Archiv für den Monat: August 2015

Die große Gereiztheit – der Konflikt Lasker vs. Lederer rund um New York 1927

King Kong

In den glücklichsten Zeiten zwischen den beiden Weltkriegen, in den Goldenen Zwanzigern von 1924 bis 1927, hatte es in New York zwei Schachturniere gegeben, die jeweils für sich für die Schachgeschichte von Bedeutung waren. 1924 hatte Emanuel Lasker als 56jähriger sensationell das Turnier gewonnen und damit gezeigt, daß mit ihm auch nach seinem Titelverlust gegen Capablanca 1921 in Havanna noch zu rechnen war. Doch da Lasker seinen persönlichen Herbst nicht ewig würde hinauszögern können, wiesen die Nachfolgenden in der Turniertabelle, Capablanca und Aljechin, der Schachwelt den Weg in die kommenden Titelkämpfe beider schachlichen Ausnahmegestalten. 1927 stand wiederum im Stern von Capablanca und Aljechin, wo Aljechin zwar Zweiter wurde, aber weit abgeschlagen hinter dem strahlenden Sieger Capablanca in der Tabelle rangierte. Schachhistorisch kommt diesem Turnier, das heute immer noch fälschlicherweise als WM-Kandidatenturnier apostrophiert wird, die Bedeutung zu, daß Capablanca seinen exilrussischen Rivalen für den anstehenden WM-Kampf unterschätzte, während hingegen Aljechin Schwächen in Capablancas Spiel aufgefallen waren, so daß er sich umso energischer in die Vorbereitungen auf die Weltmeisterschaft stürzen konnte.

Weitaus weniger bekannt ist dabei die Rolle, die der Streit zwischen Emanuel Lasker und Turnierleiter Norbert Lederer in diesem Turnier spielte, denn Lasker selbst blieb wegen dieses Streits dem Turnier fern und versagte damit seiner Anhängerschaft die Antwort auf die Frage, ob er es, nun 59jährig, immer noch mit Capablanca und Aljechin würde aufnehmen können wie drei Jahre vorher an derselben Stätte. Es mutet überraschend an, daß Lasker ausgerechnet wegen einer Turnierpartie in diesem New Yorker Turnier von 1924, das er doch so überzeugend gewann, auf Lederer verärgert war. Aus einem Briefwechsel zwischen Lederer und Lasker entzündete sich daraufhin ein Streit, der schnell öffentlich ausgetragen wurde, dabei immer größere Wellen zog und immer mehr Beteiligte fand, die sich in diesem Konflikt beteiligten oder, wie der rührige Berliner Turnierorganisator Bernard Kagan, in eben diesen Konflikt hineingezogen wurden. Stein des Anstoßes war dabei, getreu der Redewendung: „kleine Ursache, große Wirkung“, eine Schachuhr, die nach dem Drücken Laskers simultan lief, so daß Lasker schließlich, da er dies nicht bemerkte, am Ende acht Minuten verlorengingen, und er so im Spiel ausgerechnet gegen Capablanca viel später in der Zeitnotphase noch verlor. Capablanca selbst reagierte ob des Konfliktes erbost, sei es, weil er sich selbst, da er Lasker nicht auf die simultan laufende Uhr aufmerksam gemacht hatte, im schlechten Licht dargestellt sah, sei es, weil er wieder einmal eine Ausrede Laskers witterte (1921 bei der WM in Havanna sei es die Hitze gewesen, die Lasker als „Ausrede“ für seine Niederlage gegen Capablanca benutzte). Wenngleich vielen Schachfreunden dieser Konflikt heute nicht mehr bewußt ist, ist doch, auch wenn sie die Quelle dieser Anschuldigungen nicht mehr benennen können, aus dem Konflikt zumindest hängengeblieben, daß Lasker in Turnieren vorzugsweise seine billigen Zigarren rauche, um den Gegner olfaktorisch aus dem Gefecht zu setzen. Der Urheber dieser Anschuldigung ist tatsächlich Lederer, der in einem seiner Gegenangriffe Lasker genau dies vorwarf, Schonberg in Die Großmeister des Schach, Fischer-Verlag 1974, S. 132f.:

„Er [Lederer] warf Lasker vor, beim Spielen geradezu betrügerische Tricks anzuwenden. Zum Beispiel zünde er sich absichtlich billige, lange, schwarze Zigarren an und blase seinem Gegner den Rauch ins Gesicht. Warum, fragte Lederer rhetorisch, raucht Lasker, wenn er nicht spielt, nur die besten Havanna-Zigarren. Um seine Behauptung zu untermauern, zitierte er aus einem Zeitungsbericht: „Sobald der Exweltmeister sich eine seiner Fünf-Cent-Zigarren anzündete, boten ihm andere Personen im Turniersaal eilfertig teure Zigarren an. Diese steckte sich Lasker ein und fuhr fort, seine schwarzen Glimmstengel zu qualmen.“ Kommentierte der empörte Dr. Lederer: „Er setzt seine Gegner regelrechten Gas-Angriffen aus.“

Lasker raucht am Brett eine Zigarre

Dieser heute längst vergessene Fall, der in seiner Dauer und Intensität durchaus groteske Züge aufwies, ist vor allem deswegen so interessant, weil es sich um einen Kampf, von Schachspielern gegen Schachspieler, handelte, der nicht auf dem Schachbrett selbst ausgetragen wurde. Wie wir alle wissen, gehören solche Nebenkriegsschauplätze fest zur Schachgeschichte und haben diese beeinflußt. So ist die Liste alles andere als vollständig, wenn ich dabei auf die Animositäten und gegenseitige Boykotte von Tarrasch und Lasker, von Capablanca und Aljechin, auf die Schach-WM 1984 in Moskau, auf die Vorfälle zwischen Karpov und Kortschnoi, oder auf das Verhalten von Robert Fischer verweise, dem kein Anlaß zu gering war, um diesen nicht zu einem Kampf um Leben und Tod hochzustilisieren. Vielleicht muß man ein Prophet wie Thomas Mann in dessen Zauberberg sein, um aus diesem Vorfall von 1927 eine gewisse Symbolik herauszudestillieren, eine Symbolik rund um eine „große Gereiztheit“, die sich nur alsbald in etwas viel Schlimmeres entladen wird.

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