Der VAGABUND (II)

Fortsetzung und Schluss:

Bobby hatte auf einer schmutzigen Holzbank Platz genommen. Neben ihm saß ein junger Mann, der mit offenem Mund döste. Daneben ein dreckiger, stinkender Mann, der sich entschlossen hatte, auf der Bank zu liegen und tief und fest zu schlafen. Schuhe hatte er nicht an. Auf der anderen Seite des Raumes zitterte und klagte ein Junge, als Gefangener auf erzwungenen Entzug. Es war der Abstieg in die Hölle. Bobby dachte ironisch über die ganze Situation nach. Die Sache hatte auch ihre komische Seite.

Der große Robert Fischer, das Wunderkind, der Liebling des Manhattan Chess Clubs, das „enfant terrible“ des Welt-Schachs, war der Gewinner nach 50 Jahren der sowjetischen Vorherrschaft auf dem Gebiet des Schachspiels, der Sohn der Herrlichkeit, sitzt auf der kalten Bank einer Polizeistation, umgeben von unglücklichen Mitgliedern einer Unterwelt des Verbrechens und der Marginalität als Landstreicher verhaftet. Und sie hätten ihn fast sogar geschlagen. Es wäre nicht das erste Mal.

Fast wie eine Therapie baumelte wieder seine Seele in der Vergangenheit, im Mittelpunkt seiner hellen jungen Jahren. Es war wieder vor 18 Jahren, in dem sehr entfernten Buenos Aires, und zwar im 600 Jahre alten Spielsaal, an einem Turnier, wo er so schlecht gespielt hatte. Er hatte gerade ein Spiel beendet und wollte die Position mit seinem Gegner analysieren; die anderen Teilnehmer forderten Ruhe, und er wusste, dass es verboten war, im Spielzimmer zu analysieren. Es war ihm auch egal. Einem Bobby Fischer war alles erlaubt – weil die Verbote für ihn nicht gelten. Er erinnerte sich deutlich an die kleine Gestalt des Schiedsrichters an seinem Tisch. Es war ein kleiner Mann deutsche Herkunft, Adleraugen und Lippen wie die Klinge eines Messers. Wie war das noch? Ach ja, Werner Heimann; er ging mit den Füßen nach außen, wie Chaplin als er Charlot und von den Argentinier deshalb Carlitos genannt. – IMaestgggo Fischegg, keine pouede analizaggg im Spielzimmer; poggg favoggg, gehen Sie zu der Analyse Raum! (Will heißen: Herr Meister Fischer, man kann nicht im Spielzimmer analysieren. Gehen Sie in den Analyseraum.)

