Wenn der Vater mit dem Sohne…

Warum viele Schachkarrieren als Familiendrama enden……

Von Jörg Sommer

– aus dem Spanischen übersetzt

 

 

Bild: pathguy.com

 

Wir widmen uns nun einem Thema, das noch konfuser und mystischer ist, als wir alle glauben:

Söhne, Eltern und Schach

Eine explosive Kombination, die unglaubliche Genies hervorbrachte, wobei grossartige Triumphe geschaffen und Meere von Tränen erzeugt wurden.

Viele Psychologen sind sicher, dass die Faszination SCHACH nicht erklärbar ist ohne das Problem

„Vater – Sohn“.

Allerdings weisen wir darauf hin, dass es in der Tat keine ernsthaften Forschungen über dieses Thema gibt, jedoch einige Entwürfe, eine Mischung aus Halbwahrheiten, lebhaften Vermutungen und zutreffenden Beobachtungen.

Das Thema beginnt mit dem Dekan der modernen Psychologie, Siegmund Freud (1856 -1939)

 

 

 

Foto: unhcr.ch

 

dessen Vater übrigens mehr Zeit in Cafés verbrachte, um dem Schachspiel zu frönen, als zu Hause mit der Familie. Er formulierte die These der Rivalität zwischen Vater und Sohn, die in mörderischen Phantasien und der „sexuellen“ Besitzergreifung der Mutter gipfelt.

Sicher hat diese These ihr Fundament.

Warum nun Freud  ausgerechnet den armen Ödipus auswählte, um diesen Komplex so zu bezeichnen, ist ziemlich irreführend:

Ödipus ist alles andere als „ödipusich“: Er tötete irrtümlich seinen Vater, hatte keinerlei Ahnung, dass der Siegespreis letztlich seine Mutter sein würde, und nachdem beide Umstände geklärt waren, bestrafte er sich selbst auf eine schreckliche Weise, indem er sich die Augen ausstach.

Somit war dann Ödipus nicht „ödipusich“. Um diese Frage hier aber richtig zu stellen und auch übereinstimmend mit verschiedenen Theoretikern, so ist auch ein problematischer männlicher Schachspieler.

Wenn man nun ein bisschen sexuelle Mystik hinzufügt, wird die Sache fast abgerundet:

Zum einen ist dort der feindliche König, der sich kaum bewegt, der also umgebracht werden muss, begleitet von einer überheblichen Königin (oder zu starken), die notfalls als „Mutter“ geopfert wird, um das Leben des (eigenen) Königs zu retten und/oder um den gegnerischen König zu schlagen.

Zum anderen ist dort die Umwandlung des kleinen Bauern

(= Kind)  in eine starke Figur (vielleicht zu starke) als Mutter.

 


Bild: cummunityneu.klz.apa.net

Man kann natürlich mit etwas Fantasie das phallische Symbol in der Figur des Königs sehen.

Aber macht Euch keine Sorgen: Wir möchten hier keine fachliche Diskussion über Psychoanalyse bringen, sondern die Fragen mit anderen Fragen beantworten.

Die vorgenannten Thesen könnten vielleicht die Motivation und das Interesse der Söhne für das Schach erklären, aber nicht die der Eltern, die den Kindern das Schachspielen beigebracht haben, und sie nun auf den Weg zu führen, damit entsprechende Leisungen erzielt werden.

 

Wenn sie sich an diese These halten und im Hinblick auf das griechische Drama, müssten die Eltern von Schachspielern sie im Prinzip an einem in der Nähe gelegenen Strand aussetzen, wenn sie ihre Schützlinge mit einem König in der Hand erwischen.

 

Aber nein! Was machen diese dummen Kerle, die es genau wissen müssten, weil sie es selbst einmal versucht haben, gedrängt von dem ödipusichen Verlangen nach der Mutter und den eigenen Vater auf dem Schachbrett umbringen?

