Partisan, Schachspieler und Nationalheld

   Gligoric 1959 Zürich

 

 

Foto: implayochess.com

 

von Javier Cordero Fernández

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Respektiert und von seinen eigenen Landsleuten bewundert zu werden, ist eines der Ziele für einen Menschen.

Svetozar Gligoric (* 2.2.1923 in Belgrad   + 14.8.2012 ebenda)  schaffte es und setzte dies auf zwei verschiedene Arten als Kriegsheld und Held auf dem Schachbrett in die Tat um.

In chronologischer Reihenfolge müssen wir mit den Ereignissen während des Zweiten Weltkriegs beginnen. Im Jahr 1941 fielen die Nazis in Jugoslawien ein und zwar als Teil des Planes im Hinblick auf die zukünftige Invasion in die UdSSR. Gegen die gut bewaffneten Nazi-Verbände konnten sich die Jugoslawen vorerst kaum wehren, so dass das Land bald ganz besetzt wurde.

Die harten Repressalien der Invasoren gegenüber der Bevölkerung  (100 Menschen zu töten für jeden gefallenen deutschen Soldaten) führte zu einer massiven Zunahme der Befreiungsbewegung: die Partisanen. Es ist leicht vorstellbar, dass der junge Svetozar Gligoric sich diesem Widerstand anschloss.

 

Courtesy Arqto. Roberto Pagura
Die Partisanen kämpften für die Befreiung ihres Landes und halfen auch an der sowjetischen Front. Sie konnten fast 800.000 Kämpfer in ihren Reihen vereinen, so dass es sich hierbei nicht um einen Gruppe einfacher Widerstandskämpfer handelte, sondern um eine vollwertige Armee. Die Kämpfe zogen sich über Jahre hin, wobei die deutschen Truppen mit aller Macht versuchten, diese Widerstandsbewegung auszulöschen, was aber nicht gelang. Schließlich erreichte die jugoslawische Widerstand die totale Befreiung des Landes im Herbst 1944.

 

 

Svetozar Gligoric in den 50iger Jahren

Foto: ajedrez32.com

Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges stoppte seine weitere Entwicklung, die brillant begonnen hatte. Gligoric wiederholte zwar noch 1940 und 1941 seinen Erfolg mit den Meisterschaften von Belgrad, doch nachdem seine Mutter (37-jährig) 1940 verstorben war, rührte er bis 1945 keine Schachfigur mehr an.

 

Ausserdem unterbrach der Krieg unterbrach drastisch seine Schachlaufbahn, weil er für die Befreiung des Landes dauernd im Einsatz war.

 

Sofort nach dem Krieg 1945  wand er sich anderen „Schlachten“ zu, die dieses Mal auf dem Schachbrett ausgefochten wurden, und zwar mit großem Erfolg.

In jenem Jahre siegte er (ausser Konkurrenz mitspielend) bei der Bulgarischen Meisterschaft in Sofia und gewann (mit zwei Punkten Vorsprung) zur Jahreswende 1945/46 das „Freiheitsturnier“ von Ljubljana, vor den Erzgegnern Jugoslawiens, Milan Vidmar und Vasj Pirc.

 

Seine Karriere wurde durch gute Ergebnisse in den hochquotierten Turnieren bestätigt; er war aber nie in der Lage, in die starke Riege der Sowjets bei den Qualifikationen zu den Weltmeisterschaften einzudringen. Trotzdem gelang es ihm, sich unter den Top-10 für mehrere Jahre zu halten, was ihn zu einem Idol in Jugoslawien machte.

 

Im Jahre 1951 wurde Gligoric der Grossmeisterteiel verliehen.

 

 

Hier mit Bobby Fischer 1958

Foto: blogchess.com

 

Er war einer der spielfreudigsten Schachmeister seiner Zeit:

Insgesamt zwölfmal Meister von Jugoslawien, ausser 1947 noch 1948 (geteilt), 1949, 1950, 1956, 1957, 1958 (geteilt), 1959, 1960, 1962, 1965 und 1971.

Im November 1958 lag er gemäss der nachträglich berechneten historischen Elo-Zahl von 2.743 auf Platz 6 der Welrangliste.

Die hervorragenden Leistungen von Gligoric gaben einen großen „schachlichen“ Schub in Jugoslawien und bewirkte, dass das Spiel stets beliebter wurde, als es ohnehin schon war.

 

Partiebeispiel:

Zu den bekanntesten Partien von Gligoric zählt sein Schwarzsieg gegen Ex-Weltmeister Tigran Petrosjan bei Turnier von Zagreb.

Siehe Partie und die Kommentare von Hebert Pérez García aus Holland:

 

 

Petrosian,Tigran V – Gligoric,Svetozar [E97]

 

Rovinj/Zagreb Zagreb (5), 16.04.1970

 

Bei dieser Begegnung handelte sich um eine bemerkenswerte Partie, die mit dem Schönheitspreis bei diesem internationalen Turnier ausgezeichnet wurde.

 

Die Leistung des jugoslawischen Grossmeisters Svetorzar Gligoric war ausgezeichnet.

 

Trotz allem kommentierte Gligoric in seiner Biographie diese Partie wie folgt: “Ich spiele gegen die Figuren”

 

 

Bild Amazon.de

und bestätigte: “ich unternahm einen Angriff auf den gegnerischen Königsflügel aufgrund der schwierigen Umstände, die ich erkannte.”

