied er, erneut nach Europa zu reisen, um sich dort mit den grossen Meistern zu messen.
Er wollte die von ihm bei seiner letzten Europa-Reise geweckten Erwartungen bestätigen.
Zu jener Zeit wurden allerdings wenige Turniere organisiert, so dass er nur 4 Turniere während seines 2-jährigen Aufenthaltes bestreiten konnte.
Er erzielte ausserordentliche Ergebnisse, wobei er sich immer unter den ersten 3 Teilnehmern des gesamten Feldes befand.
Diese Überlegenheit trug dazu bei, dass er sich den Respekt aller
grossen Schachspieler zu jener Zeit verdiente.
copyright sachovespravy.eu
Nach der Rückkehr in seine Heimat im Jahre 1900 widmete er sich vorzugsweise Simultanveranstaltungen, wobei er die stattliche Zahl von 150 Vorstellungen erreichte und insgesamt 40.000 Meilen zurücklegte.
Nach diesen doch sehr anstrengenden Simultanvorstellungen entschied sich Pillsbury zum dritten und letzten Mal, nach Europa zurückzukehren.
Seine Ergebnisse waren recht positiv, aber man merkte, dass seine Spielstärke doch unter der im Jahre 1895 angesteckten Krankheit nachliess, so dass er das in Hastings und Sankt Petersburg gezeigte Niveau nicht mehr erreichte.
In der Tat wurde seine Spielstärke von Jahr zu Jahr schwächer.
Nachstehend eine Liste seiner Beteiligungen und Erfolge, sowohl bei den Turnieren als auch bei den Einzelbegegnungen:
Erfolgsliste von Harry Nelson Pillsbury
Alle Turniere mit seiner Teilnahme sind hier aufgeführt
JahrTURNIERPLATZPUNKTE
1893Turnier von Manhattan
Turnier von New York1º
7º7/9
7/13
1894Turnier von de Buffalo
Turnier von New York2º
5º3’5/6
5/10
1895Turnier von Hastings
Turnier von Sankt Petersburg1º
3º16’5/21
8/18
1896Turnier von Budapest
Turnier von Nürnberg3º
3º-4º7’5/12
12/18
1898Turnier von Wien2º27’5/36
1899Turnier von London  2º-4º18/27
1900Deutscher Schachbund-Kongress
Turnier von París1º-3º
2º12/15
12’5/16
1901Turnier von Buffalo1º9/10
1902Deutscher Schachbund-Kongress
Torneo de Montecarlo2º
2º-3º12/17
14’5/19
1903Turnier von Montecarlo
Turnier von Wien3º
4º18’5/26
10/18
1904Turnier von Cambridge Springs8º-9º7/15
Ergebnisse bei Einzelbegegnungen
JahrMATCHErgebnis
1892Harry Pillsbury – E. Dresel4 – 1
1897Harry Pillsbury – Jackson Showalter12’5 – 8’5
1898Harry Pillsbury – Jackson Showalter8 – 4
Diese Aufstellung schliesst alle Turniere von Pillsbury ein¬:
JahrTurnierPlatzPUNKTE
1893Turnier von Manhattan
Turnier von New York1º
7º7/9
7/13
1894Turnier von Buffalo
Turnier von New York2º
5º3’5/6
5/10
1895Turnier von Hastings
Turnier von Santk Petersburg1º
3º16’5/21
8/18
1896Turnier von Budapest
Turnier von Nürnberg3º
3º-4º7’5/12
12/18
1898Turnier von Wien2º27’5/36
1899Torneo von London  2º-4º18/27
1900Deutscher Schachkongress
Turnier von París1º-3º
2º12/15
12’5/16
1901Turnier von Buffalo1º9/10
1902Deutscher Schachkongress
Turnier von Montecarlo2º
2º-3º12/17
14’5/19
1903Turnier von Montecarlo
Turnier von Wien3º
4º18’5/26
10/18
1904Turnier von Cambridge Springs8º-9º7/15
Ergebnisse der Einzel-matches
JahrMATCHErgebnis
1892Harry Pillsbury – E. Dresel4 – 1
1897Harry Pillsbury – Jackson Showalter12’5 – 8’5
1898Harry Pillsbury – Jackson Showalter8 – 4
Für viele Fachleute hätte Pillsbury eigentlich der Anwärter auf die Weltmeisterschaft sein müssen, aber Dr. Lasker
zog es vor, andere Gegener auszuwählen, um seine Weltmeisterschaftskrone aufs Spiel zu setzen.
Aufgrund seines Könnens und seiner Ergebnisse hätte Pillsbury es verdient gehabt, um die Weltmeisterschaft zu spielen.
Hierbei ist nicht zu vergessen, dass er der weltbeste Spieler während 16 Monaten in den Jahren 1903 und 1904 war.
Jedoch sein frühes Ableben verhinderte die Krönung seiner Laufbahn.
Es sind ähnliche Fälle bekannt, die eine gleiche Situation vorfanden wie Rubinstein, Dr. Tarrasch, Keres, Bronstein…,
die aber nie das grosse Ziel erreichten.
Sprechen wir nachstehend ein wenig über seinen Spielstil.
Pillsbury verinnerlichte die Lehren von Steinitz und
Dr. Tarrasch und, wie fast die gesamte Schachwelt
zu jener Zeit, neigte er zu geschlossenen Spielen.
Bei dieser Partieart werden die Fehler oder schwachen Züge in der Eröffnungsphase ermittelt, um kleine Vorteile zu erzielen, die schliesslich zum Sieg führen.
Besonders nach der Eröffnung und dem nachfolgenden Mittelspiel wurden die Bauern in Richtung der gegnerischen Rochadestellung geführt, und die vorher erarbeiteten kleinen Vorteile führten dann zum Gewinn.
Aber gerade bei diesem Punkt wich Pillsbury
von der üblichen Tendenz ab, und er näherte sich den “romantischen” Spielern.
