Warum das Weltschach nach Greco so jäh zurückfiel

Als die Blütezeit des italienischen Schachs um das Triumvirat Paolo Boi, Leonardo da Cutri und Giulio Cesare Polerio begann, der bei dem Sieg von Cutri vor Boi in Madrid 1575 am Hofe König Philipps II. seine beiden Landsleute sekundierte, die in Madrid die Spanier Ruy Lopez und Alfons Seran hinter sich ließen, sollte es nach den modernen Regeländerungen des Schachs kurz vor dem 16. Jahrhundert nur ein kurzes, aber heftiges Aufblühen gewesen sein. Der geniale Kalabrese Gioachino Greco hatte viel von dem Wissen seiner Landsleute aufgegriffen, sein Eröffnungswissen immer mehr verfeinert und im herrlichen Kombinationsstil seine Partien gewonnen. Er war seiner Zeit so weit voraus, daß auch heute noch viele seiner Varianten, die er in der Italienischen Partie prägte, schachliches Gemeingut sind und von Lernenden, die i. d. R. zuerst mit der Italienischen Partie in Berührung kommen, auch heute noch vielfach rezipiert werden. Um 1634 verscholl der erst 34jährige Greco irgendwo in Indien, während Europa in den Zeiten von Jahrtausendpest und Dreißigjährigen Krieg entvölkert und für Jahrhunderte zurückgeworfen wurde.

Dreißigjähriger Krieg

Das Aufblühen des Schachs nach den Regeländerungen in der Renaissance sollte also mit dem Aufblühen von Welt und Gesellschaft in jener Epoche, die aus dem finsteren Mittelalter hinausführte, zusammenfallen. Danach war erst einmal langer Katzenjammer angesagt.

Daß es nach dem Tod von Gioachino Greco auch im Schach zu einer langen Dürreperiode kam, läßt sich an mehreren Parametern ablesen. Zum einen dauerte es nach Madrid 1575 276 Jahre, bis in London 1851 wieder ein internationales Schachturnier stattfinden sollte, das übrigens Adolf Anderssen für sich entschied, der damals den tobenden Howard Staunton im Halbfinale mit 4:1 aus dem Turnier warf und in Deutschland die sprichwörtliche Anderssen-Begeisterung auslöste. Des weiteren waren die führenden Spieler der Welt in der Renaissance Berufsspieler, die es durch ihre Einsätze, Gagen und auch durch Prämien und Gehaltszahlungen an den Königshöfen zu Reichtum brachten. Das muß man sich ungefähr so vorstellen, daß diese Spieler, wenn sie nicht am Hofe spielten, viel auf Reisen waren und vor zahlendem Publikum ihre Schachkunst vorführten oder eben gegen Spielwillige um Einsätze spielten. Ein bekannter Trick war damals, anfangs die eigene Spielstärke zu drosseln, damit die frühen Meister Gegner erhielten, die es sich zutrauten, gegen sie anzutreten und den Einsatz zu gewinnen. Erst wenn sie sich gegen die Meister um Geld ans Brett setzten, schlug ihnen die Stunde. Zudem gaben diese frühen Meister schon Schachbücher heraus, was durch die Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg möglich wurde. Erwähnt werden sollen hier Salvios El Puttino, Libro de la invencion liberal y arte del Juego del Axedrex von Ruy Lopez, Questo libro e da imparare giocare a scachi et de le partite von Damiano und die Theoriebücher von Gioachino Greco. Das Berufsspielertum bei Schachspielern entstand bekanntlich erst wieder ab dem 20. Jahrhundert, und noch der erste offizielle Weltmeister der Schachgeschichte, Wilhelm Steinitz, starb bitter verarmt in einer Nervenheilanstalt. Schachfreunde unternahmen dabei eine Spendenaktion für ihn und nach seinem Tod für seine zurückgelassene Familie. Und auch, was das Sekundantenwesen anbelangte, so war Polerio für Jahrhunderte der einzige bekannte Schach-Sekundant. Als Tarrasch und Lasker 1908 ihren Weltmeisterschaftskampf in Düsseldorf und München austrugen, hatten sie noch vertraglich vereinbart, daß sich ein Spieler nicht nur während der Partien, sondern auch vor den Partien keinem fremden Ratschlag bedienen durfte. Zudem sollte es bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts dauern, bis mit Philidor, der von der Verbürgerlichung des Schachlebens durch die neuartige Kaffeehauskultur profitierte, erneut ein Schachmeister auftrat, dessen Dominanz und durch ihn ausgelöste Weiterentwicklung des Schachspiels mit dem Wirken Gioachino Grecos vergleichbar war.

In diesem Zusammenhang ist es interessant, daß der Schachhistoriker Antonius von der Linde sich ausgerechnet jenem Philidor gegenüber so verächtlich zeigte, so daß er in seinem Werk Das Schachspiel des XVI. Jahrhunderts von 1873 auf Seite 124 zu seinem vielbeachteten Verdikt kam:

Philidor´s sogenanntes „System“ aber, ohne Philidor´s individuelles Talent, hat das langweilige, geistlose, schleppende Zopfschach, das die Philidor-Periode kennzeichnet, in hohem Masse mitverursacht. Sein „System“ war eine Reaction: die Bevorzugung des monotonen Läuferspiels, die Wiederaufnahme der Lopez-Vertheidigung im Königsspringerspiel (1. e4, e5; 2. Sf3) als einen Fehler […], dies alles bildet nicht nur keinen Fortschritt, sondern einen Rückschritt über Lopez hinaus, den das erneuerte Studium der italienischen Schule […] wieder corrigiert hat.

Dies kann allerdings auch daran liegen, daß nach den Worten von Bent Larsen Philidor seiner Zeit um „gut hundert Jahre“ (Ehn/Kaster, Schicksalsmomente der Schachgeschichte, Humboldt-Verlag 2014, S. 39) voraus war, und als Philidor 1795 in London starb (er war vor der Schreckensherrschaft Robespierres nach der Französischen Revolution geflüchtet; die Rehabilitierung nach dessen Hinrichtung sollte er schon nicht mehr zu lesen bekommen), war eben dieses Jahrhundert noch nicht vorbei, das bis zum Verständnis für Philidors neue Ideen währen sollte.

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Musik aus dem Dreißigjährigen Krieg