Ein tödliches Spiel


 

 

 

Gemalt von Elke Rehder

 

 

– von Mór Jókai, Ungarn * 1825   + 1904

 

– frei zusammengestellt und bebildert von Frank Mayer

 

Ort des Geschehens: Albanien

 

Krieg: Türken, unterstützt von tunesischen Söldnern gegen

griechische Rebellen.

 

 

Die Söldnertruppe des tunesichen Anführers Mehemed leistete den Türken eine grosse Hilfe während dieses Krieges.

 

Im Laufe diese Feldzuges ergab sich, dass Mehemed acht seiner Reiter strategisch an den fünf Brunnen von Arta postierte, wo schon mehrmals nächtliche Überfälle der Griechen erfolgt waren.


 

 

 

Bild: Franc-Urbano

 

Die Reiter taten, wie ihnen geheissen.

Als sich gegen Mitternacht ein Fuhrwerk in ihrer Nähe zeigte, hielten sie es an. Der Mann, der die Ochsen führte, rannte davon und liess sein Fuhrwerk zurück.

 

Auf dem Wagen befand sich ein grosses Fass, und was darin war, konnte man feststellen, ohne die Füsse aus den Bügeln zu nehmen.

 

 

Man brauchte nur den Zapfen herauszunehmen und schon kam ihnen der Duft guten Weinbrandes entgegen.

In der Tat war es ein köstlicher Weinbrand, gebrannt aus Feigen und getrockneten Trauben.

 

 

 

Den Reitern war von ihrem Befehlshaber ausdrücklich verboten, irgendetwas aus Behältern oder Fässern zu trinken, die sie unterwegs fanden.

In der Tat tranken sie auch nicht wirklich daraus, sondern steckten ein Rohr hinein und saugten so den süssen, genussspendenden Saft.

Es konnte ja wohl nicht schädlich sein, was man durch ein dünnes Schilfrohr einsaugte; etwas, das man nicht einmal als Trinken bezeichnen konnte.

 

Nach kurzer Zeit stiegen sie von ihren Pferden, setzten sich auf den Rasen, und die ersten vier Ritter waren fest eingeschlafen; wohl wissend,  dass noch weitere vier Ritter die Nachtwache halten konnten.


 

 

 

 

gemalt von Elke Rehder

 

Bald aber fanden die restlichen vier Wächter, es dauere zu lange, bis sie mit dem Schlafen an die Reihe kamen, und sie einigten sich deshalb darauf, dass zwei sich niederlegen sollten, während die zwei andern wachten.

 

Maruf und Schefer waren diejenigen, die wachen sollten.

 

Um sich nicht zu langweilen, beschlossen sie, eine Schachpartie zu spielen, wobei nicht zu vergessen ist, dass die Araber stets ein Schachspiel im Gepäck mit sich führen.

 

Sie setzten sich in die Nähe des Feuers, damit das Licht der Flammen das Spiel erhellen konnte.


 

 

 

gemalt von Elke Rehder

 

 

 

gemalt von Elke Rehder

 

Die Siege und Niederlagen der beiden Gegner wechselten sich friedlich ab.

 

Aber Schefer musste immer wieder zwischen den Partien neue Kraft schöpfen und ging deshalb zum Fass, um seinen Glauben an die nächste Partie zu stärken.

 

Langsam, aber sicher tat der köstliche Weinbrand seine Wirkung, und er konnte kaum noch die Figuren auseinanderhalten.

 

Er büsste seine Dame ein und stand kurz vor dem Matt.

 

 

gemalt von Elke Rehder

 

Er sah ein, dass er die Partie verlieren würde, unabhängig von der Müdigkeit, die der Weinbrand verursachte.

 

Sein edler Kriegsgefährte Maruf erlaubte ihm, sich zum Schlafen hinzulegen, da er nun die Wache übernehmen würde.

 

Aber, wie es sich bei allen guten Vorsätzen ergibt, einige werden erfüllt und andere nicht.

 

Schliesslich übermannte Maruf ebenso ein tiefer Schlaf.

 

Die griechischen Rebellen bemerkten bald die “schlafende” Wache und entführten die acht Pferde.

 

Nur das Pferd von Maruf wehrte sich gegen die Entführung, obwohl die Griechen versuchten, es mit aller Gewalt mitzunehmen.