Er führte die Partien fast bis zum Schluss im Stile von Steinitz,
aber dann gab er seinem Talent freien Lauf und entwickelte wunderbare Angriffe gegen die gegnerische Rochade.
In seinen Partien waren Figurenopfer fast schon üblich, so dass die spektakulären Kombinationen ihm mehrere Schönheitspreise einbrachten; somit löste er sich von dem Spielstil jener Epoche, die kaum Angriffspartien aufzeigten.
Pillsbury war ein ausergewöhnlicher Blindspieler, eine Tatsache, die sich schnell unter allen Schachanhängern herumsprach.
Er schlug sämtliche Rekorde der damaligen Zeit:
die gespielten Partien bei Blind-Simultanvorstellungen, wobei er es auf 20 Blindpartien gleichzeitig brachte, während Zuckertort “nur” einen Rekord von 16 Partien innehielt.
Es ist hier hinzuzufügen, dass die Gegner von Pillsbury besonders starke Spieler waren mit einem Gesamtergebnis von 14 Siegen,
5 Remisen und nur einer Niederlage.
Im Jahre 1903 schlug er abermals seinen eigenen Rekord und spielte jeweils gegen 22 Gegner, die am Moskauer Turnier teilnahmen. Viele von ihnen hatten Meisterstärke.
Das Ergebnis war 17 Gewinnpartien, 4 Remise und eine Niederlage.
Als Krönung seines hervorragenden Gedächtnisses konnte er sich an alle Züge der gespielten 22 Partien erinnern.
Das war fast schon eine unglaubliche Leistung.
Die Leistungsfähigkeit von Pillsbury schien keine Grenzen zu haben.
Er war in der Lage, das Publikum insofern zu begeistern, als er 16 Blindpartien gleichzeitig spielte, verschiedene Dame-Partien (auch blind) und mit einer Hand ein Kartenspiel “Whist”.
Eine dieser Schauvorstellungen gab er in La Habana 1899 und einer der Zuschauer war ein Junge mit dem Namen José Raúl…und dem Nachnamen Capablanca.
Der Junge wurde von der Atmosphäre und dem Schachspiel so eingefangen, das er bis zu seinem Lebensende nie mehr davon abliess; eine Begebenheit, die Capablanca selbst erzählte und niederschrieb.
Nachstehend einer seiner besten Blindpartien:
Pillsbury 1 – Frere 0 Pillsbury : weiss
Brooklyn 1894 Frere : schwarz
1. e4 / e5 2. Sc3 / Sc6 3. g3 / Lc5 4. Lg2 / d6 5. d3 / Sf6 6. h3 / Sd4
7. Ld2 / c6 8. Sa4 / Lb6 9. Sxb6 / axb6 10. c3 / Se6 11. Se2 / h6 12. 0-0 / Sg5 13. Kh2 / g6
14. f4 / Se6 15. Sg1 / exf4 16. Lxf4 / Sxf4 17. Txf4 / Le6 18. d4 / d5 19. e5 / Sh5
20. Tf2 / 0-0 21. Dd2 / Kh7 22. g4 / Sg7 23. Tf6 / Se8 24. Tf2 / Sg7
25. Taf1 / Txa2 26. Lf3 / Dg5 27. Dc2 / Tfa8 28. Le2 / De7 29. Ld3 / b5
30. Tf6 / De8 31. Sf3 / Ta1 32. Txa1 / Txa1 33. Sh4 / Kg8 34. Sxg6 / fxg6
35. Lxg6 / De7 36. Lh7+ / Kh8 37. Dg6 / Lg8 38. Lxg8 / Kxg8 39. e6 / Te1
40. Tf7 / Dd6+ 41. Kg2 / Tg1+ 42. Kxg1 / Dg3+ 43. Kf1 / Dxh3+
44. Ke2 / Aufgabe ( Frere ).
y
Nach 33….Kg8
Siehe Partie
Anmerkung:
Dieses Opfer stützt sich nicht auf ein bekanntes Schema, sondern entwickelt sich, als die Partie schon weit fortgeschritten war, und deswegen ist es immer schwierig ist zu kombinieren.
Da es sich aber um eine Blindpartie handelte, ist dieser Verdienst besonders anzuerkennen.
Pillsbury konnte mit viel Geschick erreichen, dass der schwarze Turm bis nach a1 zog, so dass sich diese Schwerfigur weit weg von ihren Verteidungsaufgaben befand und kaum den weissen König berunruhigte.
Das war der geeignete Augenblick, eine Figur zu opfern und die schwarze Königstellung vehement anzugreifen.
***************
Ausserdem hinterliess uns Pillsbury einen grossen Beitrag zur Eröffnungstheorie, wobei er beim Damengambit den Springer auf e5 setzte, unterstützt von den beiden Bauern e4 und f4.
Das ist eine Variante der Eröffnung, die gegenwärtig noch öfters gespielt wird; sogar Kasparov hat sie mehrmals angewendet.
Zusammenfassend können wir sagen, dass
Harry Nelson Pillsbury
copyright i.biblio.com
ein grosses Vermächtnis trotz seines frühen Ablebens hinterliess.
Nachstehend Bilder seines Grabes und des Familien-Denkmales:
copyright William Sweeney
copyright Bob on Gallos Hill
Statistiken:
Seine Statistik bei offiziellen Partien ist:
215 Siege, 84 Niederlagen und 96 Remise mit einem erzielten Durchschnitt von 66,6 %.
Seine historische ELO-Zahl ist 2.816, die er im Juli 1901 erzielte.
Schlussbemerkung:
Harry Nelson Pillsbury, ein Stern, der zur Trauer der ganzen Schachwelt zu früh erlosch.
Sitges (Barcelona)……2009
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Gemalt von Oliver Schopf
Mit freundlicher Genehmigung von Javier Cordero Fernández –
übersetzt, angepasst und illustriert von Frank Mayer
Text:
 
