Eine denkwürdige Partie:

Kortschnoi – Mároczy 1985 – 1993?

courtesy chessbase.de

 

Von GM Zenón Franco, Paraguay

veröffentlicht  in:




Text:

Welche Fussballmannschaft war die beste?

Die von Brasilien während der Weltmeisterschaft von Mexiko 1970


 

Foto agon-shop.de

oder der Nichtweltmeister, aber wunderbar, die von Spanien 1982?

Eigentlich werden wir es nicht erfahren.

Am 20. September 1970 und dank der Computer konnte man einen virtuellen Boxring auf das Bild bringen, um die Schwergewichtsweltmeister verschiedener Epochen gegeneinander kämpfen zu lassen.

Auf der einen Seite Muhammad Ali,

Foto boxclub-rosenheim.de

damals noch unbesiegt, und auf der anderen Seite

Rocky Marciano, der sich im Besitz des WM-Krone zurückzog mit 49 Siegen, ungeschlagen.

Foto findingdulcinea.com

Rocky Marciano gewann durch K.O. in der 8. Runde.

**************

Auf dieselbe Art und Weise besteht die unersättliche Neugier, wenn sich die besten Schachspieler, jeweils in ihrer Zeit, am Brett gegenübersitzen.

Diese Frage gibt eigentlich keine zufriedenstellende Antwort, wenn man Schachspieler verschiedener Epochen vergleicht, aber man kann es mathematisch bewerkstellen.

Trotzdem ist es ungerecht gegenüber den historischen Spielern, weil die neuen Generationen neue Erkenntnisse gelernt haben, viele von ihnen natürlich besonders von den damaligen Meistern, was offensichtlich umgekehrt nicht der Fall ist.

Als im Jahre 1985 ein Bekannter den GM Viktor Kortschnoi

courtesy Arqto. Roberto Pagura, Buenos Aires

fragte, gegen welchen – inzwischen verstorbenen – Schachspieler er gern einmal gespielt hätte, antwortete er wie folgt:

José Raúl Capablanca,


Foto endgame.nl

Paul Keres


Foto  chessmastercoach.com

und Géza Mároczy:


Foto iralpl.atervista.org

Diese Frage schien wie viele, die man so stellte, ohne jeglichen richtigen Hintergrund.

Aber nach einiger Zeit rief ihn jener Bekannte an und teilte ihm mit, dass weder Capablanca noch Keres zur Verfügung ständen, aber Mároczy hätte zugesagt, wenn Kortschnoi noch interessiert sei.

Es ist leicht vorstellbar, dass Kortschnoi ziemlich erstaunt war

(so wie Sie und ich).

Was war geschehen?


Der Bekannte, Herr Dr. Wolfgang Eisenbeiss

war durchaus kein begeisterter Unbekannter, sondern war auch der Präsident der schweizer Gesellschaft für Parapsychologie (Psychologie der okkulten seelischen Erscheinungen), der sich bereit erklärte, ein Experiment im Zusammenhang mit dem Schach durchzuführen, um zu zeigen, dass es eine Seele gibt, unabhängig von dem Körper.

Viktor Kortschnoi wurde ausgewählt ohne ihn vorher zu fragen, und er erzählt in seinem faszinierenden Buch “Chess is my life”,


Courtesy chessbase.de

dass er anfangs nicht bereit war, aber die Parapsychologen bedrängten ihn so sehr, dass er schliesslich einwilligte.

Die Partie entwickelte sich über ein Medium, den in Rumänien geborenen Robert Rollans:

 

 

(1914  – 1993)

 

Foto wegbeg/schachr2.com

zu jener Zeit wohnhaft in Bonn, der, so wie es aussieht, sich im Trancezustand mit dem Geist von Mároczy in Verbindung treten konnte und ihm dann den ausgewählten Zug und auch öfters Kommentare mitteilte.

Diese zusätzlichen Kommentare gab Mároczy schriftlich in deutsch, manchmal auch in ungarisch, eine Sprache, die das Medium nicht beherrschte.

