Archiv für den Monat: Dezember 2012

Der Christbaumständer und eine Schachpartie:

 

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Beim Aufräumen des Dachbodens – ein paar Wochen vor Weihnachten – entdeckte ein Familienvater in einer Ecke einen ganz verstaubten, uralten Weihnachtsbaumständer. Es war ein besonderer Ständer mit einem Drehmechanismus und einer eingebauten Spielwalze. Beim vorsichtigen Drehen konnte man das Lied „O du fröhliche“ erkennen. Das musste der Christbaumständer sein, von dem Großmutter immer erzählte, wenn die Weihnachtszeit herankam. Das Ding sah zwar fürchterlich aus, doch da kam ihm ein wunderbarer Gedanke. Wie würde sich Großmutter freuen, wenn sie am Heiligabend vor dem Baum säße und dieser sich auf einmal wie in uralter Zeit zu drehen begänne und dazu „O du fröhliche“ spielte. Nicht nur Großmutter, die ganze Familie würde staunen.

Es gelang ihm, mit dem antiken Stück ungesehen in seinen Bastelraum zu verschwinden. Gut gereinigt, eine neue Feder, dann müsste der Mechanismus wieder funktionieren, überlegte er. Abends zog er sich jetzt geheimnisvoll in seinen Hobbyraum zurück, verriegelte die Tür und werkelte.

 

 

Auf neugierige Fragen antwortete er immer nur „Weihnachtsüberraschung“. Kurz vor Weihnachten hatte er es geschafft. Wie neu sah der Ständer aus, nachdem er auch noch einen Anstrich erhalten hatte.

Jetzt aber gleich los und einen prächtigen Christbaum besorgen, dachte er. Mindestens zwei Meter sollte der messen. Mit einem wirklich schön gewachsenen Exemplar verschwand Vater dann in seinem Hobbyraum, wo er auch gleich einen Probelauf startete. Es funktionierte alles bestens. Würde Großmutter Augen machen!

 

Endlich war Heiligabend. „Den Baum schmücke ich alleine“, tönte Vater. So aufgeregt war er lange nicht mehr. Echte Kerzen hatte er besorgt, alles sollte stimmen. „Die werden Augen machen“, sagte er bei jeder Kugel, die er in den Baum hing. Vater hatte wirklich an alles gedacht. Der Stern von Bethlehem saß oben auf der Spitze, bunte Kugeln, Naschwerk und Wunderkerzen waren untergebracht, Engelhaar und Lametta dekorativ aufgehängt. Die Feier konnte beginnen.

 

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Vater schleppte für Großmutter den großen Ohrensessel herbei. Feierlich wurde sie geholt und zu ihrem Ehrenplatz geleitet. Die Stühle hatte er in einem Halbkreis um den Tannenbaum gruppiert. Die Eltern setzten sich rechts und links von Großmutter, die Kinder nahmen außen Platz. Jetzt kam Vaters großer Auftritt. Bedächtig zündete er Kerze für Kerze an, dann noch die Wunderkerzen. „Und jetzt kommt die große Überraschung“, verkündete er, löste die Sperre am Ständer und nahm ganz schnell seinen Platz ein.

 

 

Langsam drehte sich der Weihnachtsbaum, hell spielte die Musikwalze „O du fröhliche“. War das eine Freude! Die Kinder klatschten vergnügt in die Hände. Oma hatte Tränen der Rührung in den Augen. Immer wieder sagte sie: „Wenn Großvater das noch erleben könnte, dass ich das noch erleben darf.“ Mutter war stumm vor Staunen.

 

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Eine ganze Weile schaute die Familie beglückt und stumm auf den sich im Festgewand drehenden Weihnachtsbaum, als ein schnarrendes Geräusch sie jäh aus ihrer Versunkenheit riss. Ein Zittern durchlief den Baum, die bunten Kugeln klirrten wie Glöckchen. Der Baum fing an, sich wie verrückt zu drehen. Die Musikwalze hämmerte los. Es hörte sich an, als wollte „O du fröhliche“ sich selbst überholen. Mutter rief mit überschnappender Stimme: „So tu doch etwas!“ Vater saß wie versteinert, was den Baum nicht davon abhielt, seine Geschwindigkeit zu steigern. Er drehte sich so rasant, dass die Flammen hinter ihren Kerzen herwehten.

 

 

Großmutter bekreuzigte sich und betete. Dann murmelte sie: „Wenn das Großvater noch erlebt hätte.“

Als Erstes löste sich der Stern von Bethlehem,

 

 

sauste wie ein Komet durch das Zimmer, klatschte gegen den Türrahmen und fiel dann auf Felix, den Dackel, der dort ein Nickerchen hielt. Der arme Hund flitzte wie von der Tarantel gestochen aus dem Zimmer in die Küche, wo man von ihm nur noch die Nase und ein Auge um die Ecke schielen sah.

 

Lametta und Engelhaar hatten sich erhoben und schwebten wie ein Kettenkarussell am Weihnachtsbaum.