Harry Nelson Pillsbury wurde am 5. Dezember 1872 in Somerville, im Staate Masschussets (USA) geboren.
Er starb am 7. Juni 1906 in Philadelphia im frühen Alter von 33 Jahren, wahrscheinlich an den neurologischen Komplikation einer Geschlechtskrankheit.
 
Er lernte recht spät das Schachspielen und zwar erst mit 16 Jahren. Zur Überraschung der damaligen Schachwelt erzielte er aber in kurzer Zeit beachtliche Erfolge.
Allerdings hatte er den Vorteil, Mr. Addison Smith als Bostoner Schachmeister zu haben, einer der besten Schachlehrer zu jener Zeit.
Schon 2 Jahre nach Beginn seiner Schachlaufbahn gelang es ihm, die erfahrene Schachgrösse
H.N. Stone in einem match mit dem Ausgang 5:2 zu besiegen.
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Im Jahre 1892 besuchte Wilhelm Steinitz
die Stadt Boston und gab dort eine Simultanvorstellung. Zusätzlich vereinbarte man eine mini-match von 3 Partien gegen Pillsbury.
Der ehemalige Weltmeister gab einen Bauern und einen Zug als Vorgabe, wurde aber von der Kampfeskraft des jungen Gegners überrascht und verlor die Begegnung mit 2:1.
Nach diesem Erfolg boten sich einige Mäzene an, dem vielversprechenden und neuen amerikanischen Talent Pillsbury
eine Europa-Reise zu finanzieren.
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copyright chessgames.com
Für jeden amerikanischen Schachspieler war es unbedingt erforderlich, seine Stärke mit den europäischen Spielern zu messen, zumal auf dem “alten” Kontinent die stärksten Turniere der Welt organisiert wurden.
Mit anderen Worten: ‘Um sich einen Ruf am Schachbrett zu erarbeiten, musste man in die europäische Arena treten’.
 
