Der grauhaarige Herr

 

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Gemalt von Elke Rehder

—————————————————————————————————von Néstor Quadri, Buenos Aires

 

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In meinem ganzen Leben als Schachanhänger erinnere ich mich immer an den Herrn mit den weissgrauen Haaren.

 

Er war ein erfahrener und bereits älterer Spieler, der das Blitzspielen von fünf Minuten über alle Maßen bevorzugte.

 

In der Mittagszeit besuchte ich oft das Café „Richmond“ in der Nähe des Büros in der Innenstadt von Buenos Aires.

 

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Foto: emol.com

 

Die ganze Geschichte ereignete sich gegen Ende des letzten Jahrhunderts.

 

Dort blieb ich mit einigen Kollegen an seinem Tisch stehen, um seiner Spielkunst zuzusehen und seine Partien zu geniessen.
Der Edelmann mit dem grauen Haar spielte mit erstaunlicher Geschwindigkeit diese Art von Kurzpartien.

Er kannte im Detail sämtliche Gambits, die es gab oder geben konnte. Normalerweise opferte er einen Bauern in der Eröffnung, um  in eine bessere Stellung zu kommen und dann später den Bauern wieder zurückzuerobern.

Wenn stattdessen der Gegner ein Gambit spielte, zog er ein Gegengambit aus dem Hut. Damit hatte er auch einen Bauern geopfert und gestaltete ein äusserst schwieriges Spiel; schon allein zur Überraschung des Gegners, das Problem in so kurzer, zur Verfügung stehender Zeit zu lösen.
Offensichtlich musste er das Buch von Eröffnungsfallen auswendig kennen, weil er plötzlich und unerwartet eine Figur opferte. Wenn der Gegner das Opfer annahm und glaubte, der grauhaarige Herr habe einen Fehler gemacht, war er hoffnungslos in wenigen Zügen verloren.
Ich denke, im herkömmlichen Schach und, wenn wir die Zeit überspringen, dass seine Blitz-Partien dem großen russischen Weltmeister Michail Tal

 

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oder noch weiter zurückblickend den Zeiten von Paul Morphy

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oder Frank Marshall  ähnelten. Zu seiner eigentlichen Spielstrategie gehörte auch, dass er mit erstaunlicher

 

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Geschwindigkeit und nachdrücklich positionelle Schwächen des Gegners erzeugte, gleichzeitig aber seine Figuren in der Verteidigung stärkte.

 

Ich bewunderte ihn, denn er gewann die Endspiele in der so kurz zur Verfügung stehenden Zeit wie der grosse Capablanca.

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Und was könnte ich alles über die wunderbare Vollendung seiner Partien erzählen. Es war ein Schauspiel bei jeder Partie, die wir miterleben durften. Mit Blick auf  diese Geschwindigkeit konnten seine erstaunlichen und glänzenden Opfer nur begeistern. Als privilegierte Zuschauer haben wir ähnliche Züge oder Stellungen der „Unsterblichen“ oder „Immer Grünen Partie“ gesehen .
Manchmal wurden seine Pläne und Opfer widerlegt, aber in der Regel verbrauchten die Gegner zu viel von der kurzen Bedenkzeit, so dass sie selbst unter Druck gerieten. In diesen Positionen spielte der grauhaarige Herr noch schneller und seine Hand drückte wie ein Blitz auf die Uhr, was in der Regel dazu führte, dass das Blättchen des Gegners eher fiel.
Der grauhaarige Herr spielte stundenlang, wobei die Gruppe von ausgewählten und starken Gegenspielern nach und nach sich niedergeschlagen vom Schachbrett schlichen.
Um den Spieltisch bildete sich ein dichter Kreis von Schachanhängern, die dieses kostenlose Schauspiel genossen.

 

In einigen Fällen hörte man Rufe der Begeisterung und Erstaunen über einige spektakuläre Partien.
Heute füllen mich diese Erinnerungen mit Wehmut, weil ich sie nie mehr genießen werde. Der grauhaarige Herr und das Café „Richmond“ sind von uns gegangen, ebenso wie die Nächte mit ihren Träumen.

 

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Eine Hommage an das unsterbliche Genie und den Schachgroßmeister Miguel Najdorf .

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Sittges (Barcelona), im September 2013

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