Ein Leben wie im Film

Film-1 
  Pierre Saint-Amant   

 

               *12. September 1800   + 29. Oktober 1872

 

von Javier Fernandez Cordero
Mit der professionellen Ausrichtung hat sich das Leben der Schachspieler wieder normalisiert, so dass sie sich ausschliesslich dem königlichen Spiel widmen können.

 

Allerdings war das nicht so im neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert, wo Schachspieler bei vielen Gelegenheiten ein stressiges und abenteuerliches Leben führten.

Einer der bemerkenswertesten Fälle war der Franzose Pierre Charles Saint-Amant, dessen Reisen und Unternehmen ihn auf der gesamten Welt zu einer Persönlichkeit wie im Film gestalteten.
St. Amant stammte aus einer adligen Familie, deren Vermögen aber auf Grund der Französisch Revolution enteignet wurde, so dass unsere Hauptperson nicht die Privilegien geniessen konnte, die eigentlich für den Adel vorbehalten waren.

Film-2

 

Schloss Latour bei Montflanquin

Foto luxuo.com

 

Dies führte dazu, dass er eine unglaubliche Vorstellungskraft entwickelte, die er auch tausendmal auf dem Schachbrett und in seinem Leben zeigte.

In seiner Jugend glänzte er in der Geschäftswelt (wie auch in der Welt des Schachs), wobei er den Posten des Sekretärs des Gouverneurs von Französisch-Guayana in Amerika ausübte.

 

Jedoch konnte er den dortigen, in jener Region üblichen Sklavenhandel nicht ertragen und beschwerte sich häufig bei der  Obrigkeit. Die Konsequenz war, dass ihm gekündigt wurde.
Mit 23 Jahren entwickelte er sich zum Weinhändler, eine Tätigkeit, bei der er sich bald einen renommierten Namen schaffte und ein kleines Vermögen erarbeitete.

Gleichzeitig begann er auch, sich einen Ruf in der Schachwelt aufzubauen. Bedingt durch seine vielen Geschäftsreisen nach England, um seine Weingeschäfte abzuwickeln, nutzte er die Gelegenheit, sich mit den englischen Schachmeistern zu messen wie Georg Walker, George Brunton Fraser oder John Cochrane, die er aber mit relativer Leichtigkeit besiegen konnte.

 

Film-3

 

***************************************************************

Seine Reisen nach England hatten ihren Höhepunkt anlässlich einer Begegnung mit dem Landesmeister Howard Staunton, der von vielen als der stärkste Spieler auf dem Planeten betrachtet wurde. Die Partien zwischen dem britischen und französischen Spieler gingen in ihrer Bedeutung weit über das Schachbrett hinaus. Die daraus folgende Spannung erinnerte an die Jahrzehnte davor an die Schlachten zwischen Napoleon und den britischen Truppen, die mit großem Interesse in beiden Ländern verfolgt wurden.

St. Amant schaffte es,  den Gegner zu überraschen und gewann in einem sehr eng ausgehenden match mit : +3 -2  =1, womit er den wichtigsten Meilenstein in seiner Karriere errang.
Howard Staunton,

 

Film-4

 

treu seinem Charakter, nahm die Niederlage sehr missmutig auf und forderte ihn zu einem „ernsthaften Rückkampf“ auf, der 1843 als „inoffizielle Weltmeisterschaft“ eingestuft wurde und in dem Pariser Café La Régence stattfinden sollte und mit einem Preisgeld von 100 Pfund ausgestattet war. (Umgerechnet zur heutigen Kaufkraft: ca. 7.300 Pfund) . Das Duell wurde auf hohem Niveau gespielt und folgte den von Bourdonnais und McDonnell entwickelten Strategien und Taktiken.

 

Es wurde jedes Detail beachtet und auf der Unterseite der Figuren  Filz aufgeklebt, damit ein Aufsetzen bei den Zügen kein Geräusch verursachte, was heute natürlich üblich ist, aber nicht zur damaligen Zeit.

Die Figuren wurden ausdrücklich von Staunton aus London mitgebracht.

 

Film-5

 

Staunton chess set 1843

 

Die Partien begannnen um 11 Uhr morgens und dauerten zeitweilig bis zu 20 Stunden.