Auch Bobby, der kaum Spanisch sprach, bemerkte den starken deutschen Akzent. Er erinnerte sich daran und an seine Antwort als damals schon vergötterter Junge: „Halten Sie den Mund!“ Und er erinnerte sich gut daran – als wäre plötzlich ein Sturm entfesselt, Figuren kugelten auf dem Boden und seine eigene Figur fiel aus dem Gleichgewicht, als ihn eine überraschende Ohrfeige auf der Wange traf.
– Frech, ich werde enseñaggg älter ggguespetag! (soll heissen: Sie frecher Kerl, ich werde Sie noch lehren, dass man ältere Leute zu respektieren hat.)
Er erinnerte sich daran, dass die ganze Situation unwirklich schien, so etwas wie ein Traum; wie war es zu jener Zeit zu leben und nun in dieser absurden Polizei-Station. Sicherlich hatte der Mann nicht gewußt, wer er war, der große Bobby, der Liebling der Götter. Er stand verlegen auf und versuchte, jenen Irrtum zu klären:
– Yo Bobby! Sagte er in seinem gebrochenen Spanisch.
– Nein Sie Narr, betonte der Deutsche- iY ahogga (und jetzt) hier raus!
In seinem Inneren konnte er sich ein Lächeln nicht verkneifen. Auf jeden Fall eine Watsche war viel mehr gerechtfertigt, als sie es heute Abend zu kassieren gewesen wäre. Das seltsame Kerlchen, dieser Carlitos Heimann, als Nazi eifersüchtig auf seine Autorität und Würde, in der Lage, einem Spitzenspieler eine runterzuhauen. Die Argentinier hatten ihm danach erzählt, dass man Jahre zuvor gesagt habe, dass Carlitos Figuren auf Aljechin geworfen zu haben, weil dieser nicht die zur Verfügung stehende Zeit für ein Schnellschachturnier respektierte, die alle 5 Sekunden durch ein Horn ertönten; der damalige Weltmeister reagierte mit einem Fluch gegen Carlitos! Aber er bestand darauf, dass die Regeln auch hier eingehalten wurden. Er erinnerte sich daran, dass es mehr als gut wäre, wenn sich an diesem Abend beide entschuldigen würden, was sie auch taten, und sie unterhielten sich wieder über Schach.
Er erinnerte sich an seine Tage der Arbeit und Ehre; auch an den Ruhm, der ihn verlassen hatte wie ein Liebhaber, der seiner Geliebte überdrüssig wurde, verloren das Geld mit den pseudoreligiösen Fälschungen, die zu Armut in der Welt und der Solidarität mit den Bedürftigen aufrufen, und während sie das von sich gaben, gingen sie in den Urlaub nach Hawaii auf ihre Privatyachten; er erinnerte sich an seine Freunde auf der ganzen Welt, die ihn geliebt und bewundert hatten; Was würden sie denken, wenn sie ihn dort sähen? Man war erstaunt, wie ihren Kinder Leistungen aufgebürdet werden und an das Gesicht des überraschten und ungläubigen armen Donald Byrnes, als er bei einem Blitzturnier im Manhattan Chess Club sich weigerte, als 12-jähriger Junge ein Remis anzunehmen und sagte: „Mein König erreicht a6 und verursacht dann keine Schachs mehr“; und es war wahr, der König zog über das Brett und erreichte a6, und es gab keine Schachs mehr und Donald fragte ihn, wie er das wissen konnte, und er antwortete. „Ich fühle das in meinem Inneren“, und alle brachen in Applaus aus, und er erinnerte sich an das Gesicht des Unglaubens des Millionärs Slater, als er forderte, daß zu dem Geld, das ihm angeboten wurde für das umstrittene Spiel gegen Spassky, noch die Spielbörse mit aufgenommen werden sollte, wenn er als Sieger aus dem Match hervorginge.

Und er erinnerte sich wieder mit einem Lächeln, als die Spielpaarungen anläßlich des Interzonenenturnieres (1965) vorgelesen wurden. Die Folge waren Ausdrücke des Erstaunens und Schreckens auf den Gesichtern von Geller und Reshevsky, gegen die er antreten sollte, aber wegen nicht Erscheinens mehrere Runden verlor, aber letztlich und standesgemäss das Turnier gewann.
Er erinnerte sich an seinen Ruhm und Reichtum, als die Massen ihn bejubelten, es waren die Zeiten der launischen Gesetze. Und er fühlte sich in einem elenden, einsamen Moment und von dem Gestank und gelegentlichen Aufstoßen der Begleiter belästigt.

Er hatte den Drang, aufzustehen und zu gehen, ins Freie zu laufen und den frischen Atem der Nacht zu spüren; aber er verzichtete. Es war nicht das erste Mal, dass er mit einer schwierigen Lage konfrontiert war; plötzlich erinnerte er sich an eine seiner Partien gegen einen unbekannten Spieler wie Osvaldo Bazán. Er spielte unaufmerksam mit den schwarzen Steinen, und plötzlich wurde er nach einem schrecklichen Angriff fast an die Wand gespielt; aber er widersetzte sich, fand unglaubliche Ressourcen und konnte am Ende gewinnen:

 

Siehe Partie mit Analyse:

Osvaldo Bazán vs Robert J.

FISCHER  MAR DEL PLATA 1960

kommentiert von NM HEBERT PÉREZ GARCÍA aus Holland

Bazán, Osvaldo Manuel – Fischer, Robert James [D38]

Mar del Plata  Mar del Plata , 1960

[ NM Hebert Pérez García]

 

  1. Sf3 Sf6 2.c4 e6 3.Sc3 d5 4.d4 Lb4 5.cxd5 [Eine andere bekannte Variante ist: 5.Lg5 Sbd7 6.cxd5 exd5 7.e3 c5 8.Ld3 Da5 9.Dc2 c4 10.Lf5 0–0 11.0–0 Te8 12.Sd2 g6 13.Lxd7 Sxd7 14.e4 Lxc3 15.Dxc3 Dxc3 16.bxc3 Sb6=]

 

5…exd5 6.Lg5 h6 7.Lh4 c5 8.e3 [Eine interessante Option ist:  8.dxc5!? Sbd7 9.Tc1 Da5 10.a3 Lxc3+ 11.Txc3 Se4 12.b4 Sxc3 13.Da1 Da4 14.Dxc3 0–0 15.e3 a5 16.b5 Te8 17.Ld3 Se5 18.Sd4°]

 

8…Sc6 [Auch möglich ist: 8…c4!? 9.Le2 g5 10.Lg3 Se4 11.Tc1 Da5 12.Se5 Sc6 13.0–0 Lxc3 14.bxc3 0–0 etc.]

