Aus der Vergangenheit und vor langer Zeit

Vergangenheit-1gemalt von Lautaro Fiszman

 

Die vergessene Partie

von AI Héctor Silva Nazzari, Uruguay

 
Leider haben heute im Schach nur die Partien Bedeutung, die in den Mega-Archiven berücksichtigt sind. All jene anderen alten, die in Zeitschriften oder Zeitungen veröffentlicht waren, werden oft ignoriert, aber sie existieren…
Dieser Eindruck entstand, als kürzlich ein Artikel mit dem Titel „Das Ehrenzeichen des Dr. Kotov“  die beliebte  Partie zwischen Averbach und Kotov in Zürich anlässlich des Kandidaten-Turnieres von 1953 kommentiert wurde, die Schwarz mit einem spektakulären Damenopfer gewinnt. Den 30. Zug von Weiss qualifiziert der Redakteur wie folgt: „Ein seliger Fehler, aus dem eine der herrlichsten Kombinationen der Geschichte entsteht.“

 

Anmerkung: Recht hat er!

 

(1)         Y. Averbach (URSS) – A. Kotov (URSS)

 

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Königsindische Verteidigung (A55) Kandidaten-Turnier (14). Zurich, 23.09.1953

 

1. d4 Sf6 2.c4 d6 3.Sf3 Sbd7 4.Sc3 e5 5.e4 Le7 6.Le2 0–0 7.0–0 c6 8.Dc2 Te8 9.Td1 Lf8 10.Tb1 a5 11.d5 Sc5 12.Le3 Dc7 13.h3 Ld7 14.Tbc1 g6 15.Sd2 Tab8 16.Sb3 Sxb3 17.Dxb3 c5 18.Kh2 Kh8 19.Dc2 Sg8 20.Lg4 Sh6 21.Lxd7 Dxd7 22.Dd2 Sg8 23.g4 f5!? (Weiss hat zwei Vorteile: den besseren Läufer – der auf f8 stehende wird durch seine Bauern blockiert – und mehr Raum; aber Kotov sieht, dass der weisse König weniger geschützt ist als seiner) 24.f3 Le7 25.Tg1 Tf8 26.Tcf1 Tf7!? (Schwarz hätte eine solide Stellung nach [26…f4, aber Kotov riskiert weiter.)] 27.gxf5 gxf5 28.Tg2? (Averbach musste eigentlicht verstehen, dass der Zeitpunkt gekommen war, das Zentrum zu öffnen, um seinem besseren Läufer  mehr Spielraum zu geben und die Kontrolle über das Feld e4 einzuleiten, sei es nun mit [28.exf5 oder mit 28.f4! )] 28…f4! 29.Lf2 Tf6! 30.Se2

 

Vergangenheit-4

 

(Ein wirklich “gesegneter Fehler”, der zu einer der brillantesten Kombinationen der Geschichte führt; richtig war 30.Tg4 )  30…Dxh3+!! 31.Kxh3 Th6+ 32.Kg4 Sf6+ 33.Kf5 Sd7 (räumt dem anderen Turm den Weg frei.) 34.Tg5 Tf8+ 35.Kg4 Sf6+ 36.Kf5 Sg8+ 37.Kg4 Sf6+ 38.Kf5 Sxd5+ 39.Kg4 Sf6+ 40.Kf5 Sg8+ 41.Kg4 Sf6+ 42.Kf5 Sg8+ 43.Kg4 (nach einigen Bedenken versteht Kotov aber, dass der weisse König dem Tode geweiht ist, obwohl es noch etwas dauert.) 43…Lxg5 44.Kxg5 Tf7! 45.Lh4 Tg6+ 46.Kh5 Tfg7! (droht matt auf h6) 47.Lg5 Txg5+ 48.Kh4 Sf6 (matt auf h5) 49.Sg3 Txg3 50.Dxd6 T3g6 51.Db8+ Tg8 und Averbach gab auf:

0–1

 

Zum Nachspielen: http://www.chessgames.com/perl/chessgame?gid=1084375

 
Allerdings gibt es eine andere Partie, die man als „Zwilling“ qualifizieren könnte und einige Jahre davor gespielt wurde, die leider  ausser Acht gelassen wird, ich denke, aus Unwissenheit.

Wir beschäftigen uns mit der Partie zwischen Reynaldo Taborelli und Voyin Lalich, gespielt im März 1945 in der Stadt Necochea Balnearia (Argentinien),  und die ich höher bewerte als die von den namhaften sowjetischen Meistern.
Der Held dieser Partie, Voyin Lalich, war ein Spieler in der Stadt Bahia Blanca, der aber kaum in Erscheinung trat. Allerdings erinnere ich mich an seine Teilnahme bei der argentinischen Meisterschaft von 1938 und einigen anderen Turnieren.

 

Diese Partie wurde in der inzwischen legendären argentinischen Zeitschrift  „Rochade“ in ihrer Ausgabe Nº 40 vom Juni 1945 auf ihren Seiten 45 und 46 veröffentlicht.

