Archiv für den Monat: Mai 2012

Geehrter Herr Gevatter – Ein Adolf Anderssen-Brief

                            

 

 

                                  

 

Foto: chess.com

 

 

Wir verdanken Grossmeister Lothar Schmid aus Bamberg den Zugang zur Kopie eines Privatbriefes von Adolf Anderssen an seinen Gevatter vom 29.11.1858

über das Thema der bevorstehenden Begegnung zwischen

Paul Morphy (* 22. Juni 1837  + 10. Juli 1884  New Orleans)

und Adolf Anderssen (* 6. Juli 1818   +   13. März 1879 Breslau)

 

wie folgt:

 

 

Zum Vergrössern bitte draufklicken!

 

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               in Maschinenschrift “entschlüsselt”:

 

 

(dank der aufopfernden Arbeit der Mutter Ingeborg unseres

Schachfreundes Burkart Venzke

 

 

 

vom SK Norderstedt)

 

 

Breslau, 29.11.1858

 

Geehrter Herr Gevatter,


Erst heute erhielt ich von Morphy den einliegenden Brief und durch ihn die Einwilligung der schon früher von seinen Bevollmächtigen, wie es scheint, von allen Klubs eingegangenen
Meldung, daß dem Kampfe zwischen Morphy und mir von seiner Seite kein Hindernis im Wege stehe.

 

Auf die Einladung des Pariser Klubs mit dem Anerbieten einer Entschädigung von 500 fr. hatte ich mich nämlich bereit erklärt, zu Weihnachten nach Paris zu kommen.

 

Morphy zierte sich noch wie eine [Geburtenzangenkröte?] und gab vor, daß ihn seine Familie zur Rückkehr dränge, hat aber zuletzt doch dem vereinigten Ansuchen mehrerer Klubs nachgegeben.

 


Ich bedaure sehr, daß mir das Vergnügen, eine Zeit meiner Ferien in Leipzig zu verbringen, auf diese Weise [genommen?] wird, aber das Interesse dieser Sache erheischte dieses Opfer.

 

Indes verspreche ich mir einigermaßen Entschädigung durch die mir trotzdem mögliche Anteilnahme an ihrem Kampfe, nur muß derselben (conditio sine qua non) auf den Zeitpunkt meiner Rückkehr, die ich über Leipzig nehmen u. vorher anzeigen werde, verlegt werden.

 

Vor dem Kampf zu [urteilen?], finde ich aus hundert Gründen unmöglich.


Es ist mir keineswegs entgangen, 
daß Ihrem [Bestreben?], das Fest im voraus zu feiern, dieselbe freundschaftliche Gesinnung, aber auch dieselbe übermäßige

Besorgtheit wie Ihre übrigen Rathschlägen zu Grunde liegen.

Sie wollen mir die allerdings mögliche Situation, als [Besiegter?] in Ihrem Kreise zu erscheinen, ersparen.

 

Schöpfen Sie jedoch aus der Gelassenheit, mit der ich diesem Kampfe entgegengehe, einiges Vertrauen.

Ich werde auch mich an keine andere Regel binden, als an die:

 

Hüte Dich vor dem ersten Fehler.

 

Ist aber Morphy ein so überlegender Geist,

(u. ein großes Genie ist er ohne Widerrede)
daß ich bei meiner größten Ruhe und [Geistesleistung?], auf die Sie sich verlassen können, wie auf Ihr Heiligstes, nichts gegen ihn ausrichten kann, nun so müßt Ihr Euch auch das gefallen lassen oder Ihr müßt den Max Lange hinschicken.


Den Daumen könnt Ihr mir halten, dagegen hab ich nichts, im übrigen aber wartet nur frohen Muthes ab, was kommen wird… verzagt nicht gleich, wenn ich auch zuletzt verliere.


