Der verhinderte Weltmeister Salo Flohr


Copyright: smzsnzz.wz.cz/fotky/foto1.html


Einleitung:

Süss ist der Gebrauch der Widrigkeit,

wie die Kröte, hässlich und giftig;

trotzdem trägt sie einen kostbaren

Schmuck auf dem Kopf.

(aus: “Wie es Euch gefällt” – Theaterstück von William Shakespeare 1623)


Das Unglück und die Standhaftigkeit

Salo Flohr wurde 1908 als 2. Sohn eines jüdischen Ehepaares der gesellschaftlichen Mittelschicht in Österreich-Ungarn geboren.

Bereits in der Anfangsphase des 1. Weltkrieges starben seine Eltern aufgrund ethnischer Säuberungen.

Glücklicherweise wurde 1916 dank der  familiären Beziehungen ein adoptives Heim für Waisen in der benachbarten  Böhmen (ab 1918 Tschechoslowakei) gefunden.

Schon in früher Jugend zeigte Salo Flohr ein entscheidendes Interesse und eine besondere Eignung für das Schach.

Als zum Beispiel im Jahre 1924 die bekannten Meister Réti und Spielmann in Prag eine Simultanvorstellung gaben, erzielte Salo ein beachtliches Ergebnis.

In den folgenden vier Jahren widmete er sich im Selbststudium intensiv der Schachtheorie, die er dann in Prager Cafés erfolgreich umsetzte. Er spielte um Wetteinsätze und fand darin ein besseres Auskommen als in bürgerlichen Berufen.

Langsam, aber stetig entwickelte er eine Meisterstärke, so dass er in den Jahren 1928 und 1929 jeweils Prager Stadtmeister wurde.


Salo Flohr

1928

Foto: http://smzsnzz.wz.cz/fotky1/foto5.html

nahm dann zum ersten Mal an dem wohl wichtigsten Turnier des Landes, dem

“Memorial Kautsky” teil, woraus wir folgende Partie vorstellen:

Thelen,Bedrich – Flohr,Salo [B37]

Kautsky Memorial  5th Prague, 1928


Kommentiert von [NM Hebert Pérez García]

1.c4 c5 2.Sf3 Sc6 3.Sc3 g6 4.d4 cxd4 5.Sxd4 Lg7

6.Sc2 d6 [Eine typische Variante des “hypermodernen” Schachs, das besonders Salo Flohr demonstrierte.

Auch spielte man hier die Fortsetzung: 6…Lxc3+ 7.bxc3 Da5 8.Ld2 Sf6 9.f3 d6 10.e4 0–0 etc.]

7.e4 b6 [ In diesem hypermodernen Konzept und seinen “indischen” Abweichungen, das Zentrum mit den fianchettierten Läufern zu beherrschen, ist ein Hauptbestandteil der Strategie.

Gute Beispiele zeigten uns u. a. die unvergessenen Grossmeister Nimzowitsch, Réti und Dr. Tartakower]

8.Le2 Lb7

9.0–0 Lxc3!? [ Diese Art von Trendwenden verursachten grosses Erstaunen vor dem Mythos “Das Läuferpaar herzugeben”. In der Tat ändern sich die Zeiten und die Ideen entwickeln sich.]

10. bxc3 Sf6 11.f3 h5 12.Sb4 Tc8 13.Sd5 Sd7 14.Lg5 f6 15.Lc1 Sa5

16. f4?! [Schwächt ernsthaft den e4-Bauern. Andererseits erkennt man, dass die Stellung von Weiss recht schwierig geworden ist. Eine mögliche Option war 16.Da4 Kf7 17.Td1…]

16…e6 17.Se3 Lxe4

18. f5?! [ Hier wird versucht, Komplikationen zu schaffen, aber  sie verursachen nur eine falsche Entscheidung. Vielleicht sollte hier  18.Dxd6 Sc5… gespielt werden.]

18…Lxf5 [ Ein guter Zug, aber es scheinen 18…exf5!? 19.Dxd6 Kf7! etc. noch stärker zu sein.]