Nachstehend ein Foto des Gewinners der Partie.

 

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Taborelli, Reynaldo – Lalich, Voyin [E68]

Turnier Playas de Necochea, Necochea (4), 10.03.1945

[Revista „Enroque“] – auch kommentiert von NM Hebert Pérez García aus Holland 

1.  d4 Sf6 2.Sf3 g6 3.c4 Lg7 4.Sc3 d6 5.g3 0–0 6.Lg2 Sbd7 7.0–0 Te8 8.e4 e5 9.d5 De7 Logischer ist: [9…Sc5 10.Se1 a5 11.b3 Ld7 etc.] 10. Dc2 a5 Das klassische Manöver, um Le3 zu spielen, ohne den Springer auf g4 zu fürchten. 11.h3 Sh5 12.Le3 b6 13.Kh2 Sc5 14.Sg1 f5 15.Lxc5? Dieser Wechsel wird die schwarzen Felder entblössen; ein ernster strategischer Fehler, dessen Konsequenz man bald sehen wird. Richtig war Sge2. 15…bxc5 16.De2 Ld7 17.Lf3 Sf6 18.Lg2 Tab8 Der unglückliche Wechsel bei dem 15. Zug überlässt nun Schwarz den Weg zu einem Angriff auf dem Damenflügel offen. Es ist schon interessant, auf welche Weise Lalich auf beiden Flügeln Druck ausübt. 19. Tfe1 Df8 20.f3 Mit dem Textzug, der die Selbstbehinderung seines Läufers vervollständigt, glaubt Weiss, dass er eine widerstandsfähige Stellung erreicht hat, wobei nur Wartezüge hinter der Bauernkette anfallen. Andererseits bereitet Schwarz seinen Angriff gegen den gegnerischen König vor, wobei dieser Schritt einfallsreich mit einem anderen Angriff auf der halboffenen Linie “b” verbunden wird.

 

20…Sh5 21.Dc2 Tb4 22.b3 Lh6 23.Tab1 Df6 24.Dd3 Tf8 25.Tf1 Aus diesem gleichgültigen Zug entwickelt sich eine bemerkenswerte Kombination, die momentan mit 25. Sge2 hätte vermieden werden können. Aber auf jeden Fall wird der Angriff gegen den Königsflügel entscheidend sein.  25…Sxg3! 26.Kxg3 Dh4+!! 27.Kxh4 f4

 

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Jetzt wird der weisse König in einem Mattnetz festgehalten. 28.Sb5? Wenn [28.Sge2 Lg7 29.Sxf4 exf4 30.e5, wenn (30.Kg5 h6+ 31.Kxg6 Le8#) 30…Lxe5 31.Se4, wenn (31.Dxg6+ hxg6 32.Kg5 Kg7 gefolgt von Tf5+ y Th5++) 31…Tf5 32.Sg5 Lf6 33.Dxf5 Lxf5 34.Tg1 oder (34.Lh1 h6 35.Tg1 hxg5+ 36.Txg5 Kg7! 37.Tbg1 Tb8 und matt im nächsten Zug.) 34…h6 35.Lf1 Kg7 36.Ld3 Lxd3 37.Tbe1, wenn  (37.Kg4 Lxg5 38.h4 Lf5#) 37…hxg5+ 38.Txg5 Lf5 39.Teg1 Tb8 und matt im nächsten Zug. Kommentare von V. Lalich.] 28…Lg7 und Weiss gibt auf.

 

Zum Nachspielen:

http://www.tabladeflandes.com/visor_global/Taborelli-Lalich-1945.html

 

Es sagte einmal Roberto Grau,

 

Vergangenheit-7

Geburtsdatum 18. März de 1900
Argentinien, Buenos Aires
Sterbedatum 12. Abril de 1944, 44 Jahre
Argentinien, Buenos Aires
Nationalität argentinische
Beschäftigung Schachspieler, Journalist, Schriftsteller

 

 

 

dass einer der Fehler beim Schach ist, um eine künstlerische oder brillante Arbeit zu leisten, man sich auf die Zusammenarbeit des Gegners stützen muss.

In dem vorliegenden Fall und zwar bei dem 28. Zug von Weiss aufgrund der Zeitnot, in der sich Taborelli befand, verhinderte Lalich auf eine brillante Weise die begonnene Kombination mit den Opfern bei den Zügen 25 und 26 abzuschliessen.

 

Aber es konnte ihm nach Abschluss der Partie nicht genommen, den grundsätzlichen Gedanken darzulegen, dass, wenn Weiss 28.Sge2! gespielt hätte, dieser Umstand  eine ziemlich langwierige Serie von Manövern gekostet hätte, um schliesslich matt zu geben. 0–1

                                  

Vergangenheit-8

 

Schachmatt

Gemalt von Elke Rehder

                             

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Sitges (Barcelona), im September 2013