Um nun noch ein weiteres Mysterium hinzuzufügen, müssen wir zugeben, dass das Medium nichts vom Schach verstand.


Während der Partie hatte Kortschnoi keinen direkten Kontakt mit Robert Rollans, wenn er die Züge erhielt und auch einige diktierte Botschaften von Mároczy, jeweils über Herrn Dr. Eisenbeiss.

Man fragte Kortschnoi, ob das alles wahr sei oder einfach nur ein Schwindel, um dem Experiment die notwendige Werbung und öffentliche Aufmerksamkeit zu geben.

Hierbei war noch zu berücksichtigen, dass er keinen “cent” bei diesem Versuch verdiente und auch das ganze Unternehmen sich über 7 Jahre lang hinzog wegen seiner eigenen schachlichen Verpflichtungen ausser Hause.

Das Medium war auch manchmal krank und bei anderen Gelegenheiten sah sich Mároczy ausser Stande zu spielen.

Also, Kortschnoi antwortete auf die Frage nach der Wahrheit oder einer Täuschung wie folgt: “…Ich muss sagen, dass ich viel über dieses Thema gelesen habe und schliesslich neigte ich dazu, es zu glauben.”

Aber als er die Herausforderung annahm, war er ganz sicher, dass es seine Aufgabe war, die Partie zu gewinnen, aber gegen wen?

Die teilnehmenden Parapsycholgen wollten die Sicherheit haben, dass der Gegner von Kortschnoi auch wirklich Mároczy war und stellten deshalb einige Fragen, eine über einen kaum bekannten Schachspieler mit dem Namen “Romi”, gegen den Mároczy einmal gespielt hatte, der darauf antwortete, dass niemand einen gewissen “Romi” (also mit 4 Buchstaben) kennen würde, aber dass er im Jahre 1930 in San Remo einmal ein glückliches Remis gegen einen gewissen “Romih”

 

Maximiliano Romih

 

*  1893  +  1979

 

Foto senturini.it

erzielte.

San Remo 1930

Foto endgame.nl

Man stellte ihm zwei weitere Fragen, und “der Geist von Mároczy” antwortete mit gleicher Genauigkeit.

Die Partie nahm ihren Verlauf und letztlich gab Mároczy 1993 auf, in dem er Kortschnoi noch viel Erfolg bei seinen weiteren Turnieren wünschte.

Herr Dr. Wolfgang Eisenbeiss äusserte sich hierzu:

“Man hat wieder einmal gesehen, dass neben dem irdischen Leben noch ein Leben anderer Art existiert.”

Das Medium verstarb nur 19 Tage später nach Beendigung der Partie.

Der österreichisch-ungarische Grossmeister Geza Maroczy

(Szeged, Ungarn * 1870  +  1951) war einer der besten Schachspieler der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts, ein grosser Spezialist im Endspiel und Schöpfer von Eröffnungsystemen , die heute noch absolut gültig sind, forderte den damaligen Weltmeister Dr. Emanuel Lasker

Foto uwe.neumann.info

im Jahre 1905 zu einem WM-Kampf heraus, wobei aber das Vorhaben letztlich an finanziellen Problemen scheiterte.

Er hatte ein intensives Leben, sprach perfekt ungarisch, deutsch und englisch, wohnte in Ungarn, Deutschland, der Schweiz, Holland und den USA.

1897 betätigte er sich als Mathematiklehrer in Budapest, 1919 wurde er in seiner Heimat als Kommunist erklärt und verlor dadurch die Anstellung bei einer Bank.

Eine andere herausragende Geschichte war, dass Mároczy während des Turnieres in Bled 1931, Aaron Nimzowitsch


zu einem Pistolenduell herausforderte (über den er mit Hilfe des Mediums erzählte, dass es sich bei jenem Mitspieler um eine mehr als unangenehme Person handele, was eigentlich den Grund des Duelles bestätigte), aber der Herausgeforderte lehnte ab.