Dann nehmen Sie doch einmal ein Schachbrett aus dem Schrank und bringen ihren Söhnen die Technik des Schachs bei, die dann eines Tages den Tod des Vaters, seinen eigenen Tod bedeuten wird….!

Bevor wir aber in die Tiefen der Seele tauchen, bleiben wir lieber bei dem täglichen Leben eines Schachvaters und fragen uns:

 

“Was verbirgt sich hinter der Beziehung Vater-Sohn beim Schach?”

 

Fast alle Väter sind einmal gefangen gewesen von einem missionarischen Bestreben – gleichgültig, ob sie den Meistertitel haben oder “nur” ein starker Clubspieler oder in der

7. Mannschaft der Provinzliga beheimatet sind..

 

Wenn sie Schach spielen und Söhne haben, sollte man ihnen das Schach beibringen.

 

 

 

Bild: de/academic.ru

 

Letztlich wissen die Schachspieler, dass das Erlernen dieses königlichen Spieles die Konzentrationsfähigkeit fördert, das analytische Denken, den kämpferischen Geist und fast alles sonst noch, was idealerweise eine Person aktiv werden lässt.

 

Ausserdem ist es ein Sport für echte Kerle: männlicher als der Fussball und auch für diejenigen, die weder einen traumhaften Körper besitzen, noch eine geistige Arbeit oder fast risikofreie Tätigkeit ausüben.

 

Männlich? Selbstverständlich: Das ist der einzige Sport, bei dem sich zwei Menschen derselben Sache widmen, und sie tun es für sich, ohne den Mund nur einmal aufzumachen.

 

Ein klares Reglement, eine weitere klare Sache: den Mund zu halten und die Tatsachen sprechen zu lassen, auf sein eigenes Ich zu schauen und das Ego des Gegner zu zerstören – eine Männerarbeit seit der Zeit der Höhlenmenschen, als sie sich um ein Weib balgten.

In der Konsequenz: “Ist das Schach ein mannhaftes Ritual?

Ist die erste Partie mit dem Vater ein beginnendes Ritual?

 

Zuerst sieht das alles so abenteuerlich und diskutierbar aus wie die These des Ödipus.

 

“Aber alles ist doch einfach”, sagte mir ein Schachfreund, Vater eines erfolgreichen jungen Turnierspielers: “All das, was man als Freude bei diesem Spiel empfindet, will man auf den Sohn übertragen. Mehr nicht.”

Mehr nicht? Spielt da nicht auch etwas Ehrgeiz mit?

Vielleicht soll der Sohn das erreichen, was dem Vater versagt wurde?

 

 

Bildkomposition: tabladeflandes.com

 

Was passiert dem Vater des jungen Fresh, dargestellt von dem bekannten Schauspieler Samuel L. Jackson aus Hollywood, in dem Film mit dem gleichen Titel “FRESH”, als er seinem Sohn während einiger Blitzpartien einige Ohrfeigen verpasst, gleichzeitig er von den Weisheiten des Lebens spricht und währenddessen mit vorsichtiger Hand seinem Sohn matt gibt und auf diese Weise die Überlegentheit als Vater dokumentiert?

 

Ist es nur Hollywood oder auch etwas Wirklichkeit?

 

Nun gut, Fresh’s Vater ist arbeitslos, hat in seinem Beruf und seiner Ehe versagt, lebt auf erbärmliche Weise in einem Wohnwagen mit einem kleinen Kind.

Aber wo fängt die typische Übertreibung in den Filmen an?

 

Fast jeder Vater wünscht sich für seinen Sohn grossartige Dinge.

Und wenn er das Schachspiel liebt und glaubt, ein gewisses Talent bei seinem Sohn zu spüren, dann ergibt sich daraus eine sehr schwierige Beziehung – mit einem absoluten offenen Ende.

