Der romantische oder trügerische Prinz

                                                                                                                                    

Andria Dadiani

* 24. Oktober 1850 in Sugdidi; † 12. Juni 1910 in Kiew

Public domain
***************************

von Javier Cordero Fernández

Das Schachspiel ist voll von interessanten Geschichten und unglaublichen Legenden. Seine Jahrtausend alte Geschichte wurde bereichert durch das Vermächtnis dieses Spieles, das unübertroffen in Reichtum und Schönheit ist.

Heute erzählen wir eine jener kuriosen Geschichten, halb Mythos, halb Wirklichkeit, dessen Protagonist ein Mitglied des georgischen Königshauses war:

Prinz Andrey Dadian von Mingrelien Davidovich.

 

****************************************************

Foto: chessgames.com

In der Welt des Schachs als Mingrelia bekannt, aber der Name ist einfach die Benennung der Heimatregion, einer Provinz in der Nähe des Schwarzen Meeres.

Andrey stammte aus einer Familie der High Society, wohlhabend und von altem Adel. Sein älterer Bruder war der Herrscher der Provinz Mingrelia.

 

Der Großvater des Prinzen spielte regelmässig Schach, was in der oberen Gesellschaftsschicht üblich war, und man bat ihn, seine Begeisterung für das Spiel auf den Enkel Andrey zu übertragen.

 

Für den jungen Prinzen wurde das Schach eine ebenso reiche wie freudige Freizeitbeschäftigung. Im Laufe der Jahre wurde er zum  anerkannten Talent.

 

*********************************************************

Gemalt von Elke Rehder

*********************************************************
In seiner Eigenschaft als Prinz war es ihm allerdings nicht erlaubt, an Turnieren teilzunehmen. So blieb ihm nichts anderes übrig, als Spieler in seine Villa einzuladen. Unter ihnen befanden sich angeblich die „besten“ russischen Spieler, obwohl die meisten Amateure waren, die nicht über ein hohes Spielniveau verfügten.

Wie erklärt sich dann der Ruhm von Mingrelia? Nun, es ist einfach, denn seine Partien waren brillant, immer voll von elektrisierenden Kombinationen und wilden Angriffen auf die gegnerische Rochade.

 

 

Gemalt von Elke Rehder

 

Lassen wir jetzt die Worte einmal beiseite und betrachten seine Partie gegen einen Oberst der georgischen Armee:

Mingrelia: weiß vs. Boutourlin: schwarz    1 – 0

St. Petersburg 1883

1. e4 / e5 2. f4 / exf4 3. Sf3 / g5 4. Lc4 / g4 5. Sc3 / gxf3 6. 0-0 / Lc5 + 7. d4 / Lb6 8. Lxf4 / fxg2 9. Lxf7 + / Kf8 10. Tf2 / Sf6

 

 

 

11. Dh5 / Sxh5 12. Lh6 + / Ke7 13. Sd5 + / Kd6 14. e5 + / Kc6 15. Sb4 + / Kb5 16. a4 + / Ka5 17. Sd3 / Lxd4 18. b4 + / Kb6 19. a5 + / Ka6 20. b5 + / Kxb5 21. c4 + / Ka6 22. Sb4 + +.

Zum Nachspielen:
http://www.chessgames.com/perl/chessgame?gid=1274178

Mingrelia schickte seine besten Partien an das französische Schachmagazin

„La Stratégie“,

 

 

Foto: kwabc.org

 

die sofort wegen ihrer Qualität veröffentlicht wurden.

Aber bald kamen Zweifel von mehreren Spielern auf bezüglich der Authenzität der Partien des Prinzen, weil sie für einen Schachamateur zu genial waren. In der Tat begann man zu spekulieren, dass einige seiner Partien nur eine Farce darstellten und die Züge von Mingrelia vorgegeben, bevor sie dann von seinen Gegnern nach Erhalt einer ziemlichen Geldsumme als gespielt notiert wurden.