Welcher Teil der Geschichte Wahrheit ist und was Fantasie, bleibt dem Kriterium des geneigten Lesers überlassen.

Nun lassen Sie uns die mysteriöse Partie anschauen:

Géza Mároczy

Courtesy Arqto. Roberto Pagura, Buenos Aires

– Viktor Kortschnoi


Foto chessbase.de

Französiche Verteidigung [C18] 1985-1993

1. e4 e6 2.d4 d5 3.Cc3 Ab4

[ bei einem der Kommentare von Mároczy über das Medium fragte er Kortschnoi, ob sie nun die im Jahre 1930 üblichen Varianten spielen sollten oder das von Max Euwe ab 1950 entwickelte System. Kortschnoi antwortete nicht, obwohl er doch neugierig geworden war und zweifelte: Wie konnte Maroczy nach seinem Tod wissen, wie sich die Theorie entwickelt hatte?]

4.e5 [Kortschnoi ist der grösste Experte in der französichen Verteidigung, aber Maroczy wendete sie auch sehr häufig an, obwohl in seiner Zeit wohl eher 4. exd5 gespielt wurde. Er hatte Erfahrung mit dieser Verteidigung mit weiss und Schwarz.]

4…c5 5.a3 Lxc3+ [Diese Stellung war auch bei Maroczy üblich, aber damals spielte man etwas anders: 5…cxd4 6.axb4 dxc3 7.bxc3 Dc7 8.Sf3 Se7, eine Zugfolge, mit der er klar gegen über dem grossartigen Emanuel Lasker im Vorteil war:

9. Ld3 Sg6 10.0–0 Sd7 11.Te1 Dxc3 12.Ld2 Dc7 13.De2 0–0 14.De3 Sb6 15.Dg5 Sc4 16.Ac3 h6! 17. Dg4 Se7 18.Dh5 Ld7 19.g4 Lb5! 20. g5 g6! 21. Dxh6 Sb6!

“Ein ausgezeichnetes defensives Manöver. Nach dem Läufertausch hört der weisse Angriff eigentlich schon auf, allerdings hinterlässt er unheilbare Schwächen in seiner Bauernstruktur.” (Pachmann)

22. Ta3 Lxd3 23.cxd3 Sf5 24.Dh3, die schwarze Stellung ist nun sehr überlegen, aber der Führer der schwarzen Steine fängt an, schwächer zu spielen und letztlich setzte sich Lasker durch (siehe Lasker – Mároczy New York 1924]

6. bxc3 Se7 7.Dg4 cxd4 8.Dxg7 Tg8 9.Dxh7 Dc7 [Mároczy wählte nun die schärfste und in die Mode gekommene Antwort nach seinem Ableben.]

10. Kd1 dxc3 11.Sf3 Sbc6


Geza Mároczy – Viktor Kortschnoi


Stellung nach 11…..Sbc6


12. Lb5?! [Kortschnoi schrieb bereits über dieses Kapitel für die jugoslawische Enzyklopädie, da er auch diese Zugfolge schon mit Erfolg gespielt hatte.

12. Sg5 Tf8 13.f4 Ld7 14.Dd3?! (14.Ld3! ist besser (Kortschnoi) 14…Db6 15.Te1 etc.) 14…0–0–0 15.Dxc3 Rb8 16.Tb1 d4! 17. Dc5 und Schwarz gewann in 32 Zügen: siehe Minic, D – Kortschnoi V, Bukarest 1966]

12…Ld7 13.Lxc6 Lxc6 14.Lg5 d4 15.Lxe7 Kxe7 16.Dh4+ Ke8 17. Ke2 Lxf3+ 18.gxf3 Dxe5+

[Hier hat Schwarz schon einen Vorteil und sehen wir, was Kortschnoi über diese Partie sagt: “ Der erste Teil der Partie wurde von meinem Gegner ziemlich schwach gespielt. Das ist eigentlich nicht schwer zu verstehen, wenn wir wissen, dass er in den letzten 50 Jahren nicht gespielt hatte – und er hatte noch nicht einmal ein Schachbrett vor sich! Aber als wir ins Endspiel kamen, bei dem ich einen Mehrbauern hatte, fand ich plötzlich und unerwartet ein hartes Gegenspiel! Ich verstand, dass ich nun sehr vorsichtig sein musste, zumal die Gefahr bestand, dass ich die Partie verlieren könnte. Dabei erinnerte ich mich, dass mein Gegenüber ein Meister der Endspiele war.”]

