Super-Turnier London 1899


London 1899 war das 5. Super-Turnier zwischen

Hastings 1895, Nürnberg 1896, Wien 1898 und Paris 1900.

Sämtliche wichtigen Spieler waren eingeladen.

Absagen kamen von Dr. Siegbert Tarrasch wegen seiner ärztlichen Verpflichtungen und Rudolf Charousek aufgrund seiner damals unheilbaren Tuberkulose-Krankheit.

15 Meister spielten doppelrundig vom 30. Mai bis zum 10. Juli 1899, ausser Richard Teichmann, der sich nach seinen Begegnungen mit Pillsbury, Blackburne, Tschigorin und Tinsley wegen seiner Sehbeschwerden zurückziehen musste.

Seine noch ausstehenden Partien des 1. Durchganges wurden als verloren gewertet.

Die Runden wurden in der St. Stephen’s Hall gespielt.

Gerade noch wahrnehmbar in den recht düsteren Hallen waren

7 Schachbretter, Spieler und Zuschauer.

Enorme Statuen von Staatsmännern überschatteten das Geschehen.


St. Stephens’Hall

in der Nähe des Westminster Aquarium:

Westminster Aquarium

und im House of Parliament:

 

House of Parliament, London

Stich von 1899 – copyright flickr.de

 

Die Organisation legte eine Spielzeit auf 15 Züge pro Stunde fest.

Die Teilnehmer wurden betreut von dem City of London Chess Club im Crystal Palace


Cristal Palace London

copyright  squarespace.com

und untergebracht im Star and Garter Hotel in Richmond



Star and Garter Hotel Richmond

Das zu diesem Anlass herausgegebene Buch


copyright crumiller.com

ist ein historisches Dokument über alle Ereignisse während dieses Super-Turnieres; leider aber kaum mehr verfügbar, so dass wir uns bei diesem Artikel auf mehrere Quellen stützen mussten.

Nachstehend die Endtabelle:

1899 Turnier London

 

Das doppelrundige Turnier hatte einen bemerkenswerten Beginn.

David Janowsky gewann 4 Partien, während Emanuel Lasker nur 2 Punkte erzielen konnte.

Die Vorentscheidung kam überraschend in der 10. Runde, wobei der Weltmeister den Tabellenführer herausforderte.

Danach begann der grosse Auftritt Lasker’s, und er schloss als Erstplatzierter das Turnier mit 4,5 Punkten Vorsprung vor den Mitstreitern Janowsky, Maróczy und Pillsbury nach 30 Runden ab.

Der aufstrebende Carl Schlechter belegte bereits den 5. Platz.

Wieder einmal konnte der Weltmeister seine Überlegenheit unter Beweis stellen, in dem er ein noch besseres Resultat erzielte als bei dem Nürnberger Turnier von 1896.

Starke Spieler wie Frank Marshall, Georg Marco und Jacques Mieses mussten sich damit begnügen, in einem getrennten Turnier zu spielen, das Frank Marshall gewann.

 

Die ausgesetzten Prämien und Trostpreise beliefen sich auf   1.020.— , die am 11. Juli 1899 ausgezahlt wurden.

 

Emanuel Lasker wurde als Sieger mit

  250.— und einer Goldmedaille desselben Jahres


belohnt.

William Steinitz erzielte zum ersten Mal in seinem Leben keinen Preis. Ein Jahr später verstarb er völlig verarmt in New York.

Obwohl wir nun dem Sieger des Turnieres mit einer nachzuspielenden Partie huldigen müssten, erlauben wir uns dagegen das “Pillsbury”- Matt in seiner Aufstellung und Anwendung in London 1899 zu zeigen:

Das Matt von Pillsbury


Harry Nelson Pillsbury war ein klarer Anwärter auf den Weltmeistertitel, da sein Talent und seine Ergebnisse das beste Zeugnis ausstellten.

Doch eine Geschlechtskrankheit kreuzte seinen steilen Weg an die Spitze und zum Bedauern der damaligen Schachwelt starb er ein paar Jahre später.

Trotz seiner kurzen Laufbahn hinterliess er uns verschiedene Partien, die in der Tat wirkliche Kunstwerke sind und darüber hinaus noch diese hübsche Matt-Kombination, die seinen Namen trägt:



Weisser Läufer: b2

Weisser Turm: g1

Weisser König: h1

Schwarze Bauern: f7, g7, h7

Schwarzer Turn: f8

Schwarzer König: g8

 

1.Txg7+ Kh8 2.Txf7+ Kg8 3.Tg7+ Kh8 4.Tg1+ Tf6 5.Lxf6++

Die kombinierte Aktion des Turmes und Läufers nennt man heute noch:

Das Zermalmungsmatt.

Anwendung des Pillsbury-Mattes:

Pillsbury  1 – Lee   0        Pillsbury : weiss

London  1899                     Lee:  schwarz

 

1. d4 / d5 2. c4 / e6 3. Sc3 / Sf6 4. Lg5 / Sbd7 5. e3 / Le7 6. Sf3 / b6

7. cxd5 / exd5 8. Lb5 / Lb7 9. Se5 / 0-0 10. Lc6 / Tb8 11. Lxb7 / Txb7

12. Sc6 / De8 13. Sxe7+ / Dxe7 14. Sxd5 / De4 15. Sxf6+ / gxf6

16. Lh6 / Dxg2 17. Df3 / Dxf3 18. Tg1+ / Kh8 19. Lg7+ / Kg8

20. Lxf6+ / Dg4 21. Txg4++.

Nach 16…Dxg2

Zum Nachspielen:



 

Und im Herbst jenen Jahres sah es dann in London wieder so aus:

London (1899)   by Léonard Misonne

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Quellen: endgame.nl, ajedrez de ataque.

Sitges (Barcelona), im Juli 2011

2 Gedanken zu „Super-Turnier London 1899

  1. Holger Mahlich

    Lieber Frank! Vielen Dank für die vielen,interessanten Artikel auf dieser Seite! Ein wahrer Gegenpol zum >computerbeherrschten< Spiel in der heutigen Zeit! Weiter so!

    Antworten
  2. Gerhard Josten

    Hallo Frank!
    In der Partie Pillsbury, Harry Nelson – Lee, Francis J. 1-0 führte nur ein Schnitzer von Schwarz und nicht ein Geniestreich von Pillsbury zum Sieg von Weiß. Nach beispielsweise 14…De6 15.Sxf6+ Sxf6 16.Lxf6 Dxf6 hätte es ein Remis gegeben. Es verliert, wer den letzten Fehler begeht.
    Gerhard

    Antworten

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