Mit aufrichtiger Freundschaft und Hochachtung 

 

Ihr ergebener


A. Andersson

 

 

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Dieses match wurde dann vom 20. bis 28.12.1858 in Paris ausgetragen,

Bild: chess-echecs-com

 

das wie folgt ausging:

 

Inoffizielle Weltmeisterschaft – París 12/1858

                                                                 

Die hohe Niederlage von Adolf Anderssen ist auch damit zu erklären, dass er im Jahre 1858 bereits 40 Jahre alt war, während Paul Morphy sich im jugendlichen Alter von 21 Jahren befand.

Gleichzeitig galt er als der beste Schachspieler weltweit in den Jahren 1858/9

mit einer historischen Elo-Zahl von 2.824, während Adolf Anderssen kein Berufsschachspieler war, sondern seinen Lebensunterhalt als Professor für Mathematik und deutsche Sprache am Friedrichs-Gymnasium in Breslau verdiente. Nur während der Ferien nahm er an Schachturnieren teil.

Er beschönigte seine Niederlage nicht, sondern gab unumwunden zu, dass das größere Talent (Morphy) gesiegt habe.

 

Zum Geniessen: Analyse der 10. Partie der Begegnung

 

 

Adolf Anderssen – Paul Morphy

 

 

 

von NM Hebert Pérez García

Anderssen,Adolf – Morphy,Paul [A22]
Paris Match 10, 1858
[HPG]

1. a3 [Die Anderssen-Eröffnung hat zum Ziel, das Spiel in eine bestimmte Richtung zu brinden. Wenn man allerdings den Anfangszug von Weiss als Zeitvorteil betrachtet, ist es ratsamer, aktiver zu spielen und zwar mit den Bauern des Zentrums.]

 1…e5 [Einige klassische Theoriker empfahlen1….g6 gegen die Anderssen-Eröffnung zu spielen, denn der Zug 1. a3 nutzt recht wenig bei der Mehrzahl der “indischen” Systeme.]             

2. c4 Sf6 3.Sc3 d5 4.cxd5 Sxd5

5.e3 [Anderssen versucht hier eine Art der Paulsen-Variante im Sizilianer zu spielen, allerdings mit umgekehrten Farben.]

5…Le6 6.Sf3 Ld6 7.Le2 0-0 8.0-0 Sxc3 9.bxc3 f5 10.d4 e4

11. Sd2 Tf6 [ Vorsichtiger war, sich weiter mit 11….Sd7 zu entwickeln.]

12. f4 [oder auch: 12.Lc4 Lxc4 13.Sxc4 Sc6 =]

12…Th6 [Nochmals ist hier zu empfehlen, mit 12….Sd7 fortzusetzen.]

13. g3 Sd7 14.Sc4 Lxc4 [Man konnte auch 14…Le7 spielen.]

15. Lxc4+ Kh8 16.Ta2 De7 17.a4 Sf6 18.Db3 c6 19.Le6 Te8 20.Lc4 Sg4 21.Tg2 Tb8 22.Le2 Sf6 23.c4 b6 24.Lb2 Df7 25.Dc2 Le7

26. Lc3 Tg8?! [Genauer war der Zug: 26…De6]

27. a5 Ld6 28.axb6 axb6 29.Ta1 g5? [Das ist schon ein Fehler von Paul Morphy.]

30. fxg5 Txg5 31.Ta8+ [oder vielleicht 31.Db2!?]

31…Tg8 32.Da4 Txa8

33. Dxa8+ De8 [Im Falle von 33…Df8, erzielte Weiss einen Stellungsvorteil mittels 34.Dxf8+ Lxf8 35.Tf2 etc.]

34. Dxe8+ Sxe8 35.c5 [Offensichtlich ist Weiss schon im Vorteil. ] Lc7 36.Lc4 Kg7

37. cxb6 [Sehr interessant war 37.d5+!? Kf8 38.d6 etc]

37…Lxb6 38.Tb2 Lc7 39.Tb7 Kf6

40. Lb4 [Stärker ist 40.Ta7!? Ke7 41.d5+/-]

40…Tg6 41.Lf8?! [Hier wäre der starke Zug 41.d5!? zu empfehlen gewesen.]

