Archiv für den Monat: September 2011

Jorge Pelikan – Der böhmische Meister

 

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Jiri (Jorge) Pelikan * 23. April 1906  + Juni 1984

war ein argentinischer Schachmeister tschechischer Abstammung.

 

 

Er nahm mit der tschechischen Mannschaft an den Olympiaden

1935 in Warschau, 1937 in Stockholm und 1939 in Buenos Aires teil.

Bei Ausbruch des 2. Weltkrieges entschied sich Jiri Pelikan wie viele andere Meister anlässlich der 8º Olympiade in Buenos Aires

(u. a. Najdorf, Stahlberg, Frydman, Eliskases, Michel, Engels, Becker, Reinhardt, Czerniak, Kleinstein, Rauch, Winz, Luckis, Feigins, Raud, Skalička, Sulik, Gromer, Seitz, de Ronde,

 

Sonja Graf:

http://www.schachbund.de/intern/archiv/mayer/graf/graf.pdf

 

und Paulete Schwatzmann), in Argentinien zu bleiben.

 

Seine Punktzahl bei dieser Olympiade (er spielte am 3. Brett 15 Partien für “Böhmen und Mähren”) erreichte einen Satz

von 65 %, so dass er eine hervorragende “Visitenkarte” vorzeigen konnte, um sich verhältnismässig schnell in das argentinische Schachleben einzuführen.

 

Jiri Pelikan kehrte nie mehr nach Europa zurück sondern nahm die argentinische Staatsbürgerschaft an, lebte in verschiedenen Städten (Berzategui und Balcarce) während seiner 35 Jahre Aufenthalt in Argentinien und liess sich schliesslich in der Stadt Chacabuco in der Nähe von Buenos Aires nieder.

Dort fand er Arbeit und finanzielle Unterstützung von Schachsponsoren.

 

 

 

 Chacabuco Plaza Principal

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Seine argentinische Schachlaufbahn:

 

1942, Jorge Pelikan 6º/ 7º Platz beim Open in Mar del Plata ( 1º Miguel Najdorf).

1943, geteilter 3º – 6º Platz beim  traditionellen Open von Mar del Plata (1º Gideon Stahlberg).
1944, geteilter 7º / 8º Platz beim Open in Mar del Plata (1º1/2º Hermann Pilnik y Najdorf).

1945, 10º Turnier de Mar del Plata (1º Najdorf)

1945/46, 4º Platz hinter René Letelier, Carlos Skalicka und Movsas Feigins in Buenos Aires (Circulo La Régence).
1955, geteilter 8 º / 9 º Platz in Buenos Aires (ARG-CH; 1º Najdorf).
1956, 9º Platz in Mar del Plata (ARG-ch; 1º Raúl Sanguineti).

1956, 9º Mar del Plata (1º Julio Bolbochán und Najdorf)

1956, 1º Platz vor Behrensen, in Buenos Aires (Memorial Alekhine ).
1957, geteilter 3º/4º Platz in Buenos Aires (ARG-ch; 1º Sanguinti).
1957, 3º Platz in San Nicolás (1º Erich Eliskases).

1958, 16º Platz Mar del Plata (1º Larsen)
1958, 3º Platz in Buenos Aires (1º Sanguineti).
1958, 3º Platz im Club Argentino de Ajedrez (1º Alfredo Espósito).
1960, 3º Platz in Buenos Aires (ARG-ch; 1º Najdorf).
1961, geteilter 10º / 11º Platz in Mar del Plata (1º Najdorf).
1965, 1º Platz in Chacabuco.
1965, geteilter 4º / 5º Platz in Buenos Aires (ARG-ch; 1º Sanguineti).

