Weihnachten 1878

Eine Schachpartie

 

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von Wilhelm Jensen (1837 – 1911)  

 

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resümiert und illustriert von

Frank Mayer, Sitges (Barcelona)        

 

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In “Eine Schachpartie” führt Wilhelm Jensen den Leser am Heiligabend in die Stimmung einer großen Stadt: behütete Familien, Christbaumstimmung, aber auch einsame Spaziergänger.


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Ein Student spielt des öfteren Schach mit einem älteren Herrn im Café , wo man ihn mit „Herr Baron“ anspricht.

Rückblickend erzählt Jensen den Beginn einer eigentümlichen Schachrivalität zwischen den beiden.

Das besondere Ereignis dieses Weihnachtsabends besteht darin, daß der Alte den mittellosen Studenten Wolfgang zu sich nach Hause zu einer weiteren Schachpartie einlädt. Der junge Mann zögert lange, schließlich gelangt er auf eindrucksvoll geschilderte Weise doch in dessen Wohnung, angezogen von einem möglichen Gewinn.

Bei jeder Partie geht es um Dukaten,

 

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und Wolfgang braucht dringend Geld.

 

Noch befindet er sich in seinem möbliert gemieteten Zimmer, als es plötzlich an der Tür klingelt.

Ein Laufbote überreicht ihm ein Päckchen, das eine Schatulle mit einem Goldmedaillon und einem eingesetzen Bild enthält

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sowie ein einfaches Blatt Papier mit einem mit der Hand geschriebenen Gedicht.

                                  

“Erwine!” Ja, er konnte es kaum glauben.

Das Bild stellte das hübsche Mädchen dar, das er mehrmals im vergangenenen Sommer getroffen hatte:

auf einen Studentenfest im Park und seinem täglichen Fussweg zur Universität.

Sie wechselten öfters ein paar Worte, aber er hatte den Eindruck, dass mehr als eine natürliche Sympathie nicht entstanden war.

 

Auf dem Weg zu dem luxuriösen Haus des Barons fragte er sich nun dauernd, wie Erwine wohl seine Anschrift erfahren habe.

Nach einem kurzem Klopfen an dem wuchtigen Eingangstor, öffnete der Gastgeber selbst und führte Wolfgang in sein prächtiges und geräumiges Wohnzimmer.

Ohne weitere grosse Worte, setzten sie sich an den Schachtisch aus Ebenholz mit Figuren aus Elfenbein und begannen zu spielen.

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Die Schachpartie                                                       

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In jeder Partie handelte es sich darum, einige Dukaten zu gewinnen oder zu verlieren, die der Student dringend benötigte.

Zwischen den Partien lud der Baron seinen jungen Gegner zu einem Punsch ein und bot ihm eine Pfeife mit köstlichem Tabak an.

Die würdige Atmosphäre einer festlichen Nacht!

 

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Auf Wunsch des Barons und schon bei vorgerückter Stunde spielten sie um einen 20-fachen Einsatz.

Wolfgang nahm die Herausforderung an, weil er davon ausging, dass seine Stellung auf dem Brett so günstig war, um einmal in seinem Leben  so viel Geld zu erspielen.

 

Trotzdem regte sich in seinem Inneren eine Unruhe, weil er nicht wusste, wie dieses nächtliche Abenteur schliesslich ausgehen würde, zumal es sich um eine hohe Summe handelte.

 

Plötzlich sagte der Baron: “Man sollte nicht um so viel Geld spielen in dieser heiligen Nacht!”

Ein Schreck durchfuhr den Studenten!

Als Wolfgang sich langsam davon zu erholen schien, brachte der Baron eine mit Eisenspangen beschlagene Truhe aus einer Ecke des feudalen Wohnzimmers und stellte sie mitten auf einen grossen Tisch.

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Er öffnete sie geheimnisvoll, und es offenbarte sich ein ungeheure Anzahl von Golddukaten mit einem unermesslichen Wert. Der junge Student war wie geblendet.

Es kam ihm in den Sinn, dass er niemals eine solche Summe verdienen könne, auch, wenn er Tag und Nacht arbeiten würde.

 

Jetzt geschah das, was kaum zu erwarten war:

Der Baron bot an, um den Dukatenschatz zu spielen.

“Oh, je, anwortete der Student, wenn ich die Partie verliere, werde ich niemals einen solchen Wert zurückgeben können!”

