"Tolstoi – Krieg und Frieden – auf dem Schachbrett"

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von Fernando Pedró MF (*)
(zusammengefasst und illustriert)
Lew Nikolajewitsch Tolstoi (1828-1910) war zeitlebens ein leidenschaftlicher Schachspieler und verwendete das Spiel als Referenz in seinen Hauptwerken.
Der Autor von „Krieg und Frieden“ und „Anna Karenina“ argumentiert:
„Schach ist eine wundere Unterhaltung, wenn wir uns ablenken und unsere Sorgen vergessen wollen.“
Er näherte sich dem edlen Spiel, als er mit 17 Jahren die Staatliche Fakultät in Kasan (Tatarstan) besuchte.
Das Schachbrett war ein fruchtbarer Boden für den jungen Mann, auf dem er seine üppige Phantasie entwickeln konnte.
Von 1851 an (also mit 23 Jahren) erlebte er in der zaristischen Armee als Fähnrich einer Artilleriebrigade den Krieg im Kaukasus. In seinem Gepäck neben Patronen und sonstigen Kriegsutensilien befand sich aber stets ein Schachspiel, das er mit anderen Kosaken seiner Truppe pflegte.
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Foto: klassiker-der-weltliteratur.de/ tolstoi

Es wurde viel über die verschiedensten Besucher auf seinem Landgut und in seinem Haus in Yasnaya Polyana (200 km südlich von Moskau, heute staatliches Museum)
 
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 Foto: lostart.ru
 geschrieben,  mit denen er nie eine Gelegenheit verpasste, Schach zu spielen:
Elmer Mood, Biograph und Übersetzer seiner Werke ins Englische, die Literaten Jirianov und Sergejenko, der Komponist Sergej Iwanowitsch Tanejew, Aleksandre Borisovich Goldenveizer (Professor am Moskauer Konservatorium), der Flieger Konstantin Ziolkowski und Prinz Sergei Semjonowitsch Urussow, einer der führenden russischen Spieler des 19. Jahrhunderts.Die Beziehung zwischen Tolstoi und Urussow wurde im Tagebuch von Sofia Andrejewna, der Frau des Schriftstellers, festgehalten, in dem sie u.a. am 24. September 1876 schrieb: „Leon und Urussow verbrachten den Nachmittag damit, ausschliesslich Schach zu spielen … „. Der Schachmeister schenkte dem ältesten Sohn des Schriftstellers seine Schach-Bibliothek und in einem Brief im gleichen Jahr dankte Tolstoi seinem Freund: „Seriszha ist von Ihren Büchern begeistert und studiert sie eifrig.“ 
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Spielend mit  V.V. Chretkov 
Courtesy Topfoto.com.uk 
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Eine tausendjährige Tradition
Schach wird in Russland seit fast tausend Jahren gespielt. Während des achtzehnten Jahrhunderts waren sowohl Peter I. als auch Katharina Die Große grosse Anhänger dieses Spieles, aber erst Anfang des neunzehnten Jahrhunderts mit dem Erscheinen von Alexander Dmitrievich Petroff (1794 – 1867)
 
und auch Carl Friedrich Andrejewitsch Jaenisch ( 1813 – 1872) 
erfuhr das Spiel den notwendigen Bekanntheitsgrad. Diese beiden großen Theoretiker waren die Autoren der ersten Schach-Handbücher in Russland, setzten sich mit einigen der von Philidor vorgetragenen Ideen auseinander und legten die schachlichen Fundamente, die dann die Brüder Sergej und Dmitri Semenovich Urussow, Ilya K. Shumov, Emanuel S. Schiffers, Semyon Zinovievich Alapin und ganz entscheidend Michail Iwanowitsch Chigorin (1850-1908)                                       

weiter entwickelten.