 

Anlässlich von Umfragen bei ca. 500 Vätern, deren Söhne Schach spielen, wurden folgende Fragen gestellt:

1. Was passiert in Ihrem Inneren, wenn Ihr Sohn eine Turnierpartie spielt?

2. Glauben Sie, dass Ihr Sohn gut trainiert oder könnte er es besser machen?

3. Glauben Sie, dass Väter gute Trainer sein können?

4. Muss der Sohn die Partien seines Vaters gewinnen?

 

Wir möchten Sie nun nicht mit sämtlichen Antworten überhäufen, die letztendlich zu folgendem Schluss führen:

 

Der Faktor des Erfolges: Die Aufrichtigkeit

 


 

Rom, Fontana di Trevi

 

Foto: miurtv.com

 

Sind es tatsächlich wir, die Väter, die, traumatisiert von dem Ödipus-Komplex, im Leben versagt haben und verschlungen von dem Ehrgeiz sind, sich in Monstergestalten verwandeln, die die Söhne missbrauchen, um dem eigenen misshandelten Ich einen gewissen Glanz zu verleihen?

Nein! Das sind wir nicht!

 

Zumindest die Mehrheit von uns. Aber es gibt auch andere Väter, die wir bei einigen Turnieren beobachtet haben und die die Organisatoren gut genug kennen.

Dieser Typ von Männern sind nicht nur dabei, die eigenen Söhne zu ruinieren sondern auch den Zustand des Gemütes der Schiedsrichter.

Selbstverständlich ziehe ich es vor, nicht der Schachvater zu sein, der sich häufig einmischt, in dem er den eigenen Sohn dreissig Minuten lang vor allen Beteiligten beschimpft, weil er einem schwächeren Gegner die Möglichkeit gegeben hat, sich mit einem Patt zu retten.

Vielleicht bringt ein alkoholisierter Vater einen erfolgreichen Schachsohn hervor.

Aber wahrscheinlich verursacht er auch eine geschädigte Seele.

Das soll nicht das Ziel für uns Väter sein, die den Erfolg mit der schachlichen Verpflichtung verbinden.

Natürlich wollen wir unsere Söhne gewinnen sehen, wir freuen uns über ihre Siege und steigende Spielstärke.

Es würden vielleicht unserer Meinung nach mit noch intensiverer Anstrengung mehr Siege herauskommen.

Das Wichtigste für unsere Söhne sollte sein, dass sie Erfolg im Leben haben: sie müssen gesund an Körper, Geist und Seele sein. Das Schach muss das Seinige dazu beitragen und nicht behindern.

Wir folgen also diesen Ansprüchen so gut, wie es geht, wenn wir ehrlich sind – auch gegenüber uns selbst.

 

Wie bei einer Schachpartie:

* die Hoffnung und der Optimismus sind wichtig.

* ein fester Siegeswille und eine Bereitschaft zur Anstrengung

sind nützlich.

 

Trotzallem ist es entscheidend, ehrlich und ohne Tabus die Lage zu beurteilen und nicht zu versuchen, das Unmögliche zu erreichen.

 

Das Schach: ein Spiel mit Risiko

Auf dieselbe Art und Weise können wir letztlich auch nicht wissen, welche Wirkung wir erzielen, wenn wir unsere Söhne in “unsere” richtige Richtung führen.

 

Wie für das Schach selbst, existiert die Beziehung “Vater-Sohn” im Schach.

Ungeachtet aller Planungen und Anstrengungen, bleibt das Schach ein Spiel mit einer Unendlichkeit von unbekannten Varianten und einem offenen Ausgang.

 

 

 

Fotokomposition tabladeflandes.com

 

Das Beste ist wohl, das Schach so zu sehen, wie es ist:

* ein Spiel

* ein ernsthaftes Spiel

* vielleicht das schönste Spiel der Welt

* aber sicher “nur” ein Spiel

 

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Anmerkung:

Trotz intensivster Bemühungen über eine lange Zeit ist es uns nicht gelungen, noch einmal Kontakt mit Herrn Jörg Sommer aufzunehmen.

Quelle: Tabladeflandes.com

Sitges (Barcelona), im Juli 2013