Jules Verne und seine seltsame Schachgeschichte

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(* 8. Februar 1828 in Nantes; † 24. März 1905 in Amiens)

 

Jules Verne um 1890, Fotografie von Nadar

 

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Im Laufe seiner umfangreichen Arbeit griff Jules Verne nur einmal auf die Dynamik des Schachspiels zurück und bewies, dass er das Spiel kannte.

Im folgenden handelt es sich um den Roman über Hector Servadac.

 

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Im Kapitel XIII des ersten Teiles stellt Verne zwei englische Persönlichkeiten vor und beschreibt mit grosser Ironie, wie unerträglich langsam sich ihre Schachpartie entwickelt:

“Wenn Sie mir gestatten, werde ich einen Läufer nehmen”, sagte der Brigadegeneral Murphy.

 

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Gemalt von Elke Rehder

 

Nach zwei Tagen des Zögerns und Überlegens beschloss er schliesslich, diesen Zug auszuführen.

“Ich kann das nicht verhindern”, meinte Hauptmann Oliphant in die Betrachtung des Schachbrettes vertieft.

Dies geschah am Morgen des 17. Februars (nach dem alten Kalender), doch Mayor Oliphant verbrachte den ganzen Tag am Spieltisch, um auf den Zug des Brigadiers Murphy zu antworten.
Schon vor 4 Monaten hatte diese Schachpartie begonnen, und beide Gegner hatten nicht mehr als 20 Züge gemacht.
Beide stammten aus der Schule Philidors, der dozierte, dass niemand beim Schachspiel stark sei, wenn man nicht gut mit den Bauern umgehen könne, “denn die Bauern seien die Seele des Schachspieles!”

 

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Bild: marcs-music-circus.co.uk

Aus diesem Grund hatte keiner einen Bauern gezogen ohne vorherige gründliche Überlegung.

Brigadier Henage Finch Murphy und Major Sir John Temple Oliphant überliessen nichts dem Zufall und zogen unter keinen Umständen eine Figur, nur nach langem Nachdenken.

Sie waren auf einem entfernten Aussenposten in einer luxeriösen Villa stationiert und um sich die Zeit zu vertreiben, spielten sie Schach.
(….)

 

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Der Brigadier und der Hauptmann stellten die geschlagenen Figuren wieder auf das Brett und spielten in aller Ruhe ihr endloses Spiel weiter.
Vielleicht waren die Läufer, Springer und Bauern leichter geworden als vorher, und sie bewegten sich nicht mehr so sicher auf dem Brett, vor allem die Könige und Damen waren durch ihre Figurengrösse häufiger dem Umfallen ausgesetzt, aber mit einer gewissen Vorsicht konnten Oliphant und Murphy ihre kleine Armee aus Elfenbein auf dem Schachbrett halten.

 

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Diese nicht endende Partie setzt sich in dem Kapitel XVI – Teil 2
fort, aber dieses Mal mittels eines Telegraphen; es darf uns nicht überraschen, dass Jules Verne diesen technischen Fortschritt für die Praxis des Spiels benutzt und ihn in seine Geschichte aufnimmt:

 

 

Darüber hinaus waren die in Ceuta (Nordafrika – Exklave von Spanien) stationierten Engländer nicht sonderlich isoliert, da sie nur 20 Meilen von Gibraltar trennte, und wenn einer von ihnen die Meeresenge überquerte, waren sie dank eines Telegraphen in ständiger Verbindung.

Somit ahmten die beiden illustren Offiziere nichts weiteres nach als amerikanische Gesellschaften, die im Jahre 1846 trotz der starken Regen und aufkommender Stürme “telegraphisch” eine berühmte Schachpartie zwischen Washington und Baltimore spielten.

 

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Die Partie, die der Brigadier Murphy und Hauptmann Oliphant spielten , war die gleiche, die sie bereits begonnen hatten, als der Kapitän Servadac sie in Gebraltar besuchte.

Beachten Sie, bitte, den Tippfehler: statt “1846” soll es 1844 heissen.