“Das macht nichts”, antwortete der Gastgeber.

“Wenn Du verlieren solltest, kannst Du mir den Betrag langsam abzahlen, sobald Du beruflich tätig wirst und verdienst.”

 

“Ausserdem ist Deine Stellung auf dem Brett mehr als günstig für Dich!”

 

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Die Versuchung war zu gross, um nicht das Wagnis einzugehen.

Sie kehrten zur Partie zurück und spielten weiter, wobei Wolfgang mit Weiss ziehen musste.

Bei so viel Geld im Spiel fingen plötzlich die Gedanken im Kopf des Studenten an zu kreisen, und er entwickelte fieberhafte Ideen, die ihn völlig verwirrten.

 

Er sah, wie seine weisse Dame sich in seine angebetete Erwine verwandelte und sämtliche anderen Figuren bedeckten sich mit einem Schleier, fast als wären sie in Nebelschwaden getaucht.

 

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Der Punsch und die Pfeife taten auch noch das ihrige dazu, er hatte die Partie nicht mehr unter Kontrolle und musste aufgeben.

 

Angesichts dieses Desasters und einem solchen Schicksalsschlag griff er zu einem Revolver, der sich in der Nähe auf einem Schrank befand und setzte ihn an seine Schläfe.

Er wollte einfach nicht mehr leben.

 

Seine Ehre sagte ihm, dass er sein Leben bei einer Schachpartie verloren hatte.

 

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Nun griff der Baron ein und riet ihm, sich nicht zu erschiessen. Wenn er unbedingt sterben wolle, dann empfehle er ihm, sich in den hinter dem Hause vorbeifliessenden Fluss zu stürzen, um somit eines würdigen Todes zu sterben.

 

Völlig resigniert fügte sich Wolfgang seinem Schicksal und liess sich von dem Baron durch einen langen und dunklen Gang des Gebäudes führen.

 

Bevor sie an den Hinterausgang kamen, öffnete der Baron eine Zimmertür und Wolfgang traute seinen Augen nicht mehr, was er wahrnahm.

 

In hinteren Teil des Zimmer befand sich wie eine Statue, umhüllt von einer mysteriösen Dunkelheit, eine Gestalt, die sich ihm näherte und ihn mit einer sanften Stimme und einem leichten Kuss begrüsste.

 

                        Es war Erwine! Seine geheime Liebe!

 

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Dann ergriff der Baron feierlich das Wort und sprach:

“Meine liebe Tochter: Wie Du mir mehrmals schon anvertrautest, konntest Du diesen jungen Mann nicht vergessen, in den Du Dich schliesslich verliebtest.

Was sich gerade vorher ereignet hat war die Tatsache, dass Wolfgang mit mir Schach spielte, für seine Verhältnisse als Student eine Lebenswette einging, aber nicht des Geldes willen, sondern um Dich zu erobern.

Seine Ehre stand über seinem Spielglück im Schach und seinem Leben, das er nach Verlust der Partie beenden wollte.

Deinetwegen hat er sich der Versuchung unterworfen und hat die Prüfung bestanden.

 

Heute ist Heiligabend, liebe Erwine, und ich bat Dich, alles festlich zu gestalten und auf mein Kommen zu warten.

 

Ich bitte Dich inständig, mir zu verzeihen, dass ich Dich eigensinnigerweise wegen meines hohen Alters solange bei mir im Hause behalten wollte.

 

Nachdem ich diesen Umstand erkannt habe, bitte ich Euch herzlich, dass Ihr die Kerzen Eures Lebensbaumes anzündet,

 

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Der Lebensbaum 

Gustav  Klimt (1862-1918)

 

damit sie in dieser Wintersonnenwendnacht den Sonnenglanz Eures Sommers vorausdeuten!”

 

Nach einer lange Pause und eigenartigen Stille unter den drei Anwesenden, wendete sich der Baron wieder dem Studenten Wolfgang zu und sagte schalkhaft lächelnd:

 

“Eure Partie stand von Anfang gut, und Ihr habt sie gewonnen.

Lasst mich ein Weilchen Eurem Weiterspielen zuschauen!”

                                                                                                                                                    

Anmerkung:

Der Schriftsteller Wilhelm Jensen steht wohl stilistisch zwischen Theodor Fontane und Franz Kafka.

 

Konsultierte Quelle: Herbert Huber

 

Weihnachten, 2013

 

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