Die Schachnovelle von Stefan Zweig

 

******************************************************************                

 

                                        

Public domain

 

        Zusammengefasste Inhaltsangabe von Elke Rehder

 

     mit den entsprechenden Holzschnitten

 

   *****************

 

Die 1942 erschienene „Schachnovelle“ trägt autobiographische Züge. Das nur 97 Seiten umfassende Werk ist so vielschichtig, dass ein wiederholtes Lesen immer wieder neue Aspekte aufzeigt. Die Schachnovelle zählt zur Weltliteratur und wurde in fast alle Sprachen übersetzt.

 

Hier folgt eine kurze Beschreibung der Handlung:

*************************************************************

 

 

Auf einem Ozeandampfer auf der Reise von New York nach Buenos Aires spielt der österreichische Emigrant Dr. B. gegen den Schachweltmeister Czentovic.

Dr. B. war zuvor als politischer Gefangener im Gefängnis gewesen. In seiner Isolationshaft kam er durch einen glücklichen Zufall an ein Buch mit Schach-Partien. Das Nachspielen der Schachpartien ohne Brett schulte sein Denkvermögen. Hierdurch konnte er die anstrengenden Verhöre überstehen.

 

 

Dann begann er in seiner Zelle gegen sich selbst zu spielen, was eigentlich unmöglich ist. Er spielte immer kompliziertere Schachpartien.

Das Spiel gegen sich selbst trieb ihn zum Wahnsinn, und er wurde krank aus der Haft entlassen.

 

 

Auf dem Ozeandampfer greift Dr. B beratend in eine Schachpartie ein.

Man erkennt sein Talent und arrangiert einen Wettkampf gegen den Schachweltmeister Czentovic, der wie eine Maschine spielt.

Dr. B. erreicht ein Remis und Czentovic schiebt mit einer Handbewegung

die Figuren vom Schachbrett.

 

 

Gegen seinen Willen wird Dr. B. zu einer zweiten Partie genötigt. Czentovic nutzt durch Ausreizen des Zeitlimits die psychischen Schwächen seines Gegenspielers.

 

Dr. B. fühlt sich unterfordert und denkt sich in den langen Wartezeiten kompliziertere Spielsituationen aus.

Zweig benutzt für diese Situation den Begriff der „Schachvergiftung“.

Bevor es zu einem erneuten „Schachfieber“ wie in seiner Gefängniszelle kommen kann, gibt Dr. B. die Partie auf. Czentovic triumphiert in dem Satz: „Der Angriff war gar nicht so übel disponiert.

Für  einen Dilettanten ist dieser Herr eigentlich ungewöhnlich begabt“.

 

 

Die Intelligenz konnte gegen die Maschine nicht siegen.

 

Der Springer verliert, der Turm gewinnt.

 

Dies war auch das Schicksal vieler Intellektueller im Dritten Reich, die sich vor der

Vernichtung nur durch Flucht in die Emigration retten konnten.

 

 

Zweig warnt mit seiner Novelle vor der Gefährdung des freiheitlichen, humanistischen Geistes durch die Einwirkung von Gewalt. Zweig selbst fand die Schachnovelle „zu abstrakt für das große Publikum“.

 

Vielleicht war dies auch der Grund dafür, dass die Novelle erst einmal bei Pigmalion in Buenos Aires nur in einer Auflage von 250 Exemplaren, bzw. bei Kramer in einer Auflage von 50 Exemplaren veröffentlicht wurde.

 

Isolation ist eine psychische Gewalt und kann genauso grausam sein wie körperliche Gewalt.

Auch für Zweig war die Emigration eine große psychische Belastung.

Dr. B. würde nie wieder an ein Schachbrett zurückkehren können und Zweig glaubte, nie das freiheitliche Europa wiederzusehen.

 

Das Spiel ist aus und für immer erledigt.

Für Dr. B. wie für Zweig wird es keinen Ausweg geben, beide sind Opfer.

*********************

Der brasilianische Schriftsteller und Journalist Alberto Dines hat diese Situation in seinen Buch „Der Tod im Paradies – die Tragödie des Stefan Zweig“ vortrefflich beschrieben. Das Buch liefert Hintergrundwissen zu Zweigs letzten Lebensjahren.

Der im Dezember 2012 veröffentliche Film des brasilianischen

Regisseurs Leonardo Dourado ergänzt dieses Wissen durch ein Gespräch zwischen Alberto Dines und Flávio Tavares.

 

Für Tavares, als Journalist und ehemaliger politischer Gefangener,

ergeben sich Parallelen zur Schachnovelle von Stefan Zweig.

Bitte sehen Sie sich den Film in portugiesischer Sprache mit englischen Untertiteln und mit den Holzschnitten von Elke Rehder an:

 

 

 

 

 *********************************************************************

 *********************************************************************

 *********************************************************************

 *********************************************************************

 

 

Trotz seiner Sicherheit in der Emigration konnte Zweig den Verlust des freiheitlichen Europas nicht verwinden.

 

Am 22.2.1942 begingen Stefan Zweig und seine Frau Lotte Selbstmord.

 

Hier folgt der Text aus dem handschriftlichen Abschiedsbrief von Stefan Zweig:

 

„Ehe ich aus freiem Willen und mit klaren Sinnen aus dem Leben scheide, drängt es mich eine letzte Pflicht zu erfüllen: diesem wundervollen Lande Brasilien innig zu danken, das mir und meiner Arbeit so gute und gastliche Rast gegeben.

 

Mit jedem Tag habe ich dies Land mehr lieben gelernt und nirgends hätte ich mir mein Leben vom Grunde aus neu aufgebaut, nachdem die Welt meiner eigenen Sprache für mich untergegangen ist und meine geistige Heimat Europa sich selber vernichtet.

 

Aber nach dem sechzigsten Jahre bedürfte es besonderer Kräfte, um noch einmal völlig neu zu beginnen. Und die meinen sind durch die langen Jahre heimatlosen Wanderns erschöpft.

 

So halte ich es für besser, rechtzeitig und in aufrechter Haltung ein Leben abzuschließen, dem geistige Arbeit immer die lauterste Freude und persönliche Freiheit das höchste Gut dieser Erde gewesen.

Ich grüße alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht!

Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus.

Stefan Zweig

Petrópolis, 22. II. 1942″

 

 

 

Abschliessend noch ein Blick auf sein Haus, das in ein Museum umgewandelt wurde:

 

 

Public domain

 

**********************

 

 

Barcelona (Sitges), im Januar 2013