 

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„Im Schach“, sagte Tolstoi, „ist es sehr wichtig, sich daran zu erinnern, dass in seinem Wesen keine aggressive Kombinationen oder unerwartete und riskante Züge liegen, sondern eher in der ruhigen Berechnung der Wirkung aller Figuren, die langsam und gleichmäßig auf dem Brett erfolgen soll.“

Schach wurde im neunzehnten Jahrhundert in Russland, als auch anderswo in Europa, ein Gesellschaftspiel. Es ist also kein Wunder, dass genügend Hinweise in den Werken von Tolstoi zu finden sind. Im Kapitel VIII des siebten Buches von Anna Karenina,

 

 

während Levin und der Prinz bei einem Spaziergang durch die Hallen wandern, wird dort eine Partie Schach gespielt. Ebenso in dem Werk „Krieg und Frieden“, bei dem Berg und Boris sich dem Schach widmen,  während sie auf Rostov ( Buch III, Kap.. VII) warten.

Andere Beispiele gleicher Art finden wir, als Vera mit Shinshin spielt (Buch IV, Kapitel. XV) und Natasha und Sonia sich an einem kleinen Schachtisch (Buch VI, Kap.. XXIV) gegenübersitzen.

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Während all diese Referenzen die Bräuche der russischen Aristokratie beschreiben, ist es das zehnte Buch von „Krieg und Frieden“, in dem das Schach als Metapher für den Krieg erscheint.

 

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Zu Beginn des Kapitels VII, bei der Diskussion, ob Napoleon bis vor die Tore von Moskau kam (eigentlich) gegen seinen Willen oder durch die List der russischen Kommandanten, bestätigt Tolstoi:
„Ein guter Schachspieler, der ein Spiel verloren hat, weiß, dass seine Niederlage durch einen Fehler entstand, und er schaut nach, ob dieser Fehler schon in der Eröffnung war, aber vergisst, dass in jeder Phase des Spieles ähnliche Fehler aufgetreten sind, und dass keiner seiner Züge perfekt waren. Er bemerkt aber erst den Fehler, wenn sein Gegner ihn nutzt. Doch komplexer ist das Kriegsspiel, das unter bestimmten zeitlichen Grenzen stattfindet und wo man nicht leblose Gegenstände manipulieren kann, sondern alle Ereignisse sich aus unzähligen Konflikten ergeben! „
Die beiden letzten Hinweise auf das Schachspiel, legt Tolstoi in den Mund von Napoleon. Kapitel XXI:
Als er nach einem zweiten Kontrollgang von seinen Truppen zurückkam,  bemerkte Napoleon:
 „Die Figuren stehen auf ihren richtigen Feldern, das Spiel beginnt morgen! „ 
 
1812
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Denken Sie daran, dass Tolstoi in einer Zeit lebte, in der die Romantik alle Künste und auch das Schachspiel beeinflusste.

„Wir sollten versuchen, nicht nur einfach sondern durch eine interessante Kombination zu gewinnen“, sagte der große Schriftsteller.

Aber das ist ein Satz, der jeder Intellektuelle des neunzehnten Jahrhunderts gesagt haben könnte.

Damals wurden kaum positionelle oder strategischen Überlegungen angestellt und der Sieg, wie von Prinz Andrew hervorgehoben, wurde in der Hitze des Gefechts vollzogen.

Wenn auch die Worte Tolstois gegenüber dem gegenwärtigen Schach ziemlich entfernt sind, bezieht er sich in dem Absatz für die Gründe der Niederlage bei Austerlitz auf eine „sportliche Gültigkeit“: das Streben nach Erfolg und der Glaube „gewinnen können“, sind wesentliche Faktoren um den Sieg zu kämpfen, auch wenn man einem potenziell überlegenen Rivalen gegenübersteht.

“Krieg und Frieden“ wurde in Faszikeln zwischen 1863 und 1869 geschrieben und entwickelte sich zu einem sofortigen Erfolg. Die Tatsache, dass Tolstoi diese fast technischen Diskussionen  vorgestellt hat, zeigt die große Schach-Kultur bei den Lesern der damaligen Gesellschaftschichten, die ohne Zweifel eine der Grundlagen der russischen Schach-Hegemonie 80 Jahre später waren.