Wir können diesen Artikel nicht abschliessen, ohne zu erwähnen, dass dieses Spiel vielleicht die erste Partie „auf Sendung“ zwischen Nordafrika und dem europäischen Festland war.

Anmerkung:

Jules Verne
war ein französischer Schriftsteller. Bekannt wurde er vor allem durch seine Romane “Die Reise zum Mittelpunkt der Erde” (1864), “20.000 Meilen unter dem Meer” (1869-1870) sowie “Reise um die Erde in 80 Tagen” (1873).
Neben Hugo Gernsback, Kurd Lasswitz und H.G. Wells gilt Jules Vernes als einer der Begründer der Science-Fiction-Literatur.

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Quelle: Perlas ajedrecísticas von Christian Sánchez

Sitges (Barcelona), im April 2013

3 Gedanken zu „Jules Verne und seine seltsame Schachgeschichte

  1. Frank Mayer Beitragsautor

    Vielen Dank für diesen großartigen Artikel, Frank! Dieser ist eine wahre Fundgrube! Drei Anmerkungen hätte ich dazu zu machen:

    Nach zwei Tagen des Zögerns und Überlegens beschloss er schliesslich, diesen Zug auszuführen.

    “Ich kann das nicht verhindern”, meinte Hauptmann Oliphant in die Betrachtung des Schachbrettes vertieft.

    Dies geschah am Morgen des 17. Februars (nach dem alten Kalender), doch Mayor Oliphant verbrachte den ganzen Tag am Spieltisch, um auf den Zug des Brigadiers Murphy zu antworten.
    Schon vor 4 Monaten hatte diese Schachpartie begonnen, und beide Gegner hatten nicht mehr als 20 Züge gemacht.
    Beide stammten aus der Schule Philidors, der dozierte, dass niemand beim Schachspiel stark sei, wenn man nicht gut mit den Bauern umgehen könne, “denn die Bauern seien die Seele des Schachspieles!” Diese Satire auf die Schach-Philosophie Philidors pläsiert ungemein. Allerdings konnten schon die Zeitgenossen Philidors Schach-Philosophie wenig abgewinnen, und so setzte sich schon sehr rasch nach dessen Tod die „Napoleonische Reaktion“ durch, die der Ausspruch des ungestümen Haudegen Deschapelles aufs Vortrefflichste symbolisiert: „Ich für mein Teil […] blicke weder nach rechts noch nach links, sondern nehme einfach die Situation in Augenschein, die ich vor mir habe, so wie ich die Stellungen zweier feindlicher Armeen betrachten würde, und dann tue ich das, was ich für das beste halte. Ich will mattsetzen. Ich will weder Figuren erobern noch verteidigen, noch angreifen. Ich will mattsetzen, et voilá tout.“

    Harold C. Schonberg, Die Großmeister des Schach, Fischer-Verlag 1976, S. 37

    Tatsächlich inspirierte das stürmische Zeitalter der Napoleonischen Kriege die Schachmeister dazu, es ihrem Vorbild gleichzutun und sich in kühnen Angriffen auszutoben. Das Zeitalter der Romantik hatte auch im Schach begonnen. Mehr zu Philidor.

    Der Brigadier und der Hauptmann stellten die geschlagenen Figuren wieder auf das Brett und spielten in aller Ruhe ihr endloses Spiel weiter. Das ist das sogenannte Müllschach. Als wir es durch hako in unserem Verein einführten, stellten wir fest, daß es tatsächlich zur Natur dieses Spiels gehört, daß es ewig dauert.

    Es ist ein Jammer, daß Vernes vermutlich bestes Buch, die Dystopie Paris im 20. Jahrhundert so wenig bekannt ist, weil sich zu Zeiten Vernes kein Verleger fand, der es veröffentlichen wollte und Verne von der Veröffentlichung abgeraten wurde. Doch war dieser Gedanke grundfalsch, denn wahre Kunst rechnet sich nicht. Oft ist es sogar ein Zeichen von Qualität, wenn viele verschreckt werden und sich empören. Bspw. sind Werke, die von der Zensur getroffen werden, oft die Besten.
    gez. Kiffing von Schachburg.de

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