 

  1. Le2 [Folgende Fortsetzung ist unternehmerischer: 9.dxc5!? g5 10.Lg3 Se4 11.Lb5 Sxc3 12.Lxc6+ bxc6 13.Dd4 Sxa2+ 14.Sd2 0–0 15.Txa2 a5 16.0–0 etc.]

 

9…g5 10.Lg3 Se4 11.Tc1 Da5 12.0–0 [Verdient hätte auch folgende Betrachtung sein können: 12.dxc5!? 0–0 13.0–0 Lxc3 14.bxc3 Dxc5 15.Sd4 etc]

 

12…Lxc3 13.bxc3 Sxc3 14.De1 Sxe2+ 15.Dxe2 c4

 

16.e4 [besser ist: 16.Se5!?]

 

16…Le6 17.Lc7?

 

DIAGRAMM

 

3 

 

[   Ein Fehler. Der richtige Zug ist: 17.Se5!?]

 

17…Dxc7 18.exd5 g4! 19.Sd2 [19.Se5 Sxe5 20.dxe6 Sg6 21.Txc4 Dd6 22.exf7+ Kxf7]

 

19…Sxd4 20.De4

 

DIAGRAMM

 

4 

 

20..Df4! [ eine feine Fortsetzung , die die Idee von Weiss widerruft, die mit 20.Lc7 begonnen wurde.]

 

23.Kh1 Ld7?! [Genauer war mit:  23…f5!? 24.dxe6 fxe4 25.Txe4 Cc3 26.Tc4 Cd5 27.Txg4 Tc8]

 

24.Te1 Kf8?! [Gestattet Gegenspiel. Richtig war: 24…Ke7!? 25.Txe2     Thc8³]

 

DIAGRAMM –

 

44

 

25.Sf6? [Ein schrecklicher Fehler. Ausgeglichen ist  25.Sd6!=]

 

25…Lb5 26.Tb4 La6!?–+ [ Schwarz hat nun einen entscheidenen Vorteil. Auch war gut 26…Sc3!?]

 

27.Sd7+ Ke7 28.Sc5 The8 29.Sxa6 Kd6 30.Txb7 Sg3+ 31.hxg3 Txe1+ 32.Kh2 Tc8! 33.Txf7 Tcc1 und Weiss gab auf: 0–1

 

Zum Nachspielen: http://www.chessgames.com/perl/chessgame?gid=1044507

 

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Er atmete tief und entspannte die Muskeln. Er hatte zu stehen und zu warten. Wie so oft.

– Entschuldigen Sie, Sir … Sie sind Bobby Fischer?
Die Stimme, klar, jugendlich, begann der Junge, der neben ihm saß. Bobby sah ihn mit dem gleichen Blick der Überraschung an wie Donald Byrne ihn selbst bei jenem Blitzturnier an. Er war mehr als 16 Jahre alt; ein südamerikanischer Typ, braunen Augen und war wie geblendet durch das Glück der Begegnung.
– Ja, Du kennst mich?

 