1966, 9º/12º Platz Internationales Turnier in Mar del Plata
1966, Vizemeister von Argentinien in Buenos Aires (ARG-ch; 1º Miguel Quinteros).
1966,  geteilter 11º/13º Platz in Río Hondo. Sieger waren Henrique Mecking, Julio Bolbochán, Oscar Panno und Alberto Foguelman.
1967, geteilter 9º/10º Platz in Mar del Plata (ARG-ch; 1º Najdorf).
1968, 2 º Platz hinter Najdorf, in Mar del Plata (ARG-ch, sf).
1968, geteilter 8 º / 9 º Platz in Buenos Aires (1º Sanguineti).
1970, geteilter 1º Platz mit Rossetto in Miramar.
1972, 1º Platz in Buenos Aires (ARG-ch, prefinal).
1972, geteilter 10º / 11º Platz in Buenos Aires (ARG-ch; 1º Rossetto).

 

Wie zu erkennen ist, nahm er regelmässig an argentinischen Meisterschaften teil und gehörte bald zu den führenden argentinischen Schachspielern.

 

Ausserdem gewann er die erstmals in Argentinien stattfindende

Fernschachmeisterschaft (LADAC) im Jahre 1957.

 

                  

Jorge Pelikan gegen Jacobo Iatzky 1962

während des Turnieres von Quilmes 1962 (Schachzeitung vom April 1963)

 

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Spielstil:

gewagt, nicht orthodox und sehr genau in den Eröffnungen.

Er hatte stets die sowjetische Schachausgabe “Shajmaty” abonniert, in der immer die neuesten Theorien erschienen.

                          

 

 

Jedoch entwickelte und spielte er eigene Schemen in den Eröffnungen.

Trotz seines zweischneidigen Stiles war er einer der hauptsächlichen Schachmeister Argentiniens in den 40-, 50- und 60iger Jahren.

Allerdings war sein Spiel oft zu risikoreich und seine Weigerung auf eine Ausgewogenheit der Stellung – auch wenn in bestimmten Situationen eine minimale Vorsicht geboten war – verhinderten  einen besseren Rang in den Turnieren.

 

Aber, wie Guillermo Puiggrós in seinem Buch

 

“Brillante argentinische Partien”

 

                         

 bemerkte:

“Zehn Meisterpartien von Pelikan sind mehr wert als hunderte von anderen.”

 

Nachstehend eine seiner spektakulären Partien:


 

Kommentiert von MN Hebert Pérez Garcia

 

Pelikan, Jorge – Schweber, Samuel [A08]
Chacabuco (4), 1968

1. e4 e6 2.d3 [Der indische Angriff genoss eine Glanzeit in den 50iger bis 70iger Jahren. Später wurden aber bessere Verteidungsmöglichkeiten gefunden. In vielen Positionen dieser Variante, stösst Schwarz auf Schwierigkeiten, seinen Damenläufer zu entwickeln. Diese Tatsache ist von grosser strategischer Bedeutung.]

..d5  3. Sd2 c5 4.Sgf3 Sc6 5.g3 Sf6 6.Lg2 Le7 7.0-0 0-0 8.Te1 b5 9. e5 Sd7 10.Sf1 a5

11. h4 b4 [Eine Position, die theoretisch etwas abgedroschen ist.

Wenn Schwarz richtig spielt, kann in den meisten Fällen ein Ausgleich erzielt werden.]

12. S1h2 [Eine andere Option für Weiss wäre: 12.Lf4 a4 13.a3 bxa3 14.bxa3 Tb8]

12…La6

13. Lf4 [Weiss hätte hier auch über nachfolgende Lösung verfügt 13.Sg4 a4 14.h5 h6 15.Lf4 c4 16.d4]

13…a4 14.a3 [Eine andere Alternative ist: 14.h5 h6 15.Sg4 c4 16.d4 etc.]

14…bxa3 15.bxa3 c4

16. d4 Sa7?!  [Der Beginn eines zweifelhaften Manövers. Taktisch ziehen die heutigen Programme vor, direkt am Damenflügel aktiv zu werden mit einer Variante in dem Stil wie 16…Db6 17.Lg5 Tfb8, etc]

17. Sg5 [Mit dem Textzug beginnt Pelikan einen thematischen Angriff, der in ähnlichen Situationen üblich ist. Allerdings scheint besser zu sein: 17.Sg4 Sb5 18.Dc1 etc.]