 

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Vater gab das Kommando „Alles in Deckung!“ Ein Rauschgoldengel trudelte losgelöst durchs Zimmer, nicht wissend, was er mit seiner plötzlichen Freiheit anfangen sollte. Weihnachtskugeln, gefüllter Schokoladenschmuck und andere Anhängsel sausten wie Geschosse durch den Raum und platzten beim Aufschlagen auseinander.

 

 

Die Kinder hatten hinter Großmutters Sessel Schutz gefunden. Vater und Mutter lagen flach auf dem Bauch, den Kopf mit den Armen schützend. Mutter jammerte in den Teppich hinein: „Alles umsonst, die viele Arbeit, alles umsonst!“ Vater war das alles sehr peinlich. Oma saß immer noch auf ihrem Logenplatz, wie erstarrt, von oben bis unten mit Engelhaar und Lametta geschmückt.

Ihr kam Großvater in den Sinn, als dieser 1914-18 in den Ardennen in feindlichem Artilleriefeuer gelegen hatte.

 

 

Genau so musste es gewesen sein. Als gefüllter Schokoladenbaumschmuck an ihrem Kopf explodierte, registrierte sie trocken „Kirschwasser“ und murmelte: „Wenn Großvater das noch erlebt hätte!“ Zu allem jaulte die Musikwalze im Schlupfakkord

„O du fröhliche“, bis mit einem ächzenden Ton der Ständer seinen Geist aufgab.

Durch den plötzlichen Stopp neigte sich der Christbaum in Zeitlupe, fiel aufs kalte Buffet, die letzten Nadeln von sich gebend.

 

Totenstille! Großmutter, geschmückt wie nach einer New Yorker Konfettiparade, erhob sich schweigend.

 

 

Kopfschüttelnd begab sie sich, eine Lamettagirlande wie eine Schleppe tragend, auf ihr Zimmer. In der Tür stehend sagte sie: „Wie gut, dass Großvater das nicht erlebt hat!“
Mutter, völlig aufgelöst zu Vater: „Wenn ich mir diese Bescherung ansehe, dann ist deine große Überraschung wirklich gelungen.“

 

Andreas meinte: „Du, Papi, das war echt stark! Machen wir das jetzt Weihnachten immer so?“

 

 

Verfasser unbekannt.

 

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Der Drehmechanismus des Weihnachtsbaumes war eigentlich der Antrieb, der die ganze Familie des Hauses mit voller Hoffnung erfüllte.

Der Wind, der die Flügel der Mühle bewegt, ist eine Quelle der Energie, die  manchmal so eine drehende Kraft entwickelt, wie dieser Turm in der nachstehenden unsterblichen Partie:

 

 

Bild:  happypainting.de

 

CARLOS TORRE REPETTO vs. DR. EMANUEL LASKER

MOSKAU 1925

 

 

 

Kommentiert von NM Hebert Pérez García   

 

    Torre Repetto, Carlos  vs.  Dr. Lasker, Emanuel     

 

                        


Moscow (12), 25.11.1925
[Anmerkungen von NM Hebert Pérez Garc
ía)

1. d4 Sf6 2.Sf3 e6 3.Lg5 [ Ab da wurde diese Variante im Rahmen der Eröffnungstheorie als der “Torre”-Angriff bezeichnet.]

3…c5 4.e3 cxd4 [ Gegenwärtig ist die meist gespielte Variante: 4…Le7 5.Sbd2 b6 6.Ld3 Lb7 7.0-0 0-0 8.c3 d6 9.De2 Sbd7 10.e4 etc.]

5. exd4 Le7 6.Sbd2 [ oder auch 6.Ld3 b6 7.0-0 Lb7 8.Sbd2 0-0 9.Te1]

6…d6 [Eine andere Option ist 6…b6 7.Ld3 Lb7 8.0-0 0-0 etc.]

7. c3 Sbd7 8.Ld3 b6

9. Sc4 [Genauer ist die Variante 9.0-0 Lb7 10.Te1 0-0 11.a4 a6 12.Sc4 etc.]

9…Lb7 10.De2 Dc7 [Eine in der Praxis kaum geprüfte Linie ist: 10…h6!? 11. Lf4 Dc7 12.h3 Sd5 13.Lh2 0-0 etc.]

11.0-0 [oder vielleicht 11.Se3 0-0 12.0-0 etc.]

11…0-0 12.Tfe1 Tfe8 13.Tad1 Sf8 14.Lc1 [14.Scd2!?]

14…Sd5 [14…Sg6!?] 15. Sg5 [Der Textzug wurde von GM Efim Bogoljubov in dem Turnierbuch kritisiert, Hier empfahl er richtigerweise 15.Sa3 !? ]

15…b5 [Bis hier ist die Partie ausgeglichen. Lasker beginnt nun logischerweise eine Aktion auf dem Damenflügel.]

16. Sa3 b4 17.cxb4 Sxb4

18. Dh5?! [Gemäss GM Bogoljubov war 18.Lb1 der naheliegende und geeignete Zug. Jetzt nimmt Schwarz den aktiven weissen Läufer.]

