Archiv für den Monat: August 2010

LOUIS CHARLES DE LABOURDONNAIS “Der beste, legendäre französische Spieler” (nach Philidor)

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Louis Charles Mahé de Labourdonnais wurde im Jahre 1795 auf der Insel Bourbon (Frankeich) geboren,
heute La Réunion;  (diese Insel hiess zunächst “Mascareigne”, später “Bourbon”. 1848 schaffte man die Sklaverei ab und die Insel erhielt den Namen “La Réunion”.
1946 wurde sie zu einem franzöischen Département.
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Labourdonnais starb am 13. Dezember 1840 in London.
Im Jahre 1814 reiste er nach Paris, um sich akedemisch zu bilden. Dort erlernte er auch das Schachspiel, wobei er sich selbstverständlich in dem weltberühmten
Café de La Régence
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aufhielt, das zu jener Zeit die Anlaufstelle für Schach war und man sich dort 15 Stunden täglich dem bevorzugten Spiel widmen konnte.
Es wird erzählt, dass Louis Charles sich dort 12 Stunden am Tag während der ganzen Woche aufhielt.
Er pflegte um Geld spielen, egal gegen welchen Gegner auch immer, der sich traute, gegen ihn anzutreten.
Dort traf er auch den damaligen in-offiziellen Schachweltmeister
Alexandre Deschapelles (* 1780  + 1847).
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Kurze Zeit darauf wurde er Deschapelles Schüler, weil er sofort dessen schachliche Begabung erkannte. Da Louis Charles de Labourdonnais noch recht jung war und über viel Freizeit verfügte, besass er genügend Musse, von einem der französischen Mythen des Schachs zu lernen.
Zeitzeugen berichteten, dass sein Spiel in jenen Jahren fast “schwindelerregend” war. Er sah das Schach mit einer solchen Klarheit, so dass er besonders schnell die Züge ausführte, ohne kaum auf das Brett zu schauen.
Es gab Augenblicke, wo er so rasch zog, dass er dem Gegner kaum Gelegenheit gab, seine Figur auf das entsprechende Feld zu setzen.