Sein erstes internationale Turnier war Hastings 1895, ein Treffen mit einer zahlenmässigen Beteilung, die es bisher noch nicht gegeben hatte.
Es kamen die besten Spieler der Epoche nach England.
Wenn man von den ganz grossen Schachturnieren der Geschichte spricht, steht jenes Hastings-Turnier mit an vorderster Stelle.
 
Es war die Gelegenheit, sich auf internationaler Ebene bekannt zu machen. Man glaubt es nicht, aber Pillsbury schaffte es.
Indem die amerikanische Hoffnung ein grossartiges Spielvermögen entwickelte, gelang es ihm, das Turnier vor Mikhail Tchigorin zu gewinnen, der den zweiten Platz einnahm.
Etwas abgeschlagen platzierten sich die bekannten Meister wie
Steinitz, Lasker, Janowski und Tarrasch.
 
Nachstehend die Schluss-Tabelle:

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Das entsprechende Familienfoto mit 18 Teilnehmern:
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B. Vergani, W. Steinitz, M. Chigorín, E. Lasker, H. Pillsbury, S. Tarrasch, J. Mieses, R. Teichmann, A. Albin, C. Schlechter, D. Janowski, G.Marco, J. Blackburne, G. Maroczy, E. Schiffers, I. Gunsberg, A. Burn, S. Tinsley
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Nach diesem überragenden Erfolg wurde er auch zu dem Turnier in Sankt Petersburg 1895 eingeladen, wobei die russischen Organisatoren eine selektive Auswahl anstrebten, in dem sie die ersten 5 platzierten Spieler des Hastingsturnieres baten, daran teilzunehmen.
Alle sagten zu, ausser Dr. Tarrasch, dem es aufrund seines Arztberufes an Zeit mangelte.
Pillsbury fing erfolgreich an, voller Kraft und Moral, wobei er einige beachtliche Siege erzielte.
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Tchigorin, Dr. Lasker, Pillsbury y Steinitz während des Turnieres in
St. Petersburg von 1895-96
Doch dann liessen seine Kräfte nach und letztendlich wurde er von Lasker und Steinitz überholt.
Es steht fest, dass er sich während des Turnieraufenthaltes mit dem Tuberkulose-Virus infizierte, der sich zu einer chronischen Krankheit bis an sein frühes Lebensende entwickelte.
 
Nachstehend noch eine weiteres Bild der Pillsbury-Teilnahme an dem
Deutschen Schachbund-Kongress – Turnier 1896 Nürnberg
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Stehend: Lasker, Charousek, Schlechter, zwei Organisatoren, Janowsky, Maróczy, Marco, Showalter, drei Organisatoren.
Sitzend: Albin, Porges, Chigorin, Tarrasch, Winawer, Steinitz, Blackburne, Schallopp, Schiffers, Pillsbury, Walbrodt, Teichmann
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Unmittelbar nach dem Turnier in Sankt Petersburg kehrte
Pillsbury in die Vereinigten Staaten zurück;
im Jahre 1897
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wurde er von Jackson Showalter
zu einem Wettkampf aufgefordert, wobei es um die amerikanische Meisterschaft gehen sollte.
Wie zu erwarten, setzte sich Pillsbury mit dem Ergebnis 12,5 : 8,5
Punkten durch, weigerte sich jedoch, den Meistertitel anzuerkennen, weil es sich nicht um ein offizielles match handelte.
Ein Jahr später wurde der zweite Wettkampf gegen Showalter angesetzt, allerdings dieses Mal als offizielle Meisterschaft.

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copyright professorchess.com

 
Harry Nelson Pillsbury
ging wieder als Sieger aus dem match hervor mit dem Resultat von 8 : 4 Punkten und wurde somit der erste amerikanischer Schachmeister.
 