17…h6 [Einen Ausgleich für Schwarz findet man auch in dem spektakulären Vorschlag: 17…Sb5 18.Dh5 Lxg5 19.Lxg5 Db6 20.Sg4 Dxd4 21.Lf6 gxf6 22.Sxf6+ Sxf6 23.Dg5+ Kh8 24.Dxf6+ =]

18. Dh5?! [Getreu seines unternehmungslustigen und schöpferischen Stiles, leitet der Meister Pelikan einen risikoreichen Angriff ein. Das Opfer ist eigentlich nicht richtig aus der Optik der neuen Erkenntnisse, die mehr Vorsicht walten lassen mit 18.Sh3 Sb5 19.Sg4 f5, etc. und mit leichtem Vorteil für Weiss.]

18…De8?! [Schwarz hätte das Opfer annehmen sollen mit z.B.  18…hxg5 19.hxg5 (19.Lxg5 Sb5 20.Sf3 Te8 21.Dg4 führt allerdings zu nichts Konkretem.) 19…Sc6!  20. c3 (oder 20.Sg4 Sxd4 21.Sf6+ Lxf6 22.exf6 Sxf6 23.gxf6 Dxf6 24.Le5 Df5-/+) 20…g6 21.Dh4 Da5 22.Sg4 Tfb8]

19. Sg4 Lxg5 20. hxg5 f5 21.Sxh6+! gxh6 22.g6 Sc6? [Und nun der schlimme Fehler. Somit ist Schwarz verloren. Es ist zwingend notwendig, mit 22…De7 23.Lxh6 Sb5 etc. fortzusetzen.]

23. Dxh6+- De7 24.g7 Tfe8

25. Lxd5! [Ein vernichtender Schlag, der den Gewinn der Partie beschleunigt. ]

Dxg7 26. Lxe6+ Txe6 27.Dxe6+ und Schwarz gab auf: 1-0

 

                      

Endstellung

 

Zum Nachspielen:

Jorge (JiriPelikan vs Samuel Schweber

 

Pelikan-Variante:

Jiri Pelikan untersuchte mit anderen argentinischen Meistern in den 1950iger Jahren ein Abspiel in der Sizilianischen Verteidigung:

1. e4 c5 2. Sf3 Sc6 3. d4 c5xd5 4. Sxd4 Sf6 5. Sc3 e5 6. Sdb5 d6:

 


Diese Variante erhielt zunächst den Namen Pelikan-Variante,

wurde aber später durch die analytischen Arbeiten sowjetischer Spieler in den 1970iger Jahren international als Sweschnikow-Variante populär.

 

Seine Analysestudien in den Eröffnungen waren bemerkenswert und sind in die Geschichte eingegangen.

Petrosjan wendete eine Idee von Pelikan in seinem Kanditatenmatch 1971 gegen Bobby Fischer in Buenos Aires an:

 

Fischer, Robert James (2760) – Petrosian, Tigran V (2640) [B44]
Candidates Match final Buenos Aires (1), 30.09.1971

Foto: 2.bp.blogspot.com

 

Anerkennungen:

1965 verlieh ihm die FIDE den Titel “Internationaler Meister”  

 

                         Warschau 1935  – Jorge Pelikan 1º von links oben, neben Dr. Treybal

Foto: Héctor Silva Narrzari IA, Uruguay

 

Sein Ableben:

Der Meister Jorge Pelikan lebte in Chacabuco (im Nordosten der Provinz von Buenos Aires) bis zu seinem Tod im Juli 1984, wo er auch bestattet wurde.       

      

 

Seine Grabstätte auf dem Hauptfriedhof des Ortes, wovon ein Teil zum Kulturerbe erklärt wurde:

 

 

     

Foto: Quilmes Ong.com

Aber niemand kann sich erklären, warum an seinem Grab

Edelweiss gesprossen ist.

 

Wir danken der Information:

(Anmerkung von Omar E. Peluffo, Leiter des Schachkreises von Villa del Parque).

 

Quellen: “Ajedrez para todos” und wikipedia.org.

 

Sitges (Barcelona), im September 2011