 


Das Spiel mit dem Flieger Konstantin Ziolkowski

Foto blogchess.com

Es sind noch ein paar Partien erhalten wie: gegen Mood (gespielt in Jasnaja Poljana) und eine per Fernschach gegen den starken Spieler Sergei Fjodorowitsch Lebedev (der seinerseits schon u.a. gegen Chigorin, von Bardeleben und Rotlewi Chotimirsky Dus gewinnen konnte), die Tolstoi nach einer hartnäckigen Verteidigung zum Erfolg führt.

 

 

1901 Moscow, 2nd All-Russian Championship


Standing: F.I. Duz-Chotimirsky, K.V. Rozenkrantz, D.M. Janowski, S.V. Lebedev, V.N. Kulomzin
Seated: E. S. Schiffers, S.V. Antushev, V.I. Tabunshchikov, M.I. Tschigorin

 

Leo Tolstoi


Lebedev,Sergei – Tolstoi,Leo [D25]
per Fernschach im Jahre 1900

Analyse des NM Hebert Pérez García, Holland   

 

           1. d4 d5 2.c4 dxc4 3.Sf3 Sf6 4.e3 Lg4 [ Populärer und schärfer ist die Hauptlinie 4…e6 5.Lxc4 c5 6.0-0 a6 etc.]

5. Lxc4 e6 6.Db3 [In der modernen Praxis wird häufig die Variante 6.h3 Lh5 7.Sc3 Sbd7 (und wenn 7…a6 8.g4 Lg6 9.Se5 Sbd7 10.Sxg6 hxg6 11.Lf1!?  c6 12.Lg2, eingeführt von dem sowjetischen Grossmeister Semen Furman im Jahre 1963) 8.0-0 Ld6 9.e4 e5 10.Le2 0-0 11.dxe5 Sxe5 12.Sd4 etc.]

6…Lxf3 7.gxf3 b6 [ Eigentlich wäre für Schwarz das Gambit vorzuziehen 7…Cbd7 8.Dxb7 c5 mit aktivem Spiel.]

8. Tg1 [oder 8.Sc3 c6 9.Ld2]

8…c6 [Möglicherweise wäre genauer gewesen mit 8…g6 9.f4 c5 fortzusetzen.]

9. Sc3 b5 10.Le2 [oder 10.Ld3]

10…a5 [Auch die Variante 10…Sbd7 11.Ld2 g6 12.Se4 a6 wäre spielbar]

11. Ld2 g6 12.Tc1 [Konsequenter wäre mit 12.Dc2 Le7 13.Se4 fortzusetzen]

12…a4 13.Dc2 Sd5 14.Sxd5 exd5 15.e4 Lg7 16.e5 0-0

17. Ld3?! [Interessant wäre die Fortsetzung 17.Dc3 und wenn 17.. Dh4 18.f4 Dxh2 19.Kf1 Dh4 20.Df3 mit ausreichendem Ausgleich für Weiss.]

17…De7 [Tolstoi plant ein etwas riskantes Figurenopfer. Der Kampf wäre noch zugespitzter gewesen mit der Variante  7…Dh4!?]

18. a3                    

18..Lxe5? [ Wir glauben, dass Tolstoi nicht genügend durchgerechnet hat, denn das Opfer ist mehr als gewagt und eigentlich nicht richtig.]

 

19. dxe5 Dxe5+ 20.Kf1 Dxh2? [ Die schwarze Stellung ist jetzt kritisch. Auch wäre nicht positiv gewesen mit Verwicklungen in der Fortsetzung 20…Sd7 21.Dxc6 Dxb2 22.Tc2 Da1+ 23.Kg2 Dxa3 24.Lxb5+- etc.]

