Archiv für den Monat: August 2012

Rousseau und das Schach als „Qual“

im Alter von 41 Jahren

gemalt in Pastellfarben von Quentin Latour 1753

*************************************************************************************** von Javier Cordero Fernández

Viele historische Persönlichkeiten begeisterten sich für das Schach und einige von ihnen wie Leo Tolstoi, Che Guevara oder Humphrey Bogart erreichten ein respektables Spielniveau, obwohl sie eigentlich nur reine Amateure waren. Aber nicht alle diese Geschichten haben einen gemeinsamen Nenner, denn es gab Fälle, bei denen sich das Schachbrett zu einer richtigen Tortur (Qual) voller Frustationen entwickelte, wie es bei dem großen Jean-Jacques Rousseau (* 1712 Genf  + 1778 Ermenonville – Frankreich)  der Fall war.

Zu Rousseaus Leben könnte man viele Artikel schreiben, aber wir beschränken uns auf einen kurzen Umriss seines Denkens.

 Jean Jacques Rousseau dachte anders. Er war seiner Zeit voraus mit einem Kopf voller Ideen.

Während der französischen Revolution (1789-1799), die von seinen (sozial-politischen) Philosophien stark beeinflusst war, dominierte der Rationalismus, das heißt, jede Entscheidung, die wir im Leben treffen, sollte auf der Vernunft basieren.

 

Aber Rousseau zeigte einen anderen Weg des Denkens mit mehr Leidenschaft: Man sollte sich vor allem durch das Herz und die Gefühle leiten lassen.

 

Letztlich darf man aber seine menschliche Seite nicht vergessen… etwas, das man auf das heutige Schach anwenden kann, denn die Tendenz geht mehr und mehr in Richtung künstlicher Spielweisen –  durch Schachprogramme beeinflusst.

Rousseau zeigte sich immer sehr kritisch gegenüber „der Aufklärung der Gesellschaft“, was ihm die Antipathie der Behörden einbrachte. Trotz aller staatlicher Schikanen, blieb Rousseau den eigenen Vorstellungen stets treu, die sich in vielen seiner Werke wiederfinden.

 

 

Die stürmische Beziehung Rousseau’s mit dem Schach

 



                                     Gemalt von Samuel Bak                                  

 

Rousseau lernte das Schachspielen erst recht spät, obwohl er mehrmals erwähnte, dass er es auch wohl schon in seiner Jugend geübt hätte.

 

Die Aufzeichnungen von der Gründung des Café de la Régence besagen, dass Rousseau dort auch seine Besuche abstattete im Alter von ungefähr 40 Jahren.

 

Der „Beauftragte“, ihm die Geheimnisse des Schachspiels beizubringen,war ein gewisser Monsieur Bagueret, der allerdings nicht mehr als ein starker Kaffeehaus-Spieler war. Der Schachlehrer gab seinem Schüler anfangs einen Turm vor, aber Rousseau machte zügige Fortschritte und schon bald war er es, der seinem Lehrer einen Turm vorgab.

 

Das Schach drang tief in den Geist des Denkers  ein und wurde nach und nach zu einer Obsession. Er sah es dann als einer seiner tägliche Hauptaufgaben, sein Spiel zu verbessern und zum Café de la Régence zurückzukehren auf der Suche nach Siegen und Lorbeeren. Dieses leidenschaftliche Interesse brachte ihn zu einer grundsätzlichen Entscheidung, sein Leben anders zu orientieren.

Er kaufte sich ein Schachspiel und eine Ausgabe des berühmten Buches von Gioachino Greco Calabrois,

 

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sperrte sich in sein Zimmer ein, um es Tag und Nacht durchzuarbeiten. So verbrachte er sage und schreibe 3 Monate „eingesperrt“, und als er dachte verstanden zu haben, was Greco mit seine Schriften vermitteln wollte, verließ er die „häusliche Klausur“, hager und blass, um sich zum Café de la Régence zu begeben; leider war das Ergebnis nicht das, was er erwartet hatte.

Trotz aller Anstrengungen konnte er sein Spielniveau nicht verbessern und musste nach seiner Rückkehr in das Café eine Niederlage nach der anderen hinnehmen.

Um seine Erfahrungen mit dem Schach zu verstehen, ist es am besten, den eigenen Worten aus seinem Buch „Geständnisse“ nachzugehen: „Nach zwei oder drei Monaten von Überarbeitung und unvorstellbaren Anstrengungen, gehe ich zum Café de la Régence, abgemagert, mit gelber Gesichtsfarbe und fast betäubt.

 

Dort habe ich wieder mit Monsieur Bagueret (seinem ehemaligen Lehrer) gespielt: Ich habe ein, zwei, zwanzig Mal verloren;  die vielen Kombinationen verwirrten mich und mein Geist war so benommen, dass ich nichts anderes als eine Wolke vor mir sah. „

Doch diese frustrierende Erfahrung musste ihn nicht so beeinträchtigt haben, denn er zeigte eine große Zähigkeit und versuchte wieder Fortschritte durch das Studieren der verhandenen Bücher in der komplizierten Welt des Schachs zu machen. Noch zweimal wiederholte er die Erfahrung, sich in sein Zimmer einzuschliessen mit einem Buch von Philipp Stamma:

 

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und ein andereres von Philidor:

 

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In beiden Fällen erzielte er wiederum nur ein mageres Ergebnis.

