Ein Mysterium nach 500 Jahren

Luis Ramírez de Lucena



ca. * 1465    +  ca. 1530

Luis Ramírez de Lucena war ein führender spanischer Schachspieler im 16. Jahrhundert.

Leider wissen wir nicht viel über sein Leben als Schachspieler und Schriftsteller.

Bedauerlicherweise ist nur sein Nachname absolut sicher.

Man weiss, dass er in der Universität von Salamanca studierte, und man glaubt, dass er zum jüdischen Glauben übergetreten war.

Aber besonders hebt er sich hervor, dass er das wohl älteste gedruckte und noch vorhandene Schachbuch (104 Seiten, davon zwei unbedruckt) schrieb mit dem Titel:

Repetición de Amores y Arte de Ajedrez con ci Iuegos de Partido


veröffentlicht in Salamanca  1496 oder 1497

(Die vorangesetzen Liebesgeschichten lassen wir ausser Betracht.)

Wie wir sehen, ist eine besondere Typografie verwendet worden,

die mit 82 G Gothic bezeichnet ist und damals besonders oft von dem deutschen Druckmeister Leonard Hutz angewendet wurde, der in Spanien lebte.

Es handelt sich um eine Inkunable, einen Wiegedruck, der Buchdruck war erst gerade erfunden worden.

Der geschätzte Verkaufserlös bei einer heutigen Auktion:

eine siebenstellige Zahl in €.

Es existieren noch 8 Orginale in nationalen spanischen Bibliotheken,

3 Exemplare in den USA, je 1 Exemplar in England und Frankreich,

ein Originalbuch im Privatbesitz von GM Lothar Schmid, Bamberg und eine Kopie, allerdings in schlechtem Zustand, in Brasilien.

1953 wurden in Madrid 250 offizielle Faksimile hergestellt, die weltweit zerstreut sind.

Das Buch enthält die Analysen von elf Schacheröffnungen,

aber zeigt auch verhältnismässig viele elementare Fehler, die von dem bekannten britischen Schachhistoriker Harold Murray (1868-1955)


als Flüchtigkeitsfehler bezeichnet werden, weil Lucena sein Buch wohl in Eile geschrieben habe.

Das Buch wurde in einer Zeit verfasst, als die modernen,

dann heute gültigen Schachregeln aufgestellt wurden.

Allerdings ist anzuführen, dass das Buch insgesamt 101 Stellungen (Diagrammen) aus beschriebenen Partien

sowohl nach alten und neuen Regeln aufweist.

Nachstehend eine Seite des Buches:



Die Historiker gehen davon aus, dass es sich bei diesem Werk um eine Sammlung von Schachbeispielen handelt, die einen solchen,

fast unglaublichen Reichtum von genialen Ideen aufweist.

Wenn sie alle von Lucena stammen würden, müsste man ihn als eines der grössten Talente der Schachgeschichte bezeichnen.

Aber schon die Kunst der Sammlung zeigt eine ausserordentliche Kenntnis der Geheimnisse des Schachspieles, so dass er sich durchaus im Bereich der Genialität befindet.

Lucena erläutert mehr oder weniger zusammenfassend die derzeitigen Gesichtspunkte und Ansätze von:

– Giuoco Piano der italienischen Eröffnung

(ruhiges Spiel – also 4. d3 als alter Normalzug)

– die spanische Eröffnung

– die Eröffnung mit dem Damenbauer

– das Königsgambit

– die Verteidigungen, die wir heute kennen unter den Namen wie

Philidor, Petrov, die französiche, die holländische, die

Königs- und Damen-Fianchettos

– das Läuferspiel und andere, die später neuzeitlichen Spielern

zugeordnet wurden.

Ferner enthält das Buch die Grundgedanken über die Figurenentwicklung, das Problem der Bauernentwicklung,

die Wichtigkeit, das Zentrum zu besitzen, die Linienöffnung für Läufer, Turm und Dame.

