Die Einsamkeit eines Schachspielers im Park


 

 

 

 

 

 

 

 

Im Park

 

Ein leichter und frühlingshafter Regen hatte dem Rasen einen frischen und intensiven Ton und den feuchten Pflanzen und Bäumen einen wunderbaren Glanz gegeben.

 

Der Wind strich über die Gräser und Blätter, und es roch nach Frische.

 

Die Kinder wurden angehalten, nicht auf den Spielplatz zu gehen, denn sie könnten von den nassen Spielgeräten abrutschen; sicher lärmten und stromerten sie jetzt in ihren Wohnvierteln.

 

Gerhard, der alte Witwer seit vielen Jahren, stellte sich nachdenklich vor das grosse Rasen-Schachbrett, das ebenso recht nass geworden war und betrachte die verschiedenen Figuren.

 

 

 

gemalt von Elke Rehder:


 

“Hat er den Springer gezogen? Eine Strategie, wie sie im Buch steht. Nun gut! Bis jetzt hat er mich nicht überrascht.”

Es hatte ihn doch einige Mühe gekostet, über die Stellung nachzudenken und schliesslich musste er sogar mit sich selbst kämpfen.

 

Während einer ganzen Weile hatte er die Äste der grossen Tannen betrachtet, die sich sanft im Wind wiegten, er hatte geträumt und fühlte eine leichte Sehnsucht.

 

 

 

Was musste sein Gegner für ein Mensch sein, der sich Franz nannte?

Wäre es wert, ihn näher kennenzulernen?

 

Er war schon ein besonderer Mann; er machte einen einfachen Eindruck, lachte ständig, so dass sich das Lachen in seinen Augen widerspiegelte.

 

Was muss er wohl von mir denken?

 

Ein alter und schweigsamer Esel? Ein verbitterter Dummkopf?

 

Er sah das runde und dunkle Gesicht des Anderen und hörte sein höhnisches Lachen.

 

“Ich mag die Leute nicht, die ständig lachen. Das Leben ist verdammt Ernst.

 

Wo wird er wohl sein? Normalerweise ist er zu dieser Zeit immer hier; sicher hat er irgendwelche Schwierigkeiten mit seinen zahlreichen Enkeln gehabt.

Eigentlich ein armer Kerl!” murmelte er vor sicher her und fühlte sich etwas unglücklich.

 

Mit ein paar Schritten näherte er sich dem grossen Schachfeld, sah noch einmal die Figuren genau an und begann zu lächeln.


 

  

 

Mal sehen, was Franz nun von diesem Zug denkt.

Die kleine Rochade! Das wird eine Überraschung für ihn sein.”

 

Er wartete, bis die Temperaturen sanken, es war kalt geworden, seine Schultern zitterten etwas, und er entfernte sich müde und matt von dem Platz; es war das erste Mal seit Monaten, dass er sich nicht freute, als er in sein verlassenes Zimmer zurückkehrte, und es sich in seinem Sessel bequem machte.

 

Am nächsten Tag kam er wieder.

 

Er blieb verwirrt vor dem grossen Schachfeld stehen.

“Die verfluchten Kinder!”

 

Einer hatte alle Figuren sorgfältig an den Rand des Schachfeldes gestellt und zwar so, dass sie geordnet dastanden, allerdings immer abwechselnd weisse und schwarze Figuren.

 

Auf diese Weise umgaben sie das Schachbrett wie eine Truppe von neugierigen Zusschauern.

 

Bauern und Springer, Damen. Türme, der weisse König und die Läufer blickten erstarrt, wie fasziniert auf die einsame Figur mitten auf dem Feld.

 

Der schwarze König lag da wie niedergeschlagen, in der Mitte des Feldes auf dem Schnittpunkt der Felder d-e und 4-5.

 

 

Foto: Thorsten Mayer

 

“Wie tot”, dachte Gerhard automatisch, und er fühlte, wie sich eine Kälte von den Füssen bis zum Kopf zog.

 

Nein, nein! Nicht tot – schachmatt! Ich glaube nicht an solche Symbole in ähnlichen Fällen wie diesen – glücklicherweise.”

 

Zweimal ging er um das Feld, betrachtete die Truppe, normalwerweise recht kämpferisch, die nun eigentlich ohne Sinn aufgestellt war.

 

Entschlossen ging er auf das Schachbrett, näherte sich dem geschlagenen König und stellte ihn wieder aufrecht; genau wieder auf denselben Schnittpunkt der Felder in der Mitte.

 

Die Folgerung:

Jetzt fühlte er sich wohl, und er setzte sich wieder auf die Bank, wo er sich sonst mit Franz traf.

 

Plötzlich überkam ihn ein Gefühl der Ängstlichkeit, als er die leere Bank ansah.


 

  

 

“Warum kommt er nicht? Warum? Warum ist er nicht hier?

Er wollte jeden Tag hier sein – immer!”

 

War es seine Schuld? Vielleicht schien ich ihm gegenüber zu eingebildet?

 

Andererseits war es auch nicht einfach, mit dieser doch ganz fremden Person umzugehen….

 

“Und nun, was?”

 

“Ich brauche ihn – gerade jetzt“, als er eine unerklärbare Einsamkeit spürte, als er glaubte, mit Franz einen Menschen gefunden zu haben, in dem er eine Herausforderung im Schach entdeckt hatte.

Wo mag er sein?”

 

Nachdenklich verliess er das grosse Schachbrett, aber dieses Mal in eine andere Richtung. Er ging schnell und entschlossen.

 

Ich muss das “Gambit” finden; es sollte hier in der Nähe zu finden sein.

 

Vielleicht….

 

 

 Die Einsamkeit eines alten Schachspielers

 

 

Quelle: Tabladeflandes.com

 

Sitges (Barcelona), im November 2010

2 Gedanken zu „Die Einsamkeit eines Schachspielers im Park

  1. Erich Hebel

    Schön und romantisch !
    Aber mit ernstem Hintergrund
    Schachspielen hilft bei Einsamkeit
    „Im Alter werden Freunde selten“ (Eugen Roth)
    Manchem, der, warum auch immer nicht mehr
    unter Menschen kommt, bedeutet Fernschach
    das „Tor zur Welt“. Er kann sich zu jeder Zeit
    damit beschäftigen ! Schwätzchen halten mit
    Gleichgesinnten ! Dank allen, die in Verbänden
    das Fernschach am laufen halten !!

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  2. Frank Mayer Beitragsautor

    Vielen Dank, lieber Schachfreund!
    Meine Mutter, die bis zu ihrem Ende lange, lange Jahre allein lebte, weil ich im Ausland tätig war, wiederholte immer wieder, wenn ich sie besuchte: „Die Einsamkeit macht das Sterben leicht!“
    Beste Grüsse Frank

    Antworten

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