41…h5 42.Kf2 h4 43.gxh4 Tg4

44. h5 Th4 [Ohne weitere Umstände wäre hier angebracht, mit 44…f4!? fortzufahren, um Gegenchancen zu haben, z.B. 45.Ta7 fxe3+ 46.Kxe3 Th4 etc.]

45. h6 Txh2+ [Warum nicht 45…f4!? ?]  46.Kg1 Th3

47. Lf1 [Solider war der Zug 47.Ta7!?]

47…Tg3+ [ Vielleicht ist besser: 47…Th4!? 48. Lc4 f4 etc.]

48. Kf2 Tg4 49.Lc4 Th4 [Es ist eigentlich seltsam, dass Morphy in verschiedenen Momenten der Partie mit seine besten taktitsche Möglichkeit zögert, d.h. 49…f4]

50. Lg8 Ld6? [50…f4]

51. Lxd6 Sxd6 52.Td7+/- Se8?! [Notwendig war 52…Sb5.]

53. h7 Kg5 54.Te7 Sd6 55.Te6 [Nun ist es Anderssen, der ein starkes Zwischenschach nicht anwendet: 55.Tg7+! Kf6 56.Tc7]

55…Sc4 56.Txc6 Sd2 57.Ke2? [Stark und wahrscheinlich entscheidend war die Variante 57.Tc1! Sf3 58.Tc7 etc.]

57…Th2+ 58.Kd1 Sf3 ? [Mit einem zutreffenden Gegenschlag: 58…f4 !?, hätte Schwarz ausreichendes Gegenspiel.  Nach diesem Versehen ist der Gewinn von Weiss schon fast eine Tatsache.]

59. Tc7 Kg6 60.d5 f4 61.exf4 e3

62. Te7 ! [Auch wenn Schwarz seinen Srpinger gegen den weissen Turm getauscht hätte, ist das Endspiel für Paul Morphy mathematisch verloren. ]

62…e2+ 63.Txe2 Th1+ 64.Kc2 Sd4+ 65.Kd2 Sxe2 66.Kxe2+- Kg7 67.Ke3 Te1+ 68.Kd4 Tf1 69.Ke5 Te1+ 70.Kf5 Td1 71.Le6 Td4 72.Ke5 Td1 73.f5 Th1 74.f6+ Kxh7 75.Kd6 Ta1 76.Ke7 Ta7+ 77.Ld7  und Schwarz gibt auf: 1-0

Trotz der Ungenauigkeiten auf beiden Seiten, gewann Adolf Anderssen verdientermassen diese Partie. Das lange Endspiel ist mehr als sehenswert und äusserst spannend.

 

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Zum Nachspielen:

http://www.chessgames.com/perl/chessgame?gid=1019048

In dieser Gewinn-Partie wendet er “seine” Eröffnung an:

Anderssen-Eröffnung

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

 


Die Anderssen-Eröffnung ist im Schach eine geschlossene Eröffnung und beginnt mit dem Zug

1. a2-a3. Sie ist heutzutage nicht mehr populär, weil der erste weiße Zug nicht die Entwicklung fördert und auch den Kampf um das Zentrum vernachlässigt.

Die wichtigsten Antwortzüge für Schwarz sind:

  • 1. … e7-e5!? (man beachte, dass nach 2. c2-c4 vertauschte Sizilianischstellungen entstehen können, jedoch mit Mehrtempo für Weiß. Das ist dann Sizilianisch im Anzuge.),
  • 1. … g7-g6 (2. Sg1-f3, g2-g3, h2-h4 oder e2-e4),
  • 1. … d7-d5 (2. Sg1-f3).

Häufig entstehen Stellungen, die aus der Englischen Partie bekannt sind oder ihr in ihren strategischen Plänen ähneln.

Adolf Anderssen spielte in seinem Wettkampf 1858 in Paris gegen Paul Morphy mehrfach diese Eröffnung, um den angriffsstarken Amerikaner in Geschlossene Spiele zu bringen. Im Turnier in Wien 1873 wandte Wilhelm Steinitz diese Eröffnung gegen Joseph Henry Blackburne in der 2. Stichkampfpartie an und gewann überzeugend.

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Sitges (Barcelona), im Mai 2012