Zumindest nahm er es mit etwas Humor: „Als man mich aus meinem Zimmer kommen sah, vermittelte ich den Eindruck eines Ausgegrabenen, und wenn das so weitergegangen wäre, hätte man mich bald beerdigen können.“

Rousseau war sich immer seinen Grenzen bewusst , eine Tatsache, die er sehr ungern wahrnahm. All die investierten Mühen brachten nicht das gewünschte Ergebnis. Wieder lesen wir seine Geständnisse und wissen, wie er diese Situation erlebt hat: „Auch wenn ich hundert Jahre lang das Schachspiel studiert hätte, hätte ich es nicht weitergebracht, als Monsieur Bagueret einen Turm vorzugeben und mehr nicht.“

 

Vielleicht setzte sich Rousseau auch zu hohe Ziele, denn im Café de la Regence erfolgreich zu sein, war nur den grossen Meistern vorbehalten. Hierbei dürfen Sie nicht vergessen, dass in jenen Jahren dort die besten Spieler der Welt verkehrten.

Im Café de la Régence trafen sich Intellektuelle und Politiker aller Schichten.

 

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Rousseau spielte regelmäßig mit Denis Diderot, gegen den er immer gewinnen konnte. Diderot versuchte seinen Gegner zu überzeugen, ihm einen Vorteil zu geben, ein Begehren, das aber jeweils abgelehnt wurde.

 

Nach der an Rousseau gerichteten Bitte fragte er stets: „Leiden Sie darunter zu verlieren?“ Diderot antwortete jedesmal: „Nein, aber ich würde mich besser verteidigen können, und das würde Ihnen eine grössere Freude bereiten“. „Vielleicht ja, aber lassen Sie die Dinge, wie sie sind“.

Es scheint, dass der gute Rousseau nicht viel Vertrauen in sein eigenes Spiel setzte, denn es war dort durchaus üblich, dass der stärkere Spieler dem schwächeren einen gewissen Vorteil einräumte.

 

 

Luis Francisco de Bourbon-Conti                   und Denis Diderot

Rousseaus Leidenschaft für das Schach und und die Kaffeehaus- Besuche wurden im Jahr 1762 unterbrochen, als er sein umstrittenes Buch:

“Émile” (1762)  schrieb.

In “Émile” beschreibt Rousseau sein Erziehungsideal, das v.a. verhindern soll, dass das Kind unter den schlechten Einfluß der Gesellschaft gerät. Der Lehrer darf den Zögling nicht indoktrinieren; Rousseau fordert eine der kindlichen Entwicklung angepaßte Erziehung.

 

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Die Behörden beschlagnahmten einen Grossteil der Exemplare und verbrannten sie vor dem Gerichtsgebäude. Darüber hinaus stellte man einen Haftbefehl gegen ihn aus, so dass er gezwungen war, das Land zu verlassen, um letztlich Zuflucht in der Schweiz zu finden.

Im Jahre 1767 reiste er nach England, wo er von Luis Francisco de Bourbon, Prince de Conti aufgenommen wurde.

 

 

Dort wurde sein Geist wiedergeboren, und er fing erneut an zu schreiben.

 

Der Prince de Conti spielte sehr gern Schach und fragte seinen Gast, ob sie eine Partie spielen könnten.

 

Rousseau war einverstanden, gewann die Partie und wiederholte das Ergebnis im Rückkampf … und tat es eigentlich recht ungern, denn er wollte eine so namhafte Persönlichkeit  nicht verletzen, der ihm seinen Schutz angeboten hatte.

 

Abbildung der Partie, bei der Rousseau seinen Gegner „vom Brett fegte“:

 

 

 

Im Jahr 1770 konnte Rousseau dann nach Paris zurückkehren und nahm schnell wieder seine Besuche im Café de la Régence auf.

Wenn der Virus  „Schach“ Ihren Körper befallen hat, gibt es kein Heilmittel, die „Krankheit“ aufzuhalten“.

 

Und in der Tat war Jean-Jacques Rousseau ein wahrer Liebhaber des Schachs, aber widmete sich gleichzeitig auch den Glücksspielen. Allerdings zog er das Schach stets vor:

 

„Schach, bei dem nicht um Geld gespielt wird, ist das einzige Spiel, das mich unterhält. „

Dies ist die Geschichte der „qualvollen“ Beziehung von Jean Jacques Rousseau zu dem Schach, das ihn fast die Gesundheit kostete, aber ein Spiel, das ihm unzählige Stunden Freude bereitete.

 

Also bitte nicht entmutigen, wenn Ihr anfangs nicht in die tiefen Strategien des Schachspiels eindringt. Einem Visionär und brillanten Geist wie Rousseau gelang es auch nicht, in die grossen Geheimnisse vorzustossen, aber er genoss all das Gute, was dieser Denksport bietet.

 

gemalt von P.H. Andreis – Chess (19th Century).
Cavaliers Playing Chess

 

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Quelle:  www.ajedrezdeataque.com

Sitges (Barcelona), im August 2012