Labourdonnais stammte aus einer reichen Adelsfamilie.
Er lebte in einem Schloss mit vielen Bediensteten.
Sein Grossvater Bertrand François Mahé de Labourdonnais war von 1734 bis 1746 Gouverneur de Insel Bourbon.
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Bertrand François de Labourdonnais,
Charles Grossvater.
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Die Statue des Grossvaters, dem
Gouverneur der Insel Bourbon.
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Gedenktafel am unteren Teil des Monumentes
Aus unbekannten Gründen verlor Louis Charles sein gesamtes Vermögen, vermutlich wegen schlechter Investitionen, so dass ihm nichts anderes übrigblieb, als mit dem Schachspiel seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.
Im Grunde genommen übte er nie einen richtigen Beruf aus, obwohl er in der Hochschule des Königs Enrique IV von Frankreich und Navarra
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studiert hatte.
Er wurde der beste Schachspieler nach der Philidor-Epoche und Anhänger von Napoleón Bonaparte bis zu seinem Lebensende.
Bei der Teilnahme an dem französichen Krieg gegen Preussen verlor er seinen rechten Arm.
Im Jahre 1821 gewann er einen aussergewöhnlichen Bekanntheitsgrad, da er an einem Dreier-Turnier zusammen mit dem Meister Deschapelles und seinerzeit besten englischen Spieler John Cochrane teilnehmen durfte.
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Louis Charles Mahé de Labourdonnais
Die Begegnung fand in Paris statt und wo sonst, als im
Café de la Régence.
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Man vereinbarte, dass der in-offizielle Weltmeister Deschapelles dem Gegner jeweils einen Bauern und einen Zug vorgab.
Dechapelles wischte Cochrane mit 6 : 1 vom Tisch, und auch Labourdonnais konnte gegen Cochrane gewinnen.
Zu der grossen Überraschung aller, schlug der Schüler Labourdonnais seinen  Meister mit 7 : 0.
Das war natürlich ein harter Schlag für Alexandre Deschapelles, der sich in Folge der vernichtenden Niederlage vom Schach zurückzog und dem Spiel “Whist” zuwandte.
Zum besseren Verständnis fügen wir nachstehend ein neueres Bild bei:
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copyright farm4.static.flickr.com
Der “noch” Weltmeister übergab den Stab an seinen Schüler
mit folgenden Worten:
“Niemals hätte ich meinen Schachthron abgegeben, wenn ich ihn nicht an Labourdonnais hätte weiterreichen können.
Mit ihm ist aber das Ansehen Frankreichs gerettet!”
Im Jahre 1823 reise er nach London, um gegen William Lewis
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copyright endgame.nl
anzutreten, ein Spieler, der grossen Ruf in seinem Land genoss. Labourdonnais jedoch gewann und schuf somit seine eigene Legende.
1825 kehrte er wieder nach England zurück, um sich mit den besten Spielern des Landes zu messen. Es ist überliefert, dass er sämtliche englischen Gegner besiegte.
Zu jener Zeit gab es noch keine Turniere, so dass die Spieler untereinander die verschiedenen Begegnungen vereinbaren mussten.
Über die darauffolgenden Jahre gibt es keine Daten, und man musste bis 1834 warten, als eine der wohl berühmtesten Schachbegegnungen stattfand:
Das “match” zwischen Labourdonnais gegen McDonnell.
Nachstehend abgebildet das entsprechende damalige Buch:
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Der Westminster Chess Club übernahm die Leitung des Wettkampfes
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mit dem Vorhaben, eine Entscheidung herbeizuführen, wer der beste Spieler der Welt sei.
So wurde dieses Ereignis eben als eine in-offizielle Weltmeisterschaft erklärt.
Die Herausforderung bestand aus 6 matches, zu spielen
in den Monaten Juni bis Oktober 1834.
Niemand zweifelte daran, dass sich die beiden besten Spieler der Welt gegenübersassen; man hielt keine anderen Spieler für solche Schachtalente.
Die Stile beider Spieler waren recht unterschiedlich. Sie waren in der Lage, herrliche Kombinationen zu gestalten, aber

Alexander  McDonnell (leider gibt es bisher kein Bild von ihm)
war ein absoluter Romantiker, und es machte ihm grosse Freude, viel zu riskieren; somit verlor er des öfteren in günstigen Positionen.
Labourdonnais beherrschte die Positionsspiel und war auch ein Virtuose in Kombinationen; er war vollendeter als sein Gegner und hatte auch grössere Erfahrungen in langen matches.
Wenn wir wir alle diese Bestandteile zusammentragen, können wir den Ausgang schon verstehen.
Hier nun die Einzelergebnisse:
World Chess Championship
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1st match

London, –, 1834.

 

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2nd match

London, –, 1834.

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3rd match

London, –, 1834.

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4th match

London, –, 1834.

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5th match

London, –, 1834.

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6th match

London, –, 1834.