Der Verursacher der unendlichen Partien war Staunton, der für seine Züge viel längere Bedenkzeit als sein Rivale beanspruchte.

(Diese Tatsache führte St. Amant zu dem Vorschlag, die Verwendung von Uhren während des Turnieres einzusetzen; dieser Wunsch wurde aber nicht erfüllt und erst einige Jahrzehnte später in die Praxis eingeführt.)

 

Der Beginn des Matches war katastrophal für St. Amant, der in den ersten 8 Partien nur ein Unentschieden erreichte bei 7 Niederlagen.

In der neunten Begegnung errang er endlich seinen ersten Sieg, der eine große Erleichterung für den Franzosen bedeutete. Nach Beendigung der Partie erhob er sich begeistert und meinte: „Ich habe die Ehre gerettet!“

Das Endergebnis war 13 zu 7 Punkten mit 6 Siegen für Saint Amant und 11 Siegen für Staunton. Damit ging die Vormachtstellung Frankreichs im Schach an England über.

***************************************************************
Film-6

***************************************************************
Treffen zwischen Saint Amant und Staunton im Café de La Régence

 

Film-7

***************************************************************
St. Amant versuchte, einen Revanchekampf zu organisieren, den Staunton unerklärlicherweise ablehnte.

Diese Tatsache erhöhte seinen schlechten Ruf, denn in jener Zeit herrschte Ritterlichkeit und eine Herausforderung nicht anzunehmen, galt als ein Akt von Feigheit.

Mehr als ein Jahr lang schickten sich beide Spieler Briefe mit verschleierten Angriffen voller Ironie und veröffentlichten endlose Schmäh-Artikel in Zeitschriften und Zeitungen … aber keine dieser Herausforderungen veränderte die Situation oder die negative Einstellung Stauntons.

 

Saint-Amant war von 1841 bis 1847 der Herausgeber der Schachzeitung „Le Palamède“.

 

Film-8

***************************************************************
Nach diesen unschönen Umständen spielte er öffentlich kaum noch Schach und sein Name verschwand verhältnismässig schnell aus der Schach-Szene.

 

Sein Leben war nicht nur auf kommerziellen Erfolgen und Siegen beim Schach beschränkt, sondern er war zeitweilig auch Schauspieler, flirtete mit den Buchstaben mittels seines Journalismus und war sogar Hauptmann der Wache im Tuilerienpalast,

 

Film-9

 

 

ein Posten der ihm später half, die Position des  französischen Konsuls in Kalifornien zu übernehmen.

 

Auf Grund seines bewegten Lebens erarbeitete er sich ein beachtliches Vermögen, das ihm ermöglichte, eine riesiges Grundstück mit Schloss bei Algier zu erwerben mit dem Ziel, dort seinen Ruhestand und die letzten Jahre seines Lebens zu verbringen.

Unglücklicherweise starb er wenige Jahre später bei einem Unfall, als er von seiner Pferdekutsche fiel.

 

*******************

Nachsatz:

 

Als 1858 der Amerikaner Paul Morphy

 

Film-10

 

nach Paris kam, erkannte Saint-Amant dessen überlegene Spielstärke an und würdigte ihn auf einen Bankett als den derzeit besten Schachspieler der Welt.

Beide spielten mehrer private Partien miteiander.

Seine beste historische Elo-Zahl betrug 2.603 Punkte, die er im August 1846 erreichte.

Er lag demnach über drei Jahre auf Rang zwei der Welt.

 

**************

Quelle: ajedrezdeataque.com

Sitges (Barcelona), im Oktober 2013

Ein Gedanke zu „Ein Leben wie im Film

  1. Burkart

    Hallo Frank,

    sehr interessanter Artikel!

    Der Beginn des matches

    -> Matches groß schreiben

    denn in jener Zeit herrschte Ritterlichkeit

    -> Formatierung: Warum Leerzeichen am Zeilenbeginn vor „herrschte“?

    die negative Einstellung Staunton’s.

    -> Ohne ‚ (nicht wie im Englischen), also „Stauntons“

    Diesmal keine Partie? Ist keine von ihm bekannt?

    VIele Grüße
    Burkart

    PS: Was macht die Bandscheibe?

    PPS: Mail wirft weiter den Fehler, deshalb nun dieser Weg mit meinem eigentlichen Text.

Kommentare sind geschlossen.