 

Wagemutig unternahm Gligoric ein spektakuläres Figurenopfer, um eine riskante und dynamische Position zu schaffen.

 

In der heutigen Zeit besteht immer noch das Dilemma, ob das Figurenopfer richtig war.

Nach unserer Meinung sollten wir diese Partie genauestens analysieren und zusätzlich, die interessanten Kommentare von Gligoric selbst über seine Partie lesen.

 

Petrosian, Tigran V – Gligoric, Svetozar [E97]

Rovinj/Zagreb Zagreb (5), 16.04.1970

[MN Hebert Pérez García]

 

1. d4 Sf6 2. c4 g6 3.Sc3 Lg7 4.e4 d6 5.Le2 0–0 6.Sf3 e5 7.0–0 Sc6 8.d5 Se7 9.b4 Sh5

 

10. Sd2!? [Eine theoretische Überraschung von Petrosian, die aus seinen Vorbereitungen von dem vorangegangen match gegen Boris Spassky stammt. ] 10..Sf4! [Eine noch gültige Variante] 11.a4 f5 12. Lf3 g5 13.exf5 Sxf5 14.g3

 

 

 

 Schwarz am Zug 

 

14. ..Sd4!? [Obwohl die heutigen starken elektronischen Schachprogramme dieses Opfer von Schwarz bezweifeln, gefällt uns persönlich dieser Zug und die damit verbundene Idee.

Für einen “menschlichen” Schachspieler liegt es auf der Hand, dass die “praktischen Chancen” von Schwarz realistisch und eine mögliche Ablehnung sich rein hypothetisch darstellt. Trotz allem sind wird einverstanden, dass 14…Sh3+! die richtige Fortsetzung war, zum Beispiel:  wenn 15.Kg2 Dd7 16.Sde4 Sd4 17.Le2 Df5= etc.]

 

15. gxf4 Sxf3+ [oder auch 15…exf4 16.Sde4 Sxf3+ 17.Dxf3 g4 etc.]

 

16. Dxf3 [Vorsichtiger und vielleicht besser war, mit 16.Sxf3!? exf4 17.Ta3! etc. fortzusetzen.]

 

16…g4 [Eine andere mögliche Option war 16…exf4 17.Sde4 g4]

 

17. Dh1 exf4 18.Lb2 [Hier konnte sich Petrosian genauer mit 18.Ta3!? verteidigen.]

 

18…Lf5 19.Tfe1 f3 [In Betracht kam auch der attraktive Zug 19…Dh4!?]

 

20. Sde4 [Die Programme empfehlen: 20.Sf1]

 

20…Dh4! [Gligoric setzt sein aktives Spiel fort, wobei er sogar die solide Variante mit 20…Lxe4 21.Txe4 Dg5 = ausschlägt.]

 

21. h3?! [Der starke Angriff von Schwarz wächst. Die Programme legen 21.Sg3 Lg6 (21…Dh3 22.Te7) etc. nahe.] 21…Le5! 22. Te3? [Ein Fehler, der den Verlust der Partie beschleunigt. Man sollte hier 22.Sd1 gespielt haben.]

 

22…gxh3–+[ Es gibt keinen Widerstand mehr gegen den schwarzen Angriff.]

 

23. Dxf3 Lg4 24.Dh1 h2+ 25.Kg2 Dh5 26.Sd2 Ld4 [Der Textzug ist gut, aber stärker ist: 26…Dg5!]

 

27. De1 Tae8–+

 

 

 

[Es gewann auch 27…Lxe3! 28.Dxe3 Tf3! 29.Sxf3 Dh3+–+]

 

28. Sce4 Lxb2 29.Tg3 Le5 30.Taa3 Kh8 [ Es gewann auch die prosaische Lösung 30…Lxg3! 31. Txg3 Txf2+!]

 

31. Kh1 Tg8 32.Df1 Lxg3 33.Txg3 Txe4! Und Weiss gibt auf:

0-1

 

Endstellumg

 

 

Zum Nachspielen:

 

http://www.chessgames.com/perl/chessgame?gid=1106885

 

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Gligoric war ein äusserst aktiver und facettenreicher Mensch. Von Beruf Journalist und ein grosser Liebhaber der Musik. Er beherrschte mehrere Fremdsprachen.

 

 

Bild: ebay.de

 

 

Bild: ZVAB.com

 

 

Bild: Amazon.de

 

Bemerkenswert ist,  dass er sich nicht ausschliesslich dem Schach widmete, was den hervorragenden Ergebnissen noch einen grösseren Verdienst verleiht. Er war Schiedsrichter bei mehreren Weltmeisterschaften und seine journalistische Arbeit beschäftigte sich ebenso mit dem Schach, wobei er einen Text mit dem Titel „Das Spiel des Monats“ schrieb, der in der ganze Welt wiedergeben wurde.

 

 

Dies ist die Geschichte eines besonderen Menschen mit einem privilegierten Geist, der sich entwickeln konnte, wie er wollte, so dass er die Lorbeeren des Sieges und die Anerkennung seines Volkes geniessen konnte.

 

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Quelle: ajedrezdeataque.com

 

Sitges (Barcelona), im Februar 2013

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