Im Jahre 1898 entschied er, erneut nach Europa zu reisen, um sich dort mit den grossen Meistern zu messen.
Er wollte die von ihm bei seiner letzten Europa-Reise geweckten Erwartungen bestätigen.
Zu jener Zeit wurden allerdings wenige Turniere organisiert, so dass er nur 4 Teilnahmen während seines 2-jährigen Aufenthaltes bestreiten konnte.
Er erzielte ausserordentliche Ergebnisse, wobei er sich immer unter den ersten 3 Platzierten des gesamten Feldes befand.
Diese Überlegenheit trug dazu bei, dass er sich den Respekt aller
grossen Schachspieler zu jener Zeit verdiente.
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copyright sachovespravy.eu
Nach der Rückkehr in seine Heimat im Jahre 1900 widmete er sich vorzugsweise Simultanveranstaltungen, wobei er die stattliche Zahl von 150 Vorstellungen erreichte und insgesamt 40.000 Meilen zurücklegte.
Nach diesen doch sehr anstrengenden Simultanvorstellungen entschied sich Pillsbury zum dritten und letzten Mal, nach Europa zurückzukehren.
Seine Ergebnisse waren recht positiv, aber man merkte, dass seine Spielstärke doch unter der im Jahre 1895 angesteckten Krankheit nachliess, so dass er das in Hastings und Sankt Petersburg gezeigte Niveau nicht mehr erreichte.
In der Tat wurde seine Spielstärke von Jahr zu Jahr schwächer.
 
Nachstehend eine Liste aller seiner Beteiligungen und Erfolge, sowohl bei den Turnieren als auch bei den Einzelbegegnungen:
Erfolgsliste von Harry Nelson Pillsbury
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Ergebnisse bei Einzelbegegnungen
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         Für viele Fachleute hätte Pillsbury eigentlich der Anwärter auf

die Weltmeisterschaft sein müssen, aber Dr. Lasker zog es vor, andere Gegener auszuwählen, um seine Weltmeisterschaftskrone aufs Spiel zu setzen.

Aufgrund seines Könnens und seiner Ergebnisse hätte Pillsbury es verdient gehabt, um die Weltmeisterschaft zu spielen.
 
Hierbei ist nicht zu vergessen, dass er der weltbeste Spieler während 16 Monaten in den Jahren 1903 und 1904 war.
 
Jedoch sein frühes Ableben verhinderte die Krönung seiner Laufbahn.
 
Es sind ähnliche Fälle bekannt, die eine gleiche Situation vorfanden wie Rubinstein, Dr. Tarrasch, Keres, Bronstein…,
die aber nie das grosse Ziel erreichten.
Sprechen wir nachstehend ein wenig über seinen Spielstil.
 
Pillsbury verinnerlichte die Lehren von Steinitz und
Dr. Tarrasch und, wie fast die gesamte Schachwelt
zu jener Zeit, neigte er zu geschlossenen Spielen.
Bei dieser Partieart werden die Fehler oder schwachen Züge in der Eröffnungsphase ermittelt, um kleine Vorteile zu erzielen, die schliesslich zum Sieg führen.
Besonders nach der Eröffnung und dem nachfolgenden Mittelspiel wurden die Bauern in Richtung der gegnerischen Rochadestellung geführt, und die vorher erarbeiteten kleinen Vorteile führten dann zum Gewinn.
 
Aber gerade bei diesem Punkt wich Pillsbury
von der üblichen Tendenz ab, und er näherte sich den “romantischen” Spielern.
 
Er führte die Partien fast bis zum Schluss im Stile von Steinitz,
aber dann gab er seinem Talent freien Lauf und entwickelte wunderbare Angriffe gegen die gegnerische Rochade.
 
In seinen Partien waren Figurenopfer fast schon üblich, so dass die spektakulären Kombinationen ihm mehrere Schönheitspreise einbrachten; somit löste er sich von dem Spielstil jener Epoche, die kaum Angriffspartien aufzeigten.
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Pillsbury war ein ausergewöhnlicher Blindspieler, eine Tatsache, die sich schnell unter allen Schachanhängern herumsprach.
Er schlug sämtliche Rekorde der damaligen Zeit:
die gespielten Partien bei Blind-Simultanvorstellungen, wobei er es auf 20 Blindpartien gleichzeitig brachte, während Zuckertort “nur” einen Rekord von 16 Partien innehielt.
Es ist hier hinzuzufügen, dass die Gegner von Pillsbury besonders starke Spieler waren mit einem Gesamtergebnis von 14 Siegen,
5 Remisen und nur einer Niederlage.
Im Jahre 1903 schlug er abermals seinen eigenen Rekord und spielte jeweils gegen 22 Gegner, die am Moskauer Turnier teilnahmen. Viele von ihnen hatten Meisterstärke.
Das Ergebnis war 17 Gewinnpartien, 4 Remise und eine Niederlage.
Als Krönung seines hervorragenden Gedächtnisses konnte er sich an alle Züge der gespielten 22 Partien erinnern.
Das war fast schon eine unglaubliche Leistung.
 
