Die tödliche Schachpartie


gemalt von Penusliski

 

Eine Erzählung von Néstor Quadri:

Vierundsechzig Felder und eine nahezu unendliche Anzahl von Möglichkeiten auf einem hell-dunklen Schlachtfeld, wo geschnitzte Figuren stehen und schemenhaft von den Lichtern des Raumes beleuchtet werden.

 

gemalt von Penusliski

An diesem Schachbrett  sitzen sich zwei Gegner gegenüber. Der Führer der weissen Steine ist ein alter internationaler Großmeister

 

 
Foto Diana Lee

und ein Computer der neuesten Technik bedient die schwarzen Figuren.



Foto: geek.com

Es ist eine Partie ohne zeitliche Begrenzung, wobei dem Computer gestattet ist, dieselbe Bedenkzeit zu nutzen, die der menschliche Spieler für seinen letzten Zug aufgewendet hat.

 

Es war ein Schachpartie,  die nur den Tod als zeitliche Grenze hatte und in dieser Form von dem bereits 70 Jahre alten Grossmeister vorgeschlagen wurde.
Dies bedeutete eine sehr schwierige Herausforderung; doch er hatte erklärt, den Computer zu schlagen und würde sich die Zeit zum Nachdenken und für die Analysen bis zur Nähe seines Todes nehmen, wobei bekannt ist, dass Schachpartien bis über 50 Züge dauern können.

 

Tod und Leben – gemalt von Gustav Klimt

Nach einigen Jahren zeichnete sich das Ende des Spieles ab.

 

Der Computer hatte mit einem sicheren Zug geantwortet, wobei ihm bei der Durchführung der Analysen die ganze Rechenkraft für die Unendlichkeit von möglichen Kombinationen zur Verfügung stand. Es war ein präziser Zug, der ihn auf eine Linie brachte, die sein Programm durchgerechnet hatte und sicherlich zu einem erfolgreichen Ergebnis führen würde.
Nun musste der alte Meister ziehen, der aber keine Eile zu haben schien.

 

Die Zeit war in seinen Augen stehengeblieben, und er bewegte seine Hand, die leicht über den Figuren schwebte so, als ob er unsicher wäre, welchen Zug er machen sollte.

Eigentlich war die Stellung nicht ganz günstig für ihn. Er nahm sich aber die Musse, um darüber nachzudenken und fand schließlich einen großartigen und wunderbaren Zug.

 

gemalt von Elke Rehder

Nun musste der Computer antworten, und es war offensichtlich ein Zug von Weiss, der unvorhergesehen und kompliziert zu lösen war.

 

Der Rechner begann die Analyse mit seinen unendlichen Varianten, aber nach einigen Tagen hatte er immer noch nicht geantwortet, und es näherte sich die vereinbarte Ablauffrist für seinen Zug.


Da geschah es, dass der alte Mann anfing, innerlich zu lächeln, als er wahrnahm,  dass zuerst eine dünne, fast unmerkliche, aber immer deutlicher werdende Rauchschwade aus dem Computergehäuse entwich.

 

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Sitges (Barcelona), im September 2012

2 Gedanken zu „Die tödliche Schachpartie

  1. Reader

    Ein schönes Buch über das Schachspielen bzw Spieler ist „Carl Haffners Liebe zum Unentschieden“ von Thomas Glavinic. Sehr lesenswert.

    Antworten

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