Remis für Sekunden

 

 

 nach einem Roman von Icchokas Meras


 

 

 

“Doch in dieser geheimnisvollen Abendstille gab es

Menschen, Karbidlampen, einen kleinen Schachtisch,

Figuren, tote Figuren und zwei lebende, die einander

gegenübersassen: Isaak Lipman (17) und Adolf Schoger.”

+ Die toten Figuren waren nur Holz. +

+  Die lebenden aber Kämpfer. +

 

 

Icchokas Meras: Remis für Sekunden.

Roman (aus dem Litauischen von Irene Brewing)

 

Eine Zusammenfassung des letzten Teiles:

 

 

 

  

 

Aufbau Taschenbuch 1752, ISBN: 978-3-7466-1752-7 , Preis € 6,50

(c) Wiedergabe von Auszügen aus dem Roman mit freundlicher Genehmigung der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin 2011

http://www.aufbau-verlag.de/

 

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Die Titelseite des Buches zeigt uns einen Hofnarr, der gerade einen Zug ausführen möchte. Die gemalte Schachstellung

(sicher aus Zufall und nicht unbedingt bezugsberechtigt) ist aus

der berühmten Partie zwischen

 

Adolf Anderssen

 

und Lionel Kieseritzky,

 

(gespielt 1851 in London) und  könnte ein baldiges Remis bedeuten.

Allerdings weiss jeder Schachspieler aus eigener Erfahrung, dass Remise ein häufiges Ergebnis sind, aber es ziemlich schwierig ist, dieses Resultat “zu erzwingen”.

 

Den Hauptrhythmus bestimmt einerseits das Schachspiel zwischen Isaak und Schoger, dem 17-jährigen Insassen und dem deutschen Kommandanten des Gettos in Vilna (Litauen).

Kontrapunkte dazu setzen die nach biblischem Vorbild geformten genealogischen Einschübe Abrahams.

Er ist der Baum. Der Baum wird stehen, es wird nur ein Ast fehlen, wenn der nächste Sprössling seiner zahlreichen Familie zu Grunde gehen wird.

 

Nur Isaak wird ihm bleiben, und auch diesen ist er bereit zu opfern, wenn die Notwendigkeit es will, Isaak der Schachspieler, der um das Leben der Gettokinder spielt.

Schoger droht, alle Kinder des litauischen Gettos zu deportieren, wenn Isaak verliert. Gewinnt er, so wird Isaak erschossen.

Nur ein Remis kann alle retten!

 

 

 

  

 

 Gemalt von Elke Rehder

 

 

Aber es ist schwierig, ein Remis zu erzwingen, viel schwieriger als Sieg oder Niederlage. Und während Isaak eröffnet und den fünften und den entscheidenden 17. Zug macht, während er ins Endspiel abwickelt und vor der letzten Entscheidung steht – Remis oder Matt für Schoger – wird seine Geschichte erzählt und die seiner jungen Liebe, Esthers, und die Geschichte aller Kinder des Abraham.

 

Schreiten wir nun zum Ende der Partie – Zitate aus dem Buch:

 

“Ich habe nicht gewusst, dass es so schwer ist, einen von zwei Zügen zu wählen, dachte Isaak.

Die Spannung stieg und die Insassen des Gettos, die den Schachtisch umgaben, rückten langsam immer näher.

Isaak schloss die Augen, und als er sie wieder öffnete, wusste er, dass es nur einen Zug gab.

Die Hand, die zwischen zwei Figuren geschwankt hatte, berührte den Springer, ein weisses Pferdchen, eine tote Schachfigur,

 

caballo

 

hielt ihn einen Augenblick in der Luft und setzte ihn dann links in das leere Feld.

“Schachmatt” müsste Isaak jetzt sagen, aber ihm war die Kehle wie ausgetrocknet.

Gemalt von Elke Rehder

 

Isaak Lipman erhob sich. Hoch aufgerichtet und sehr ruhig sagte er:

“Du hast verloren!”

 

Schoger sprang auf, griff nach seiner Pistolentasche, bekam sie aber nicht gleich zu fassen.

Schliesslich fand er sie und löste den Verschluss.

Eine unheimliche Stille senkte sich auf das Getto und die ganze Welt.

 

 

Jetzt erst wurde sich Schoger bewusst, dass ihn eine Mauer umschloss.

Eine lebende Mauer – Mensch an Mensch.

Durch so eine Mauer kommt niemand hindurch.

Unaufhaltsam rückte die Wand näher, schon kein Kreis mehr, sondern eine Schlinge, die sich jeden Augenblick zuziehen konnte.

In der Mitte standen der kleine Schachtisch und zwei Karbidlampen….

Schoger konnte nur noch nach seinem Hals fassen.

Der kleine Tisch und die Lampen waren nicht mehr zu sehen, die Menschen hatten sich vereint – die Schlinge war zugezogen.

Der Kreis war verschwunden.

 

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Es sind die kleinen menschlichen Schwächen, die Reichtum und

Überzeugungskraft diesen menschlichen Wesen gewähren,

nur mit wenigen Zeilen skizziert.

 

Aber dieses Buch hat eine Tiefe, eine gewaltige Tiefe!

 

Die Weisheit, die aus dem Inhalt hervorgeht:

 

 

“Die Zeit. Sie ist die einzige Schuldige von allem. Der Mensch kann viel machen, aber eines nicht:

Er kann weder die Zeit zurückerobern noch die Uhr rückwärts drehen.”

 

“Wenn Du denkst, dass ein Getto nur ein Getto ist, dann irrst Du Dich. Der Unterschied ist, dass unseres eingezäunt ist und das andere nicht.”

 

 

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Anmerkung:

Texte teilweise entnommen aus dem beschriebenen Buch und einer persönlich genehmigten Rezension von Jörg Seidel (Metachess).

 

Sitges (Barcelona) im Februar 2011

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