Eine Anekdote des kleinen Capablanca

Eines Abends im Dezember 1894 nahm der Vater den kleinen José Raúl Capablanca mit in den Schachclub von La Habana.

 

Ordentlich wie der Vater – ein Offizier der spanischen Armee – war, zog er dem Kind einen weissen Anzug an mit einem breiten gelben Band um die Hüfte und einer Schlaufe im Haar.

 

Nachstehend zwei Fotos:

1. Der junge Capablanca besuchte den Schachclub von La Habana (1901)

2. Unten rechts: der kleine Kubaner in dem Anzug eines Schiffsjungen

 

 

An jenem Abend kam der bekannte polnische Schachmeister Johannes Taubenhaus , seinerzeit französicher Meister, zu Besuch.

 

Die anwesenden Schachspieler beeilten sich, dem illustren Gast von der

erstaunlichen Schach-Intelligenz des kleinen 6-jährigen Kubaners zu erzählen.

Taubenhaus wollte zunächst die Äusserungen nicht glauben, überlegte dann doch und war bereit, gegen das Kind zu spielen, wobei man übereinkam, dass er ihm eine Dame vorgab.

 

Jean Taubenhaus (* 1850 Warschau  + 1919 Paris)

gemalt von Leonardus Nardus (1912) 

 

Die Partie wurde schon in wenigen Zügen verwickelt.

Taubenhaus versuchte, die Spannung aus dem Spiel zu nehmen, vielleicht  auch etwas Glück zu suchen. Gleichzeitig spielte er ständig mit dem Ring an seinem Zeigefinger.

Seine Züge wurden langsamer und komplizierter. Immer öfters bat der polnische Schachmeister um mehr Bedenkzeit, während José Raúl seine eigenen Züge mit einer schwindelerregenden Geschwindigkeit ausführte.

Taubenhaus versuchte, geniale Fallen zu stellen und schwierige Kombinationen mit doppelter Wirkung aufzubauen.

Der kleine José Raul entdeckte sie sofort und lachte laut auf:

“Er hält mich für dumm!“ erklärte er und fügte spitzbübige Bemerkungen hinzu, die seinen Rivalen immer mehr ärgerten und letztlich benachteiligten.

 

Foto: courtesy Arqto. Roberto Pagura, Buenos Aires

 

 

Die Partie war nicht mehr zu halten. Taubenhaus, schon hoffnungslos verloren und ohne jegliche Alternative, machte noch einen verzeifelten Turmzug  um zu sehen, wie der Junge reagieren würde.

José Raúl konnte sich nicht beherrschen.

Wie durch einen Stromschlag getroffen,  stellte er sich auf seinen Stuhl, stützte ein Knie auf den Tisch, nahm einen Springer in die Hand und rief: „Doppelschach!“ Ohne weitere Umschweife und in dem Bewusstein, seinen seinen Gegner besiegt zu haben, sprang er wieder vom Stuhl und rannte durch den Raum.

Taubenhaus lächelte, stand auf und applaudierte dem kubanischen Jungen, ein Beifall, dem sich die anderen anwesenden Schachfreunde anschlossen, der gerade den Meister von Frankreich besiegt hatte.  Der wohlhabende Henry Conill bestellte Champagner für alle.

Später sahen sie sich wieder.

Capablanca mit seinen 23 Jahren

 

 

Foto: chesshop.net

 

schlenderte durch die Stadt Paris und traf dort in einem Schachcafé seinen damaligen Gegner Jean Taubenhaus.

 

Kurz darauf wurde er Sieger des berühmten Turnieres in San Sebastian im Jahre 1911.

 

Schlusstabelle:

 

 

(copyright schachchronik.de)

 

Nach Bekanntwerden des Turniererfolges von Capablanca erklärte Taubenhaus, dass er der einzige Meister sei, wenn auch erfolglos, der gegen das kubanische Schachgenie gespielt habe mit der Vorgabe einer Dame.

 

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Quelle:
Quilmes, Buenos Aires

 

Sitges (Barcelona), im Juli 2012

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