21. Lxg6!+- ! [ Ein entscheidendes Opfer, das eigentlich den Meister Sergei Lebedev zum Sieg geführt haben müsste.]

 

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21…Dh3+ [Offensichtlich kann der Läufer nicht genommen werden wegen Txg6 und einem tödlichen Angriff. Die hoffnungslose Variante 21…Dxg1+ 22.Rxg1 fxg6 verliert leicht.] 22. Ke2 De6+ 23.Le4+ Kh8 24. Dc3+ 
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[Hier findet man nach den heutigen Erfahrungen und Hilfsmitteln einen brillanten Abschluss, der mit 24.Lh6!! beginnt und, wenn Dxh6 25.Th1 Dg5 26.Txh7+ Kg8 27.Thh1+- ! gewinnt sehr elegant. Es ist aber ganz klar, dass die Spieler damals keine zusätzlichen Rechner hatten, die ihnen bei Fernschach geholfen hätten. Die Leser sollten gerade deswegen mit den “menschlichen” Fehlern der Beteiligten grosszügig sein.]24…f6 25.Lh6 Tf7 26. Tg4 [Besser wäre 26.Dd2! Td7 27.Df4 dxe4 28.Dxe4 Dxe4+ 29.fxe4 mit Vorteil für Weiss.]26…Sd7 27.Tcg1 [Die Einleitung einer offensichtlichen genialen Idee, aber letztlich doch nicht wirksam. Weiss konnte noch einen kleinen Vorteil bewahren mit 27.Dxc6 Dxc6 28.Txc6 dxe4 29.Txe4+/= etc.]27…Se5 28. Da5?! [Richtig ist der Zug 28.Tg7 und wenn dxe4 29.fxe4 Tfa7+/=  mit leichtem Vorteil für Weiss.]28…Tfa7! 29. Tg8+?! [Ein schlimmer Fehler. Angezeigt war 29.Tg7!? und wenn 29…dxe4 30.Txa7 Dc4+ 31.Kd1 Dd4+ 32.Kc1 (32.Kc2? Dxf2+ 33.Ld2 Dxa7) 32…Sd3+ 33.Kd1 Se5+ = etc.]29…Txg8 30.Dxa7 Sg6 31.Tg4 dxe4 32. Txe4 Se5 [Eine andere Option wäre 32…Dh3 33.Ld2 Df5] 33. Dd4 Sxf3!? [Gewinnt einen Bauern. Allerdings wäre hier vorzuziehen gewesen 33…Dc4! 34.Dxc4 Sxc4 mit solidem Vorteil für Schwarz] 34. Kxf3 Dh3+ 35.Ke2 Dxh6 [Das feine Zwischenschach 35…Dh5+!? 36.Kd3 Dxh6, bring die weisse Königsstellung in Unordnung und erschwert die weisse Verteidigung.] 36. Te6 Dh5+ 37.Kd2 Dg5+

38. Kc3? [Ein neuer Fehler mit schlimmen Folgen; auch wenn 38.Ke1 c5 39.Dxf6+ Dxf6 40.Txf6 Tg5 41.Tb6 c4, hat Schwarz Vorteil.]

38…Dc1+

39. Kd3 [Der Sieg von Tolstoi ist nun Wahrheit geworden. Z.B. wenn 39.Kb4 c5+ 40.Dxc5 Dxb2+ (40…Tg4+ 41.f4! Txf4+ 42.Kxb5 Dxb2+ 43.Ka6) 41.Ka5 b4-+ und Schwarz gewinnt.]

39…Dd1+-+ und Weiss gibt auf, da er den Turm später verliert durch ein Schach der schwarzen Dame.  0-1

 

Endstellung:

 

 

Zum Nachspielen:

http://www.chessgames.com/perl/chessgame?gid=1531093

 

Nachstehend ein Foto seines Grabes auf dem Landsitz Yasnaya Polyana:

 

 

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Fotohttp://autotravel.org.ru/phalbum/90013/113.html
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(*) Fernando Pedro wurde 1961 in Buenos Aires, Argentinien, geboren und ist FIDE-Meister und Schachjournalist.
Quellen:
Leo Tolstoi („Krieg und Frieden“ und „Anna Karenina“)
Victor Liublinski („Leo Tolstoi: Insigne cultor del ajedrez“)
William R. Hartson (Artikel in der „Encyclopedia of Chess“,
geleitet von Harry Golombek)
Pierre Albert („A vous les blancs, capitaine Tolstoi!“)
 
 Sitges (Barcelona), im Dezember 2011