19. Sxf5 [oder 19.Dxd6 Sc5…]

19…exf5 20.Dxd6 De7 21.Dg3 Kf7 22.Te1 Tce8 [ Eine ausgezeichnete Alternative war 22…h4!? 23.Df2 Se5]

23. Lf4 Se5 [oder 23…h4!? 24.Df2 Dc5]

24. Lf1 Dc5+ 25. Kh1 [25.Le3 Dc6]

25…Sg4!? [ Das Schicksal von Weiss ist besiegelt. Damit entschied sich schon 25…h4! 26.De3 Dxe3 27.Lxe3 Saxc4–+]

26. h3 Sf2+ [ Eine andere fabelhafte Variante für Schwarz war 26…Txe1!? 27.Txe1 g5 28.Lc1 (28.Ld6 Sf2+ 29.Kh2 h4!–+) 28…Sf2+ 29. Kh2 Se4]

27. Kh2 Se4 28.Df3 Sc6 [ Einfach und durchschlagend ist 28…Sxc4 29. Lxc4+ Dxc4–+]

29. Tad1 [oder 29.Le3 Dd6+ 30.Kg1 Se5]

29…Se5 30. Lxe5 Dxe5+ 31.Kg1 Td8 32.Ld3 Dc5+ 33.Kh2 Dc7+ 34.Kg1 Sxc3

35. Tc1 Se4?! [ Sicher unter Zeitdruck – entscheidend waren 35…Sxa2–+; oder 35…Sa4–+]

36. Te3? [ Erzwungen war 36.Lxe4 Dc5+ 37.Kh1 fxe4 38.Txe4 The8…]

36…The8–+ [ Es gewinnt auch 36…Sg5 37.Df2 Dc5 38.Kf1 The8–+]

37. Tce1 [ oder 37..Lxe4 fxe4 38.Txe4 Db7!–+]

37…Txd3?! [ Ich vermute, dass Weiss aus Zeitnot verlor. Es gewann leicht 37…Sg5!–+; jedoch erschwert dieses Qualitätsopfer unnötig die Stellung, z.B.: 37…Txd3 38.Txd3 Dc5+ 39.Kh2 Te7.. etc.] 0–1

Diagramm Endstellung


Zum Nachspielen:

B Thelen vs Flohr 0-1   37   1928   Kautsky mem 5th   A30 English, Symmetrical

Aufgrund seiner Fortschritte war es ihm möglich, ein Berufsspieler zu werden.

Salo Flohr debütierte international beim grossen Turnier in

Rogâska Slatina 1929 mit folgendem Resultat:

Rogaska Slatina

Wie man sieht, belegte er dort schon den 2. Platz hinter dem grossen Akiva Rubinstein.

Die besten Jahre für Salo Flohr waren die von 1930 bis 1938.

Hinter Aljechin, Capablanca belegte er den soliden 3. Platz in der Welt.

Er liess in jenen Jahren kaum ein Turnier aus:

Er gewann das Traditionsturnier von Hastings in den Jahren 1931 bis 1934 vier Mal hintereinander.

Mit Michail Botwinnik teilte er sich den 1. Platz in Moskau 1935 (vor den Ex-Weltmeistern José Raúl Capablanca und Emanuel Lasker).


Salo Flohr , sitzend als 2. von rechts

Er gewann die Turniere in Poděbrady 1936:


Salo Flohr, sitzend 1. von links

und Kemeri 1937 (gemeinsam mit Samuel Reshevsky) vor Alexander Aljechin.

Flohr remisierte zwei Wettkämpfe gegen spätere Weltmeister:

1932 spielte er in Amsterdam gegen Max Euwe 8:8 (+3, −3, =10) und

Foto: courtesy Arqto. Roberto Pagura, Buenos Aires

1933 gegen Michail Botwinnik in Leningrad und Moskau 6:6 (+2, −2, =8).


Match 1933 gegen M. Botvinnik

Flohr spielte für die Tschechoslowakei bei fünf Schacholympiaden am ersten Brett: in Prag 1931 gewann er mit der Mannschaft Bronze, in Folkestone 1933 Silber.

