Eine Wiedergutmachung an Dr. Siegbert Tarrasch

Mit  freundlicher Genehmigung von Herrn Mathias Fruth,

Herausgeber, München.

 

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Dr. Siegbert Tarrasch

                                        

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(geboren am 5. März 1862 in Breslau; gestorben am

17. Februar 1934 in München)

war  eine der bedeutendsten Persönlichkeiten, die die Schachgeschichte kennt.

 

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                                         Wolfgang Kamm

                                  Biographie zum 70. Todestag

                                 Copyright Manuel Fruth 2004

                                      ISBN 3-933105-06-4

Zitiert auszugsweise: “Dem Münchener Schachfreund und Mitarbeiter des Buches “Siegbert Tarrasch – Leben und Werk”, Herrn Alfred Schattmann, ist zu verdanken, dass das in Vergessenheit geratene Tarrasch-Grab in Erinnerungen gerufen und 1996 wieder hergestellt wurde.

Wie kam es dazu? Schattmanns Familie hatte es 1948 von Breslau nach München verschlagen, wo er das königliche Spiel erlernte. 1976 trat er dem Schachklub Tarrasch-1945 München e.V. bei.

Bald entwickelte er sich zu einem Meisterspieler.

Als er 1995 zu dessen Spielleiter gewählt worden war, las er in der DSZ (144. Jg. 1995 – Nr. 9), dass die sterblichen Überreste von Adolf Anderssen in ein Grab an der Ehrenallee des Breslauers Hauptfriedhofes umgebettet und mit neuem Schmuck versehen wurde.

 

Das war für ihn ein fördernder Anlass, die Grabstätte Tarraschs zu suchen.

Er fand sie auf der Parzelle 128-3-73 des Münchener Nordfriedhofes im Schatten einer hohen, tiefwurzelnden Pappel.

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 Foto: flickr.com

                                        

Wie ein Wächter oder Mahnmal stand sie daneben und über dem Grab. Sie war mit den Jahren gewachsen wie ein Mammutbaum, und Schattmann, der damals ein Tagebuch führte, notierte den Satz: “Vielleicht wird sie nicht an der Menschheit zugrunde gehen, vielleicht nicht einmal mit ihr. Vorausgesetzt, sie wird nicht Opfer eines Menschen.”

 

Als Tarrasch am 19. Februar 1934 um 2 Uhr nachmittags beigesetzt wurde, nachdem sein Leichnam zwei Tage lang aufgebahrt gewesen war in der Halle am Eingang des Friedhofs, erschien kein Pfarrer zum Begräbnis, kein Segenswort wurde gesprochen.

1995 war das Grab von Abraum bedeckt, Schmuck der vergessenen Zeiten.

Es stellte sich später heraus, dass es weder gefasst noch gekennzeichnet war. Keine Grabplatte mehr, kein Kreuz oder Stein.

Offiziell war es aufgelöst worden.

Als Schattmann im Klub insistierte, es müsse nun wiedererstehen als ein würdiges Denkmal:

“Dazu sind wir verpflichet, das schulden wir seinem und unserem Namen”, beschloss man, das Grab zu erneuern.

Tarraschs Enkel Rudolf Gall vom Noris-Klub Nürnberg, über das Vorhaben in Kenntnis gesetzt, übernahm sämtliche Kosten. Für die beiden Schachklubs in München und Nürnberg sollte es keine finanzielle Belastung sein.

Im Sommer 1996 wurde der Grabstein gelegt. Zur Einweihung und Gedenkfeier am 5. Oktober kamen Schachfreunde aus Nürnberg und München…

Dr. Wolfgang Unzicker hielt eine die Verdienste des Meisters beleuchtende Rede.

 

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                               Copyright Deutscher Schachbund

Ein Teilnehmer schrieb mir im Herbst 1999: “Die Gedenkfeier war, als habe man hier etwas nachholen wollen –

“Wiedergutmachen” müsste man eigentlich sagen – an diesem so lange vergessenen Grab.

Die Toten sind’s, die den Lebenden die Augen öffenen. Zwei Bilder, das Vergangene und das Gegenwärtige, gingen ineinander auf.

 

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                                           Bild: jappy.de

 

Als man zu Kaffee und Weissbier noch einmal des Toten gedachte, erklärte ein älterer Schachfreund:

“So darf die Geschichte von Tarrasch nicht enden.”

Die Pappel, als sei sie als Wächter nun nicht mehr vonnöten, wurde im Frühjahr 2002 gefällt.

Ludwig Karl (bis 2003 2. Vorsitzender des Tarrasch-Klubs München) trägt jedes Jahr Blumen zum Grab. Er pflegt es.

 

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                            Fotos: tabladeflandes.com

 

Handschrift auf Holztafel, im September 2000 am Grabe von Tarrasch gefunden:

                                           EPITAPH EINES UNBEKANNTEN

                                           HIER RUHT                                                                     

                                           kein grosser

                                           DEUTSCHER

                                           denker und

                                           STAATSMANN

                                           oder REBELL

                                           weitsichtiger

                                           PLANER

                                           der freiheit

                                           usw.

                                           kein berühmter flüchtling

                                           wohnte hier oder starb

                                           ungefähr hier zum ruhm

                                           unserer Vaterstadt. kein ketzer

                                           wurde hier verbrannt. hier kam es

                                           zu keinem sieg. keine sage, die uns ehrt

                                           erfordert hier ein denkmal aus stein.

                                           hier gedenke seiner taten heute –

                                           dies denkmal ist frei.

                                           **********************

Text auf der anderen Seite:

hier ruht ein deutsches vorbild.

dieses Holz, das stumm ist,

wurde beschriftet

zur zeit des FASCHISMUS.

                                            *******************

 

Die vom Regen verwaschene Tafel habe ich restaurieren lassen und über meinem Schreibtisch aufgehängt.

 

Nachsatz:

Der Staub vergeht, der Geist besteht:

Was Dr. Siegbert Tarrasch für die Verbreitung des königlichen Spiels in der ganzen Welt geleistet hat, ist immens und wohl nie in seiner ganzen Tragweite zu ermessen. Seine Bedeutung als Schachpädagoge und Schachtheoriker ist vielleicht höher einzustufen als seine Erfolge auf dem Brett.

 

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                     Der Abschied – gemalt von Elke Rehder

                                       *****************

Sitges (Barcelona), im April 2014

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