Nichts davon konnte nachgewiesen werden, aber wir müssen anerkennen, dass einige der Partien zumindest überraschend sind. Es genügt, das nachstehende Beispiel einer Partie gegen

Ignatz von Kolisch,

 

********************************************************

Public domain

 

einer der stärksten Spieler seiner Zeit, zu zeigen, wobei dieser seinen Gegner praktisch „vernichtete“, wenn nicht dieser Verdacht gewesen wäre …….und das bei der bekannten Spielstärke des Österreichers.

Mingrelia: weiss  vs. von Kolisch: schwarz     1 – 0

Wenman 1885

1. e4 / e5 2. Sf3 / Sf6 3. Lc4 / Sxe4 4. Sc3 / Sxc3 5. dxc3 / f6

6. Sh4 / g6 7. 0-0 / d6 8. f4 / De7 9. fxe5 / dxe5 10. e3 / Sc6 11. De2 / Ld7 12. b4 / 0-0-0

13. a4 / Lg7 14. b5 / Sb8 15. b6 / axb6 16. a5 / bxa5 17. Tfb1 / Sc6

 

 

******************************************************

18. Txb7 / Kxb7 19. La6 + / Ka8

 

*****************************************************

20. Lb7 + / Kxb7 21. Db5 + / Kc8 22. Da6 + / Kb8

 

*******************************************************
23. Txa5 / Sxa5 24. Da7 + / Kc8 25. Da8 + +.

 

Zum Nachspielen:

 

http://www.chessgames.com/perl/chessgame?gid=1080497

Der sowjetische Spieler, Dus Chotimirsky,

 

 

Public domain

 

 

warf weitere Zweifel auf den Ruf des Prinzen, als er bekannt gab, dass er gegen ihn ein Match mit 9-3 gewann.

 

Da der Prinz nicht außergewöhnlich stark war, kann man seine blendenden Siege gegen Von Kolisch und andere Meister kaum verstehen. Ein weiterer Spieler, der die Partien von Mingrelia beanstandete, war Mikhail Chigorin,

 

**************************************************

Public domain

 

der durch harte Kritiken versuchte, den Ruhm der brillanten Partien bei einigen Kombinationen zu widerlegen beziehungsweise Zweifel an ihrer Echtheit zu hegen.

Dadian bemühte sich stets, mit dem Schach in Verbindung zu kommen, indem er auch mehrere Turniere sponserte. Eines der wichtigsten fand in Monte Carlo (1903) statt.

 

 

Monte Carlo 1903 – Bild: edochess.ca

 

Hier hatte er die Gelegenheit, sich für die Beleidigung von Chigorin zu rächen. Der Russe wurde zunächst zum Turnier eingeladen, doch Mingrelia drohte, seine finanzielle Unterstützung zurückziehen, wenn dieser teilnähme.

So kam es schliesslich, dass Chigorin ohne Erklärung des Turnieres verwiesen und mit einer Entschädigung von 1500 Franken abgefunden wurde.

 

Eine andere Version besagt, dass Mingrelia dessen Ausschluss wegen einer alten Geschichte erzwungen hätte, bei der Chigorin  eine Einladung des Prinzen zu einer Partie auf seinem Landsitz abgelehnt habe, was für die georgische Tradition ein schwerer Affront darstellte.

*******************************************************

gemalt von Nicolás Sphicas

Viele seiner Partien sind in Fachzeitschriften veröffentlicht worden und haben bis heute überlebt; somit ist es nicht verwunderlich, dass einige von ihnen in Büchern gesammelter brillanten Partien wiederzufinden sind.

 

Aber wir können nicht absolut sicher sein, ob die Mehrzahl dieser Partien eine Farce oder echt waren: doch zumindest haben wir einen gewissen Trost, indem wir in der Lage sind,  sie nachzuspielen und die Schönheit ihrer Kombinationen zu geniessen, etwas, das unsere Ansicht stärkt, dass Schach eine Kunst ist.

 

copyright: joachim-lehrer.de

 

*********

Quelle: ajedrezdeataque.com

 

Sitges (Barcelona), im Januar 2013

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.