Aber das Pferd befreite sich immer wieder und galoppierte davon.

 

Da es nun ein treuer Diener seines Herrn war, kehrte es alsbald zu den Brunnen zurück, wo inzwischen die Söldner wieder aufgewacht waren.

 

 

gemalt von Michael Goller

 

Nun mussten sie aber ihrem Anführer beichten, was geschehen war und erzählten auch, dass die zwei letzten Wachhabenden aus Zeitvertreib Schach gespielt hätten.

 

Doch ihr Anführer Achmanzade sprach nie ein Urteil im Zorn.

 

Aus seinem immer ruhigen Antlitz konnte niemand Leben oder Tod ablesen.

“Da für acht Mann nur ein Pferd übrig ist, werdet Ihr einsehen, dass sieben von Euch überflüssig sind.

Denn nirgendwo, nicht einmal im Koran, habe ich davon gelesen, dass acht Mann auf einem Pferd sitzen können.

 

Wenn ihr so berühmte Schachspieler seid, dann tretet gegeneinander an! Entscheidet darüber, welcher von Euch auf dem einzigen Pferd sitzen wird!

 

Die anderen werden vom Todesengel erwartet.”


 

 

 

Bild: angeldenochehadadedia.blogspot.com

 

Daraufhin liess Achmanzade vier Schachbretter bringen und liess sie gegeneinander spielen.  Der jeweilige Verlierer wurde von zielsicheren Schützen erschossen.

 

Schliesslich blieben nur noch Maruf und Schefer übrig, die dann die letzte Partie spielen mussten, die sich zu einem Drama entwickelte.

 

Schefer befand sich im Nachteil, aber plötzlich entdeckte er einen Gewinnzug mit dem Opfer seiner Dame für den Turm des Gegners.

 

Bevor er jedoch diesen Zug ausführte, fragte er Maruf:

“Maruf, wieviel Kinder hast Du zu Hause?”

 

Maruf antwortete: “Vier und meine Frau ist mit dem fünften Kind schwanger.”

 

“Nun gut”, erwiderte Schefer. “In der letzten Nacht hattest du schon die Partie gewonnen und obwohl du wegen Deines Sieges an der Reihe warst, dich zum Schlafen zu legen, verzichteste du darauf und liessest mich dafür in einen erholsamen Schlaf fallen.

 

Maruf nickte zustimmend.

 

“Du warst immer ein grossartiger und ausgezeichneter Kamerad für mich, Maruf!”

 

Jener neigte melancholisch seinen Kopf.

 

Schefer streckt die Hand aus und zieht – nicht mit der Dame, sondern mit dem Läufer und verlor die Partie.

 

Alle, die dort im Kreis stehen, rufen: “Maruf hat gesiegt, Schefer hat verloren!”

 

Schefer erhob sich ruhig von seinem Platz, drückte seinem reglosen Gefährten die Hand und gab den Bewaffneten einen Wink, dass er bereit sei.

 

 

Maruf blieb vor dem Schachbrett sitzen, er starrte mit leeren Augen vor sich hin und stellte mit fahrigen Händen von Neuem die Figuren auf.

Doch er tat es wie einer, der noch nie die richtige Aufstellung gesehen hatte, mischte Weiss mit Schwarz, mischte Offiziere mit Bauern.


 

 

 

gemalt von Nicolas Sphicas

 

“Du kannst aufstehen!” rief ihm Achmanzade zu.

“Besteig’ Dein Pferd! Du bist’s, der am Leben bleibt!”

 

Doch Maruf blieb sitzen und starrte vor sich hin. Er vollführte Züge, vor und zurück, und schaute lachend auf die Figuren.

Wie seltsam sie doch sind! Eine hat einen Turban, eine andere einen Pferdekopf.

 

“Hebt ihn auf!” befahl Achmanzade.

 

Zwei Kameraden stellten ihn auf die Beine.

Er starrte weiter ins Leere, unheimlich lächelnd.

Himmel, Erde und Menschen erkannte er nicht mehr, ohne Sinn schweifte sein Blick umher, und unmenschlich waren seine Laute, die er von sich gab.

 

 

 

gemalt von Nicolas Sphicas

 

Wahnsinn hatte beim letzten Zug sich seiner bemächtigt.

 

*****************

Sitges (Barcelona), im März 2013

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.