Seltsamerweise ist die berühmte und nach Lucena benannte Endspiel-Position nicht aufgeführt, aber wie folgt aussieht:



Weiss am Zug:

Siehe Diagramm: Weiß gewinnt auf typische Weise durch die Überführung seines Turmes nach c8, zum Beispiel:

1. Ta1 Kf7

2. Ta8 Tc1

3. Tc8 Td1

4. Kc7 Tc1+

5. Kb6 und gewinnt, da sich der König auf weitere Schachgebote  dem Turm annähert und schließlich mit d7-d8D umwandelt.

Eine weitere Gewinnmöglichkeit in dem Diagramm  ist der sogenannte Bau einer Brücke (Bezeichnung von Nimzowitsch über 400 Jahre später), das ist die Abwehr eines störenden Schachgebots durch die Bereitstellung des angreifenden Turms auf der richtigen Reihe:

1. Tf4 Kg6 (oder ein anderer Wartezug)

2. Ke7 Te2+

3. Kd6 Td2+

4. Ke6 Te2+

5. Kd5 Td2+

6. Td4 mit Gewinn.

Statt 1. Tf4 kommt der Weiße mit sofortigem 1. Ke7 nicht ans Ziel, denn es folgen ständige Schachgebote des schwarzen Turms:

1. … Te2+

2. Kd6 Td2+ usw., entfernt sich dabei der weiße König zu weit von seinem Bauern, z. B. nach c4, folgt immer Td2 und Weiß kommt nicht weiter.

 

Anmerkung:

Diese Endspielstellung wurde später Philidor zugeschrieben.

*******************

Nun kommen wir zu dem berühmten “Erstickten Matt” aus jenem Lucena-Buch. Diese erste überlieferte Darstellung ist immer noch eine der klarsten und schnörkellosesten Fassungen dieses

Mattbildes.

Lucena 1497



Die Zugfolge:

1. De6+ Kh8 2. Sf7+ Kg8 3. Sh6+ Kh8 4. Dg8+ Txd8 5. Sf7#

*********

Nachsatz:

Für die Schachhistoriker bleibt  das gesamte Werk heute immer noch ein Mysterium, das nicht ganz gelöst ist.

 

Hauptquelle:  Doña Carmen Romeo, Forscherin der Schachgeschichte des spanischen Verbandes

(Witwe von IM Dr. Ricardo Calvo * 1942  + 2002)

Sitges (Barcelona), im Juli 2011

2 Gedanken zu „Ein Mysterium nach 500 Jahren

  1. Gerhard Josten

    Es gibt eine neue Entwicklung auf diesem Gebiet, Frank.
    Das erste Schachbuch wurde im Jahr 1495 in Valencia gedruckt. Der Verfasser, ein spanischer Problemkomponist, hieß Vincent Francesch. Der Titel war: „El libre dels jochs partitis dels schachs en nombre de 100…“. Leider ist das letzte Exemplar, welches im Kloster von Montserrat aufbewahrt wurde, im französisch-spanischen Krieg ( 1834 ) verlorengegangen.

    Dazu erschien bei der Ken Whyld Association folgender Hinweis zu José Antonio Garzón:
    Ein außergewöhnlicher schachhistorischer Coup ist unserem „Mann in Valencia“ gelungen, denn José A. Garzón hat den verschollen geglaubten Wiegendruck des Francesch Vicent – das Libre dels jochs partitis dels scachs en nombre de 100 erschien vor über 500 Jahren (1495) eben in Valencia – in einem italienischen Manuskript ausfindig machen können. Sein neuestes Werk über die Entstehung und Ausbreitung des modernen Schachs ist mit dieser und weiteren „Ausgrabung(en)“ verknüpft und zudem in einer prächtig ausgestatteten und bebilderten Ausgabe erschienen. Sicher wird schon mancher ungeduldig auf die englische Fassung des spanischen Erstdrucks warten …

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