19.De4 Dxe4+ 20.fxe4 f6 21.Tad1 e5 22.Td3 Kf7 23.Tg3 Tg6 24.Thg1 Tag8 25.a4 Txg3 26.fxg3 b6 27.h4 a6 28.g4 b5 29.axb5 axb5 30.Kd3 Kg6 31.Tf1 Th8 32.Th1 Th7 33.Ke2 Ta7 34.Kd3 Ta2 35.Tf1 b4 36.h5+ Kg5 37.Tf5+ Kxg4 38.h6 b3 39.h7 Ta8 40.cxb3 Th8 41.Txf6 Txh7 42.Tg6+ Kf4 43.Tf6+ Kg3 44.Tf1 Th2 45.Td1 Kf3 46.Tf1+ Tf2 47.Txf2+ Kxf2 und Mároczy gab auf: 0–1

Denn nach 47…Kxf2 48.b4 Ke1!,
Schwarz ist schneller und setzt matt: 49.b5 Kd1 50.b6 c2 51.b7 c1=D 52.b8=D Dc2++

 

 

Schachmatt

gemalt von Elke Rehder

Die Partie zum Nachspielen:

Geza Maroczy- Víctor Kortschnoi mittels ctrl und clic:

PARTIDA MAROCZY – KORTCHNOI

So ging ein schönes und denkwürdiges Experiment zu Ende, und wir hoffen, dass der Leser es genossen hat.


Sitges (Barcelona), Juni 2011

Ein Gedanke zu „Eine denkwürdige Partie:

  1. Frank Mayer Beitragsautor

    Hallo Frank !
    Dein Beitrag über eine Partie mit dem „Jenseits“ gefällt mir gut !
    Sowas war längst mal fällig ! Denke, dass diese nicht die einzige Partie dieser Art ist,
    die bekannt ist ?
    Meine Meinung dazu: Der menschliche Geist, oder die Seele, wie man will,
    wird nach dem Ableben eigentlich nicht mehr gebraucht und könnte mit dem
    Körper vergehen. Unser Geist ist ja auch von einem gesund funktionierenden Gehirn abhängig, wie man weiss. (mens sana in corpore sano) Nun gibt es aber vielfältige Hinweise, dass dies nicht so zu sein scheint ! Unser Erkenntnisvermögen ist zu begrenzt, um dazu ein sicheres Statement abgeben zu können. Unsere Mitgeschöpfe, die wir Tiere nennen, haben z.B. teilweisse viel weiter entwickelte Sinne und sind uns in vielem überlegen ! Wer will sich da unterfangen, ein Urteil abzugeben !
    Dass die Partie so lange gedauert hat, nach irdischem Zeitmass, finde ich nicht störend.
    Von „Medien“ habe ich schon einiges gelesen, vor vielen Jahren. Literatur gibt es dazu im
    Bauer-Verlag Freiburg. Uns bleibt auf jeden Fall die Hoffnung, und das ist doch
    auch schon etwas beruhigendes, nicht wahr ? Jedenfalls gehöre ich nicht zu denen,
    die Jenseitskontakte als „Humbug“ abtun , wenn es auch nicht immer einfach ist,
    „die Spreu vom Weizen“ zu trennen! Ein „Nahtod-Traumerlebnis“ hatte ich auch schon mal, als 10-Jähriger. Sehr beeindruckend !
    Einen schönen Pfingst-Montag wünscht Erich

Kommentare sind geschlossen.