Die Leistungsfähigkeit von Pillsbury schien keine Grenzen zu haben.
 
Er war in der Lage, das Publikum insofern zu begeistern, als er 16 Blindpartien gleichzeitig spielte, verschiedene Dame-Partien (auch blind) und mit einer Hand ein Kartenspiel “Whist”.
Eine dieser Schauvorstellungen gab er in La Habana 1899 und einer der Zuschauer war ein Junge mit dem Namen José Raúl…und dem Nachnamen Capablanca.
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Der Junge wurde von der Atmosphäre und dem Schachspiel so eingefangen, dass er bis zu seinem Lebensende nie mehr davon abliess; eine Begebenheit, die Capablanca selbst erzählte und niederschrieb.
 
Nachstehend einer seiner besten Blindpartien:
Pillsbury 1 – Frere 0 Pillsbury : weiss
Brooklyn 1894 Frere : schwarz
1. e4 / e5 2. Sc3 / Sc6 3. g3 / Lc5 4. Lg2 / d6 5. d3 / Sf6 6. h3 / Sd4
7. Ld2 / c6 8. Sa4 / Lb6 9. Sxb6 / axb6 10. c3 / Se6 11. Se2 / h6 12. 0-0 / Sg5 13. Kh2 / g6
14. f4 / Se6 15. Sg1 / exf4 16. Lxf4 / Sxf4 17. Txf4 / Le6 18. d4 / d5 19. e5 / Sh5
20. Tf2 / 0-0 21. Dd2 / Kh7 22. g4 / Sg7 23. Tf6 / Se8 24. Tf2 / Sg7
25. Taf1 / Txa2 26. Lf3 / Dg5 27. Dc2 / Tfa8 28. Le2 / De7 29. Ld3 / b5
30. Tf6 / De8 31. Sf3 / Ta1 32. Txa1 / Txa1 33. Sh4 / Kg8 34. Sxg6 / fxg6
35. Lxg6 / De7 36. Lh7+ / Kh8 37. Dg6 / Lg8 38. Lxg8 / Kxg8 39. e6 / Te1
40. Tf7 / Dd6+ 41. Kg2 / Tg1+ 42. Kxg1 / Dg3+ 43. Kf1 / Dxh3+
44. Ke2 / Aufgabe ( Frere ).
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Nach 33….Kg8
 
Anmerkung:
 
Dieses Opfer stützte sich nicht auf ein bekanntes Schema, sondern entwickelte sich, als die Partie schon weit fortgeschritten war, und deswegen ist es immer schwierig zu kombinieren.
Da es sich aber um eine Blindpartie handelte, ist dieser Verdienst besonders anzuerkennen.
 
Pillsbury konnte mit viel Geschick erreichen, dass der schwarze Turm bis nach a1 zog, so dass sich diese Schwerfigur weit weg von ihren Verteidungsaufgaben befand und kaum den weissen König berunruhigte.
Das war der geeignete Augenblick, eine Figur zu opfern und die schwarze Königstellung vehement anzugreifen.
 
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Ausserdem hinterliess uns Pillsbury einen grossen Beitrag zur Eröffnungstheorie, wobei er beim Damengambit den Springer auf e5 setzte, unterstützt von den beiden Bauern e4 und f4.
Das ist eine Variante der Eröffnung, die gegenwärtig noch öfters gespielt wird; sogar Kasparov hat sie mehrmals angewendet.
Zusammenfassend können wir sagen, dass
 
Harry Nelson Pillsbury
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copyright i.biblio.com
ein grosses Vermächtnis trotz seines frühen Ablebens hinterliess.
 
Nachstehend Bilder seines Grabes und des Familien-Denkmales:
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copyright William Sweeney
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copyright Bob on Gallos Hill
 
 
Statistiken:
 
Seine Statistik bei offiziellen Partien ist:
215 Siege, 84 Niederlagen und 96 Remise mit einem erzielten Durchschnitt von 66,6 %.
Seine historische ELO-Zahl ist 2.816, die er im Juli 1901 erzielte.
 
Schlussbemerkung:
 
Harry Nelson Pillsbury, ein Stern, der zur Trauer der ganzen Schachwelt zu früh erlosch.
 
Sitges (Barcelona) Dezember 2009

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