Salo Flohr 1933

Foto: enciclopedia.us.es

Das Gesamtergebnis aller seiner Olympiapartien ist imponierend: +46, −8, =28 (73,17%).

Von 1918–1938 war er offizieller Bürger der Tschechoslowakischen Republik.

Von den Nationalsozialisten im Süden und von den Sowjets im Norden bedrängt, befand sich diese Republik in einem harten Kampf um ihre politische und kulturelle Unabhängigkeit.

Die Folge war, dass man Helden brauchte und damit war auch

die Stunde von Salo Flohr gekommen.

Die Regierung umwarb ihn, man stattete ihn mit Werbeverträgen aus (vom Konfektionsanzug bis zu Zigaretten).

Bald wurde er eine nationale Berühmheit.

Der Ruhm ist aber unbeständig und mit der Zeit war dessen Geschmack bitter geworden.

Ende 1937 und dank seiner hervorragenden Ergebnisse, erklärte die FIDE ihn als offiziellen Herausforderer gegen den amtierenden Weltmeister Alexander Aljechin.

Zu der Begegnung, die er sicher gegen den gealterten Aljechin gewonnen hätte, kam es allerdings nicht, bedingt durch die schwierige politische Situation des jungen tschechoslowakischen Staates, der sich ohne Gegenwehr dem Nazi-Regime unterwarf und dann zum “Dritten Reich” gehörte.

Salo Flohr kehrte kurz nach der AVRO-Turnier-Beteiligung wieder in sein Heimatland zurück, das er aber bald wieder verlassen musste wegen der politischen Verhältnisse.

Er lebte für eine kurze Zeit in Schweden, von wo er mit Hilfe seines Freundes Mikhail Botvinnik

Foto: chesscomfiles.com

in die Sowjetunion emigrierte.

1942 erhielt er die sowjetische Staatsbürgerschaft.

Während des 2. Weltkrieges war er bei verschiedenen Gelegenheiten in dem Kampf gegen das faschistische Deutschland eingebunden.

Nach dem Ende des Krieges wurde er eine Schlüsselfigur in dem Beraterteam von Botvinnik.

Salo Flohr holte seine Familie nach Moskau und nahm dort seinen ständigen Wohnsitz ein.

Seine beste Schachzeit war aber vorbei, obwohl er noch bis in das Jahr 1967 sich hin und wieder an Turnieren beteiligte, aber sicher nur, um das Schachspiel zu geniessen.

Im Grunde hatte er sich ab Mitte 1950 offiziell vom aktiven Schach zurückgezogen.

Neben seiner Beratertätigkeit für Botvinnik schrieb er ständig Schachartikel für die sowjetische Presse, aber ebenso für ausländische Zeitungen, darunter auch für deutsche Blätter, da er perfekt deutsch sprach und schrieb.

Salo Flohr 1968

Bildquelle: RIA Novosti

Bis zu seinem Ableben 1983 in Moskau begleitete er als Kommentator alle wichtigen Schachereignisse in der Sowjetunion.

Statische Daten:

Seine höchte historische Elo-Zahl erreichte er mit 2.754 Punkten im April 1936.

Gemäss dieser Rückrechnung nahm er von März 1935 bis Mai 1936 den 2. Platz in der Weltrangliste ein.

Die FIDE  verlieh ihm 1950 den Grossmeister-Titel.

Schlussfolgerung:

So ging “eigentlich” ein unerfülltes Schachleben zu Ende, weil die äusseren Umstände ihm die Möglichkeit nahmen, sich die Weltmeisterschaftskrone aufzusetzen.

******************

Nachstehend noch ein Bild seiner letzten Ruhestätte, zusammen mit seiner 2. Frau Tatiana Flohr-Esenina auf dem Moskauer Friedhof “Vangankovo”:


Foto: courtesy Denis Shabalin und Sergei Vorokov

Hauptquelle für den Text: Robert T. Tuohey, USA

Sitges (Barcelona), im Mai 2011