18…Lxg5 [Lt. unserer Meinung könnte Schwarz eine gute Stellung erreichen, in der wie folgt fortsetzt: 18…g6!? 19. Dh3 Sxd3 20.Dxd3 (20.Txd3 Tec8 21.Ld2 Ld5) 20…Tac8 etc.]

19. Lxg5 [Wenn 19.Dxg5, dann hätte Schwarz eine vielversprechende Linie gehabt: 19…Sxd3 20.Txd3 e5!? etc.]

19…Sxd3 20.Txd3 Da5! 21. b4! Df5? [Dieser falsche Zug verursacht sofort eine ziemlich komplizierte Situation. Mit Recht empfahl hier Bogoljubov die richtige Verteidigung mit 21…Dd5! 22.Tg3 (22.Dg4 e5!-/+; 22.Df3 Dxf3 23.gxf3 Ld5-/+HPG) 22…h6 23.Lf6 Sg6 24.Txg6 (24.Dxd5 Lxd5 25.h4 h5-/+HPG) 24…fxg6! 25. Dxg6 Dxg2+!-+]

22. Tg3 [Wenn 22.Th3 würde folien: 22…e5-/+]

22…h6?! [Es ist doch etwas seltsam,, dass sowohl Lasker als auch der Kommentator E. Bogoljubov nicht die Güte folgender Verteidigung bemerkten: 22…f6! 23. Sc4 Te7 24.Sxd6 Dd5 mit Vorteil für Schwarz.]

23. Cc4! Dd5? [Ein ernsthafter Fehler. Hier musste wie folgt gespielt werden: 23…hxg5!

24. Sxd6 Dg6! 25.Dxg6 Sxg6 26.Sxb7 Tab8 27.Sc5 Txb4 28.Txg5 Txd4 =]

24. Se3 Db5??   Siehe nun das Diagramm:

                                                    

                                                      

 

[Ein schrecklicher Irrtum, der wohl eine der spektakulärsten Kombinationen auf dem Schachbrett in seiner Geschichte bezüglich des Themas “Windmühle” ergibt. Obwohl Weiss den schon erzielten Vorteil behalten würde, musste hier wie folgt gespielt werden: 24…Dxd4 25.Td1 De4 26.Lxh6 Sg6 27.Lg5 Sf4! (besser als die von Bogoljubov empfohlenen Züge 27…Tab8, 28.Th3 f6 29.Dh7+ Kf7 30.Lh6+-)  28.Dg4 Sg6 29.Dxe4 Lxe4 30.f3 Ld5 31.h4 Kh7 32.Sxd5 exd5 33.Txd5 Te1+ 34.Kh2+/- etc.]

25.Lf6!! [ Dieser fabelhaft Zug gab dem einzigartigen mexikanischen Grossmeister Carlos Torre einen Weltruf. Wir empfehlen den Lesern, sich besonders die taktischen Details anzusehen, die aus dem richtigen Opfer der weissen Dame entspringen.

 25…Dxh5 [ Schwarz muss das Damenopfer annehmen.]

26. Txg7+ [ Nun wird die kollosale Zügebatterie in Gang gesetzt – bezeichnet als “Windmühle”, die die schwarze Stellung vernichtet. ]

Kh8 27.Txf7+ Kg8 28.Tg7+ Kh8 29.Txb7+ Kg8 30.Tg7+ Kh8

 31. Tg5+ [Eine andere Gewinnvariante war 31.Txa7+!? Kg8 32.Tg7+ Kh8 33.Tg5+ Kh7 34.Txh5 Kg6 (34…Txa2 35.Sg4+-) 35.Th3 Kxf6 36.a3 Kg7 37.Tg3++-]

31…Kh7 32.Txh5 Kg6 33.Th3 Kxf6

34. Txh6 [Die weisse Stellung ist absolut gewonnen. Es überrascht ein wenig, warum Dr. Lasker nicht aufgab. Vielleicht war sein Gegner in Zeitnot, oder er wollte das Spiel in Anlehnung bis zum umfallenden Christbaum fortsetzen.]

 34…Kg5 35.Th3 Teb8 36.Tg3+ Kf6 37.Tf3+ Kg6 38.a3 [38.Tb1!?] 38…a5 39.bxa5 Txa5 40.Sc4 Td5 41.Tf4 Sd7 [41…Kg7 42.h4+-]

42. Txe6+ Kg5 43.g3 und Schwarz gibt auf: 1-0

 

Anmerkung:

 

Die Kombination der Windmühle

Diese berühmte Kombination geht von einem Damenopfer aus, so dass die gegnerische Königstellung vollkommen entblösst wird.
Der König wird ständig von Schachgeboten durch Läufer und Turm angegriffen.
Dank dieser ständigen Schachgebote fegt Weiss alle gegnerischen Figuren vom Brett, die ihr im Wege stehen.
Die Turmzüge gleichen den Bewegungen der Windmühlenflügel.

Zum Nachspielen: http://www.chessgames.com/perl/chessgame?gid=1100063

 

 

Bild: lasombradeltiempo.wordpress.com

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Frohe Weihnachten und ein glückliches Neues Jahr!

 

 

 

 

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Sitges (Barcelona), Weihnachten 2012