Ein König ohne Krone

Paul Keres

(* 1916 + 1975)

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geschätzt, verehrt, geliebt – der ewige Zweite

von Hugo Kastner
angepasst, ergänzt und illustriert von Frank Mayer

Eine Zusammenfassung seines Lebens:

Hunderttausende Trauernde säumten die Strassen Tallins (der Hauptstadt von Estland), als Paul Keres im Junik 1975 zu Grabe getragen wurde.

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Und hören Sie die Stimme eines unbekannten alten Mannes zur Gefühlslage der Esten:

“Ich weinte beim Tod von Paul Keres so, wie ich nie zuvor geweint hatte.”

Wohl kein Schachspieler hat je derartige Verehrung genossen wie dieser Gentleman par excellence, der zeitlebens die Freundlichkeit des Aristrokaten ausstrahlte.

Paul Keres wurde am 7. Januar 1916 in eine Schneiderfamilie hineingeboren.

Wenn auch nicht als Wunderkind gefeiert, so fiel Paul bereits früh durch hervorragendes Spiel wie auch durch tiefe Problementwürfe auf.

Keres hatte aber viele Talente.

Er studierte nebenbei Mathematik und bracht es als Tennisspieler zum Vizemeister seines Landes.

1937 war das erste grosse Schachjahr des Esten.
Fünfmal konnte er in internationalen Turnieren zumindest den geteilten ersten Platz erreichen, und man begann bereits über einen Weltmeisterschaftskampf gegen Alexander Aljechin zu munkeln.

Im Sommer 1940 marschierten jedoch sowjetische Truppen in Estland ein, der Zweite Weltkrieg hatte begonnen – und Paul Keres musste vorerst warten.

Schach stand, wie jede geistige Aktivität, für Jahre im Abseits.

1948 griff Paul Keres

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erneut entschlossen, wenn auch letztlich vergeblich, nach der Krone im könglichen Spiel.

Viermal wurder sentimentale Favorit der Schachfans in Kandidatenturnieren Zweiter, jedes Mal vom Glück verlassen beim Versuch, die letzte Sprosse auf der Leiter des Triumphes zu meistern.

Die Schachwelt wusste um seine Stärken, und 196o machte Südafrika einen in der Geschichte der WM-Qualifikationen einen einmaligen Vorschlag:
Paul Keres ob seiner Verdienste ausserhalb des WM-Zyklus einen Titelkampf austragen zu lassen.

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Nun, wie nicht anders zu erwarten, folgte der geharnischte Protest der sowjetischen Delegation.
Paul Keres, der mit seinem Auftreten seit der Einverleibung seiner Heimat stillen Protest signalisierte, schien ihr nicht linientreu genug.

Dem grossen Esten sollte das Schicksal des ewigen Zweiten nicht erspart bleiben.

Zu seinen Ehren wurde ein Denkmal in einer der Hauptstrassen von Tallin errichtet,

der Pärnu-Chaussee:

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Auf dem Foto sehen wir den Vize-Präsidenten des estischen Schachverbandes und Anatoli Karpov.

Auf der Rückreise von einem Turnier in Vancouver hörte sein Herz endgültig auf zu schlagen.

Nachstehend ein Bild seiner ewigen Ruhestätte auf dem Waldfriedhof Frits Hoorweg in Tallin:

courtesy Rob Bijpost, Holland

Doch bleibt uns Boris Spasskis grosser Nachruf:

“Es war unmöglich, ihn, einen Menschen mit einmaligen Charaktereigenschaften nicht zu mögen!”

Sein Bild ziert die estnische Fünf-Kronen-Banknote:

Anmerkung:

Seine beste historische Elo-Zahl war 2.786 Punkte, die er im Jahre 1947 erzielte.

Nachträglich ausgerechnet, befand sich Paul Keres von 1943 bis 1960 auf dem 2. Platz der Weltrangliste.

Er wurde nie Weltmeister, aber er stellte einen Rekord auf, da er gegen neun Weltmeister in Einzelpartien gewinnen konnte
(alle: von Capablanca bis Fischer).

Nun fügen wir dem geneigten Leser noch eine brillante Partie
von Paul Keres gegen den damaligen Weltmeister
Alexander Aljechin wie folgt bei:

Keres, Paul – Aljechin, Alexander
Margate, 1937

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 a6 4.La4 d6 5.c4 Dieser Zug, wesentlich weniger angewendet als 5. Sc3, hat das Ziel, das Zentrum mit allen Bauern zu beherrschen.

5…Ld7 6.Sc3 g6 7.d4 Lg7 8.Le3 Sf6 9.dxe5 dxe5 10.Lc5 Nach dem vorangegangen Tausch der Bauern, besetzt Weiss dieses Feld mit dem Läufer und verhindert die kurze Rochade von Schwarz.

10…Sh5 11.Sd5 Sf4 12.Sxf4 exf4 13.e5 g5? Aljechin dachte lange nach, bevor er diesen Zug ausführte und schätze ein, dass das Nehmen des Bauern 13….Sxe5 die Stellung seines Königs im Zentrum gefährdet werden könnte. Wie sich jedoch später herausstellte, war die Stellung haltbar.

14.Dd5! Lf8 Jetzt bemerkt Schwarz den Fehler, der bedeutet 14….g4?, weil auf 15. e6! Lxe6 (und nicht 15…fxe6 16. Dh5#) 16. Lxc6+ bxc6 17. Dxc6+ Ld7 18. De4+ Le6 19. Td1 und mit einer ausgezeichneten Stellung für Keres.

15.Lxf8 Txf8 16.0-0-0 De7 17.Lxc6! Lxc6 18.Dd3 Ld7 19.Sxg5       0-0-0 Schwarz hat einen Bauern verloren, aber das der kleinste Preis, um seinen König vom aus dem Zentrum zu entfernen. Was nicht geht, ist 19….Dg5?? 20. Dxd7#.

20.Sf3 f6 21.exf6 Txf6 22.The1 Db4? Aljechin sieht nicht die Drohung des Gegners und begeht den endgültigen Fehler.
Er sollte 22. T…e6 spielen; trotz allem ist die weisse Stellung wesentlich besser.

23.Dxd7+!! Schwarz gab auf.
Auf 23. Dxd7+ Txd7 würde folgen 24. Te8+ Td8 25. Tdxd8#.
1-0

Aljechin war Weltmeister in dem Jahr, als die Partie gespielt wurde anlässlich des traditionellen Osterturnieres von Margate.
Der Sieg von Keres – lt. eigener Aussage – war sein bedeutendster Triumph zur damaligen Zeit
.

courtesy Arqto. Roberto Pagura, Buenos Aires

Die Partie zum Nachspielen

Sitges (Barcelona), im März 2010

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