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Zusammengefasst:
La Bourdonnais gewann das erste, dritte, vierte und fünfte match.
McDonnell gewann das zweite match und beim sechsten match, in Führung liegend, gab er auf.
Gesamt gesehen gewann La Bourdonnais 45 Partien, McDonnel konnte 27 Siege erzielen und es gab 13 Remise.
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Dieses match ging aus verschiedenen Gründen in die Geschichte ein. Einer davon war der hartnäckige Kampf bei jeder Partie, die gegen die Mittagszeit begann und meistens erst gegen 19 Uhr endete.
Man kämpfte immer um den ganzen Punkt, und man spekulierte nie auf remis.
Labourdonnais zog mit einer aussergewöhnlichen Schnelligkeit, während McDonnell sich immer viel Zeit nahm, um über den nächsten Zug nachzudenken.
Anmerkung: Erst Jahrzehnte später wurden die Schachuhren eingeführt – dank der Initiave von Joseph Henry Blackburne:
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Nachstehend nun eine Partie aus jenem match zum Nachspielen:
Labourdonnais – MacDonnell, London 1834:
1-0 41 1834 London m6 ;HCL 18 C51 Evans Gambit
MacDonnell nahm sich oft 2 Stunden Zeit, um einen Zug auszuführen. Angesichts dieser Tatsache wurde der schnell spielende Labourdonnais mehr als unruhig und nutzte die Wartezeit, um in einem Nebensaal andere Partien gegen schwächere Gegner und um Geld zu spielen, das er dringend benötigte.
Diese Tatsache sprach für die Genialität des französischen Meisters, indem er gleichzeitig sowohl Blitzpartien als auch Partien um die Weltmeisterschaft spielte.
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Eine Büste von Labourdonnais
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Nach diesem Marathon-match kehrte er nach Paris zurück und gab die erste Schachzeitschrift der Geschichte heraus:
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“La Palamède”
Diese Zeitschrift erschien regelmässig in den Jahren 1836/7, wobei es im Jahre 1837 nur 7 Auflagen gab, und 1839 wurde sie  eingestellt nach dem Erscheinen der letzten 3 Auflagen.
Zu einem späteren Zeitpunkt 1847 nahm ein weiterer französischer Meister
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Pierre Saint-Amant
die Herausgabe  von “La Palamède” wieder auf.
Labourdonnais publizierte 1833 das Buch “Traité sur le jeu des Echecs”.
Dieses Handbuch war eine hervorragenden Anleitung für Anfänger, es erteilte Ratschläge zur Erlernung des Schachspieles, zum Kalkulieren von Varainten, zur besseren Behandlung von Eröffnungen, Endspielen usw.:
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Das Buch von De Labourdonnais, „Traite de jeux des echecs“, veröffentlicht in Paris 1833.
Er widmete sich weiter dem Schachspiel, war aber seinen Gegnern so haushoch überlegen, dass er meistens einen Bauern und einen Zug vorgab.
Einer seiner grössten Erfolge erzielte er, als er den späteren in-offiziellen Weltmeister Saint-Amant besiegen konnte.
Im Laufe der folgenden Jahre stellten sich aber Gesundsheitprobleme ein, wahrscheinlich auch in Zusammenhang mit seinen finanziellen Nöten.
Schliesslich blieb ihm nichts anderes übrig, als seine Möbel, seine Bücher und sogar seine Bekleidung zu verkaufen, um zu überleben.
Die Schachfreunde machten ihm letztzendlich ein weiteres Angebot, indem er mit einer Simultanvorstellung
in Simpson’s Divan
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in London einiges Geld verdienen konnte.
Doch zum Bedauern aller Schachanhänger wurde er nach der Ankunft in London plötzlich so krank, dass er wenige Tage danach an Wassersucht verstarb.
Er wurde in London auf dem Kensal Green-Friedhof begraben ebenso wie sein grosser Rivale Alexander McDonnell.
Auf seinem Grabstein wurden folgende Worte eingemeisselt:
“Hier ruht Labourdonnais, der berühmte Schachspieler.
Der englische Schachanhänger George Walker
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half ihm nicht nur in finanzieller Hinsicht, sondern bezahlte auch die Trauerfeier und die Beerdigung.
Nachstehend die Abbildung der Gräber von Labourdonnais und McDonnel:
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copyright chesshistory.com
Die Statistiken alle der von Labourdonnais offiziellen Partien belaufen sich auf: 590 Siege, 260 Niederlagen und 633 Remise, das einen Prozentsatz von 61,1 % ergibt.
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Quellen: chesshistory.com, Jeremysilman.com, ajedrez32.com
Sitges (Barcelona), im August 2010
Nachsatz: Ich hoffe, dass der geneigte Leser es nicht als pietätlos ansieht, wenn ich bei meinem nächsten Londoner Besuch den Friedhof Kensal Green Cemetery und die beiden Gräber aufsuche, um zu versuchen, sie zu reinigen und anschliessend  neue und sicher bessere Fotos an chesshistory als Danksagung zuzusenden aufgrund der freundlichen Zurverfügungstellung des vorstehenden Bildes.