Der Junge strahlte auf der schmutzigen Polizeiwache.
– Sicher … ich kann Schach spielen, wissen Sie? Mal hin und wieder, aber ich mag es. Ich hätte nie gedacht …
Bobby sah ihn schweigend an. Es gab nichts zu sagen. Der Junge war errötet, aber nach einer Weile beendete er seinen Satz:
– Nun, ich … nicht glaubte, hier bei Ihnen zu sein. Aber ich bin sehr glücklich. Ich kaufte mir das Buch all Ihren Partien, und sehe sie immer an … Donnerwetter, ich spreche mit Bobby Fischer! Ich kann es nicht glauben.
Diese Stimme, mein Freund, den begeisterten jungen Mann, der ihn kannte, und er drückte seine Bewunderung und Zuneigung zu dieser Zeit aus und in jener Situation schien es Bobby wie eine Entschädigung seines Schicksales in diesem Albtraum. Und er hat die Massen begeistert, und er wurde in seiner Blütezeit geschmeichelt.
– Herr Robert Fischer.
Die Stimme des Polizisten brachten ihn in die Realität zurück. Bobby stand auf und ging zum Schreibtisch. Der Beamte sah ihn verwirrt und gestört an.
– Wir waren auf dem Handy, das Sie uns gegeben haben, und uns wurde bestätigt, dass Sie Bobby Fischer sind ….., und wir entschuldigen uns für die Unannehmlichkeiten. Es ist …
Bobby sah ihn scharf an. Die Haltung der Polizei war die, daß sie lieber die Erde schlucken sollte.
– Der Junge… Ich weiß nicht, wie er heißt. Er geht mit mir.
– Aber Herr Fischer … er ist nicht dokumentiert, er ist ein kleiner Junge, und wir vermuten, dass er von zu Hause abgehauen ist. Wir versuchen, Kontakt mit der Familie aufzunehmen.
– Er geht mit mir.
– Aber Sie verstehen …
– Der Kleine geht mit mir, habe ich gesagt! Oder wollen Sie lieber, dass die Presse Sie verurteilt, daß Sie mich willkürlich festgenommen haben und im Begriff waren zu schlagen?
– Nein, natürlich nicht, aber … Wie auch immer, wenn Sie den Jungen übernehmen …
– Ich übernehme ihn. Er geht mit mir.
Die Polizei gab den Befehl und der Junge, strahlend vor Glück, näherte sich Bobby. Als sie gingen, und einer der Offiziere, der ihn festgenommen hatte, der Ruhigere der beiden, kam zu ihm mit einem schüchternen Lächeln.
– Bobby, würde ich … möchte Sie fragen …
– Herr Fischer, bitte.
– Herr Fischer, ich würde um ein Autogramm bitten. Es ist für meinen Sohn, wissen Sie, der auch Schach spielt.
– Nein!
Er nahm den Jungen am Arm und ging mit ihm in die warme Nachtluft.
– Wie heißt Du?
– James, wie Sie.
– Wohin willst Du gehen?
– Nach Hause. Ich stritt mit meinem Vater und ich lief raus, aber ich werde zurückkehren.
– Nun James; nimm das, es ist eine Erinnerung für Dich. Er zog ein Papier aus der Tasche, schrieb ein paar Zeilen darauf und signierte. Er gab es dem Jungen, dessen Augen vor Freude und Dankbarkeit leuchteten. Er griff wieder in seine Tasche und fand einen Fünfer; Es war alles, womit er über mehrere Tage überleben musste, bis es Zeit war, die miserable Rente der Stadt abzuholen. All sein Geld war schon vor Jahren verflogen. Bobby Fischer war nun ein Armer, das ihn aber überhaupt nicht zu kümmern schien. Immerhin war das die Situation, die er so wollte, und weil es wie das Leben ist, um in aller Ruhe das zu fühlen.
– Nimm‘ das. Iss‘ etwas, bevor Du nach Hause kommst. Auf Wiedersehen.
Der Junge war weg. Bevor er um die Ecke bog, winkte er ihm nochmal zu. Sein Lächeln schien in der Nacht wie eine Sternschnuppe in dem Sommerhimmel. Dann verschwand er.
Mit den Händen in den leeren Taschen nahm Bobby seinen unterbrochenen Spaziergang auf. Alle dunklen Gedanken, alle Melancholie, jede Anspielung auf die tote (?) Jugend waren aus seinem Kopf verschwunden. Er war wieder der große Bobby Fischer: er behielt die magische Kraft, andere glücklich zu machen.

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45

Foto: aphelis.net
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Quelle: ajedrezdeataque.com

 

Wuppertel und Sitges (Barcelona), im März 2015

 

Lesen Sie zu Fischer auch:
https://www.schachburg.de/threads/1118-Robert-Fischer-die-Durian-unter-den-Schach-Weltmeistern

3 Gedanken zu „Der VAGABUND (II)

  1. Heidi Schlecker

    Bin zufälllig auf diese geniale Seite gestoßen und
    ich muss sagen: Ich bin begeistert.
    Wie ein Krimi liest sich die Geschichte!

    südliche Grüße Heidi

    Antworten

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